08.03.2021

Grüne Wände

Es gibt zu wenige Wohnungen für alle und die existierenden sind klima- und umweltschädlich. Wir müssen umbauen.

Architektur, Landschafts- architektur und Urban Design können eine wichtige Rolle spielen –dennesistanihnen,andere Zukünfte des Wohnens zu entwerfen und damit greifbar zu machen.

Architektur, Landschafts- architektur und Urban Design können eine wichtige Rolle spielen –dennesistanihnen,andere Zukünfte des Wohnens zu entwerfen und damit greifbar zu machen.

Illustration: Rory Witt.

Als die Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez dem US-Kongress im Februar 2019 ihre Resolution für einen Green New Deal vorlegte, entfachte sie damit weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus eine Debatte, die auf nichts geringeres als den sozialen und ökologischen Umbau moderner Gesellschaften zielt. Dabei nimmt ihr Plan auch die Wohnungs- und Bauwirtschaft in die Pflicht – und das aus gutem Grund: Der globale Klimawandel erfordert, Treibhausgasemissionen in allen Lebensbereichen zu vermeiden, und damit eine andere Art zu wirtschaften – und zu wohnen. 2018 entfielen weltweit 39 Prozent der global emittierten Treibhausgase auf die Nutzung und den Bau von Gebäuden. Grund dafür ist, dass Gebäude beheizt, gekühlt und elektrisch beleuchtet werden müssen. Zudem geht die Herstellung der Baustoffe mit hohem Emissionsausstoß und Ressourcenverbrauch einher. So ist Zement heute nach Wasser die zweitmeist genutzte Substanz der Erde und trug im Jahr 2018 zu rund 8 Prozent der globalen CO₂-Emissionen bei. Einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2018 zufolge fehlen in Deutschland zugleich fast zwei Millionen Wohnungen. Um den Klimawandel einzudämmen, weniger Ressourcen zu verbrauchen und gleichzeitig mehr Wohnraum für alle zu schaffen, braucht es ein Umdenken in der Wohnungspolitik.

Diese Erkenntnis ist indessen bis weit in die konservativen Milieus vorgedrungen. So plädierte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, jüngst für eine ökologische Neuauflage des Bauhaus, das in den 1920er Jahren als »Avantgarde-Kunstschule« internationale Bekanntheit erlangte. Damit rückte von der Leyen ihrerseits die Bauwirtschaft in den Fokus des maßgeblich von ihr vorangetriebenen Europäischen Green Deals, mit dessen Hilfe die EU bis 2050 Klimaneutralität erlangen will. Das »neue Bauhaus« soll die Bauwirtschaft ökologisch umkrempeln: Mithilfe digitaler Technologien soll aus ihr eine Kreislaufwirtschaft nachwachsender und klimaneutraler Rohstoffe werden, die sich aus erneuerbaren Energien speist und zum Erhalt der Artenvielfalt beiträgt – erhöhte Lebensqualität durch die Verbindung von Nachhaltigkeit und Design. Tatsächlich sind die von der Kommissionspräsidentin angesprochenen Punkte wichtig, um die Bauwirtschaft in Zukunft nachhaltiger zu gestalten. Die verstärkte Nutzung von Baustoffen aus nachwachsenden Rohstoffen stellt eine Bedingung für eine klimaschonende Bauweise dar. Nachhaltige Rohstoffe verursachen nicht nur viel weniger Emissionen in der Herstellung, sondern können, etwa im Fall von Holz, sogar CO₂ speichern. Auch die geforderte Schließung von Stoffkreisläufen sowie die Mobilisierung von neuen digitalen Entwurfs- und Fertigungstechniken sind unbestreitbar wichtige Stellschrauben, um eine ökologische Bauwende voranzubringen. Die vorgeschlagenen Maßnahmen gehen aber längst nicht weit genug.

Es gibt keine technischen Lösungen

Von der Leyens Vorstoß bleibt ein zahnloser Tiger, der den ökologischen Umbau zu einer technischen Gestaltungsfrage degradiert. Sie lässt außer Acht, dass Treibhausgasemissionen – ebenso wie die Betroffenheit und Anpassungsfähigkeit gegenüber den Folgen des Klimawandels – sehr ungleich verteilt sind. So entfallen in Deutschland rund 39 Prozent des Energieverbrauchs im Gebäudesektor auf Ein- und Zweifamilienhäuser, auf Mehrfamilienhäuser hingegen nur 24 Prozent und auf Nichtwohngebäude 37 Prozent, was auch ungefähr dem Verhältnis der Treibhausgasemissionen dieser Gebäudetypen entspricht.

Zugleich bieten Ein- und Zweifamilienhaussiedlungen ihren Bewohnerinnen und Bewohnern eher Schutz vor dem Hitzeinseleffekt, der in dicht bebauten Wohngebieten durch die höhere Konzentration an mineralischen Baustoffen und versiegelten Böden entsteht. Das Leben in Ein- und Zweifamilienhäusern ist somit besonders klimaschädlich und schützt gleichzeitig die darin wohnende Bevölkerung einseitig gegenüber den Folgen des Klimawandels.

Ein mit Gestaltungsfragen befasstes Bauhaus kann diese Verteilungsprobleme nicht lösen. Der Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern und die damit verbundene Siedlungsentwicklung sind Ausdruck einer Wohnungspolitik der privaten Eigentumsförderung, die zu sozialen und ökologischen Ungleichheiten beigetragen hat. Die Frage, wie wir wohnen und unsere Städte entwickeln wollen, verlangt entsprechend soziale Antworten.

Um den ungleichen Energie- und Ressourcenverbrauch der Wohngebäude in Deutschland zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Geschichte der deutschen Wohnungspolitik seit dem Zweiten Weltkrieg. Damals zwang die kollektive Wohnungsnot die Regierungen zu zweierlei Maßnahmen: Einerseits musste man den nicht zerstörten Wohnungsbestand effizient nutzen, andererseits in kurzer Zeit viel neuen Wohnraum schaffen.

Politisch wurde dies durch die Beschränkung der Pro-Kopf-Wohnfläche vorangetrieben, die einer Person zur Verfügung stehen sollte. Diese Beschränkung ermöglichte eine effiziente Verteilung des bestehenden Wohnraums und Nutzung der verfügbaren Baustoffe sowie Produktionskapazitäten in der Bauwirtschaft. Bis Mitte der 1970er Jahre entspannte sich in Ost- und Westdeutschland deshalb die Versorgungslage mit Wohnraum erheblich.

In der BRD begann sich der Staat ab Ende der 1980er Jahre zugleich aus der Wohnungspolitik wie aus der Altersvorsorge zurückzuziehen – eine Entwicklung, die sich nach der Wiedervereinigung auch auf den Osten Deutschlands ausweitete. Statt auf die staatliche Rentenkasse vertrauen zu können, sollten die Menschen privat vorsorgen. Dazu fördert der Staat bis heute mit Instrumenten wie Bausparverträgen, Baukindergeld, Riester-Rente und steuerlichen Vergünstigungen insbesondere den Kauf und Bau von selbstgenutztem Wohneigentum. Das Wohneigentum soll als Kapitalanlage dienen und die Wohnkosten im Alter senken. Einkommensschwache Haushalte können diese Fördermittel aber oft gar nicht in Anspruch nehmen, da sie sich kein Wohneigentum leisten können. Die staatlich geförderte private Altersvorsorge mittels Wohneigentum stellt in diesem Sinne eine Umverteilungsmaschine zugunsten der Wohlhabenden dar.

Dieser Artikel ist nur mit Abo zugänglich. Logge Dich ein oder bestelle ein Abo:

Du hast ein Abo, aber hast dich noch nicht registriert oder dein Passwort vergessen? Klicke hier!

#4
Enteignet!

Die Wohnungspolitik ist eine der zentralen Fragen unserer Zeit. In der neuen JACOBIN-Ausgabe versammeln wir Entwürfe einer anderen Stadt. Jetzt abonnieren!

JACOBIN Tragetasche
JACOBIN Tragetasche

Als Dank für ein Soli-Abo schenken wir Dir einen JACOBIN Beutel.

Druck

Digital