23.05.2021

Herbert Marcuse über die Revolte vom Mai ‘68

Herbert Marcuse hat die Neue Linke bedeutend beeinflusst. In diesem bislang unveröffentlichten Vortrag vom 23. Mai 1968 spricht er über die damaligen Studentenrevolten in Paris und Berlin.

Herbert Marcuse, hier zu sehen bei einer Kundgebung in Frankfurt im Juni 1972.

Herbert Marcuse, hier zu sehen bei einer Kundgebung in Frankfurt im Juni 1972.

Foto: IMAGO / ZUMA/Keystone.

Im Mai 1968 besuchte der neomarxistische Philosoph Herbert Marcuse Paris und Berlin auf dem Höhepunkt der Studentenrevolten. Der folgende Text ist das Transkript eines zweistündigen Vortrags, den Marcuse am 23. Mai 1968, kurz nach seiner Rückkehr in die USA hielt, als der Ausgang des Pariser Mai noch ungewiss war. Marcuse wird oft zugeschrieben, den europäischen Studentenbewegungen von 1968 eine große Inspiration gewesen zu sein. Der Vortrag bietet einen einzigartigen Einblick in Marcuses Perspektive auf die Revolten, während sie sich noch ereigneten.

Marcuse war nach Paris gereist, um an einer akademischen Konferenz über »Die Rolle von Karl Marx in der Entwicklung des zeitgenössischen wissenschaftlichen Denkens« teilzunehmen. Als er ankam, war die Studentenbewegung bereits in vollem Gange. Die französische Presse bezeichnete ihn als »Idol der rebellischen Studenten«. Er war Zeuge der gewalttätige Zusammenstöße zwischen studentischen Demonstrierenden und der Polizei, die sich am 10. Mai im Quartier Latin ereigneten und die er in seinem Vortrag beschreibt. Am 13. Mai war er in Berlin, wo er bei einem gut dokumentierten Treffen mit radikalen Studentinnen und Studenten bereits erste Kommentare über die französische Bewegung abgab.

Marcuse kehrte daraufhin in die USA zurück, wo er am 23. Mai an der University of California San Diego (UCSD) vor einem Publikum sprach, das den größten Hörsaal des Campus völlig ausfüllte. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Proteste in Frankreich zu einer landesweiten Streikwelle ausgeweitet, welche die Regierung von Charles de Gaulle bedrohte. Wie Marcuse voraussah, würde der französische Präsident seine Autorität jedoch kurz darauf wieder festigen. Jeremy Popkin, damals Student in einem von Marcuses Kursen und heute Geschichtsprofessor an der Universität von Kentucky, transkribierte den Vortrag und erstellte eine gekürzte Version, die zuerst in der Studentenzeitung der UCSD und schließlich in einer Anthologie von Marcuses gesammelten Essays abgedruckt wurde. Das vollständige Transkript ist noch nie zuvor veröffentlicht worden.

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Grace Blakeley auf Deutsch.


Die Bewegung begann ganz unschuldig, als eine Bewegung für die Reform der Universität. Ausgelöst wurde das Ganze offenbar durch eine Demonstration in Nanterre, dem neuen Ableger der Universität von Paris, sowie durch die anschließenden Disziplinarmaßnahmen gegen Studierende, die an einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg teilgenommen hatten. Es folgten Demonstrationen in der Stadt sowie an der Sorbonne. Die Forderungen waren auch da die gleichen, nämlich eine radikale Reform der völlig überholten und mittelalterlichen Struktur der Universität.

Gefordert wurden vor allem die Einstellung von Tausenden neuen Lehrkräften, der Bau neuer Unterrichtsräume und Bibliothekseinrichtungen sowie eine gründliche Reform des unglaublich starren und unsinnigen Prüfungssystems. Um diesen Forderungen mehr Gewicht zu verleihen, demonstrierten die Studierenden im Innenhof der Sorbonne. Aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund – denn die Demonstration verlief vollkommen friedlich – forderte der Rektor der Universität, offenbar auf Anraten des Innenministers, die Polizei auf, den Innenhof zu räumen. Die Polizei kam und drang in die Sorbonne ein – zum ersten Mal in der Geschichte dieser Universität.

Dies war ein historisches Novum. Die europäischen Universitäten sind eigentlich immun gegen die Polizei. Die Polizei darf die Universitäten nicht betreten – das ist eine uralte Tradition, die in Frankreich und anderen Ländern auch tatsächlich eingehalten wird. Zum ersten Mal in der Geschichte griff die Polizei ein, und sie räumte den Innenhof mit Gewalt. Dabei wurden mehrere hundert Studierende verletzt.

»Mit diesen Straßenschildern lockerten sie nun die guten alten Pariser Pflastersteine, die sich schon in den Revolutionen von 1848 und 1870 als dienlich erwiesen hatten.«

Darauf folgten immer größere Demonstrationen. Sie begannen in den abgelegenen Teilen von Paris und liefen alle im Quartier Latin zusammen. Die Sorbonne war inzwischen geschlossen und das gesamte Gebiet um die Universität von der Polizei eingenommen und blockiert. Die Studierenden forderten nun, dass ihre Universität wieder für sie geöffnet und dass das Quartier Latin, das sie als ihr eigenes Viertel betrachteten, von der Polizei freigegeben werde, damit es auch wirklich wieder ihr Viertel sein könne.

Der Bau der Barrikaden

Sie versammelten sich vor der Sorbonne, und als herauskam, dass die Polizei das Viertel wieder gewaltsam räumen würde, begannen sie, Barrikaden zu errichten. Es handelte sich dabei um eine wirklich spontane Aktion: Die Studierenden warfen einfach ohne die geringste Rücksicht auf Privateigentum die zahlreichen Autos um, die – wie in Paris üblich – nicht nur auf den Straßen, sondern auch auf den Bürgersteigen geparkt waren, und blockierten mit ihnen die Zufahrten. Nicht auf den breiten Boulevards – das wäre unmöglich gewesen –, sondern in den engeren alten Straßen hinter der Sorbonne.

Auf die Autos schichteten sie Holz, Abfälle, Kartons, Mülltonnen – was immer sie finden konnten. Dann rissen sie die Straßenschilder heraus – »Einbahnstraße«, »Stopp« und so weiter – und lockerten mit ihnen das Straßenpflaster. Ich erzähle Ihnen das hier nicht, um Ihnen zu sagen, wie man Revolution macht – das ginge hier sowieso nicht, dafür ist das Pflaster einfach viel zu fest. Mit diesen Straßenschildern lockerten sie nun die guten alten Pariser Pflastersteine, die sich schon in den Revolutionen von 1848 und 1870 als dienlich erwiesen hatten, und nutzten sie als Waffe gegen die Polizei.

Sie bewaffneten sich auch mit den Deckeln von Mülltonnen und mit Stahlketten, und sie türmten weiter Dinge auf die Barrikaden – insbesondere diese Eisenringe, die um die Bäume auf den Straßen liegen – bis zu einer Höhe von etwa dreieinhalb bis vier Metern. Man hatte sich darauf verständigt, die Polizei nicht anzugreifen, sondern sie an den Barrikaden zu konfrontieren.

Alles ging gut, bis die Polizei um 2:30 Uhr morgens den Befehl bekam, die Straßen zu räumen und die Barrikaden zu entfernen. Die Polizei setzte Gasgranaten, Tränengas und angeblich auch Gas auf Chlorbasis ein – sie leugnen dies, aber die Beweislage scheint es zu bestätigen. Ich habe selbst Protestierende gesehen, deren Gesichter ganz rot waren, die Augen stark entzündet. Der Einsatz von Gas hatte natürlich zur Folge, dass sie sich von den Barrikaden zurückziehen mussten.

Ohne Gasmaske ist es unmöglich, einen solchen Angriff auszuhalten. Hätten sie Gasmasken gehabt, dann hätten die Protestierenden die Polizei womöglich überwältigen können – denn die Pariser Polizei schießt nicht. Sie haben keine Pistolen oder Revolver. Sie haben nur ihre Schlagstöcke und noch eine besonders bösartige Waffe: mit Blei versetzte Umhänge, die sie zusammenfalten und mit denen sie zuschlagen.

»Die Anwohner des Quartier Latin standen eindeutig und entschieden auf der Seite der Studierenden. Die Leute warfen alles Mögliche aus ihren Fenstern auf die Polizei herab.«

Außerdem haben die Sicherheitskräfte Karabiner, was wiederum ein Vorteil für die Proteste ist – denn ein Gewehr kann man in einem Handgemenge nicht so einfach abfeuern wie eine Pistole. Doch das Gas zwang die Protestierenden, ihre Barrikaden zu verlassen und zu fliehen, woraufhin die Polizei offenbar Brandgranaten abfeuerte und damit die Barrikaden in Brand setzte.

Ich möchte darauf hinweisen, dass die Anwohner des Viertels während dieser ganzen Zeit – und das ist der große Unterschied zwischen den Ereignissen in Paris und denen hier in den USA – eindeutig und entschieden auf der Seite der Studierenden stand. Die Leute warfen alles Mögliche aus ihren Fenstern auf die Polizei herab. In Paris gibt es noch Nachttöpfe – die haben sie geworfen, und allen möglichen Müll. Und die Polizei schoss Gasgranaten in die Wohnungen.

Die Protestierenden mussten also fliehen – doch dabei wurden ihnen ihre eigenen Barrikaden zum Hindernis: Sie hatten die Straße an beiden Enden verbarrikadiert und fanden nun keinen Ausweg. Sie wurden buchstäblich verprügelt, darunter auch ein Professor – ich möchte anmerken, dass alle anwesenden Professorinnen und Professoren vom Anfang bis zum Ende an der Seite der Studierenden blieben, und zwar sehr energisch. Sie waren mit ihnen auf der Straße, sie gingen mit ihnen auf die Barrikaden, sie halfen, wo sie nur konnten. Da die Protestierenden nicht entkommen konnten, hatte die Polizei leichtes Spiel. Insgesamt gab es in dieser Nacht etwa 800 Verletzte, darunter etwa 350 bis 400 Polizisten, was ein beachtliches Verhältnis ist.

Der Generalstreik

Damit waren die Demonstration und der Protest aber noch lange nicht beendet. Ihr junger Anführer, Daniel Cohn-Bendit – der den Barrikadenbau organisiert hatte und bis 6 Uhr morgens bei ihnen blieb, als die Straßenschlacht verloren war – sagte: »Jetzt gibt es nur noch eines: Generalstreik.« Und innerhalb einer Stunde war er bei den großen und mächtigen französischen Gewerkschaften gewesen und hatte sie dazu gebracht, für den folgenden Montag den Generalstreik auszurufen. Und, wie Sie wissen, wurde der Streik zu 100 Prozent durchgezogen.

»Was wir in diesen drei Wochen in Paris erlebt haben, ist das plötzliche Wiederaufleben einer revolutionären Tradition.«

An dieser Stelle möchte ich skizzieren, warum ich glaube, dass dieses Ereignis von so großer Bedeutung ist. An vorderster Stelle sollte es all diejenigen heilen, die immer noch unter dem Minderwertigkeitskomplex des Intellektuellen leiden. Es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass in diesem Fall die Studierenden den Arbeitenden gezeigt haben, was möglich war; dass die Arbeitenden der Losung und dem Beispiel der Studierenden gefolgt sind. Die Studierenden waren buchstäblich die Avantgarde – nicht einer Revolution, denn es war keine Revolution, sondern die Avantgarde einer Aktion, die sich spontan in eine Massenaktion verwandelte. Das ist in meinen Augen das Entscheidende.

Was wir in diesen drei Wochen in Paris erlebt haben, ist das plötzliche Wiederaufleben einer revolutionären Tradition, die in Europa seit den frühen 1920er Jahren eingeschlafen war. Wir haben erlebt, wie sich die Protest spontan intensivierte und ausweitete, vom Bau von Barrikaden bis hin zur Besetzung von Gebäuden – zuerst der Universitätsgebäude, dann der Theater, der Fabriken, der Flughäfen, der Fernsehsender und so weiter. Diese Besetzungen wurden zuerst von den Studierenden durchgeführt, dann aber zunehmend auch von den Arbeiterinnen und Angestellten dieser Institutionen und Unternehmen.

Die kommunistisch kontrollierten Gewerkschaften und die kommunistische Tageszeitung L'Humanité haben die Protestbewegung zunächst heftig verurteilt. Sie waren nicht nur misstrauisch gegenüber den Studierenden – sie verunglimpften sie. Auf einmal erinnerten sie sich wieder an den Klassenkampf, den die Kommunistische Partei lange Zeit, jahrzehntelang, auf Eis gelegt hatte, und denunzierten die Protestierenden als Sprösslinge bürgerlicher Familien.

Mit den Kindern der Bourgeoisie wollten sie nichts zu tun haben, von den Kindern der Bourgeoisie wollten sie keine Anweisungen erhalten – eine nachvollziehbare Haltung, wenn man bedenkt, dass sich die studentische Opposition von Anfang an nicht nur gegen die kapitalistische Gesellschaft Frankreichs auch jenseits der Universität stellte, sondern ebenso gegen das stalinistische Modell des Sozialismus.

Dieser Punkt ist sehr bedeutend. Die Bewegung richtete sich ganz eindeutig auch gegen die Kommunistische Partei Frankreichs, die – so seltsam es auch erscheinen mag – als Teil des Establishments betrachtet wurde und wird. Sie mag zwar noch keine Regierungspartei sein, möchte aber nichts lieber, als so schnell wie möglich eine zu werden. Das ist in der Tat schon seit Jahren die Politik der Kommunistischen Partei Frankreichs.

Warum aus der Studentenbewegung eine Massenbewegung wurde, ist schwer zu erklären. Wie ich schon sagte, war die Bewegung samt ihrer Forderungen zunächst auf die Universität beschränkt. Doch man erkannte, dass die Universität nur ein Teil der Gesellschaft ist, ein Teil des Establishments, und dass die Bewegung wirkungslos bleibt, solange sie nicht über die Universität hinausreicht und die Angriffspunkte der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit anvisiert. Anderenfalls würde die Bewegung isoliert bleiben.

Deshalb gab es schon lange vor diesen Ereignissen den systematischen Versuch, Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich der Weigerung der Gewerkschaften nicht anschlossen, aktiv für die Protestbewegung zu gewinnen. Die Studierenden gingen in die Fabriken und Betriebe in Paris und in den Pariser Vorstädten. Dort sprachen sie mit den Arbeitenden und trafen offenbar auf Sympathie, vor allem unter den jüngeren.

Als die Studierenden dann wirklich auf die Straße gingen und begannen, Gebäude zu besetzen, folgten diese Arbeiterinnen und Arbeiter ihrem Beispiel und verbanden ihre eigenen Forderungen – hauptsächlich nach höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen – mit den akademischen Forderungen der Studierdenden. So kamen sie auf eine nicht so sehr koordinierte als vielmehr spontane Weise wieder zusammen – und so wurde aus der Studentenbewegung tatsächlich eine größere soziale und politische Bewegung.

Als bereits Hunderttausende von Arbeiterinnen und Arbeitern streikten und ihre Fabriken in Paris und in den Vorstädten besetzt hatten, beschloss die kommunistisch kontrollierte Gewerkschaft CGT, die Bewegung zu unterstützen und den Streik und die Demonstrationen offiziell zu machen. Diese Politik verfolgt sie schon seit Jahrzehnten: Sobald eine Bewegung aus dem Ruder zu laufen und der Kontrolle der Kommunistischen Partei zu entgleiten droht, spricht sie eilig ihre Unterstützung aus und übernimmt dann die Organisation.

Die Forderungen der Bewegung

Was die politischen Forderungen dieser Bewegung angeht, so sprechen sie sich allgemein gegen das autoritäre Regime in Frankreich und für die Politisierung der Universität aus – das heißt, für die Herstellung einer spürbaren und effektiven Verbindung zwischen dem, was im Vorlesungssaal gelehrt wird, und dem, was außerhalb des Vorlesungssaals geschieht. Zwischen den mittelalterlichen, veralteten Lehrmethoden und Lehrplänen und der schrecklichen, elenden Realität jenseits der Universität klafft eine Lücke. Es geht darum, diese zu schließen und der Wirklichkeit ins Auge zu blicken.

»Die Arbeitslosigkeit ist in Frankreich sehr hoch. Eine ganze Generation steht vor der Gefahr, keine Arbeit zu finden.«

Zu den Forderungen gehören auch Rede- und Meinungsfreiheit – allerdings mit einer sehr interessanten Einschränkung: Cohn-Bendit hat bei mehreren Gelegenheiten erklärt, dass ein Tolerieren der US-amerikanischen Politik und des Krieges in Vietnam einen Missbrauch dieser Freiheiten bedeuten würde. Das Recht auf freie Meinungsäußerung dürfe nicht so interpretiert werden, dass man diejenigen toleriert, die mit ihrer Politik und Propaganda daran arbeiten, die letzten Reste der Freiheit in dieser Gesellschaft auszumerzen, und die Welt – oder besser gesagt einen großen Teil der Welt – in ein neokoloniales Gebiet zu verwandeln. Das wurde mit Nachdruck festgestellt.

Eine weitere Forderung der Studierenden ist die Schaffung von Arbeitsplätzen. Sie werden von der Angst geplagt, dass sie nach jahrelanger Ausbildung an der Universität zu Wissenschaftlerinnen, Ingenieuren, Technikerinnen und so weiter voraussichtlich keine Jobs finden werden, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen können. Die Arbeitslosigkeit ist in Frankreich sehr hoch. Eine ganze Generation steht vor der Gefahr, keine Arbeit zu finden. Auch hier verbindet sich eine akademische Forderung direkt mit einer politischen Forderung und mündet in einen Protest gegen die bestehende Gesellschaft.

Aus der Bewegung wurde, wiederum ganz spontan, eine entschieden sozialistische Bewegung – allerdings, wie ich nochmals betonen möchte, eine sozialistische Bewegung, die von Anfang an die repressive Form des Sozialismus ablehnte, die in den sozialistischen Ländern bis heute vorherrscht. Das mag die angeblichen maoistischen Tendenzen unter den Studenten erklären. Diese werden wiederum in erster Linie von der kommunistischen Presse instrumentalisiert werden, um sie als Revisionisten, Trotzkisten und Maoisten zu denunzieren – Maoisten insofern, als Mao gewissermaßen ein Symbol für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft ist, welcher die für die Sowjetunion und den Ostblock charakteristische stalinistische bürokratische Repression vermeidet.

Das bringt einen weiteren wesentlichen Aspekt der Studentenbewegung zum Vorschein – und ich denke, hier gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen der amerikanischen und der französischen Bewegung: Es ist ein universeller Protest – er entstand zwar als ein Protest gegen bestimmte Übel und Mängel, doch er richtet sich gleichzeitig auch gegen das gesamte Wertesystem, das System von Zielen und Leistungen in der bestehenden Gesellschaft. Mit anderen Worten: Man weigert sich, die Kultur der etablierten Gesellschaft noch länger zu akzeptieren und sich an sie zu halten. Nicht nur die ökonomischen Verhältnisse, nicht nur die politischen Institutionen, sondern das gesamte Wertesystem wird als überholt empfunden.

Insofern kann man, denke ich, auch dort durchaus von einer Kulturrevolution sprechen – einer Kulturrevolution in dem Sinne, dass sie sich gegen die gesamte herrschende Kultur richtet, inklusive der Moralvorstellungen der bestehenden Gesellschaft.

Französische Verhältnisse

Auf die Frage, warum die Studentenbewegung in Frankreich spontane Sympathie und Hilfestellung in der Bevölkerung fand – und sehr deutliche Unterstützung in der Arbeiterklasse, sowohl in der organisierten als auch in der unorganisierten –, während in den USA das Gegenteil der Fall ist, kommen mir zwei Antworten in den Sinn: Erstens ist Frankreich noch keine Wohlstandsgesellschaft. Die Lebensbedingungen der Mehrheit der Bevölkerung liegen noch weit unter dem Niveau des US-amerikanischen Lebensstandards – die Bindung an das das Establishment ist daher viel loser als hierzulande. Und zweitens ist die politische Tradition der französischen Arbeiterbewegung noch in erheblichem lebendiger.

Die unterschiedlichen Chancen einer einer radikalen Bewegung in Frankreich und in den USA lassen sich, wenn ich eine etwas metaphysische Begründung hinzufügen darf, auch dadurch erklären, dass Frankreich innerhalb von hundert Jahren immerhin vier Revolutionen erlebt hat – und das begründet offenbar so etwas wie eine revolutionäre Tradition, die bei passender Gelegenheit wiedererweckt und erneuert werden kann.

Lassen Sie mich noch ein paar Worte über die Studentenbewegung in Deutschland sagen: Ich kann nur von der Bewegung in Berlin sprechen; ich habe dieses Mal keinen anderen Ort in Deutschland besucht. Seit meinem letzten Besuch in Berlin im vergangenen Jahr hat sich eine erhebliche Veränderung vollzogen. Die Bewegung ist viel radikaler geworden, insofern sie nach ständiger Aktion ruft und jede Art von Gespräch, Diskussion und theoretischer Anstrengung ablehnt. Das Verlangen, unmittelbar zur Praxis zu schreiten und dabei zu bleiben, ist so stark, dass es sich fast täglich Bahn bricht.

In der Freien Universität Berlin finden jeden Tag Versammlungen statt. Der größte Unterrichtsraum steht den Studierenden für politische Zusammenkünfte zur Verfügung und ist permanent in Benutzung. Übrigens ist die Freie Universität meines Wissens die einzige, deren Satzung eine Vertretung der Studierenden im Lehrkörper vorsieht. Ihre Vertreterinnen und Vertreter sitzen im Akademischen Senat und haben bei Berufungen und Abberufungen von Fakultätsmitgliedern Stimme und Mitspracherecht. So ist es in der Charta der 1948 gegründeten Universität festgeschrieben.

»Die Studierenden glauben nicht an den demokratischen Prozess, wie er in Deutschland üblich ist – und das kann man ihnen nicht verübeln. Sie wissen, wie sehr die Regierung der Bundesrepublik immer noch von den Erben des Nazisystems durchdrungen ist.«

Ich bin in dieser Angelegenheit offen für Diskussion, aber ich glaube, diese Radikalisierung birgt die Gefahr, dass sich die Studentenbewegung weitaus überlegenen Kräften aussetzt, denen sie gegenwärtig nicht gewachsen ist. In Paris zählte die Studentenbewegung am Anfang vielleicht 10.000 bis 15.000 Menschen, später dann 80.000 bis 100.000 – damit kann man Gebäude besetzen und sie sogar für eine längere Zeit halten, zumal, wenn man die Unterstützung der Bevölkerung hat.

In Berlin gibt es jedoch nichts dergleichen. Dort trifft die Studentenbewegung auf die unverhohlene Feindseligkeit der Berliner Bevölkerung und der organisierten Arbeiterschaft. In dieser Hinsicht ist die Situation in Deutschland sehr ähnlich wie hier in den USA. Unter diesen Bedingungen ist eine Politik der Eskalation der Proteste – mit der Absicht, über eine bloß rituelle Handlung hinauszugehen und eine wirkliche Konfrontation mit der Polizei zu riskieren – ein gefährliches Unterfangen. Aber ich glaube, dass man dieser Tendenz derzeit nicht wirksam entgegentreten kann.

Auch ich habe versucht, auf diese Gefahren hinzuweisen. Aber es war vergeblich, denn die Bewegung hat die Geduld verloren. Die Studierenden glauben nicht an den demokratischen Prozess, wie er in Deutschland üblich ist – und das kann man ihnen nicht verübeln. Sie wissen ganz genau, wie brutal die Polizei in Deutschland ist. Sie wissen auch, wie sehr die Regierung der Bundesrepublik immer noch von den Erben des Nazisystems durchdrungen ist, und sie sind sich auch der weiterhin sehr autoritären Struktur der Universität sowie der feindseligen Haltung der Mehrheit der Professoren bewusst – ein weiterer Gegensatz zur Situation in Frankreich.

Unter diesen Umständen glauben sie, nur etwas erreichen zu können, wenn sie so handeln, dass die Menschen mit ihren eigenen Augen und Ohren sehen und hören können, was vor sich geht – wenn sie also der Gesellschaft ihre Forderungen direkt und körperlich aufzwingen. Sie glauben, dass der Ausdruck der Opposition besser ist, je radikaler und nonkonformistischer er ist. Daher versuchen sie alles – vom Niederbrennen von Insignien der Macht bis hin zum Zerschlagen von Schaufenstern –, um gehört und gesehen zu werden und der alles absorbierenden Macht dieser Gesellschaft etwas entgegenzusetzen.

Das nimmt, insbesondere für Nichtstudenten, manchmal etwas unangenehme Formen an, vor allem in der Universität und bei Versammlungen. Es es gibt eine starke Tendenz, alles zu verurteilen, was nicht dieser radikalen »Aktion um der Aktion willen« entspricht; alles zu verurteilen, was liberal ist – ich möchte nicht den Begriff verwenden, der in diesem Zusammenhang gebraucht wird, der immer gleich geschrien wird, sobald jemand versucht, eine Meinung zu äußern, die etwas weniger radikal ist. Auf jeden Fall ist das Wort »liberal« zu einem Schimpfwort geworden – daran besteht kein Zweifel. Und wenn wir uns die Tradition des deutschen – und nicht nur des deutschen – Liberalismus ansehen, dann ist zumindest verständlich, warum er ein Schimpfwort geworden ist.

»Ich würde die Bewegung nicht als revolutionär bezeichnen und habe das auch nie getan.«

Es fällt auch deshalb schwer, dieser Tendenz wirksam entgegenzusteuern, weil die Bewegung in so einem erstaunlichen Ausmaß und zum Teil ohne ihr bewusstes Zutun zu einer internationalen Bewegung geworden ist – sie ist in der Tat der einzige wirksame internationale Widerstand, den wir heute haben. Vor diesem Hintergrund wird man sehr zögerlich und zurückhaltend, selbst die unangenehmen und allzu vorschnell radikalen Züge der Bewegung anzuklagen. Man hat nämlich das Gefühl, sich mit dieser Bewegung identifizieren müssen, in der Hoffnung, dass sie aus ihren Versuchen und Fehlern lernt, dass sie an Stärke gewinnt und sich gleichzeitig ihre internationale Organisation und Koordination verbessert.

Ich denke, das ist fürs Erste alles, was ich sagen möchte.

Fragen

Im Anschluss an seinen Vortrag beantwortete Marcuse Fragen aus dem Publikum. Auf die Frage, ob er die Ansicht teile, dass man sich nicht für den Vietnamkrieg aussprechen dürfe, antwortete er:

Ja, ich teile diese Ansicht. Aber damit sage ich nicht, dass Meinungen, die von meiner eigenen abweichen, nicht toleriert werden sollten. Ich habe explizit gesagt, dass diejenigen, die den Vietnamkrieg verteidigen und propagieren, in einer wirklich demokratischen Gesellschaft nicht das Recht auf freie Meinungsäußerung genießen sollten. Denn ihre Politik untergräbt unvermeidlich die Demokratie, oder das, was von ihr noch übrig ist. Es geht nicht darum, ob man meine Meinung teilt oder nicht.

Auf die Frage, ob er die Unterdrückung anderer philosophischer Systeme unterstützen würde, antwortete Marcuse:

Nein. Ich schätze die Philosophie wirklich sehr. Und mir ist heute kein philosophisches System bekannt, das die bestehende Gesellschaft oder ihre Veränderung in Richtung einer besseren Gesellschaft ernstlich gefährden könnte. Ich möchte nochmals unterstreichen, dass das Konzept der repressiven Toleranz absolut nichts mit der Zensur von Kunst, Literatur, Musik, Philosophie und dergleichen zu tun hat. Das ist vollkommen ausgeschlossen. Ich spreche einzig und allein über den Entzug von Toleranz gegenüber jenen Kräften, die ihren aggressiven und zerstörerischen Charakter bewiesen haben.

Zu den Notstandsgesetzen, die damals in Westdeutschland erlassen wurden:

Die Notstandsgesetze, die im deutschen Bundestag diskutiert und aller Wahrscheinlichkeit nach beschlossen werden, gehören meiner Meinung nach zu den unheilvollsten Gesetzen der Gegenwart. Sie geben der Regierung die Macht, in einer Notsituation die wichtigsten Grundrechte außer Kraft zu setzen und zum Beispiel – und das ist die wahnsinnigste Bestimmung – die Streitkräfte im Inneren zu mobilisieren. Es ist kein Wunder, dass sich die Studentenbewegung in Deutschland heute vor allem gegen diese Notstandsgesetzgebung richtet. Ich fürchte aber, sie wird erfolglos bleiben und die Notstandsgesetze werden mit der Unterstützung der SPD verabschiedet werden.

Oft wird behauptet, der Radikalismus der Linken würde unter den herrschenden Bedingungen nur der Stärkung der Rechten dienen – das berühmte Argument von der Antagonisierung des Gegners. An diesem Beispiel lässt sich das sehr gut widerlegen. Ich habe noch keine Opposition gesehen, die ihren Gegner nicht antagonisiert. Das ist ja gerade Sinn und Zweck der Opposition.

Die Linke – und vor allem die studentische Linke – wird schon im Voraus für die mögliche oder wahrscheinliche Radikalisierung der rechtsextremen Bewegungen in Europa – und nicht nur in Europa – verantwortlich gemacht. Das Gleiche hat man in der Zeit vor dem Nationalsozialismus über die kommunistische und sozialistische Opposition gesagt. Ich denke, man sollte dieses Argument hier ein für alle Mal als eklatante Geschichtsfälschung brandmarken.

Hitler kam nicht an die Macht, weil die Linke zu radikal und zu stark war, sondern weil die Linke nicht radikal und nicht stark genug war. Die Linke war gespalten und diese Spaltung hat es den Rechten ermöglicht, an die Macht zu kommen. Das lässt sich mit historisch belegen.

Zu den Aussichten auf ein Bündnis zwischen Arbeitenden und Studierenden in Frankreich:

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass sich die Bewegung wieder spalten wird und die Fragen der Studierenden und der Arbeitenden getrennt voneinander entschieden werden. Die extreme Rechte ist in Frankreich relativ inaktiv. Wie heute üblich, scheint der Widerstand gegen die Protestbewegung nicht so sehr von der sogenannten extremen Rechten auszugehen, sondern von der Mitte – also in der derzeitigen Regierung selbst. Ich denke, das ist eine bedeutende Verschiebung, die meiner Meinung nach immer noch mit dem Krieg gegen Nationalsozialismus und Faschismus zu erklären ist, wodurch rechtsextreme Parteien grundsätzlich einen schlechten Ruf haben und nicht als die besten und geeignetsten Repräsentanten der Rechten gelten.

Dass es sich um einen grundsätzlichen Angriff auf die Gesellschaft handelt, ist in erster Linie den Studierenden bewusst oder zumindest halbbewusst. Für die Arbeitenden scheint es größtenteils immer noch lediglich gewerkschaftlicher Protest zu sein. Über die jüngeren Arbeiterinnen und Arbeiter, die mit den Gewerkschaften unzufrieden sind, lässt sich das aber nicht mehr sagen – sie wünschen sich mehr als nur Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen. Sie erheben zum Beispiel auch sehr eindeutige Forderungen nach einem Ende der Regierung von Charles de Gaulle und einer wirklichen und effektiven Rede-, Meinungs-, und Versammlungsfreiheit. Dieser allgemeine Charakter der Bewegung ist nichts, das explizit erklärt und methodisch praktiziert wird. Aber er geht klar aus den Aussagen der Studierenden hervor. Für die Arbeiterbewegung gilt das aber bisher nur eingeschränkt.

Zur Situation in Osteuropa, insbesondere dem sich damals in der Tschechoslowakei entfaltenden Prager Frühling:

Die Tschechoslowakei war noch sehr stark in der Tradition des Stalinismus verhaftet. Diese – das kann man ruhig so sagen – terroristische Repression, diese völlige Kontrolle jeglicher Äußerungen und die prompte Unterdrückung aller abweichenden Meinungen erschien immer willkürlicher und unnötiger, je gesicherter die wirtschaftliche wie auch die politische Lage zu sein schien.

In dieser Situation kam es zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Es wurden Reformen gefordert, die die stark zentralisierte Kontrolle lockern oder zu einem beträchtlichen Teil beseitigen sollten. Elemente, die für die kapitalistische Wirtschaft charakteristisch sind, sollten in die sozialistische Wirtschaft eingeführt werden: Profit als Anreiz, ein hohes Maß an Autorität für die einzelnen Unternehmensleitungen und so weiter.

Diese ökonomische Lockerung wurde genutzt, um eine entsprechende kulturelle Lockerung zu fordern – also die Abschaffung der Zensur und der rigiden Parteikontrolle, die den Schriftstellerinnen, den Philosophen, den Fachleuten insgesamt auferlegt wurde. Die Bewegung in der Tschechoslowakei richtet sich nicht gegen die bestehende Gesellschaft als solche, sondern gegen die poststalinistischen Kontrollen, die für die sozialistische Gesellschaft selbst als nachteilig angesehen werden.

Auf die Frage, wie man die Ereignisse in Frankreich verstehen soll, wenn nicht als eine Revolution:

Die Bewegung hat einen dezidiert pragmatischen Charakter, der meiner Meinung nach auf ein tiefsitzendes Misstrauen gegen alle traditionellen Ideologien zurückzuführen ist, weil sich diese als falsch erwiesen haben. Ich würde die Bewegung nicht als revolutionär bezeichnen und habe das auch nie getan. Ich denke nicht, dass wir uns in Frankreich – und erst recht nicht in den USA – in einer revolutionären oder auch nur vorrevolutionären Situation befinden. Wenn wir verstehen wollen, was vor sich geht, müssen wir von dieser Annahme ausgehen – es ist unverantwortlich, in Bezug auf diese Protestbewegung mit dem Begriff der Revolution um sich zu werfen.

Das machen die Studenten in Frankreich nicht, und wir sollten das ebensowenig tun. Sie glauben nicht, dass ihre Bewegung bereits eine Revolution ist. Doch sie kann durchaus ein Glied in der Kette interner und externer Ereignissen sein, die die gesamte Situation verändern – daran glaube ich, und die Erfahrung der letzten Monate hat mich in diesem Glauben bestärkt.

Eines können wir mit Sicherheit sagen: Die traditionelle Vorstellung der Revolution und die traditionelle Strategie der Revolution gelten als überkommen. Sie sind von der Entwicklung unserer Gesellschaft überholt worden. Ich habe das schon einmal gesagt und möchte es noch einmal wiederholen, weil ich denke, dass in dieser Situation nichts wichtiger ist als ein nüchterner Verstand: Die Idee, dass eines Tages oder über Nacht eine Massenorganisation oder Massenpartei oder Massen welcher Art auch immer auf Washington marschieren, das Pentagon und das Weiße Haus besetzen und eine Regierung stellen, ist meines Erachtens völlig abwegig und realitätsfremd.

Sollte es jemals zu so etwas kommen, wäre innerhalb eines Tages ein anderes Weißes Haus in Texas oder in North Dakota errichtet, und die ganze Sache wäre schon wieder vorbei. Diese Vorstellung von Revolution müssen wir vergessen. Aus diesem Grund glaube ich, dass die gegenwärtigen Ereignisse in Frankreich so bedeutsam sind; genau deshalb betone ich den spontanen Charakter dieser Bewegung und ihrer Ausbreitung.

Ich sage »spontan«, und ich bleibe bei diesem Begriff – aber uns ist natürlich bewusst, dass es keine Spontaneität gibt, der man nicht ein wenig auf die Sprünge helfen muss. Genau das ist in Frankreich getan worden – ich sprach ja von der Vorarbeit der Studierenden in den Fabriken, dass sie mit den Arbeiterinnen und Arbeitern diskutiert haben und so weiter. Aber gemessen daran, wie Opposition traditionell organisiert wird, handelt es sich nichtsdestoweniger um eine spontane Bewegung – eine Bewegung, die sich, solange sie konnte, nicht um die vorhandenen Organisationen scherte, weder um Partei noch um Gewerkschaft, sondern einfach voranging.

Aus irgendeinem Grund war der Zeitpunkt gekommen, da Hunderttausende und – wie wir jetzt sehen werden – Millionen von Menschen die Schnauze voll hatten. Sie wollten nicht mehr jeden Tag aufstehen und zu ihrer Arbeit gehen und die gleichen Routinen durchlaufen und den gleichen Befehlen gehorchen und die gleichen Arbeitsbedingungen ertragen und die gleichen Leistungen erbringen. Sie hatten es einfach satt – und wenn sie nicht zu Hause blieben oder spazieren gingen, dann versuchten sie etwas anderes.

Sie haben ihre Fabriken und Geschäfte besetzt, und harren dort weiterhin aus – aber keineswegs als wilde Anarchisten. Gestern wurde zum Beispiel berichtet, dass sie peinlich genau auf die Maschinen aufpassen und dafür sorgen, dass nichts zerstört und nichts beschädigt wird. Sie haben auch keine Außenstehenden hereingelassen. Damit haben sie gezeigt, dass sie diese Betriebe so oder so als ihre eigenen betrachten; dass sie wissen, dass sie ihnen gehören oder gehören sollten, und dass sie sie aus diesem Grund besetzt haben.

Auch das ist ein Ausdruck des Allgemeinheit dieser Proteste. Die traditionelle Strategie der Arbeiterklasse billigt keine Fabrikbesetzungen – das Privateigentum galt auch hier in gewisser Weise als unantastbar. Wenn etwas dergleichen geschah, dann meistens spontan und entgegen der Politik der Gewerkschaften. Diese Spontaneität, die den Wandel ankündigt, ist das Neue an dieser Bewegung, das alle traditionelle Organisation übertrifft und die Bevölkerung unmittelbar mitreißt.

Wenn wir annehmen, dass die Bewegung Frankreich noch länger lahmlegen und sich ausbreiten kann und die Regierung mit ihren Gegenmaßnahmen keinen Erfolg haben wird, dann ist in der Tat vorstellbar, dass das System zusammenbrechen könnte. Denn keine Gesellschaft kann eine solche Blockade lange Zeit aushalten. Aber ich wiederhole: Es ist unrealistisch anzunehmen, dass es dazu kommen wird, denn die Regierung wird mit Sicherheit Erfolg haben.

Der Protest gegen die Werte der bürgerlichen Gesellschaft äußert sich nicht nur in der ziemlich respektlosen Haltung gegenüber dem Privateigentum, sondern auch in der Ablehnung gegenüber anderen Dingen – der man zustimmen kann oder auch nicht – wie zum Beispiel gegen die traditionelle Art des Unterrichts oder die traditionelle bürgerlichen Kultur. Ich will Ihnen ein sehr konkretes Beispiel nennen, um Ihnen zu zeigen, was ich meine – und ich möchte hinzufügen, dass ich in diesem Fall nicht auf der Seite der Studierenden stand.

Es war vor einem Jahr, aber eine ähnliche Situationen hat es auch in diesem Jahr wieder gegeben: Mein Freund Adorno wurde damals vom Germanistischen Seminar nach Berlin eingeladen, um einen Vortrag über Goethes Stück Iphigenie auf Tauris zu halten. Der Hörsaal war randvoll mit Studierenden, die ihn einfach nicht sprechen lassen wollten, weil sie es für unerhört hielten, dass er in dieser Situation – nach der Ermordung eines Studenten bei der Demonstration gegen den Schah von Persien – und inmitten des aufgeheizten politischen Klimas in Berlin einen Vortrag über ein klassisches humanistisches Drama halten wollte. Das haben sie einfach nicht verkraftet. Es gab eine wirkliche Revolte im Hörsaal. Es hat lange gedauert, die Menge wenigstens soweit zur Ruhe zu bringen, dass der Vortrag gehalten werden konnte.

Eine ähnliche Situation habe ich auch dieses Jahr in Berlin erlebt. Ein Vortrag wurde mehrfach unterbrochen mit Ausrufen wie: »Jetzt ist nicht die Zeit, sich um Begriffe zu kümmern. Jetzt ist nicht die Zeit, Theorie zu machen. Anstatt hier zu diskutieren, lasst uns auf die Straße gehen und vor der Maison Française demonstrieren.« Ich führe dieses Beispiel nur an, um zu zeigen, wie weit diese Opposition gehen kann. Sie greift in der Tat die gesamte etablierte Kultur an, selbst in ihren sublimsten Erscheinungsformen.

Diese Kultur macht für sie keinen Sinn mehr. Etwas mag schön sein, tiefgründig und erhaben – aber irgendwie passt es nicht. Es gibt keinen Bezug zwischen dem, was da draußen in Vietnam oder auf den Barrikaden oder in den Ghettos wirklich vor sich geht, und diesen schönen Versen und erhabenen Ideen – also sagen sie: Vergessen wir es und schauen wir, was wir mit unseren Händen und auch mit unserem Verstand in der unmittelbaren Wirklichkeit erreichen können. Dass ich das für eine gefährliche Einstellung halte, muss ich Ihnen wahrscheinlich nicht sagen – aber es ist auch eine Einstellung, die, wie ich finde, sehr schwer zu widerlegen ist.

Ich habe stets die Position vertreten, dass die Universitäten in diesem Land immer noch Enklaven relativer – und nicht nur relativer – Freiheit des Denkens und der Meinungsäußerung sind. Es gibt noch reichlich Gelegenheit und Raum, Dinge zu lernen, die für das heutige Geschehen relevant sind. Die Universität bedarf sicherlich einer radikalen Reform, aber diese sollte innerhalb der Universität selbst durchgeführt werden und nicht die Zerstörung der Universität zum Ziel haben. Die Zerstörung der Universität würde meines Erachtens bedeuten, dass wir – lassen Sie es mich sehr extrem und provokant ausdrücken – den Ast absägen, auf dem wir sitzen.

Schließlich ist die Opposition an der Universität entstanden, in der sie ausgebildet wurde und wird. Die Zerstörung der Universität schadet uns mehr als unseren Gegnern. Denn wir – ich zähle mich selbst nämlich auch zur Opposition – sind ein lebender Beweis dafür, dass die Universität gar nicht so schlecht sein kann.

Am Ende seines Vortrags wurde Marcuse gefragt, wie er selbst den Zusammenhang zwischen seinem Denken und den damaligen Ereignissen in Westeuropa sieht:

Um die Antwort auf diese persönliche Frage auf ein überschaubares Maß zu reduzieren, möchte ich nur erwähnen, dass zum Beispiel in den Äußerungen von Cohn-Bendit Anklänge an meinen Aufsatz über »Repressive Toleranz« so offensichtlich sind, dass es keiner weiteren Beweise bedarf. Das sagen auch viele der Studierenden selbst. Warum das so ist, sollte man nicht mich fragen, sondern sie.

Ich habe als Philosoph und Theoretiker versucht, eine Kritik der bestehenden Gesellschaft anzubieten, die sich so weit wie möglich von jeder traditionellen Ideologie frei hält, sei sie marxistisch oder sonstwie sozialistisch. Dabei habe ich auf bestimmte Aspekte aufmerksam gemacht, die in den traditionellen Ideologien einfach nicht ausreichend behandelt wurden: Die neuen Institutionen, die eine künftige sozialistische Gesellschaft auszeichnen sollen, können noch so radikal anders sein – solange sie nicht von einem neuen Typ Mensch kontrolliert werden, mit wirklich neuen Werten und ohne die heuchlerische Moral und die repressiven und konkurrenzbetonten Werte der heutigen Gesellschaft, wird sich keine wirkliche Veränderung eingestellt haben. Solange das nicht der Fall ist, werden wir einfach nur eine Form der Herrschaft durch eine andere ersetzten.

Für eine wirkliche und qualitative Veränderung ist es meines Erachtens wesentlich, mit dem Kontinuum von Herrschaft und Unterdrückung zu brechen. Erst wenn dieser Bruch getan ist – und er muss auch noch in einer sozialistischen Gesellschaft getan werden –, kann man von einer Gesellschaft sprechen, die sich wesentlich von den bestehenden unterscheidet. Das ist die einzige kurze Antwort, die ich auf diese Frage geben kann.

© Jeremy D. Popkin

#6
Gegen das Zentrum

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