ABO
Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

18. April 2026

In Indien wird das Kochen teuer

Aufgrund der explodierenden Brennstoffpreise können immer mehr indische Wanderarbeiter sich das Kochen nicht mehr leisten. Arme Haushalte sehen sich gezwungen, zu Brennholz zurückzukehren oder Mahlzeiten zu rationieren.

Viele indische Wanderarbeiter verlassen derzeit die Städte, weil die Lebenshaltungskosten für sie nicht mehr tragbar sind.

Viele indische Wanderarbeiter verlassen derzeit die Städte, weil die Lebenshaltungskosten für sie nicht mehr tragbar sind.

Fotos: Sajad Hameed / Jacobin

Am Bahnhof Hazrat Nizamuddin in Neu-Delhi wirkt das morgendliche Treiben in diesen Tagen bedrückender als sonst. Familien drängen sich auf dem Bahnsteig, ihre Habseligkeiten in Stoffbündeln und Plastiksäcken verstaut. Kinder liegen halb schlafend auf dem Schoß ihrer Mütter, während Durchsagen aus den Lautsprechern hallen. Züge in Richtung Bihar, Uttar Pradesh und noch weiter sind voll besetzt. In den vergangenen Tagen habe sich der Andrang spürbar verstärkt, berichten Bahnangestellte. Ganze Familien, die meisten von ihnen Tagelöhner, haben ihr Hab und Gut – kaum mehr als das Nötigste – dabei und warten auf die Züge in die Provinz. Wie es scheint, werden sie vorerst nicht in die Hauptstadt zurückkehren.

»Irgendetwas stimmt nicht«, sagt der 34-jährige Ab Rahman, ein Gepäckträger, der seit mehr als einem Jahrzehnt auf diesen Bahnsteigen unterwegs ist. »Seit vier, fünf Tagen herrscht hier großer Andrang. Es sind hauptsächlich arme Arbeiter. Sie gehen zurück.« Es gibt keine offiziellen staatlichen Erklärungen zum aktuellen Ansturm. Kein Einzelereignis, keine plötzliche Katastrophe scheint ihn ausgelöst zu haben.

Überall auf dem Bahnsteig kann man den Gesprächsfetzen entnehmen, das Ganze habe mit steigenden Kosten, immer weniger Arbeit und der sich stetig verschärfenden Schwierigkeit zu tun, selbst die grundlegendsten Aspekte des Lebensalltags in der Stadt finanzieren zu können. Für viele beschränkt sich die Krise nicht »nur« auf niedrige Löhne oder hohe Mieten, sondern auf etwas viel Grundlegenderes: Sie können es sich nicht mehr leisten, Essen zu kochen.

»Wir haben gewartet und sind von einer Gasverkaufsstelle zur nächsten gelaufen. Und selbst wenn es mal eine Gasflasche gibt, sind die Preise zu hoch.«

Unter den Wartenden auf dem Bahnsteig befindet sich der 27-jährige Ramesh Varma, ein Straßenverkäufer aus dem Dorf Barwan Kala in Bihar. Er war vor knapp 15 Tagen nach Delhi zurückgekehrt, in der Hoffnung, sein Einkommen wieder aufzubauen. Nun reist er erneut ab.

»Es gab einfach kein LPG [Flüssiggas für Herde und Kocher] mehr«, sagt er auf dem Bahnsteigboden sitzend. »Wir haben gewartet und sind von einer Gasverkaufsstelle zur nächsten gelaufen. Und selbst wenn es mal eine Gasflasche gibt, sind die Preise zu hoch.«

Dass es Wanderarbeiterinnen und -arbeitern wie Varma inzwischen unmöglich geworden ist, kostengünstig zu kochen, bringt das fragile ökonomische Gleichgewicht des Stadtlebens ins Wanken. Nur wer Mahlzeiten zu Hause vor- und zubereitet, kann die täglichen Ausgaben noch halbwegs im Griff behalten. Varmas Entscheidung zur Rückkehr spiegelt eine zunehmende Realität in den Arbeitervierteln Indiens wider: Wenn Brennstoff immer teurer wird oder kaum verfügbar ist, kann nicht mehr gekocht werden. Dann geht es buchstäblich ums Überleben.

Die Gaskrise

In den Städten und Industrieregionen Indiens wird das Zubereiten einer Mahlzeit für einkommensschwache Haushalte zunehmend zu einer Herausforderung. In den Arbeitervierteln von Delhi und anderswo berichten Familien, steigende Kosten für die LPG-Nachfüllung, unregelmäßige Verfügbarkeit und Lieferverzögerungen machten das tägliche Kochen zur Ungewissheit. Es ist kein plötzlicher Zusammenbruch des Systems. Es ist vielmehr das Ergebnis eines längerfristigen politisch-ökonomischen Wandels, der nun durch einen globalen Versorgungsschock verschärft wird.

Ein Teil des Problems geht natürlich auf den Konflikt im Nahen Osten zurück. Trotz jüngster Bemühungen um einen Waffenstillstand wirken sich die geopolitischen Spannungen weiterhin auf die globalen Energiemärkte aus. Besonders wichtig ist in dieser Hinsicht der Konflikt um die Straße von Hormus, eine wichtige Transitroute für Rohöl und Flüssiggas. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) haben diese Störungen die weltweite Energieversorgung verknappt sowie zu höheren Rohöl- und Flüssiggaspreisen beigetragen. Das sorgt für eine angespannte Marktlage für importabhängige Länder wie Indien.

Indiens Umstellung auf eine marktgebundene LPG-Preisgestaltung lässt den Energiepreisschock direkt auf die Haushalte durchschlagen.

Indiens Umstellung auf eine marktgebundene LPG-Preisgestaltung lässt den Energiepreisschock direkt auf die Haushalte durchschlagen.

Die Ausgaben des indischen Staates für LPG-Subventionen, die Mitte der 2010er Jahre jährlich 40.000 Crore Rupien (etwa 3,6 Millionen Euro) überstiegen, gingen bis 2020/21 stark zurück. In den folgenden Jahren sind sie wieder leicht gestiegen. Daten zum Staatshaushalt zeigen aber auch, dass die Ausgaben für LPG-Subventionen im vergangenen Jahrzehnt stark schwankten. Grund dafür ist, dass der Staat die Subventionierungen zunehmend an die Marktpreise anpasst.

Heute werden LPG-Subventionen zunehmend gezielt statt pauschal gezahlt. In den Jahren 2025/26 stellt die Regierung rund 120 Milliarden Rupien für das »Pradhan Mantri Ujjwala Yojana« (PMUY) bereit, ein Programm, mit dem Gas zum Kochen für einkommensschwache Haushalte subventioniert wird. Das PMUY wird nun offenbar noch gezielter und sparsamer eingesetzt.

»Für einen Tagelöhner, der 300 bis 500 Rupien verdient, kann eine einzige Gasflaschenfüllung das Einkommen von zwei bis drei Arbeitstagen verschlingen.«

Für die meisten Verbraucher bedeutet das, dass die Kosten für das Nachfüllen von Gaskartuschen deutlich steigen. Der Preis für eine indische Standard-LPG-Flasche mit 14,2 Kilogramm, der vor einem Jahrzehnt noch bei etwa 400 bis 500 Rupien lag, überschritt 2022 in vielen Städten die 1.000-Rupien-Marke, bevor er leicht auf etwa 850 bis 950 Rupien zurückging. Für einkommensschwache Haushalte bleibt das unerschwinglich teuer.

Da Indien stark von LPG-Importen abhängig ist, reagieren die Inlandspreise äußerst empfindlich auf die globalen Energiemärkte und externe Angebotsbedingungen. Wenn es zu Schwankungen der internationalen Preise oder zu Versorgungsengpässen kommt, werden die höheren Kosten zunehmend direkt an die Haushalte weitergegeben.

Die Zahlen

Der wahrgenommene Druck auf Arbeiterhaushalte ist nicht anekdotisch, sondern messbar. Obwohl es nach wie vor Subventionen gibt, berichten viele Haushalte, dass sie kaum spürbare Entlastung erhalten. Für einen Tagelöhner, der 300 bis 500 Rupien verdient, kann eine einzige Gasflaschenfüllung das Einkommen von zwei bis drei Arbeitstagen verschlingen. Daten des indischen Parlaments belegen, dass Begünstigte des PMUY-Programms trotz der Subventionen deutlich weniger Gasflaschen pro Jahr verbrauchen als andere Konsumenten. Das zeigt umso mehr, wie schwerwiegend die finanzielle Belastung ist.

In Sangam Vihar, einer der größten informellen Siedlungen Delhis, sitzt Parveena vor ihrem Einzimmerhaus, eine leere LPG-Flasche liegt neben ihr wie unbrauchbarer Müll. »Seit Tagen laufen wir von einem Gasgeschäft zum nächsten«, sagt sie. »Wir bekommen unsere Nachfüllungen nicht rechtzeitig. Ohne Gas können wir nicht einmal Essen kochen.«

Im Zimmer ist es still. Es riecht nicht nach Essen, auf dem Herd stehen keine Töpfe. Eine stille, stillgelegte Küche. Parveena, die Tagelöhnerin und Mutter von zwei Kindern, hat bereits diverse Einsparungen vorgenommen. »Seit zwei Tagen gehen meine Kinder hungrig ins Bett«, erzählt sie. »Die Preise steigen täglich. Selbst wenn wir LPG finden, ist es zu teuer. Wir sind arm; wie sollen wir so viel bezahlen, bloß um Essen zu machen?«

»Elektroherde werden oft als nächster Schritt in Indiens Wende hin zu sauberer Energie dargestellt. Doch dafür sind Vorabinvestitionen in die Geräte erforderlich – und eine zuverlässige Stromversorgung.«

Zwar hat Indien den Zugang zu Flüssiggas in den vergangenen zehn Jahren erheblich ausgeweitet, doch ist die kontinuierliche Nutzung in einkommensschwachen Haushalten nach wie vor nicht gesichert. In den letzten Monaten hat sich die Belastung noch verschärft. Berichte aus mehreren Bundesstaaten, darunter Uttar Pradesh und Maharashtra, verweisen auf Verzögerungen bei der Nachfüllung, lange Wartezeiten und eine zunehmende Abhängigkeit von alternativen Brennstoffen: In einigen Gebieten greifen die Menschen inzwischen wieder auf Brennholz und Petroleumprodukte zurück – Brennstoffe, die nicht nur für Armut stehen, sondern auch langfristige Gesundheitsrisiken mit sich bringen.

Parveenas Nachbarin merkt leise an: »Wir können diesen Ort nicht einfach verlassen. Zumindest die Männer finden hier noch etwas Arbeit. […] Irgendwie kommen wir damit über die Runden.«

Tatsächlich ist Wegziehen in solchen Arbeitervierteln selten eine Option. Ob Arbeit gefunden wird, ist ungewiss, aber es gibt sie noch vereinzelt. Um zu überleben, bleibt man hier und versucht, sich anzupassen. Doch diese Anpassung hat ihre Grenzen. Besonders für Frauen ist die Belastung unmittelbar und körperlich spürbar. Wenn das Gas ausgeht, sind sie es, die Alternativen finden müssen – sei es Brennholz sammeln, mit ineffizienten Öfen hantieren oder aber Mahlzeiten über mehrere Tage strecken und rationieren.

Mit Brennholz und Petroleum

In Arbeitervierteln in ganz Indien berichten zahlreiche Familien, dass sie weniger Mahlzeiten zubereiten. »Wir kommen irgendwie zurecht«, sagen viele. Zwar habe die Zahl der Flüssiggasanschlüsse in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen, doch ist eine regelmäßige Nutzung nach wie vor nicht gewährleistet, gerade in Haushalten mit geringem Einkommen.

Der 32-jährige Faheem, ein Wanderarbeiter aus Gujarat, der derzeit in der Stadt Bengaluru tätig ist, beschreibt die Situation als bedrückend. »Wir bekommen hier kein Gas mehr. Jetzt sind wir gezwungen, unser Zuhause zu verlassen«, berichtet er. »Das Kochen ist schwierig geworden, manchmal sogar unmöglich, und wir wissen nicht mehr, wie wir unseren Haushalt und unser Land bewirtschaften sollen. Alles ist zu schwer geworden.« Faheem fügt hinzu: »Manchmal ist [Gas] teuer, manchmal ist es gar nicht verfügbar. Das Leben ist wirklich hart.«

»Der Rauch lässt unsere Kinder husten, und meine Frau muss jeden Tag Stunden damit verbringen, den Chulha anzuheizen und zu schüren.«

Für viele Haushalte gibt es kaum Alternativen. Elektroherde werden oft als nächster Schritt in Indiens Wende hin zu sauberer Energie dargestellt. Doch dafür sind Vorabinvestitionen in die Geräte erforderlich – und eine zuverlässige Stromversorgung. Für prekäre Haushalte in Städten wie auf dem Land ist beides meist nicht gegeben. Der Übergang zu sauberer Energie verläuft ungleichmäßig und ist sowohl vom Einkommen als auch von der bestehenden Infrastruktur geprägt. So werden nun auch Chulhas (traditionelle indische Öfen, die einst in der Hoffnung auf zukünftige sauberere Energie ausgemustert wurden) wieder genutzt.

Gesundheitsfachleute warnen seit langem vor den Folgen solcher energetischer Rückschritte: Eine längere Exposition mit Rauch aus Brennholz und Biomassebrennstoffen kann zu Atemwegserkrankungen führen, insbesondere bei Frauen und Kindern, die sich am häufigsten in der Nähe der Kochstellen aufhalten. Was als kurzfristige Notlösung gedacht ist, kann langfristige gesundheitliche Folgen haben.

In den Stadtrandgebieten tauchen Brennholz und Petroleum als Notlösungen auf. Auch Chulhas werden wieder genutzt.

In den Stadtrandgebieten tauchen Brennholz und Petroleum als Notlösungen auf. Auch Chulhas werden wieder genutzt.

Die 33-jährige Anjali, Mutter von zwei Kindern und Einwohnerin des ländlich geprägten Bundesstaats Odisha, sagt dazu: »Weil wir unsere Gas-Nachfüllungen nicht rechtzeitig erhalten und manchmal wochenlang warten müssen, müssen wir wieder Brennholz nutzen. […] In unserem Dorf sind die meisten Haushalte auf Flüssiggas umgestiegen, aber 30 oder 40 Prozent verwenden zum Kochen immer noch Brennholz, selbst wenn sie über einen Anschluss verfügen, gerade ärmere Familien.« Ihr Ehemann Arun Kumar fügt hinzu: »Der Rauch lässt unsere Kinder husten, und meine Frau muss jeden Tag Stunden damit verbringen, den Chulha anzuheizen und zu schüren.«

Der Markt bestimmt, wer isst

Das Zubereiten von Essen wird oft als Akt im Privaten verstanden, etwas, das man in den eigenen vier Wänden tut. In der Realität ist Kochen aber auch von anderen, weit größeren Fragen abhängig: Wer kann sich Gas leisten? Werden Preisschocks abgefangen – und wie und von wem? Wer muss Opfer bringen, wer muss sich einschränken?

Laut Daten der Regierung aus den Jahren 2020/21 nutzen in ganz Indien rund 60 Prozent der Haushalte Flüssiggas als primären Energieträger zum Kochen. In ländlichen Gebieten ist jedoch ein erheblicher Anteil weiterhin auf Brennholz, Dung oder andere Biomasse angewiesen, selbst wenn LPG-Anschlüsse vorhanden sind. Versorgungsengpässe, hohe Nachfüllkosten und unregelmäßige Lieferungen erschweren eine kontinuierliche Nutzung; die Haushalte sehen sich daher gezwungen, immer wieder auf traditionelle Brennstoffe zurückzugreifen.

Am Bahnhof Hazrat Nizamuddin kommt nun der Zug an, Ramesh Varma steigt ein. »Ich bin hierhergekommen, um Geld zu verdienen«, sagt er. »Aber wenn ich nicht einmal essen kann, welchen Sinn hat das noch?«

Was die aktuelle Krise besonders gravierend macht, ist ihre Unsichtbarkeit. Es gibt keine dramatischen Engpässe, keine offiziellen Notstandserklärungen. Stattdessen vollzieht sie sich still – in Form von ausgelassenen Mahlzeiten und leerbleibenden Gasflaschen, in Familien, die ihr Auskommen bis an die Grenzen (und teils darüber hinaus) ausreizen.

In Haushalten wie dem von Parveena hält die Unsicherheit an. In ganz Indien, in tausenden Küchen, steht ein und dieselbe Frage im Raum. Für Millionen von Haushalten der Arbeiterklasse ist das Problem nicht abstrakt; es betrifft sie unmittelbar, alltäglich und wird von Kräften bestimmt, die weit über die eigenen Lebenswelten hinausreichen. Diese eine Frage lautet: Können wir heute kochen?

Sajad Hameed ist Fotojournalist und berichtet aus Indien über Menschenrechte, Politik und Technologie in Südasien.

Rehan Qayoom Mir ist freier Journalist in Kaschmir, von wo er seit vier Jahren berichtet.