05. April 2026
Monarchistische und kriegstreiberische Exil-Iraner wurden im Westen zu Stimmen der Zivilgesellschaft stilisiert. Dabei wissen viele Menschen vor Ort besser, dass nicht Krieg und Tod, sondern Frieden und Leben die Grundlage für Demokratie und Freiheit sind.

In Teheran trauert eine Frau über den Verlust eines Angehörigen.
Der Angriff auf den Iran markiert einen historischen Moment: Entweder bleibt Politik an ethische Grenzen gebunden oder Gewalt wird zur Norm. Über die Krise des Lebens im Iran ist noch immer nicht viel bekannt. Bereits am ersten Tag des Krieges wurde der Zugang zum Internet für die iranische Bevölkerung durch die Regierung massiv eingeschränkt. Stattdessen wurden im Westen sogenannte Exil-Iraner gewissermaßen als Vertreter der öffentlichen Meinung betrachtet.
Dabei handelt es sich um Gruppen, die im letzten Jahrzehnt eine starke Neigung zu Monarchismus, Kriegstreiberei und Rechtsextremismus entwickelt haben. Ihre Aktivitäten spielten eine unbestreitbare Rolle bei der Unterstützung der Kriegskampagne der USA und Israels; darunter auch die große Kundgebung am 14. Februar, zwei Wochen vor Kriegsbeginn, vor der Münchner Sicherheitskonferenz, bei der der kriegstreiberische Republikanische US-Senator Lindsey Graham sprach.
Das Interesse der USA, vom iranischen Öl und Gas zu profitieren, sowie das Ziel Israels, einen »Neuen Nahen Osten« zu schaffen, wurden als »Hilfe« für die iranische Bevölkerung verkauft. Bilder eines regelrechten Freudenkarnevals und des Dankes an Trump und Netanjahu für den Angriff auf den Iran verbreiteten sich rasch und wurden als »Meinung der Iraner« dargestellt. Parallel dazu wurde in den deutschen Leitmedien ein Narrativ produziert, das im Titel eines Artikels der FAZ auf den Punkt gebracht wurde: »Sie sind glücklich über diesen Krieg«. Eine Schauspielerin im ZDF erklärte: »Die Iraner haben zwar Angst vor den Bomben, aber noch mehr haben sie Angst davor, dass das Bombardement aufhört.«
»Die Illusion der Kriegstreiber, man könne ›die Regierung‹ präzise von ›dem Land‹ trennen und ›das System‹ treffen, ohne ›die Gesellschaft‹ zu schädigen, ist rasch widerlegt worden.«
Doch der Iran ist eine große Gesellschaft mit einer enormen ethnisch-religiösen Vielfalt und mit Menschen, die sehr unterschiedliche Ansichten über Innen- und Außenpolitik vertreten. Der Satz des rechten Staatstheoretikers Carl Schmitt – »Wer Menschheit sagt, will betrügen« – trifft auf den Iran in besonderem Maße zu. Dieses Narrativ war nichts weiter als eine Verschleierung des unbeschreiblichen Leids, das sich im Iran abspielt. Ich selbst verfolge in sozialen Netzwerken einige zivilgesellschaftliche Aktivisten im Iran, die in den vergangenen Jahren für die Freiheit der Gesellschaft gekämpft haben oder sogar jahrelang inhaftiert waren. Doch heute werden sie weder in westlichen Medien noch in den staatlichen iranischen Medien ernsthaft gehört.
Sechs Tage nach Kriegsbeginn schrieb der iranische Ökonom Mohammad Maljoo in einem kurzen Beitrag, dass es ihm mit Mühe gelungen sei, einen Weg ins Internet zu finden – wobei »diese dünne Verbindung jederzeit reißen kann«. Die Bomben fallen auf Menschen, die jahrelang im Schatten einer »politischen Sackgasse« gelebt haben. Der militärische Angriff auf das Land stellt in einer »vom Autoritarismus erschöpften« Gesellschaft eine grundlegende Frage: Wie lässt sich trotz des Drucks dreier Kräfte – der kriegstreibenden Diaspora, der Angriffe externer Staaten und des inneren Autoritarismus – eine eigenständige Position zur Verteidigung der Interessen und der Freiheit der Gesellschaft entwickeln?
Ein amerikanischer Freund schrieb mir, dieser Krieg erscheine den Menschen in seinem Land als »kompliziert«, weil sie glaubten, damit dem iranischen Volk zu helfen. Aus einer überheblichen westlichen Perspektive mag die Sache »kompliziert« erscheinen, doch die freien und kritischen Geister, denen ich im Iran begegnet bin, lehnen Krieg eindeutig ab. Für sie ist die Antikriegshaltung kein Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Abwägung, keine bloße politische Entscheidung und kein geopolitisches Interesse: Iran ist die Heimat von Millionen von Menschen, und gegen den Krieg zu sein ist ein »ethischer Pakt« mit den Opfern. Aus der Sicht, dass »nicht ein einziger Mensch mehr sterben darf«, ist kein politisches Ziel so wertvoll, dass es Menschenleben kosten dürfte – gerade wenn die Kriegstreiber in den westlichen Ländern von dieser »ungleichen Verteilung der Kosten des Krieges« profitieren. Die Philosophin Maryam Nasr schreibt: »Der Rauch steigt aus der Asche unserer Träume und der Tage unseres Lebens und unserer Kinder auf – und das nennt ihr ›Verluste‹.«
Der Angriff der USA und Israels auf den Iran verwandelte sich rasch in eine schrittweise Zerstörung urbaner Räume und wirtschaftlicher Infrastrukturen. Neben der Tötung Unschuldiger und der Zerstörung von Wohngebieten fürchten die Menschen im Iran heute den »Zusammenbruch lebensnotwendiger Netzwerke« und die Zerstörung der »produktiven Kapazitäten« des Landes. Das Vorgehen Israels samt seiner westlichen Verbündeten in Gaza zeigt, dass kein äußerer oder moralischer Grundsatz den Verheerungen dieses Krieges eine klare Grenze setzen kann. Die Menschen fragen sich fassungslos: Wird es wirklich dazu kommen? Niemand weiß es. Trumps Ankündigung, Kraftwerke im Iran ins Visier zu nehmen, ist eine Bedrohung des alltäglichen Lebens, eine Bedrohung für Krankenhäuser, Kommunikation, Versorgungsketten für Wasser, Nahrung und Medikamente. Letztlich droht der abrupte Zusammenbruch der wirtschaftlichen und sozialen Ordnung.
»Die Ablehnung von Krieg und die Ablehnung des Autoritarismus entspringen demselben Prinzip – dem Schutz des Rechts der Gesellschaft, ihren eigenen Willen zu verwirklichen.«
Die Frage der kritischen Infrastruktur macht die tiefe Verflechtung zwischen Staat und Gesellschaft sichtbar. Die Illusion der Kriegstreiber, man könne »die Regierung« präzise von »dem Land« trennen und »das System« treffen, ohne »die Gesellschaft« zu schädigen, ist rasch widerlegt worden. Diese künstliche Dichotomie ist keine politische Einstellung, sondern eine »moralische Flucht« vor der Verantwortung für den Tod vieler Menschen sowie die Zerstörung der schönsten Städte Westasiens – oder, wie Maljoo es formuliert, ein »Schminken des Todes mit dem Wort ›Befreiung‹«.
Inzwischen ist selbst westlichen Politikern offensichtlich geworden, dass der von der israelischen Regierung propagierte Traum eines »schnellen Regimewechsels« im Iran eine naive Illusion war, die nichts als menschliches Leid, zerstörte Infrastruktur und ein zerstörtes kulturelles Erbe zur Folge hat. Doch die sozialen Handlungen zivilgesellschaftlicher Akteure im Iran konnten nicht mit den groß angelegten Kampagnen der Kriegstreiber konkurrieren, um diese Illusion wirksam zu kritisieren und zurückzuweisen. Im Lärm der kollektiven Hysterie von Kriegstreibern und Autoritaristen werden Handlungsspielräume und Freiheiten nach und nach entzogen. So erodiert der Krieg parallel zur Zerstörung der materiellen Infrastruktur auch die sozialen Grundlagen der Gesellschaft.
Die Ablehnung des Krieges im Iran bedeutete jedoch nie eine Verteidigung der Machthaber. Im Gegenteil: Die Ablehnung von Krieg und die Ablehnung des Autoritarismus entspringen demselben Prinzip – dem Schutz des »Rechts der Gesellschaft«, ihren eigenen Willen zu verwirklichen, »weder hinter Gefängnismauern noch unter dem Dröhnen von Kampfjets«, so Maljoo.
Krieg und Autoritarismus sind beides Handlungsräume unkontrollierter Gewalt, die wirksame Beteiligung nahezu unmöglich machen. Unter dem Schatten von Tod und Zerstörung wird jede Diskussion über Freiheit bedeutungslos. Die Schriftstellerin Elham Rahmati formuliert es so: »Bevor ich Freiheit und Demokratie fordern kann, muss ich leben; es muss noch ein Land geben, dessen Selbstbestimmungsrecht ich einfordern kann. Ich will mich nicht ergeben. Ich will nicht in einem Iran leben, der ohne Widerstand besiegt wurde.«
»Die Zivilgesellschaft im Iran hat für ihre Rechte und Freiheiten gekämpft, ohne in die blutigen und ergebnislosen Projekte eines militärischen Regimewechsels zu geraten.«
Es überrascht daher nicht, dass weder die iranischen Kriegstreiber noch die Autoritaristen die selbstbestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen im Iran ernst nehmen. Von der Grünen Bewegung 2009 bis zur Mahsa-/Jina-Bewegung 2022 gelten diese für sie nicht als Momente kollektiven Bewusstseins, sondern als unnötige, unpatriotische und erfolglose Abweichungen. Doch interessierte Beobachterinnen und Teilnehmer wissen, wie sich die Zivilgesellschaft im Prozess dieser Bewegungen gewandelt, sich kontinuierlich einer radikalen inneren Kritik ausgesetzt und für ihre Rechte und Freiheiten gekämpft hat – ohne in die blutigen und ergebnislosen Projekte eines militärischen Regimewechsels zu geraten. Genau das ist es, was externe wie interne Kriegstreiber nicht verstehen.
Bleibt noch Hoffnung? Wer weiß schon, wie lange Teheran und die anderen vom Krieg gezeichneten Städte des Irans ihren »eigenen Möglichkeiten« treu bleiben und dem Druck standhalten können. Bislang zeichnen sich zwei Antworten ab: Der Soziologe Zia Nabavi vertraut auf die humane Dimension der Politik, auf das Streben nach Gemeinwohl und die Minderung von Leid. Sein Fachkollege Hesam Salamat hingegen findet Hoffnung in der Liebe zur Heimat und der Sorge um ihren Erhalt als »gemeinsame Welt«.
Doch hier in Deutschland verlangen beide Vorstellungen eine Neubestimmung. Lassen sie sich aus ihrem lokalen Kontext lösen und verallgemeinern? Menschen aus dem Iran wie ich, die außerhalb der geografischen Grenzen des Irans nach einem moralischen Begriff von Politik suchen, sehen sich zunächst mit dieser Frage konfrontiert. Sie richtet sich aber auch an das Gewissen all jener, die weltweit mit Sorge auf die Kriege im Nahen Osten blicken und deren Unruhe über steigende Benzinpreise oder unsicher gewordene Reiseziele hinausgeht. Ist es möglich, ein Verständnis von »Heimat« zu entwickeln, das nicht an nationale Zugehörigkeit gebunden ist – ein Verständnis, das neue Verbindungen schafft zwischen den unterdrückten Hoffnungen und dem Leiden der Menschen in Palästina, im Iran, in Kuba, in Deutschland und darüber hinaus? Der Krieg zwingt zur Entscheidung.
Saman Mahdevar ist Doktorand der Religionsphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt.