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19. Januar 2026

Nach Wochen der Gewalt klammert sich Irans Regierung an die Macht

Die Protestwelle im Iran, die sich an wirtschaftlichen Nöten entzündete, ist blutig vom Staat niedergeschlagen worden. Trotz ihres massiven Legitimitätsverlusts durch Krise und Repression behält die Islamische Republik bis auf weiteres die Kontrolle.

Auf dem Enghelab-Platz in Teheran wurde nach den Protesten der vergangenen Wochen ein Banner aufgehangen, das die Widerstandskraft der herrschenden Ordnung symbolisieren soll.

Auf dem Enghelab-Platz in Teheran wurde nach den Protesten der vergangenen Wochen ein Banner aufgehangen, das die Widerstandskraft der herrschenden Ordnung symbolisieren soll.

IMAGO / Anadolu Agency

Nach der blutigsten Repressionswelle in der Geschichte der Islamischen Republik Iran haben die Proteste seit ihrem Höhepunkt am vorvergangenen Donnerstagabend nachgelassen. Seit dem 8. und 9. Januar hatte es landesweit gewalttätige Ausschreitungen gegeben. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am 13. Januar, die iranischen Sicherheitskräfte hätten 2.000 Menschen getötet – eine Zahl, die laut einer »hochrangigen iranischen politischen Quelle«, die Amwaj.media zitiert, »der Realität nahekommt«.

Die Menschen im Iran befinden sich derzeit in einem Schockzustand. Viele plagen zwei große Ängste: die Angst vor einem weiteren Leben unter dem herrschenden Regime einerseits, und andererseits die Angst vor dem Vakuum, das an dessen Stelle treten könnte.

Aufgrund der anhaltenden Internetsperre und der weit verbreiteten Desinformation ist es nach wie vor äußerst schwierig, an verifizierbare Informationen zu gelangen. Es sind allerdings Aufnahmen aufgetaucht, die zeigen, wie iranische Sicherheitskräfte auf Demonstranten feuern und Frauen in den Kopf schießen; selbst die staatlichen Medien haben erstmals Videos über die Repression ausgestrahlt. Am 13. Januar wurde eine Sendung aus einer forensischen Einrichtung südlich von Teheran gesendet, in der dutzende gefüllte Leichensäcke zu sehen sind. Inzwischen wurde ein Identifizierungssystem eingerichtet: Über Bildschirme, auf denen Fotos der Gesichter der Toten angezeigt werden, können Familienangehörige die Leichen identifizieren und zur Beerdigung abholen.

»Als Grundnahrungsmittel geltende Produkte wie Hühner- und Lammfleisch oder Eier, die früher selbstverständlich waren, sind für Millionen Iranerinnen und Iraner unerschwinglich geworden.«

Die Führung in Teheran erklärt ihrerseits, Demonstranten hätten massive Brandstiftungen begangen sowie auf Sicherheitskräfte geschossen. Mehrere bekannte Geistliche und Beamte mutmaßten, dahinter stecke Israel. So hat der iranische Außenminister behauptet, Benjamin Netanjahu wolle die Proteste im Iran instrumentalisieren, um »die USA in neue Kriege zu verwickeln, die sie für ihn führen«. Das staatliche Fernsehen hat Aufnahmen von Überwachungskameras veröffentlicht, die Demonstranten mit Handfeuerwaffen und großen Messern zeigen, oder wie diese selbstgebastelte Bomben auf brennende Regierungs- und Militärgebäude sowie auf Moscheen werfen. Frühere Beamte der US-amerikanischen und israelischen Nachrichtendienste legten ihrerseits nahe, im Rahmen der Proteste könnten geheimdienstliche »Einflussoperationen« durchgeführt worden sein.

Die iranischen Justizbehörden kündigten an, man werde unverzüglich Gerichtsverfahren gegen festgenommene Demonstranten einleiten, die des Terrorismus beschuldigt werden. Die in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists News Agency (HRANA) berichtet, dass allein bis zum vorvergangenen Wochenende 18.434 Menschen festgenommen worden seien. Laut Angaben von Familienangehörigen der Verurteilten seien bereits Hinrichtungen angesetzt worden (obwohl US-Präsident Donald Trump behauptet, diese verhindert zu haben).

Am 13. Januar, zwei Tage nach der Niederschlagung der Proteste, forderte Trump die iranische Bevölkerung auf, die Aktionen wieder aufzunehmen: »PROTESTIERT WEITER – ÜBERNEHMT EURE INSTITUTIONEN!!!«, schrieb er in einem Social-Media-Post. Reza Pahlavi – der Sohn des früheren Shahs, der 1979 ins Exil geflohen war und mit iranischen Diaspora-Gruppen in westlichen Staaten zusammenarbeitet, um seinen Thron zurückzugewinnen – erklärte, Gebäude wie die staatlichen Medienhäuser seien »legitime Ziele«. Auf Social Media schrieb er am 11. Januar: »Regierungsangestellte und die Sicherheitskräfte haben immer die Möglichkeit, sich dem Volk anzuschließen.«

Die ökonomische Krise

Bei den Protesten, die am 28. Dezember bezeichnenderweise auf dem Teheraner Großbasar starteten, geht es in erster Linie um die ökonomischen Alltagsprobleme und -realitäten der normalen Iranerinnen und Iraner. Sie werfen der Regierung schlechte Führung, Missmanagement und Korruption vor.

Der Iran ist anfällig für Währungsschwankungen, wie sie zu Beginn der aktuellen Krise auftraten. Es ist kaum zu übersehen, wie verheerend sich die Sanktionen auf das Leben im Land ausgewirkt haben: Ein Staat, der in hohem Maße von Exportmärkten abhängig ist (insbesondere in Bezug auf Öl, aber auch auf den Export von Kupfer, Teppichen und Lebensmitteln), ist nahezu komplett vom Weltmarkt abgeschnitten.

Diese Isolation setzt die iranische Wirtschaft unter Druck. Sie ist heute gekennzeichnet durch die Mobilisierung und Nutzung von Sozialleistungen durch die Eliten des Landes, insbesondere über die sogenannten Bonyads: ebenso riesige wie undurchsichtige Wohltätigkeitsstiftungen, deren Stiftungsgelder zur Intervention in die iranische Marktwirtschaft verwendet werden. Die Eliten im Land nutzen dieses Geld nicht nur, um sich mit der Führung gut zu stellen, sondern konkurrieren traditionell auch untereinander, greifen in die Märkte ein und versuchen, ihnen nahestehende Industriezweige und Teile des Dienstleistungssektors zu stärken.

Die politische Ökonomie des heutigen iranischen Staates nahm ihre Form während des Iran-Irak-Krieges an, als die Regierung ein Sozialprogramm für die sogenannten Märtyrer-Familien ins Leben rief. Seitdem hat sich dieses Modell auf die gesamte iranische Gesellschaft ausgeweitet. Insbesondere Mitgliedern der Islamischen Revolutionsgarden sowie Angehörigen der Basidsch-Miliz werden zahlreiche Privilegien gewährt.

»Die iranische Elite hat keine Antworten auf die komplexen Probleme des Landes und ist ohnehin vorrangig mit dem Überleben der Islamischen Republik beschäftigt.«

Kurz gesagt: Das Sozialsystem dient den Eliten als Mittel, um die Gesellschaft für die eigenen ökonomischen, gesellschaftlichen oder auch militärischen Projekte zu mobilisieren. Inzwischen haben die durch Sanktionen verursachten Schocks aber zu einer massiven Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage geführt – Ärzte arbeiten als Taxifahrer, die iranische Arbeiterklasse ist verarmt. Als Grundnahrungsmittel geltende Produkte wie Hühner- und Lammfleisch oder Eier, die früher selbstverständlich waren, sind für Millionen Iranerinnen und Iraner unerschwinglich geworden.

Besonders betroffen sind junge Menschen. Viele können es sich schlicht nicht leisten, aus dem Elternhaus auszuziehen. »Die Leute, insbesondere die jungen, sind es leid, diese Sonderrolle einzunehmen, irgendwas zwischen Nordkorea und Kuba«, so der iranische Autor und Journalist Hooman Majd im Gespräch mit Jacobin. Gleichzeitig hat eine kleine Elite, eingebunden in Patronagenetzwerke, die mit staatlich unterstütztem Schmuggel in Verbindung stehen, Zugang zu importierten Waren und einer deutlich höheren Lebensqualität als der Rest der Bevölkerung. Dies hat zu massiver Unzufriedenheit gegenüber den Eliten des Landes geführt.

Präsident Massud Peseschkian versucht aktuell, trotz der schwierigen Finanzlage einen Haushalt zu verabschieden, der den ärmeren Bevölkerungsschichten zugutekommen würde. Doch der 2024 wiedergewählte Peseschkian ist der wohl schwächste Präsident in der Geschichte der Islamischen Republik. Sein reformistischer Block, der Entspannung gegenüber dem Westen befürwortet, ist unter den iranischen Eliten diskreditiert, weil es ihm nicht gelungen ist, während der Atomverhandlungen mit den Vereinigten Staaten eine Lockerung der Sanktionen zu erreichen (Trump war in seiner ersten Amtszeit 2018 aus dem Atomdeal mit dem Iran ausgestiegen und hatte die 2016 von Barack Obama aufgehobenen Sanktionen wieder eingeführt). Peseschkians vorgeschlagener Haushalt sieht eine erhebliche Steuererhöhung sowie Staatsgelder und Subventionen für einkommensschwache Haushalte vor. Wie der Polit-Kommentator Tariq Ali kürzlich schrieb, befindet sich der Präsident damit in einem Kampf gegen die »extrem korrupte islamische Oligarchie, die ständig auf der Suche nach mehr Geld ist«.

Schlimmer noch: Die bekanntesten Reformer im Land, Ex-Präsident Hassan Rohani (im Amt von 2013 bis 2021) und sein damaliger Außenminister Mohammed Dschawad Sarif, der Verhandlungsführer für den Atomdeal mit den USA, wurden möglicherweise verhaftet. Dies wird zumindest von politischen Hardlinern im Iran berichtet.

Überforderte Eliten

Die iranische Elite hat keine Antworten auf diese komplexen Probleme und ist ohnehin vorrangig mit dem Überleben der Islamischen Republik beschäftigt. Faktisch wird nach wie vor Krieg gegen Israel und die USA geführt, nachdem es im Juni 2025 nach iranischen Angriffen zu Attacken auf iranische militärische und zivile Einrichtungen kam, bei denen hochrangige Kader der Revolutionsgarden sowie Militäroffiziere und Atomwissenschaftler getötet wurden – sowie über 2.000 Zivilisten.

Im Iran scheint man mit Blick auf erneute Attacken nervös. »Lassen Sie mich das ganz deutlich sagen: Im Falle eines Angriffs auf den Iran werden die [von Israel] besetzten Gebiete sowie alle US-Stützpunkte und -Schiffe unser legitimes Ziel sein«, warnte jüngst Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf. Israel scheint seinerseits weniger auf einen forcierten Regime Change von außen denn auf einen Zusammenbruch des Regimes hinzuarbeiten, um den Iran als geostrategischen Rivalen zu eliminieren. Ob Israel überhaupt in der Lage wäre, einen weiteren Krieg zu beginnen, ist schwer zu sagen. In jedem Fall ist es auf teure Waffen aus den USA angewiesen. Das gilt nicht nur für Angriffe, sondern auch für die eigene Luftverteidigung, wie die iranischen Attacken im vergangenen Sommer verdeutlicht hatten, insbesondere in den letzten zwei Tagen des sogenannten Zwölftagekriegs.

Diese Konstellation macht die Zukunft äußerst ungewiss. Die meisten Iran-Analysten gehen davon aus, dass die herrschende Ordnung des Landes, gegebenenfalls in abgeschwächter Form, weiterbestehen wird. Grund für diese Prognose ist der Erfolg der Repression: In der aktuellen Krise scheint sie erneut funktioniert zu haben, genau wie 2009, 2017/18 und 2023. Allerdings übertrifft das Ausmaß der jüngsten Repressionswelle bei weitem das der vorherigen. Im Jahr 2009 beispielsweise, als die Grüne Bewegung eine existenzielle Krise für die Islamische Republik heraufbeschwor, wurden 30 bis 70 Menschen getötet.

»Den Protesten ist nicht gelungen, sich zu koordinieren und alternative Führungs­persönlichkeiten hervorzubringen. Fast fünfzig Jahre nach der Revolution fehlt es dem Iran an glaubwürdigen Führungsfiguren außerhalb des herrschenden Regimes.«

Die derzeitige Pattsituation ist allerdings auch darauf zurückzuführen, dass es den Protesten nicht gelungen ist, sich zu koordinieren und alternative Führungspersönlichkeiten hervorzubringen. Fast fünfzig Jahre nach der Revolution fehlt es dem Iran an glaubwürdigen Führungsfiguren außerhalb des herrschenden Regimes. Potenzielle Kandidaten für eine Übergangsregierung, die für viele Iraner (und die USA) akzeptabel wären, wie Mostafa Tajzadeh, ein ehemaliger Journalist und Innenminister unter dem gemäßigten Präsidenten Mohammad Chatami (1997–2005), oder Narges Mohammadi, eine Menschenrechtsaktivistin, die – obwohl sie keinerlei Wunsch geäußert hat, eine Führungsrolle zu übernehmen – sowohl im Iran als auch in Teilen der Diaspora als politisch glaubwürdige Figur angesehen wird, befinden sich in einer gefährlichen Lage: Beide sind im politischen Trakt des Evin-Gefängnisses inhaftiert, das am 23. Juni 2025 auch Ziel eines besonders tödlichen Angriffs Israels war.

Inmitten dieses Chaos und dieser Unsicherheit scheint US-Präsident Trump trotz seiner Eskalation, der Attentate, Entführungen und Bombenschläge nicht daran interessiert zu sein, einen Regimewechsel im Iran ernsthaft voranzutreiben. Kein Wunder, denn dies würde unweigerlich das Leben von US-Soldaten kosten und damit seiner eigenen Position im America-First-Lager schaden. Angesichts dieser Gemengelage erscheinen weitere Repression und eine fortgeführte Herrschaft der iranischen Elite als das wahrscheinlichste Ergebnis der jüngsten Proteste.

Arron Reza Merat war Korrespondent in Teheran. Er lebt inzwischen in London.