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19. März 2026

Bitte befreit uns nicht!

Wer glaubt, mit Bomben von außen die Islamische Republik stürzen zu können, hat weder aus der Geschichte gelernt noch die iranische Gesellschaft verstanden. Denn Freiheit kann immer nur von innen kommen.

Anfang März wurde in Teheran ein Öl-Depot bombardiert.

Anfang März wurde in Teheran ein Öl-Depot bombardiert.

IMAGO / Middle East Images

Als im März 2003 eine Koalition westlicher Länder unter Führung der Vereinigten Staaten den Irak angriff, war ich Schüler in einer Kleinstadt im Westen des Iran. Ich erinnere mich an den Tag, an dem der Schulleiter bei der Morgenversammlung verkündete, wir müssten uns auf einen möglichen amerikanischen Angriff vorbereiten. Auch wir gehörten, so hieß es damals, zur »Achse des Bösen«. Ich lebte tagelang, monatelang – und es ist keine Übertreibung – jahrelang mit dieser Angst, bis sie schließlich Realität wurde. Heute sehe ich mit Sorge, wie im Westen erneut über einen Krieg gegen den Iran diskutiert wird. Denn ich weiß: Krieg trifft immer die gesamte Gesellschaft.

Der Krieg kam nicht plötzlich. Jahrelange Wirtschaftssanktionen haben der iranischen Bevölkerung enorme Härten auferlegt. Entgegen ihrer politischen Zielsetzung schwächten die Sanktionen nicht die Regierung, sondern vor allem die Mittelschicht. Die Niederschlagung der Proteste im Januar 2026 und der Ausbruch des Krieges im März desselben Jahres wirken wie die Eruption eines lange schwelenden Vulkans – mit der Gesellschaft als größter Verliererin.

In iranischen Städten fehlen Schutzräume ebenso wie wirksame Verteidigungssysteme. Laut der Menschenrechtsorganisation HRANA wurden bis zum Ende der zweiten Kriegswoche Tausende Menschen getötet und Millionen innerhalb des Landes vertrieben. Viele fliehen in andere Städte – sofern sie es sich leisten können, zumindest vorübergehend ohne Einkommen zu überleben. Über die Zahl der Verletzten oder das volle Ausmaß der materiellen und psychischen Schäden spricht derzeit kaum jemand.

Zivile Tote sind keine »Kollateralschäden«

Bei meinem letzten Kontakt mit meiner Familie in der Nähe von Teheran ging es nicht um Politik, sondern um eine Polizeistation in ihrer Nachbarschaft. Ihre Sorge: dass sie zum Ziel werden könnte. Dieses Muster ist im Iran längst vertraut. Zwar betonen Israel und die Vereinigten Staaten, sie würden ausschließlich militärische und staatliche Einrichtungen angreifen. Doch in dicht besiedelten Städten bedeutet die Zerstörung solcher Ziele fast immer auch die Zerstörung umliegender Wohngebäude – und den Tod Unbeteiligter.

Es wäre jedoch falsch, zivile Opfer lediglich als »Kollateralschäden« zu betrachten. Bei einem Angriff mit einer Drohne auf eine Grundschule in der kleinen südiranischen Stadt Minab wurden 110 Kinder getötet, da laut Reuters die Zielangaben nicht aktualisiert worden waren. Immer wieder zeigen Einzelfälle, wie ungenau und folgenreich solche Angriffe sind.

»Bei meinem letzten Kontakt mit meiner Familie in der Nähe von Teheran ging es nicht um Politik, sondern um eine Polizeistation in ihrer Nachbarschaft. Ihre Sorge: dass sie zum Ziel werden könnte.«

Die Katastrophe beschränkt sich nicht auf unmittelbare Kriegsschäden. Sie betrifft auch die Struktur der iranischen Gesellschaft selbst. Die oft im Westen vertretene klare Trennung zwischen Staat und Gesellschaft greift zu kurz. Hunderttausende junge Männer leisten ihren Militärdienst nicht aus Überzeugung, sondern aus Zwang. Gleichzeitig unterstützen Millionen Iranerinnen und Iraner weiterhin aktiv das politische System. So erhielt der radikale Kandidat Saeed Jalili bei den letzten Präsidentschaftswahlen rund 13 Millionen Stimmen. Diese Realität zeigt: Die Islamische Republik ist nicht einfach ein isoliertes Machtzentrum, das sich durch militärischen Druck beseitigen lässt. Ihre ideologischen Wurzeln reichen tief in Teile der Gesellschaft hinein. Wer das ignoriert, unterschätzt die Komplexität des Landes – und überschätzt die Wirkung militärischer »Lösungen«.

Wandel von innen

Gerade deshalb braucht es einen anderen Weg. Im Iran existiert bereits ein Beispiel für den gesellschaftlichen Wandel von innen: die Bewegung Frau, Leben, Freiheit. Sie hat über politische und soziale Grenzen hinweg Veränderungen angestoßen und gezeigt, dass Reformen aus der Gesellschaft selbst entstehen können. Wenn westliche Regierungen Demokratie und Menschenrechte im Iran unterstützen wollen, sollten sie daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Krieg, Sanktionen und äußerer Druck schwächen oft genau jene Kräfte, die für Veränderung stehen und stärken zugleich autoritäre Strukturen.

Die Lehren aus dem Irakkrieg sind deutlich: Der Versuch, Demokratie durch militärische Intervention zu erzwingen, führte zu jahrelanger Instabilität, Gewalt und neuen Konflikten. Ähnliche Dynamiken haben sich in Afghanistan und in Teilen der arabischen Welt gezeigt. Heute steht der Iran an einem gefährlichen Wendepunkt. Eine weitere Eskalation würde nicht nur das Land selbst destabilisieren, sondern auch weit über seine Grenzen hinaus Folgen haben. Umso wichtiger ist es, auf internationale Solidarität und auf die Kräfte innerhalb der iranischen Gesellschaft zu setzen.

Saman Mahdevar ist Doktorand der Religionsphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt.