25.09.2020

Jason Moore: »Diese Erde ist ein Sklavenschiff«

Jason Moores »Weltökologie« zeigt, wie die Zerstörung unseres Planeten in kapitalistischer, geschlechtlicher und kolonialer Gewalt wurzelt. Ein Gespräch über den Kampf zwischen Kapital und dem »Netz des Lebens«.

Die kapitalistische Aneignung der Natur gleicht einem ausbeuterischen Klassenverhältnis, so Jason Moore.

Die kapitalistische Aneignung der Natur gleicht einem ausbeuterischen Klassenverhältnis, so Jason Moore.

Unsplash/Ivars Krutainis.

Interview mit Jason Moore geführt von Michael Kleinod

Der weltökologische Ansatz des US-amerikanischen Sozialwissenschaftlers Jason W. Moore sorgt unter ökologisch Bewegten für Begeisterung und Kontroversen. Er will verständlich machen, wie die Zerstörung unseres Planeten mit dem globalen Kapitalismus, geschlechtlicher und kolonialer Herrschaft verbunden ist.

Mit dem Buch Entwertung – eine Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen hatten Moore und Raj Patel bereits 2018 eine kluge und leicht zugängliche Einführung seines Ansatzes der »Weltökologie« vorgelegt. Nun erschien letztes Jahr auch sein Hauptwerk unter dem Titel Kapitalismus im Lebensnetz – Ökologie und die Akkumulation des Kapitals auf Deutsch. Er erklärt, warum eskalierende Unberechenbarkeit das Zeichen unserer Zeit ist, und warum wir sowohl in kleinen Gemeinschaften handeln, als auch die große Politik in Angriff nehmen müssen.

Jason, bevor wir in Deine Arbeit einsteigen, erzähl uns doch wie Du dazu gekommen bist, über Kapitalismus und Natur nachzudenken.

Ich bin im Arbeitermilieu von Oregon im Nordwesten der USA aufgewachsen – ein interessanter Ort, was die Verbindungen zwischen Natur, Klasse und Kapital angeht. Als Teenager nahm ich einen heftigen Klassenkampf wahr und entwickelte ein Gespür dafür, wie die Arbeiterbewegung dabei war, geschlagen zu werden. Sie war zu schwach, um es mit der neoliberalen Konterrevolution aufzunehmen.

Gleichzeitig war Oregon in den 1980ern einer der Hotspots dessen, was ich »Environmentalism mit großem E« nenne, also einer Naturschutzbewegung, der es immer sehr stark darum ging, irgendetwas zu schützen – Bäume, Bienen, Eulen. Und mir wurde klar, dass dies eine völlig unproduktive Politik ist: stark orientiert an juristischen Maßnahmen, ausschließend, und sehr feindlich gegenüber Arbeiterinnen und Arbeitern.

Das dritte Puzzlestück ist, dass ich zu einer Zeit aufwuchs, als sich die Linke noch sehr stark dem Anti-Imperialismus verpflichtet fühlte. Der Vietnamkrieg war natürlich lange vorbei, aber die Bewegung gegen US-Imperialismus und Militärinterventionen in Zentralamerika war noch immer sehr robust.

Hinzu kommt das vielleicht wichtigste Moment in alledem: ich bin in den 1970ern und 1980ern mit einer alleinerziehenden arbeitenden Mutter aufgewachsen. Daher waren die Themen der feministischen politischen Ökonomie immer sehr präsent für mich, auch wenn ich das damals nicht so formulieren konnte. Wenn man also diese vier Momente zusammennimmt – eine Art traditioneller Klassenkampf, traditionelle Umweltpolitik, Anti-Imperialismus und feministische politische Ökonomie –, dann beginnt man die Umrisse meiner Politik und meiner Analyse im Buch zu erkennen.

Weltökologie ist keine Parteidoktrin. Es ist auch keine Theorie, obwohl Theorien daraus entstehen können. Es ist vielmehr eine Unterhaltung, die viele wichtige Stränge revolutionären und marxistischen Denkens zusammenbringt. Es ist der Versuch, die theoretische Auseinandersetzung mit Klassenkampf, Ausbeutung der Arbeitskraft und Kapitalakkumulation mit Fragen der Herrschaft, des Imperialismus, Rassismus und Sexismus zu verknüpfen. Das war eine gewaltige Trennlinie, über das gesamte letzte Jahrhundert radikaler Theorie und Praxis hinweg. Und die Weltökologie versucht nun, beides – Ausbeutung und Herrschaft – zu verweben. Und zwar indem sie in den Blick nimmt, wie sich der Kapitalismus durch das Netz des Lebens hindurch entwickelt. Also durch Natur als Ganzheit.

Warum heißt Dein Buch dann »Kapitalismus im Lebensnetz« und nicht »in der Natur«?

Vor allem in den reichen Ländern meint jeder zu wissen, was Natur heißt. Und zwar: Wald und Feld, die Vögel und die Bienen, Tiger und Gazellen. Das alles bedeutet zwar auch Natur, aber da ist so viel mehr! Die Erde kreist um die Sonne und das hat Auswirkungen auf das Klima. Es gibt eine ganze Reihe physikalischer und biologischer Kreisläufe und Prozesse, die vom Kapitalismus unabhängig sind, die über ihn hinausgehen und die ihn heutzutage immer stärker stören.

Dieses Skype-Interview hier ist selbst eine biophysikalische oder geophysikalische Beziehung. Irgendwie ist es ja immer einfach, in einem Reisbauern, der sein Feld kultiviert, ein ökologisches Verhältnis zu sehen. Bei einem Arbeiter in einer Autofabrik fällt einem das schwerer. Aber natürlich ist es bei beiden der Fall.

Die Natur als abstrakten Gegensatz zur Gesellschaft zu verstehen, ist eine moderne Erfindung. Das ist eine Idee der Ära Christopher Columbus' und der Aufklärung, von Philosophen wie René Descartes und Francis Bacon. Auch Eroberer und Kapitalisten waren an dieser Erfindung beteiligt, denn der Aufstieg des Kapitalismus spaltete die Wirklichkeit in die Sphären »Zivilisation« und »Natur«.

Und hierin liegt das schmutzige Geheimnis des Kapitalismus: Imperien, Kapitalisten, Priester und viele andere haben die überwiegende Mehrheit der Menschheit in den Bereich der Natur verschoben: Frauen, Indigene, Kelten, Slawen, Versklavte aus Afrika. Die große Frage war: Konnten die zivilisiert werden oder nicht? Diese Unterscheidung setzt sich heute fort zwischen der entwickelten und der unterentwickelten Welt.

Auch der angesprochene »Environmentalism mit großem E« will die Hälfte der Erde der »Natur« zuschlagen, als seien fünf Jahrhunderte der Enteignung nicht genug. Seit 1968 hat er versäumt, den Teufel beim Namen zu nennen: Wir leben nicht im Anthropozän, sondern im Kapitalozän. Wenn es ein Anthropozän gibt, dann ist es ein Zeitalter, in welchem manche Menschen die meisten anderen Menschen und den Rest der Natur in Profitmaschinen verwandelt haben. Wenn wir alle in einem Boot sitzen, dann ist es kein »Raumschiff Erde«, sondern ein »Sklavenschiff Erde«.

Es ist also wichtig, dass wir diese Doppelbedeutung von Natur verstehen. Eine ist die des Lebensnetzes. Und dann gibt es Natur als das, was ich »herrschende Abstraktion« nenne: eine Herrschaftsidee, die als normal, real und unumstritten angenommen wird. Das Kernargument meines Buches ist, dass wir die Geschichte des Menschen und der übrigen Natur in der langen Ära der kapitalistischen Entwicklung verstehen müssen, beginnend mit Kolumbus und der Invasion Amerikas.

Um das zu tun, führst Du ein zentrales Konzept ein: »Billige Natur«. Kannst Du das näher erklären?

Zunächst einmal geht es dabei nicht um niedrige Preise, sondern um Geringschätzung und Entwertung. Die Systeme der Herrschaft – zuallererst Rassismus, Sexismus und Imperialismus – extrahieren unbezahlte Arbeit und eignen sie sich an. Ich zitiere oft die großartige marxistische Feministin Maria Mies, wenn ich sage, dass es im Kapitalismus um die Aneignung unbezahlter Arbeit von »Frauen, Natur und Kolonien« geht.

Das ist wichtig, denn ohne die Riesenmenge unbezahlter Arbeit von Menschen und der übrigen Natur – das können Sklaven sein, Hausfrauen, Kleinbauern, Kohleminen, fruchtbare Böden – kommt der Kapitalismus in eine Krise. Zentral ist dabei das, was ich die »Billigen Vier« nenne: billige Arbeit, billige Nahrung, billige Energie und billiges Rohmaterial. Diese kommen von den Ressourcen-Grenzgebieten – also Regionen, die nicht von Markt- oder Geldverhältnissen dominiert werden; wo das, was Marx und Engels das Geldverhältnis nennen, minimal ist.

Ressourcen-Grenzgebiete sind Orte, an denen die riesigen Speicher der Lebensaktivität des Planeten mehr oder weniger kostenlos angeeignet werden. Sie sind also zentral für »Billige Natur«. Ein Fanal war die Eroberung Amerikas: Sobald die Spanier die karibischen Inseln erobert hatten, kamen genuesische Kapitalisten und errichteten Zuckerplantagen. Und diese Geschichte wiederholt sich seither, immer etwas anders.

Die Herausforderung für die kapitalistische Entwicklung besteht ja darin, dass mehr Reichtum in Form von Kapital produziert wird, als gewinnbringend re-investiert werden kann. Und in der Geschichte wurden immer wieder außergewöhnliche Profitmöglichkeiten durch die Aneignung »Billiger Natur« in den Grenzgebieten verwirklicht. Mein Argument über die Geschichte der großen Wellen kapitalistischer Expansion, Krise und Neustrukturierung ist im Kern dieses: Jede von ihnen – denken wir zum Beispiel an die Industrialisierung – hängt an den »Billigen Vier« aus den Grenzgebieten.

Und diese Grenzgebiete werden knapp. Zwar können wir heute nach Amazonien, Borneo, Sumatra oder unzählige andere Orte auf der Welt gehen und die Gewalt der »Billigen Natur« am Werk sehen. Aber Billigkeit, wie ich den Begriff verwende, ist ein relationales Konstrukt, keine exakte Beschreibung. Die Erschöpfung der Grenzgebiete besteht im Verhältnis zum Überschusskapital der Weltwirtschaft.

Mit anderen Worten sind Industrialisierung und Proletariat nur ein kleiner Teil des Akkumulationsprozesses?

Ich glaube, dass in der Analyse der historischen Möglichkeiten proletarischer Bewegungen etwas sehr Wichtiges steckt. Wir müssen aber auch verstehen, dass das Proletariat nicht die einzige Arbeiterklasse ist. Und mir ist klar, dass einige Marxisten jetzt herummäkeln werden, wenn ich das sage, aber ich werde es trotzdem sagen: Es gibt auch das, was ich »Femitariat« nenne – also vornehmlich weibliche unbezahlte Arbeit.

Und es gibt auch – hier bediene ich mich beim Lyriker Stephen Collis – ein »Biotariat«, das heißt die Arbeit des gesamten planetarischen Lebens, die angeeignet wird. Ich möchte also betonen, dass es nicht so ist, als gäbe es ein Proletariat und dann gibt es andere Beziehungen, die keine Klassenverhältnisse sind. Wir reden über so etwas wie Kapitalismus, weil es eine Klassengesellschaft ist. Also sind Klasse und Kapital das »Bindegewebe«, das Netze des Lebens mit menschlichen Systemen der Herrschaft – inklusive der Beherrschung nicht-menschlicher Natur – und mit menschlichen Systemen der Ausbeutung von Arbeitskraft zusammenbringt.

Das ist für revolutionäre Praxis strategisch wichtig und nicht bloß analytisch interessant, denn eine Strategie, die sich nur aufs Proletariat konzentriert, wird das Verhältnis zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit nicht angemessen verstehen. Denken wir an einen Industriearbeiter in einer Smartphone-Fabrik in China: Für jeden Dollar Mehrwert aus seiner Ausbeutung muss es einen weiteren Dollar oder mehr an unbezahlter Arbeit geben.

Diese kommt zunächst von Frauen in der sozialen Reproduktion, und noch mehr aus dem Netz des Lebens als Ganzem. Jeder Dollar, der um die Welt schwirrt, hängt also ab von vielen weiteren Dollars, die nicht gezählt werden dürfen. Die Arbeit von Frauen, Natur und Kolonien bleibt – im Interesse des Kapitals – weitgehend unrepräsentiert. Wenn wir diese Unverhältnismäßigkeit nicht fassen, wird die Linke unfähig sein, strategisch zu handeln.

Um direkt daran anzuknüpfen: Was hat Weltökologie zu post-kapitalistischen Entwürfen zu sagen?

Ich glaube, es gibt zwei Modelle oder Denkweisen. Ein Modell dieses Wandels ist so etwas wie die Französische Revolution, der Sturm auf die Bastille oder der Sturm aufs Winterpalais. Das andere ist: Lass uns Bauernmärkte organisieren, lass uns unsere Gemeinschaften kooperativer gestalten. Und dann drücken wir die Daumen, dass sich das über die Welt verbreiten wird, dass wir alle Hände halten und Lieder singen.

Ich glaube, es stecken starke, unverzichtbare Wahrheiten in beiden Modellen. Es gibt jedoch viele in der Linken, die Communities organisieren wollen, aber sich nicht in staatlicher Politik engagieren und umgekehrt. Und das ist eine Schwäche, die noch vergrößert wird durch all diese anderen Teilungen um Gender, Umwelt, Klasse, internationale Beziehungen.

Wir können diese Differenzen nicht einfach ignorieren. Wir müssen Netzwerke der Solidarität aufbauen, die willens sind, einen engagierten Pluralismus zu praktizieren. Das heißt nicht, dass alle immer allem zustimmen müssen. Wir sollten dennoch bereit sein, uns gegenseitig zuzuhören und in der Tradition von Solidarität und gegenseitiger Hilfe ein gemeinsames politisches Programm auszuarbeiten.

Und so können wir den Kapitalismus doch überwinden?

Nun, dabei ist auch zu bedenken, dass historisch der Übergang von einer Zivilisation und Produktionsweise zu einer anderen vor allem eine Frage des Zerfallens des Alten gewesen ist. Während man es durchlebt, wird man es nicht automatisch auch so wahrnehmen und denken: Ah, das war das Ende. Der Zerfall des Weströmischen Reiches endet nicht mit dem Knall der Plünderung Roms durch Alarich und die Goten im Jahr 410. Aber das ist Teil dieser Geschichte. Wir dürfen also nicht vergessen, dass wir in den nächsten 50 bis 100 Jahren sehr wahrscheinlich eine Auflösung des kapitalistischen Bindegewebes aus Macht, Wirtschaft und allem übrigen sehen werden.

Es ist eine Illusion, dass der Kapitalismus widerstandsfähig ist und diese Krise irgendwie überleben wird. Radikale Linke vertreten oft diese Position, aber sie haben kein historisches Argument dafür. Denn wenn wir uns frühere Krisen des Kapitalismus anschauen, verstehen wir, dass die Lösung der Krise ganz grundlegend von den Ressourcen-Grenzgebieten und neuer »Billiger Natur« abhing.

Außerdem sind auch Klimakrisen nicht neu. Die Klimakrisen der letzten zweitausend Jahre waren immer auch Perioden der Destabilisierung und politischer Möglichkeiten. Das trifft zu auf den Fall des Weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert mitten in einer Zeit, die als frühmittelalterliches Pessimum bezeichnet wird. Es trifft auch zu auf das feudale Europa im 14. Jahrhundert am Beginn der kleinen Eiszeit.

Der Grund, warum der Kapitalismus die Klimakrise des 17. Jahrhunderts in einer Weise überleben konnte, wie es dem feudalen Europa oder Westrom nicht möglich gewesen waren, war die Fähigkeit des kapitalistischen Europas, die Tropen erbarmungslos ins Visier zu nehmen. Und im Falle des europäischen Feudalismus setzten Klimawandel und Aufstände der Feudalherrschaft ein Ende, trotz aller Bemühungen seitens des feudalistischen 1 Prozents.

Eine ähnliche Umwälzung wäre also auch heute denkbar.

Wir haben heute eine Phase politischer Möglichkeit. Und die wird gegenseitige Hilfe und gemeinschaftsorientierte Kreativität enthalten, aber auch die Ausübung von Staatsgewalt. Wenn die Geschichte des letzten Jahrhunderts irgendetwas lehrt, dann die Bereitschaft der imperialistischen Mächte, einen totalen Krieg gegen jeden Herausforderer zu führen.

Kapitalismus wird oft als Wirtschaftssystem wahrgenommen und das stimmt ja auch. Wenn man aber nicht versteht, dass es strukturell abhängig war von großangelegter industrieller, finanzialisierter Militarisierung, von der Eroberung Granadas 1492 bis hin zum Dauerkrieg der USA im Mittleren Osten, dann hat man was übersehen.

Entweder Krieg, Invasion oder Drohung mit nuklearer Auslöschung waren auch die globalen Bedingungen, unter denen sich staatssozialistische Projekte wie in der Sowjetunion, in China, Korea, Vietnam oder Kuba – natürlich alle sehr komplex und problembehaftet – entwickelten. Wir müssen uns also im Klaren sein, dass das obere 1 Prozent der Welt nicht friedlich abtreten wird. Wer da irgendwelche Zweifel hat, sollte sich die 1970er anschauen, als etliche sozialdemokratische Projekte, die mit der Idee einer egalitäreren Gesellschaft und der Vergesellschaftung des Akkumulationsprozesses geliebäugelt hatten, im Handumdrehen abgesetzt wurden.

In den reichen Ländern passierte das oft durch alle möglichen schmutzigen Tricks im Hinterzimmer, aber im Süden, wie in Allendes Chile, auch durch reine Waffengewalt. Das ergibt eine sehr, sehr komplexe Geschichte, in der leichte Antworten unmöglich sind. Was mir Leute in den reichen Ländern nach meinen Vorträgen oft sagen, ist: Mein Gott, alles wird zusammenbrechen und dann gibt es noch nie dagewesene Gewalt. Und ich frage dann immer: Haben Sie sich die Weltgeschichte der letzten zweihundert Jahre einmal angeschaut?

Wie sieht dieser Zerfall des Alten aus weltökologischer Perspektive aus?

Ich schließe mein Buch mit einer Diskussion dessen, was ich negativen Wert nenne – also das Auftreten von selbstgemachten Problemen, die innerhalb des kapitalistischen Normalbetriebs im Grunde nicht mehr zu beheben sind. Ich nutze dafür den Ausdruck »Superweed«-Effekt. »Superweed« ist eine Art von Unkraut, das vor allem in Feldern mit genmanipuliertem Soja in Brasilien oder den USA auftritt und das kaum mit den herkömmlichen Mitteln der Unkrautbekämpfung beseitigt werden kann. Man versucht, es zu vernichten, und es gedeiht weiter. Die Antwort ist mehr Gift und geringere Produktivität, mehr Gift, höhere Kosten.

Das unterstreicht im Grunde eines der Zeichen unserer Zeit: eskalierende sozio-ökologische Unberechenbarkeit. Beim Versuch, Natur zu kontrollieren, gab es zwar aus Sicht der Kapitalakkumulation über die letzten fünf Jahrhunderte mehr Erfolge als Misserfolge. Der Kapitalismus ist aber weit entfernt davon, das Netz des Lebens in sich einzugliedern; er ist selbst eher eingebettet in ein Lebensnetz, das immer mehr revoltiert, das heißt es kann nicht mehr auf die gewohnte Weise kontrolliert werden.

Die Produktivität der Landwirtschaft und der Arbeit waren auf unterschiedliche Weise grundlegend für das Aufkommen des Kapitalismus. Doch in den letzten vier Jahrzehnten gab es keine neue industrielle Revolution, welche die Arbeitsproduktivität signifikant gesteigert hätte, dasselbe gilt für die landwirtschaftliche Produktivität, also die Herstellung von immer mehr Nahrung mit immer weniger Arbeit. Die Strategien der »Billigen Natur«, das heißt Natur für keine oder geringe Kosten arbeiten zu lassen, erzeugen heute einen katastrophalen Klimawandel, eine Biodiversitätskrise und eine langfristige Stagnation landwirtschaftlicher Produktivität. Im Unterschied zu früheren Klimakrisen ist die heutige kapitalogen, also vom Kapital gemacht.

Über die letzten drei bis vier Jahrzehnte hinweg haben Agronomen bereits etwas entdeckt, das sie »Ertragsminderung durch Klimawandel« nennen – und zwar bei den Grundpfeilern des kapitalistischen Nahrungssystems: Reis, Mais, Weizen und Soja. Es wird keine landwirtschaftlichen Revolutionen mehr geben, wie wir sie aus den letzten fünf Jahrhunderten kennen.

Das ist entscheidend, wenn wir über Kapitalismus als System unendlichen Wachstums sprechen. Es reicht nämlich nicht, mehr Geld zu drucken; es muss irgendwann auf die Herstellung von mehr Zeug hinauslaufen. Der Klimawandel hat diesem Modell ein Ende bereitet. Die heutigen politischen Krisen und geopolitischen Spannungen rühren von der Unfähigkeit her, der Krise der kapitalistischen Ökologie mittels Wachstum zu entkommen. Wir stecken in einer dieser Nullsummensituationen, wo es entweder heißt, das oberste 1 Prozent gewinnt und die 99 Prozent verlieren oder umgekehrt. Und wie Soziologinnen betonen, sind das klassische revolutionäre Situationen.

Über die Beteiligten

Jason Moore ist Professor für Soziologie mit Fokus auf Globalgeschichte und Weltökologie an der Binghamton University in New York, USA.

Michael Kleinod forscht an der Universität Bonn zu politischer Ökologie in Südostasien und marxistischer Sozialtheorie. Er ist Mitorganisator der World-Ecology Research Network (WERN) Conference, die aufgrund der Corona-Pandemie auf das kommende Jahr verschoben wurde. Weitere Informationen hier.

Die Textfassung des Interviews entstand in Zusammenarbeit mit Andrew Müller.

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