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08. Mai 2026

Wie Jeffrey Epstein Peter Thiel in Trumps Welt einführte

Peter Thiel ist heute einer der mächtigsten Strippenzieher der amerikanischen Rechten. Hunderte E-Mails zeigen: Sein Weg dorthin führte über Jeffrey Epstein, der ihn mit Trump-Vertrauten, Geheimdienstlern und ausländischen Machthabern vernetzte.

Als sich das Silicon Valley 2016 noch gegen Trump positionierte, sprach Peter Thiel schon auf der Republican National Convention.

Als sich das Silicon Valley 2016 noch gegen Trump positionierte, sprach Peter Thiel schon auf der Republican National Convention.

IMAGO / Newscom / AdMedia

Vor nicht allzu langer Zeit führte Peter Thiel ein von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschottetes Leben. Er legte so viel Wert auf seine Privatsphäre, dass er eine Klage anstrengte, um die Nachrichtenagentur zu ruinieren, die seine Homosexualität öffentlich gemacht hatte. Ein gutes Jahrzehnt später stellt sich der 58-Jährige nun enthusiastisch ins politische Rampenlicht.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich Thiel zu einem immer aktiveren und lautstarken rechten Großspender entwickelt. Von zentraler Bedeutung ist dabei seine enge, seit Jahren bestehende Beziehung zu seinem Ex-Mitarbeiter und persönlichen Schützling J. D. Vance, dem derzeitigen US-Vizepräsidenten und Donald Trumps voraussichtlichen Nachfolger als Vorsitzender der Republikanischen Partei. Vances politischer Aufstieg – zunächst in den Senat, dann in Trumps Gunst und schließlich in das Amt des Vizepräsidenten – wurde von Thiel finanziell ermöglicht. Erst vor einem Monat trafen sich die beiden Männer Berichten zufolge erneut zu einem privaten Abendessen in der Residenz des Vizepräsidenten.

Thiels enge Beziehung zu Vance und anderen jungen Rechtsradikalen stellt praktisch sicher, dass der Tech-Milliardär die Politikgestaltung in den USA noch viele Jahre lang prägen dürfte (oder auch Jahrzehnte, falls die Tech-Pläne zur Verlängerung seiner Lebensdauer aufgehen). Gleiches gilt – trotz seines mysteriösen Todes vor sieben Jahren – auch für Jeffrey Epstein: Private E-Mails zeigen, dass der pädophile Milliardär nicht nur eng mit Thiel befreundet war, sondern ihn vor allem zu seinem Engagement in der rechten Politik animierte.

Unter den Millionen von Epstein-bezogenen Dokumenten, die das US-amerikanische Justizministerium bislang veröffentlicht hat, befinden sich Hunderte E-Mail-Korrespondenzen zwischen Epstein und Thiel. Sie belegen eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden Männern. Als Gegenleistung für Epsteins Gefälligkeiten und Steuertipps lieferte Thiel Investment-Einblicke und diente gewissermaßen als Schutzschild für Epsteins Ruf. Als Thiel ein wachsendes Interesse an Geopolitik bekundete, begrüßte und förderte Epstein diese Neugier und arrangierte Treffen mit politischen Machthabern im In- und Ausland. Nachdem Thiel Teil der Trump-Wahlkampagne 2016 geworden war, ermutigte Epstein ihn, seinen Einfluss innerhalb der »Trumpworld« auszubauen, und zeigte ihm, wie er dies bewerkstelligen könnte.

Ähnlich wie bei seiner Freundschaft mit dem früheren Trump-Strategen Steve Bannon zeigen Epsteins E-Mails an Thiel das Geschick des verstorbenen Milliardärs, sich bei den Mächtigen und Einflussreichen einzuschmeicheln – insbesondere bei jenen, die im Weißen Haus seines ehemals »engsten Freundes« Trump Einfluss haben könnten. Im Falle Thiel hat Epstein Kontakte ermöglicht und ausgebaut, deren Auswirkungen in der gesamten politischen Landschaft noch lange zu spüren sein könnten.

»Ist Peter Thiel dabei?«

Es ist nicht klar, wann genau Epstein und Thiel Freunde wurden. E-Mails und eine 2026 veröffentlichte Audioaufnahme deuten darauf hin, dass die beiden im Februar 2013 noch keine Beziehung zueinander hatten. In der Aufnahme rät Epstein seinem Freund und damals scheidenden israelischen Verteidigungsminister Ehud Barak, mit Thiel und dessen Überwachungsunternehmen Palantir zu kooperieren.

Zu diesem Zeitpunkt war Thiel noch vor allem dafür bekannt, PayPal mitbegründet und später für 1,5 Milliarden Dollar an eBay verkauft zu haben. Zwischen August 2009 und November 2012 versuchte Epstein mindestens zehn separate Male erfolglos, Kontakt zu dem Tech-Milliardär aufzunehmen. Das belegen diverse E-Mails, die Jacobin für diesen Artikel gesichtet hat. Darüber hinaus boten Personen aus Epsteins Umfeld an, ein erstes Treffen der beiden zu arrangieren. Epsteins wichtigster Vermittler in dieser Frage war Ian Osborne, ein britischer ehemaliger Mittelsmann, der über gute Verbindungen im Silicon Valley verfügte und dort auch finanziell involviert war.

Die E-Mails deuten darauf hin, dass Epsteins Interesse an der Schaffung eines alternativen Finanzsystems ursprünglich ausschlaggebend dafür gewesen sein könnte, dass er mit Thiel in Kontakt treten wollte. In einem der frühesten Epstein-Dokumente, in dem Thiel erwähnt wird – einer E-Mail vom August 2009 an den Literaturagenten John Brockman, in dem Epstein diesen darum bittet, ein Treffen mit Thiel zu vermitteln –, betont Brockman, es brauche einen Grund für ein solches Treffen. Epsteins Antwort: »Idee ist jetzt, dass die Zeit für eine neue Finanz Alternative gekommen ist; genau damit hat PayPal angefangen.« [Anm.: Der Autor dieses Artikels hat Epsteins oft nahezu unverständliche Grammatik weitgehend korrigiert, sprachliche Eigenarten aber beibehalten.]

Der Informatiker und frühe KI-Enthusiast Ben Goertzel versuchte mit der Aussicht auf einen persönlichen Austausch mit Thiel Epstein im Oktober desselben Jahres zur Teilnahme am Singularity Summit (einem jährlichen Treffen von KI-/Superintelligenz-Fans) zu bewegen. Thiel wolle eine »eigene Währung außerhalb von nationalstaatlichen Rahmen einführen«, berichtete Goertzel an Epstein.

Epsteins Vision grenzte an das Absurde: Er erzählte einem Freund Jahre später, er sei der Ansicht, Facebook könne die Grundlage für dieses alternative Finanzsystem sein. In diesem System könnten Facebook-Freunde gewisse »Gefälligkeiten« austauschen. Epstein meinte das todernst und stellte Thiel die Idee Jahre später zwei Mal persönlich vor. Die Facebook-Idee schien mit Epsteins Interesse an Kryptowährungen zusammenzuhängen. Das geht auch aus einer E-Mail vom April 2016 an Thiel hervor, in der es darum geht, den vormaligen Obama-Wirtschaftsberater Larry Summers für das Vorhaben zu gewinnen: »Larry Summers wäre mit an Bord, um das Finanzsystem, digitale Währungen usw. zu überdenken. […] Er wird gemeinsam mit uns einen Plan ausarbeiten. Cool.«

»Thiel und Epstein pflegten einen umfangreichen Mailverkehr, trafen sich regelmäßig und telefonierten miteinander, arbeiteten bei Geschäftsprojekten zusammen und diskutierten über alles Erdenkliche, von Politik und Wissenschaft bis hin zu Investitionsmöglichkeiten.«

Epstein ließ sich nicht dadurch beirren, dass sich mehrere seiner Bekannten vom PayPal-Gründer alles andere als beeindruckt zeigten. Brockman warnte beispielsweise, Thiel zeige keinerlei Sympathie für die Demokratie; das Wahlrecht für Frauen und arme Menschen betrachte er als Fehler. Eine andere Kontaktperson erzählte Epstein, sie habe Thiel zwar einst interessant gefunden, nachdem sie ihn aber über Singularität habe sprechen hören, sei sie zu dem Schluss gekommen, dass er offenbar »überhaupt nicht wusste, wovon er sprach – und ich das Interesse verlor«. Epstein räumte ein, die meisten bekannten Singularitätsverfechter seien zwar »Spinner«, es gebe aber »hier und da einen Funken Wahrheit, wenn auch eher durch Zufall«.

Epstein und Thiel scheinen sich schließlich im März 2014 getroffen zu haben, dank eines weiteren Epstein-Bekannten aus der Tech-Szene: Reid Hoffman, den Osborne Epstein einst wenig charmant als »den Dicken von LinkedIn« betitelt hatte. Weitere E-Mails deuten darauf hin, dass Hoffman das Treffen zwischen den beiden Männern in seinem Haus arrangierte, offenbar auf Epsteins Drängen hin.

»Ist Peter Thiel dabei, wie bei deinem ersten Treffen?«, schrieb Epstein Hoffman zu Beginn des Monats in einer E-Mail. Eine gewisse Ungeduld ist kaum zu überlesen.

»Gibt dir meine schlechte Presse nicht zu denken?«

Nachdem die beiden Milliardäre zueinander gefunden hatten, schienen sie schnell enge Freunde zu werden. Thiel und Epstein pflegten einen umfangreichen Mailverkehr, trafen sich regelmäßig und telefonierten miteinander, arbeiteten bei Geschäftsprojekten zusammen und diskutierten über alles Erdenkliche, von Politik und Wissenschaft bis hin zu Investitionsmöglichkeiten. Ein gutes Beispiel ist ein Mail-Austausch über den Brexit, in dem Epstein sich über den bevorstehenden »Zusammenbruch« und die »Rückkehr zum Tribalismus« zu freuen scheint.

Als die Freundschaft wirklich eng wurde, lagen Epsteins Verbrechen gegen minderjährige Mädchen bereits einige Jahre zurück. Anfang 2015 hatte es allerdings erneut nationale und globalen Schlagzeilen gegeben, nachdem Prinz Andrew und Alan Dershowitz in einer Klage gegen Epstein genannt worden waren, in der ihm vorgeworfen wurde, einen Sexring mit Minderjährigen betrieben zu haben.

Etwa zwei Wochen, nachdem diese Klage weltweit für Aufsehen gesorgt hatte, schrieb Thiel Epstein eine E-Mail und teilte ihm mit, falls er es Ende des Monats nach Miami schaffe, werde er »auf deiner Insel vorbeischauen«. Acht Tage später – als sich die wenig schmeichelhaften Schlagzeilen und öffentlichen Anschuldigungen weiter häuften – fragte Epstein nach: »Gibt dir meine schlechte Presse nicht zu denken?« Thiel antwortete: »Wenn ich mich von schlechter Presse einschüchtern lassen würde, hätte ich im Leben nichts erreicht […] Aber ich hoffe, dass du durchhältst und dass der Hype nicht viel weiter geht.«

Offenbar ließ ihm das Ganze aber doch keine Ruhe: »Weißt du, ob dieser Medienrummel weiter eskalieren wird?«, fragte Thiel nur 18 Minuten später. »Es wäre [gut], sich irgendwann einmal über Strategien bei solchen Sachen auszutauschen…«

Zahlreiche Medienberichte über die Epstein Files belegen, dass es viele wohlhabende und einflussreiche Personen gab, die gewillt waren, Epsteins Verbrechen zu ignorieren, um eine freundschaftliche Beziehung zu ihm aufrechtzuerhalten. Doch nur wenige drückten aktiv ihr Mitgefühl angesichts der negativen Berichterstattung aus – einer Berichterstattung, in der es um nicht weniger als sexuelle Übergriffe Epsteins gegen Minderjährige ging. Noch weniger Menschen (wenn überhaupt jemand) baten ihn darum, die Lehren und Erkenntnisse für den Umgang mit öffentlichen Skandalen weiterzugeben, die er aus dieser unschönen Affäre gezogen hatte. In der besagten E-Mail-Konversation scheint Thiel indes beides zu tun.

Genau wie in seiner engen Freundschaft mit Steve Bannon überschüttete Epstein Thiel mit Großzügigkeit. Er schlug vor, Thiel in seinem Hubschrauber auf die Jungferninseln zu fliegen; bot an, ihn mit »dem besten Schlafmediziner in NY« in Kontakt zu bringen (O-Ton Epstein: »Ich möchte, dass du am Leben bleibst«); und er animierte und beriet Thiel beim Kauf eines Privatflugzeugs. Der Tech-Milliardär betonte seinerseits: »Wir sollten viel öfter was zusammen machen.«

»Thiel wurde bald zu einem der prominentesten Unterstützer Trumps.«

Zu Beginn ihrer Freundschaft schlug Epstein vor, mit Thiel oder einem seiner Berater zu sprechen, um ihm finanzielle Tipps zu geben: »Ich vermute, deine persönliche Steuererklärung könnte einige Anpassungen vertragen.« Thiel antwortete: »Ja, das wäre super.« Er bekräftigte einige Monate später: »Ich stelle dein Urteilsvermögen in Steuerfragen *niemals* in Frage.« Ein anderes Mal teilte Epstein Thiel mit, dass er bei einem Treffen mit dem Finanzministerium sowie offenbar mit dem obersten Rechtsberater der Steuerbehörde über Kryptowährungen sprechen würde. Epstein fragte Thiel, ob er Fragen habe, die er stellen solle.

Epstein bat seinerseits Thiel um Anlageberatung. Er stellte in einer Mail in Aussicht, ihm 50 bis 100 Millionen Dollar für Investitionen zur Verfügung zu stellen, was Thiel gerne akzeptierte: »Wenn dir jemand aus heiterem Himmel Geld anbietet, sollte man das immer annehmen :).« Thiel schlug vor, gemeinsam zu besprechen, wie man die Summe am besten anlegen könnte.

Epstein fragte Thiel auch nach dessen Meinung zu einem Angebot, in Spotify zu investieren, sowie zu den Aussichten einer Investition in Thiels eigenes Unternehmen Palantir. Einen Monat später arrangierte Thiel ein Treffen zwischen Epstein und seinen beiden Mitbegründern der Risikokapitalfirma Valar. Diese rieten dem verurteilten Sexualstraftäter, zwischen zehn und zwanzig Millionen Dollar in einen neuen Fonds zu investieren, den sie gerade gründeten. »Ich fand eure Einblicke in israelische Startup-Szene super«, schrieb Epstein Thiel an Heiligabend 2014.

Einige Monate zuvor hatte Thiels Geschäftspartner Blake Masters Epstein auf Thiels Bitte hin ein gedrucktes Exemplar des Buches, das die beiden Männer gemeinsam verfasst hatten, geschickt. »Ich weiß, dass er gerne erfahren würde, was Sie davon halten […] Es wäre toll, Sie irgendwann einmal in NYC zu treffen. Herzliche Grüße, Blake«, lautete die angehängte Nachricht. (Acht Jahre später sollte Masters in Arizona einen erfolglosen rechtsradikalen Wahlkampf führen, der Thiel 20 Millionen Dollar kostete.)

Bei einem Geschäftsvorhaben setzte Epstein auf seine gute Beziehung zu Thiel, um die rufschädigenden Auswirkungen seines Namens zu umgehen: In einem Mail-Austausch vom Juli 2018 überlegen Epstein und der Bitcoin-Entwickler Jeremy Rubin, wie Thiel in das Bitcoin-Mining-Startup Layer1 investieren könnte, ohne dabei die Verbindung zu Epstein preiszugeben. Rubin befürchtete: »Potenzielle Investoren, die deinen Namen googlen, könnten abgeschreckt werden (insbesondere wegen der Politik [in San Francisco]).« Als das Unternehmen sich weigerte, weiterzumachen, bevor man wisse, mit wem man sich genau einließ, wies Epstein Rubin an, nun doch die Wahrheit zu sagen und mitzuteilen: »Ich bin Großinvestor bei Thiel, sie können ihn fragen.« Rubin meldete erleichtert zurück: »Macht denen nichts aus, sie werden mit Thiel sprechen.«

»Spielst du noch schön mit Donald?«

Wie aus E-Mails hervorgeht, freute sich Epstein über Thiels wachsendes Interesse an der Politik. »Trump-Abgeordneter? Cool«, so Epstein in einer Mail einen Tag, nachdem Thiels Name im Mai 2016 in Wahlkampfunterlagen von Trump in Kalifornien aufgetaucht war.

Tatsächlich wurde Thiel bald zu einem der prominentesten Unterstützer Trumps. Diese Unterstützung erregte Aufmerksamkeit – nicht nur wegen Thiels sexueller Orientierung, sondern auch weil ihn die Nähe zu Trump zum Außenseiter im Silicon Valley machte, das damals im Allgemeinen noch als liberal und den Demokraten zugeneigt galt. Im Juli und August 2016, als Thiel unter anderem auf dem Parteitag der Republikaner eine Rede hielt, schickte Epstein ihm per Mail Lob und Zuspruch. Er bezeichnete Thiel gar als »Star«, fragte ihn aber auch, ob es nicht »Spaß macht, deine allgemeine Bekanntheit zu erhöhen«.

»Nicht wirklich […] das muss aufhören!«, lautete Thiels wenig überraschende Antwort: Zwar ist nicht klar, auf welchen Artikel sich Epstein genau bezog, doch sein Buchhalter Richard Kahn hatte ihm zwei Wochen zuvor einen mittlerweile berühmt-berüchtigten Bericht geschickt, in dem es hieß, Thiel finanziere ein Projekt zur Verlängerung seines Lebens. Dabei wolle er sich das Blut junger Menschen in seine Adern pumpen lassen.

Epstein schien darauf bedacht zu sein, sicherzustellen, dass sein neuer Freund Thiel den Einfluss bei seinem »alten Freund«, dem zukünftigen US-Präsidenten Trump, durch einen gemeinsamen Bekannten weiter ausbauen konnte: den Immobilieninvestor Tom Barrack, der letztendlich in beiden Amtszeiten Trumps eine Rolle spielen sollte.

»Weiß nicht, wie gut du Tom Barrack kennst, er ist großartig«, so Epstein in einer Mail an Thiel eine Woche vor dessen geplanter Rede am letzten Abend des Parteitags der Republikaner (übrigens direkt vor Barrack, der seinerseits der letzte Redner vor Trump war). Epstein fasste zum Thema Barrack zusammen: »Leitet Colony Capital. Solide, gutes Gespür für Immobilien. Donalds Spendensammler.«

Ein Mail-Austausch von Ende August desselben Jahres deutet dann darauf hin, dass Barrack und Thiel sich möglicherweise auf dem Parteitag kennengelernt haben. Das hatte Epstein Thiel dringend ans Herz gelegt, damit letzterer größeren Einfluss innerhalb der Trump-Welt gewinnen zu können. »Tom Barrack mochte dich sehr, hat mir vom Gespräch im Green Room erzählt«, schrieb Epstein im August an Thiel. Als Thiel fragte, ob Epstein sich Gedanken zum Wahlkampf mache, antwortete dieser: »Viele, und du solltest noch mehr drin sein. Damit deine Meinung berücksichtigt wird.« Auf Thiels Wunsch hin verlagerten die beiden ihre Konversation dann auf ein Telefongespräch per Signal.

»Über das Trump-Umfeld hinaus versuchte Epstein regelmäßig, Thiel mit einer Vielzahl einflussreicher politischer Akteure zusammenzubringen, häufig aus den Bereichen Außenpolitik und Nachrichtendienste.«

Einige Wochen später bot Epstein an, Thiel anzurufen, während Barrack bei ihm zu Besuch war. Mehrere Kalendereinträge aus Epsteins Computer verweisen wohl auf ein einstündiges Treffen im Oktober 2016, an dem womöglich alle drei Männer sowie eine weitere Person teilnahmen, bei der es sich vermutlich um den ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak handelte, einen weiteren engen Vertrauten Epsteins. Nach Trumps Wahlsieg im November 2016 wurde Thiel tatsächlich Mitglied des sogenannten Übergangsteams des designierten Präsidenten.

Epstein blieb weiterhin an einem anhaltenden Einfluss seines Freundes innerhalb der »Trumpworld« interessiert. »Spielst du noch schön mit Donald?«, fragte er Thiel sechs Monate nach Trumps Amtsantritt. Buchhalter Kahn hielt seinen Klienten Epstein regelmäßig über Neuigkeiten zu Thiel auf dem Laufenden. So leitete er beispielsweise am Tag der Amtseinführung 2017 einen CNBC-Beitrag an Epstein weiter, in dem kolportiert wurde, Trump wolle den PayPal-Gründer möglicherweise als US-Botschafter in Deutschland einsetzen.

Sieben Monate später schickte Kahn einen Buzzfeed-Artikel, in dem über wenig schmeichelhafte Kommentare berichtet wurde, die Thiel privat über die Regierung gemacht haben soll. »Schau diesen Buzzfeed. Sei vorsichtig!«, warnte Epstein Thiel noch am selben Tag. »Donald ist rachsüchtig. Gerade, wenn er darauf hingewiesen wird, dass er nicht der Klügste im Raum ist. Oder wenn das einfach nur offensichtlich wird.« »Ja, stimme zu... Ich rufe am Abend an, sorry für späte Rückmeldung«, so Thiels Antwort.

Von diesem Zeitpunkt an verhielt sich Thiel tatsächlich vorsichtiger. Seine öffentlichen Äußerungen über Trump und dessen Regierung waren ausnahmslos und dezidiert positiv – etwa als er Trumps häufige Lügen lediglich als »Übertreibungen der Wahrheit« verteidigte, die in der Politik ohnehin normal seien (»Ich mochte dein ›Trump übertreibt, aber lügt nicht‹«, lobte Epstein per E-Mail). Ende 2018 trat Thiel erneut als überaus großzügiger Spender für Trumps nächsten Präsidentschaftswahlkampf auf.

Der frühere »Svengali« des Präsidenten, Steve Bannon, war ein weiterer Trump-Insider, den Epstein versuchte, mit Thiel in Kontakt zu bringen. Bannons enge Beziehung zu dem verstorbenen Pädophilen war eine der aufsehenerregendsten Enthüllungen der ersten Files-Veröffentlichungen. Jüngst öffentlich gemachte Mails deuten darauf hin, dass Epsteins Bemühungen, sich bei Bannon einzuschmeicheln, schon früher begannen als bisher angenommen.

Laut einem E-Mail-Austausch vom November 2016 zwischen Kahn und Brock Pierce (einem Krypto-Investor, der Bannon einst als »meine rechte Hand seit etwa sieben Jahren« bezeichnet hatte) hatte Pierce Epsteins Buchhalter bezüglich der Kryptowährungsbörse Coinbase konsultiert. Kahn schrieb Pierce in einer E-Mail, Bannon solle »sich privat mit Jeffrey unterhalten«, da Epstein »bei weitem mehr über internationale Finanzen weiß als jeder in Trumps Team«. Pierce antwortete, er werde »daran arbeiten, uns alle zusammenzubringen«. Weitere E-Mails zeigen, dass Epstein seinen Buchhalter anwies, nachzufassen und vorzuschlagen, Thiel mit ins Boot zu holen. »Bitte setzen Sie sich mit Jeffrey in Verbindung, der auch Peter Thiel nahesteht«, schrieb Kahn pflichtbewusst in einer E-Mail an Pierce. »Jeffrey hält Peter für sehr klug und umsichtig.«

Nachdem Epstein sich mit Bannon zusammengetan hatte, um eine von Oligarchen finanzierte rechtspopulistische Bewegung zu schaffen, versuchte er mehrmals, Bannon und Thiel an einen Tisch zu bringen – und zumindest einmal könnte dies möglicherweise gelungen sein. Epstein schlug unter anderem vor, das Trio solle »eine Reaktion auf Kritik an den Steuersenkungen besprechen« – also Argumente ausarbeiten, um Darstellungen entgegenzuwirken, Trumps Steuerpolitik sei ein Geschenk für die Reichen.

Trotz all seiner Bemühungen, Thiel enger mit Trumps Umfeld zu verknüpfen, konnte Epstein dem Tech-Milliardär gegenüber auch abfällig sein. Als Larry Summers ihm kurz nach der Wahl 2016 per Mail eine Liste möglicher Kandidaten für das Amt des Finanzministers unter Trump schickte, klammerte Epstein seinen »guten Freund« kategorisch aus. In seiner Antwort an Summers fasste er knapp zusammen: »Peter Thiel autistisch, kein Gespür für Globales.«

»Viele interessante Leute«

Über das Trump-Umfeld hinaus versuchte Epstein regelmäßig, Thiel mit einer Vielzahl einflussreicher politischer Akteure zusammenzubringen, häufig aus den Bereichen Außenpolitik und Nachrichtendienste. Jacobin hat kürzlich bereits über Epsteins erfolgreiche Bemühungen berichtet, Thiel mit Ehud Barak in Kontakt zu setzen. Diese ersten Treffen führten letztlich zu einer Geschäftsbeziehung, die Thiels/Palantirs aktuelle Partnerschaft mit dem israelischen Militär vorwegnahm.

Doch es gab zahlreiche weitere Kontaktanbahnungen. So schien Epstein besonders darauf bedacht zu sein, Thiel mit Bill Burns zusammenzubringen. Der spätere CIA-Direktor befand sich zu diesem Zeitpunkt am Ende seiner Amtszeit als stellvertretender Außenminister unter Barack Obama. »Der beste und respektierteste Diplomat in der Reg. – solltest ihn kennenlernen. Hat die geheimen Iran-Gespräche geleitet, ein Jahr lang geheim gehalten und lange an den geheimsten Missionen mitgewirkt«, so Epstein zu Thiel. »Ich kann das arrangieren, wenn du verfügb.«

E-Mails zwischen Mai und Oktober 2014 deuten darauf hin, dass Epstein mindestens fünf Versuche unternahm, Thiel und Burns an einen Tisch zu bringen. Dazu gehörte ein für den 13. September geplantes Treffen, das der Diplomat laut einem SMS-Austausch in letzter Minute wegen beruflicher Verpflichtungen absagte. »Bitte richte Peter meine besten Grüße aus. Ich freue mich auf eine baldige Gelegenheit, uns wiederzusehen«, schrieb Burns in seiner Nachricht an Epstein. Bei einer anderen Gelegenheit brachte Epstein die beiden mit Burns’ Erlaubnis direkt miteinander in Kontakt. Er zeigte sich zuversichtlich: »Ihr zwei werdet euch gut verstehen.«

»Peter, ich freue mich auf das Treffen und entschuldige mich, dass ich letzten Monat nicht nach New York kommen konnte«, schrieb Burns drei Tage später in einer Mail an Thiel. Und: »Jeffrey, vielen Dank fürs Vorstellen.« Thiel antwortete: »Bill – ebenso von meiner Seite. Ich freue mich darauf, Sie persönlich kennenzulernen!«

»Schon heute erleben wir in Echtzeit, wie es aussieht, wenn ein Peter Thiel Interesse an Geopolitik hat und diese beeinflussen kann. So hat der Tech-Milliardär unter anderem den israelischen Genozid in Gaza direkt unterstützt sowie vehement verteidigt.«

Ein weiterer früherer Politiker der Demokratischen Partei, der an diesem Treffen teilnehmen sollte, war der pensionierte Senator Bob Kerrey. Epstein hatte Thiel ausdrücklich auf dessen frühere Rolle im Geheimdienstausschuss des Senats hingewiesen. Kerrey stimmte dem Treffen begeistert zu (»Ich denke, beide Termine passen, aber ich werde das noch einmal mit Jen abklären!«, antwortete er mit Verweis auf die Verwaltungsassistentin seiner Firma). »Ein Mittagessen mit Kerrey am Sonntag wäre großartig«, schrieb Thiel an Epstein.

Kathryn Ruemmler (»Ex-Rechtsberaterin von Obama, für fünf Jahre«, wie Epstein sie gegenüber Thiel bewarb) wurde ebenfalls zu einem Dinner mit Thiel an jenem Wochenende eingeladen. »Sie sollten sich kennenlernen«, schrieb Epstein an Ruemmler. »Vielleicht möchten einige Ihrer Freunde aus dem Geheimdienst ja auch teilnehmen«, mailte Epstein bezüglich eines weiteren vorgeschlagenen Treffens im Juni 2015 und spielte damit auf Ruemmlers mögliche Verbindungen in der Geheimdienstwelt an.

Epstein war ebenso bestrebt, Thiel Tom Pritzker vorzustellen, dem Hotel-Milliardär und Vorstandsvorsitzenden des außenpolitischen Thinktanks Center for Strategic and International Studies (CSIS). Epstein hatte schon zuvor versucht, Pritzker mit anderen Personen in seinem Zirkel zu vernetzen. Verbindendes Element war dabei meist die geteilte Abneigung gegenüber China. Epstein betonte gegenüber Thiel, Pritzker sei »ein guter Kontakt für dich«. Dabei stand die Falken-Haltung des CSIS 2019 noch im Widerspruch zu Thiels Überzeugung, dass »die USA eine weniger interventionistische Außenpolitik verfolgen sollten«. Epstein bemühte sich, die beiden direkt miteinander in Kontakt zu bringen (»habt Spaß«), während Thiel im Oktober 2014 Pritzkers Heimatstadt Chicago besuchte.

»Welche Menschen würden dir am meisten zusagen?«, fragte Epstein ein Jahr später in einer E-Mail an Thiel. »Europa, Naher Osten, Russland. Politik. Wissenschaft. Woo.« Thiels Antwort: »Bin dieses Jahr irgendwie von Politik besessen… russisch/europäisch immer interessant.«

Epstein unterstützte Thiels wachsendes Interesse an Politik, indem er versuchte, ihn einer ganzen Reihe ausländischer Regierungsvertreter vorzustellen; viele von ihnen aus Europa. Ein Jahr zuvor hatte er den ungewöhnlichen Schritt unternommen, Thiel direkt mit Sergei Beljakow in Kontakt zu bringen, einem ehemaligen russischen Beamten und Absolventen der Spionageakademie des Landes, der Epstein später mitteilte, Thiels Einblicke in Themen wie die russische Wirtschaft seien »sehr hilfreich« gewesen.

Und Beljakow war nicht der einzige russische Beamte: Epstein versuchte mehrmals, Thiel mit dem hochdekorierten und langjährigen russischen Diplomaten Witali Tschhurkin zusammenzubringen (»russischer Botschafter, superstark involviert, er und [Russlands Außenminister Sergei] Lawrow beherrschen alles«, wie Epstein es formulierte). Eine Anfrage gab es noch einen Monat vor Tschurkins Tod im Januar 2017. Ende September 2016 hatte Epstein an Thiel gemailt: »Schade, dass du nicht hier bist, Witally [sic] Tschurkin berichtet über Syrien. Es ist wild.«

Es ist unklar, ob ein Treffen mit Tschurkin, der bis zu seinem Tod als Ständiger Vertreter Russlands bei der UNO fungierte, jemals stattfand. Ein Terminkalender vom Oktober 2016 weist zumindest ein geplantes Mittagessen des Trios aus. An anderer Stelle, im Dezember 2017, teilte Epstein Maria Drokova, einer vom Kreml unterstützten Aktivistin, die zu einer prominenten Risikokapitalgeberin im Silicon Valley wurde, mit, sie könne auch Thiel treffen, wenn Epstein sie besuche. »Ich weiß durch seine Bücher und Reden von ihm«, antwortete sie. »Offenbar hat er jetzt ganz konkrete politische Pläne.«

Zu den weiteren europäischen Funktionären, mit denen Epstein Thiel in Kontakt zu bringen versuchte, gehörten langjährige Freunde und Geschäftspartner wie der norwegische Diplomat Terje Rød-Larsen, der slowakische konservative Politiker Miroslav Lajčák (»ein toller Freund, der Großes machen möchte«), den Epstein und Bannon als den zukünftigen Anführer des europäischen Arms von Bannons rechter Bewegung ansahen, sowie der damalige Generalsekretär des Europarats Thorbjørn Jagland (»Wenn du Europa willst […] Ich denke, er versteht die Realität vor Ort am besten. Und ich verspreche Diskretion«, so Epstein zu Thiel). Epstein versuchte mindestens viermal zwischen 2014 und 2017, Treffen zwischen Jagland und Thiel zu arrangieren.

Mindestens dreimal (2014, 2015 und 2018) lud Epstein Thiel genau in der Woche nach New York ein, in der die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UNGA) tagte. Dabei lockte er mit der Aussicht auf Treffen mit diversen einflussreichen Persönlichkeiten: »Außenminister«, viele der »Führer der Welt«, der »Vorsitzende des Nobelpreiskomitees, der bei mir zu Gast ist«. »Viele interessante Leute«, fasste Epstein im Zusammenhang mit der Generalversammlung 2018 zusammen. Thiel fragte er: »Was ist gerade dein Hauptfokus?«

»Jeffrey Epstein hat viele Jahre lang weitgehend unbemerkt unsere Welt mitgestaltet. Und möglicherweise gilt das auch über seinen Tod hinaus.«

Über Thiels bekundetes Interesse an der europäischen Politik hinaus versuchte Epstein zudem, ihn mit führenden Persönlichkeiten in Asien in Kontakt zu bringen: Der »Sultan aus Dubai«, womit wahrscheinlich der Geschäftsmann Sultan Ahmed bin Sulayem gemeint war; der damalige mongolische Präsident Tsachiagiin Elbegdordsch, der gerade an einem UN-Gipfel in New York teilnahm; »die Katarer« inklusive »Seiner Hoheit«; sowie Anil Ambani, ein indischer Geschäftsmann mit Verbindungen zur rechtsradikalen Regierung von Narendra Modi. Ende Mai 2017 legte Epstein Ambani und Thiel nahe, sich zu treffen.

Zu anderen Anlässen lockte Epstein mit der Möglichkeit, den »neuen Chef von DAVOS« (wie er es ausdrückte) zu sprechen. Damit meinte er den norwegischen Politiker Børge Brende, der gerade Präsident und CEO des Weltwirtschaftsforums geworden war (Brende ist übrigens vor zwei Monaten aufgrund seiner Verbindungen zu Epstein von diesen Posten zurückgetreten).

Als Epstein Thiel auf seine Ranch in New Mexico einlud, erwähnte er beiläufig, dass »nächste Woche auch einige Präsidenten« anwesend sein würden. Das Schöne an dem Treffen: »Hier gibt es meilenweit keine Menschen […] Keine neugierigen Ohren, nur Frieden und Ruhe.«

Eine Welt nach Epsteins Wünschen

Es lässt sich nicht genau sagen, inwieweit Epstein für Thiels zunehmendes Engagement in der Politik und in Trumps Umfeld verantwortlich war. Doch mit dem Wissen von 2026 können wir mit Sicherheit sagen, dass Epsteins Wunsch in Erfüllung gegangen ist: Thiels Beziehungen zu Trump als auch zu Vizepräsident Vance verschaffen ihm nun eine hervorragende Ausgangsposition, um die Republikanische Partei und künftige Präsidentschaften unter ihr mitzugestalten. Darüber hinaus könnte er in der Lage sein, die Vision umzusetzen, die er und Vance vor vielen Jahren ausgemalt hatten: die politische Machtübernahme durch eine Aristokratie aus rechten Wirtschaftseliten.

Schon heute erleben wir in Echtzeit, wie es aussieht, wenn ein Peter Thiel Interesse an Geopolitik hat und diese beeinflussen kann. So hat der Tech-Milliardär unter anderem den israelischen Genozid in Gaza direkt unterstützt sowie vehement verteidigt. Seine Firma orientiert sich an und hofft auf eine interventionistisch-kriegstreiberische Außenpolitik Washingtons. Jeffrey Epstein hat seinerseits viele Jahre lang weitgehend unbemerkt unsere Welt mitgestaltet. Und möglicherweise gilt das auch über seinen Tod hinaus.

Branko Marcetic ist Redakteur bei JACOBIN und Autor des Buchs »Yesterday’s Man: The Case Against Joe Biden«. Er lebt in Chicago, Illinois.