20. Februar 2026
Als Bürgerrechtsaktivist, Arbeiterkämpfer und Präsidentschaftskandidat prägte Jesse Jackson die US-Linke über Jahrzehnte. Jetzt ist er gestorben, doch sein Erbe lebt in einer gestärkten progressiven Bewegung weiter.

Jesse Jackson bei einem Wahlkampfauftritt in der Jefferson Street Missionary Baptist Church, Nashville, USA, am 22. April 1984.
Eines der bekanntesten Fotos von Martin Luther King Jr. zeigt ihn auf dem Balkon des Lorraine Motels in Memphis, Tennessee. Neben ihm stehen drei seiner engsten Vertrauten – Ralph Abernathy, Hosea Williams und Jesse Jackson. In der folgenden Nacht vom 4. April 1968 sollte King auf diesem Balkon ermordet werden. Jackson war einer von mehreren Mitarbeitern, die in dieser schicksalhaften Nacht mit King im Hotel waren.
Jesse Jackson war schon in jungen Jahren in Kings inneren Kreis aufgenommen worden. Nach Kings Tod betrachteten einige Jackson als den designierten Nachfolger des ermordeten Anführers, während andere ihn für zu jung, unerfahren und unbesonnen hielten, um Kings Erbe anzutreten. In den 1970er Jahren avancierte Jackson zum bekanntesten Schwarzen Aktivisten des Landes. Als er 1984 und 1988 bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei für das Präsidentenamt kandidierte, hatte er das Label »Bürgerrechtler« hinter sich gelassen und war zum bekanntesten progressiven Führer des Landes geworden. Er hatte eine ethnisch wie sozioökonomisch diverse Anhängerschaft, die er als »Regenbogenkoalition« bezeichnete.
»In späteren Interviews und Reden erinnerte Jackson sich, wie seine Mutter ihn zum ersten Mal an der Hand in den hinteren Teil eines Busses führte.«
Zwanzig Jahre später, 2008, wurde ein weiteres Foto zum Symbol für den langen Weg, den Jackson (und die Nation) zurückgelegt hatten. Es zeigt ihn im Grant Park in Chicago, wie er mit einer kleinen amerikanischen Flagge in der Hand und Tränen in den Augen Barack Obamas Rede in der Nacht seiner Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten lauscht. Das Foto bedurfte damals keiner Bildunterschrift: Jackson hatte den Weg für Obamas späteren Sieg geebnet.
Nochmals acht Jahre später (und dann erneut vier Jahre danach) übernahm Senator Bernie Sanders – ein langjähriger Unterstützer Jacksons, den Sanders noch aus seiner Zeit als Bürgermeister von Burlington, Vermont kannte – die Missionsarbeit Jacksons und führte seine eigenen turbulenten Präsidentschaftswahlkämpfe. In den vierzig Jahren zwischen der Ermordung Kings und der Wahl Obamas sowie in dem halben Jahrhundert zwischen dem Mord und Sanders’ Präsidentschaftskandidaturen spielte Jackson eine zentrale Rolle in der progressiven Politik der USA – als Initiator von Bewegungen, als Sprachrohr und als Kandidat für das höchste politische Amt des Landes. Am vergangenen Montag ist er im Alter von 84 Jahren verstorben.
Jackson wurde am 8. Oktober 1941 als Jesse Louis Burns im von der Segregation geprägten Greenville in South Carolina geboren. Seine Mutter Helen Burns, eine 16-jährige Highschool-Schülerin, war für ihre Sopranstimme bekannt. Sein Vater Noah Robinson, ein 33-jähriger Ex-Boxer, der nebenan wohnte, war mit einer anderen Frau verheiratet und kümmerte sich nicht um die Erziehung des kleinen Jesse. Als Jesse ein Jahr alt war, heiratete seine Mutter den Postbeamten Charles Henry Jackson. Dieser adoptierte Jesse später; und Jesse änderte schließlich seinen Nachnamen von Burns in Jackson.
Schon früh entwickelte er Hass auf die andauernde Segregation. In späteren Interviews und Reden erinnerte Jackson sich, wie seine Mutter ihn zum ersten Mal an der Hand in den hinteren Teil eines Busses führte. Er erinnerte sich auch, dass es in Claussens Bakery, wo er samstags arbeitete, zwei Wasserspender gab, einen für Weiße und einen für Schwarze.
Jackson besuchte die Sterling High School, eine segregierte Schule, wo er ein guter Schüler und Footballspieler war. Er schloss 1959 die Schule ab und ging mit einem Football-Stipendium an die University of Illinois. Nun lebte er erstmals außerhalb des Jim-Crow-geprägten Südens.
Während der Wintersemesterferien in seinem ersten Studienjahr kehrte Jackson nach Greenville zurück und ging in die »farbige« Zweigstelle der Stadtbibliothek, um Bücher für eine Hausarbeit auszuleihen. Die Bibliothek für Schwarze hatte die benötigten Bücher nicht, aber die Bibliothekarin sagte Jackson, in der ausschließlich Weißen vorbehaltenen Hauptbibliothek seien diese verfügbar. Sie rief ihren Kollegen in der Hauptbibliothek an, der ihr versicherte, er werde die Bücher dort für Jackson bereithalten. Jackson betrat die Bibliothek durch den Hintereingang – und sah sich mehreren Polizisten gegenüber, die mit dem Bibliothekar sprachen. Dieser teilte Jackson mit, es sei doch keines der gewünschten Bücher verfügbar, und die Polizei forderte ihn auf, die Weißen-Bibliothek sofort zu verlassen.
Draußen auf der Straße starrte der wütende und gedemütigte Jackson auf das Schild »Greenville Public Library« und weinte. Als er im nächsten Sommer aus Illinois zurückkehrte, veranstalteten er und sieben andere Studenten unter Anleitung des aktivistischen Pfarrers Reverend James Hall eine 40-minütige Sitzblockade in der Hauptbibliothek von Greenville. Sie wurden wegen ungebührlichen Verhaltens festgenommen und eine Dreiviertelstunde im lokalen Gefängnis inhaftiert, bis Hall eine Kaution hinterlegen konnte. Der Protest schaffte es bis in die Abendnachrichten des lokalen Fernsehsenders.
»Nachdem Jackson 1966 bei der Organisation von Demonstrationen gegen rassistische Diskriminierung durch Vermieter und Immobilienmakler mitgewirkt hatte, übertrug King ihm die Leitung der Chicagoer Operation Breadbasket.«
Frustriert darüber, dass er in Illinois nicht als Quarterback spielen durfte, wechselte Jackson zum North Carolina Agricultural and Technical College, einer historisch schwarz geprägten Hochschule. Obwohl der Campus eine Hochburg des Bürgerrechtsaktivismus war (tatsächlich hatten dortige Studentinnen und Studenten am 1. Februar 1960 das erste Sit-in an einem Restauranttresen initiiert) schloss sich Jackson der Bewegung zunächst nicht an und konzentrierte sich vielmehr auf seine akademischen und sportlichen Aktivitäten. Im Frühjahr 1963 jedoch warben führende Mitglieder der Campus-Sektion des Congress of Racial Equality Jackson – der inzwischen Studentensprecher und lokaler College-Footballstar war – für ihre geplante Protestaktion gegen die Segregation in den Geschäften der Innenstadt von Greensboro an. Als begabter Redner und charismatische Persönlichkeit wurde Jackson schnell zum Anführer der Demonstrationen für die Integration von Theatern und Kantinen. Bald wurde Jackson zum zweiten Mal in seinem Leben verhaftet, diesmal wegen »Anstiftung zum Aufruhr«.
Nach seinem Abschluss in Soziologie im Jahr 1964 besuchte Jackson die religiöse Hochschule Chicago Theological Seminary. Doch sein Interesse am Aktivismus gewann die Oberhand über sein Studium, und er brach es ab (wobei er 1968 doch noch zum Pfarrer geweiht wurde). Im März 1965 reiste er nach Selma, Alabama, um an den dortigen Bürgerrechtsmärschen teilzunehmen. In diesem Zuge traf er erstmals Martin Luther King Jr. und wurde bald als Organizer für die Southern Christian Leadership Conference (SCLC) angeheuert.
Nachdem Jackson 1966 bei der Organisation von Demonstrationen gegen rassistische Diskriminierung durch Vermieter und Immobilienmakler mitgewirkt hatte, übertrug King ihm die Leitung der Chicagoer Operation Breadbasket, einem Projekt der SCLC zur Verbesserung der Beschäftigungschancen für Schwarze. Innerhalb eines Jahres wurden mit dem Projekt 2.200 Jobs für Schwarze in von Weißen geführten Unternehmen erkämpft.
1967 wurde Jackson landesweiter Leiter von Operation Breadbasket. Um Vereinbarungen über faire Beschäftigungspraktiken zu erzielen, organisierte Jackson Proteste und Boykotte gegen Geschäfte, die stark von Schwarzen frequentiert wurden. Um negative Publicity zu vermeiden, unterzeichneten einige Unternehmen Vereinbarungen, mehr afroamerikanische Menschen einzustellen und mit Zulieferfirmen im Besitz von Schwarzen zusammenzuarbeiten. Konservative Kritiker verurteilten solche Vereinbarungen als »Erpressung«. Die Bürgerrechtsbewegung konnte ihrerseits auf eine lange Tradition solcher Boykotte aufbauen, beginnend mit der Kampagne »Kauft nicht dort, wo ihr nicht arbeiten könnt« aus den 1930er Jahren.
»Jackson hat mit seiner Arbeit den Grundstein gelegt für den Aufstieg von Sanders und anderen linken Politikerinnen und Politikern, mit denen sich das Establishment der Demokratischen Partei heute auseinandersetzen muss.«
Nach Kings Tod kam es zum Bruch zwischen Jackson und anderen Führungskräften der SCLC, die sich über seine Bekanntheit und Ambitionen verärgert zeigten. Jackson verließ die SCLC 1971 und gründete in Chicago Operation PUSH (People United to Serve Humanity). Er leitete die Organisation bis zu seiner Kandidatur für die US-Präsidentschaft 1984. PUSH baute auf Jacksons Strategie auf, mit Boykottdrohungen Druck auf Unternehmen auszuüben, Schwarze einzustellen beziehungsweise zu befördern sowie mit Schwarzen Unternehmen Geschäftsbeziehungen zu unterhalten. Die Organisation handelte entsprechende Deals mit zahlreichen Großkonzernen aus, darunter Coca-Cola, Anheuser-Busch, Southland Corporation, Heublein, Burger King und Seven Up.
Ende der 1970er Jahre war Jackson zu einer bekannten Persönlichkeit geworden und galt als wichtiger Fürsprecher progressiver Ansichten zu diversen politischen Themen. Er kritisierte die Attacken der Republikaner auf die Sozialausgaben und ihre Unterstützung für höhere Militärbudgets. Außerdem verknüpfte er die Kämpfe für Selbstbestimmung im Inland und global in einer universellen Botschaft von Solidarität, Menschenrechten und Selbstachtung. Er untermalte seine Reden immer wieder mit den Phrasen »I AM somebody« und »Keep hope alive«, um afroamerikanische US-Bürger zu motivieren, auf Gleichbehandlung zu drängen und rassistische Missstände zu bekämpfen.
Nach der Verabschiedung des Voting Rights Act von 1965 wurden tatsächlich mehr Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner in öffentliche Ämter gewählt. Weiße gewöhnten sich daran, Schwarze in einflussreichen Positionen zu sehen; und sie begannen auch, in größerer Zahl für Schwarze Kandidatinnen und Kandidaten zu stimmen. Angesichts dieser Dynamik begann Jackson langsam, über eine Kandidatur für das Präsidentenamt nachzudenken.
Jackson hatte bereits zuvor immer wieder Druck bei der Demokratischen Partei gemacht, inklusiver zu werden. 1972 schafften er und der Chicagoer Stadtrat William Singer beim Parteitag in Miami es, die Delegiertenliste von Richard Daley, dem Bürgermeister von Chicago, für Cook County auszutauschen und durch eine diversere Wahlliste zu ersetzen. Trotz aller Spannungen blieb Jackson aber ein loyaler Demokrat – obwohl einige Linke versuchten, ihn davon zu überzeugen, als Kandidat einer dritten Partei anzutreten. Im Jahr 1980 setzte er sich für Präsident Jimmy Carter in dessen erfolgloser Wiederwahlkampagne ein.
1983 hielt Jackson eine Rede, in der er den unzureichenden politischen Einfluss der Schwarzen und ihr Potenzial hervorhob. Dabei verwies er auf die Ergebnisse der letzten Präsidentschaftswahl: »[Ronald] Reagan gewann Alabama mit 17.500 Stimmen Vorsprung, aber es gab 272.000 nicht registrierte Schwarze. Er gewann Arkansas mit 5.000 Stimmen, bei 85.000 nicht registrierten Schwarzen. Er gewann Kentucky mit 17.800 Stimmen, bei 62.000 nicht registrierten Schwarzen. Die Zahlen zeigen, dass Reagan durch eine ungewöhnliche Allianz zwischen den Reichen und den registrierten [Wählerinnen und Wählern] gewonnen hat. Nun bricht aber eine andere Zeit an.«
Ein wachsender Teil der Führungsriege der Demokratischen Partei war Anfang der 1980er Jahre darauf fixiert, die weißen Mittelschicht-Wähler in den Vororten zurückzugewinnen und möglichst viele Wahlkampfspenden von Unternehmensverbänden zu erhalten. Jackson wollte hingegen den Rechtsruck der Partei und den wachsenden Einfluss ihres »zentristischen« Flügels eindämmen. Seine mitreißenden Reden auf den Parteitagen der Demokraten 1984 und 1988, in denen er seine progressive Vision skizzierte, verunsicherten die Parteispitze. Dort war man offensichtlich besorgt, Jacksons Bekanntheit könnte die eigene Attraktivität für unentschiedene oder Wechselwähler untergraben.
»Meine Wählerschaft sind die Verzweifelten, die Verdammten, die Entrechteten, die Missachteten und die Verschmähten«, erklärte Jackson auf dem Parteitag 1984. »Sie sind rastlos und dürsten nach Entlastung.« Jackson warb 1984 für Walter Mondale und vier Jahre später für Michael Dukakis und trug dazu bei, wieder mehr Wählerinnen und Wähler aus der Arbeiterklasse sowie mit Migrationshintergrund für die Demokraten zu gewinnen.
»Meine Wählerschaft sind die Verzweifelten, die Verdammten, die Entrechteten, die Missachteten und die Verschmähten.«
Bevor er 1984 seine eigene Präsidentschaftskampagne startete, half Jackson dabei, die Freilassung von Navy-Leutnant Robert O. Goodman Jr. aus einem syrischen Gefängnis zu erreichen, wo dieser nach dem Abschuss seines Flugzeugs inhaftiert war. Jackson erwirkte auch die Freilassung von 48 Gefangenen aus Kuba. Es waren die ersten seiner diplomatischen Bemühungen, mit denen er im Laufe der Zeit zum global wohl zweitberühmtesten Schwarzen US-Amerikaner hinter Muhammad Ali wurde.
Drei Wochen vor dem geplanten Start seiner Kampagne beging Jackson einen schwerwiegenden Fehler, der seine politische Karriere beinahe beendet hätte. In einem informellen Gespräch mit Schwarzen Journalisten verwendete er mehrmals die abwertenden Begriffe »Hymie« und »Hymietown« für die jüdische Bevölkerung von New York. Über diese Entgleisung berichtete zunächst die Washington Post. Im Laufe der kommenden Jahre entschuldigte Jackson sich mehrfach für seine Äußerungen.
Als er 1984 tatsächlich ankündigte, er werde bei den Vorwahlen der Demokraten für das Präsidentenamt kandidieren, trat er in die Fußstapfen von Shirley Chisholm, der ersten afroamerikanischen Abgeordneten im US-Repräsentantenhaus, die sich 1972 ebenfalls um die Nominierung für die Demokratische Partei beworben hatte.
Jacksons zwei Kandidaturen als potenzieller Kandidat der Demokraten waren erfolgreicher, als viele Fachleute prognostiziert hatten: 1984 gewann er 3,2 Millionen Stimmen bei den Vorwahlen – fast 20 Prozent der insgesamt abgegebenen Stimmen – und belegte damit den dritten Platz (hinter Walter Mondale und Gary Hart) unter acht Kandidaten. Dabei gewann er etwa 80 Prozent der Stimmen der Schwarzen Wählerschaft. Er trug dazu bei, dass sich zwei Millionen neue Wählerinnen und Wähler registrierten, darunter viele Schwarze, und gewann mehrere Primaries in südlichen Bundesstaaten mit einer großen Schwarzen Bevölkerung. Die hohe Wahlbeteiligung der Schwarzen trug auch dazu bei, dass weitere Demokraten in den Kongress gewählt wurden und die Partei 1986 die Mehrheit im Senat zurückeroberte.
Seine Arbeit für diese Mobilisierung verschaffte Jackson Einfluss als Machtfaktor innerhalb der Partei. Er überzeugte die Demokraten, ihre Regeln zu ändern, beispielsweise die Schwelle für das Gewinnen von Delegierten abzusenken sowie das Winner-takes-all-Verfahren bei internen Wahlen abzuschaffen. Dies ermöglichte es letztendlich Barack Obama, in den Primaries 2008 Hillary Clinton zu schlagen.
1988 war Jackson zu einem Politiker geworden, der sowohl die Schwarze Wählerschaft ansprach als auch die Unterstützung vieler Weißer gewann, insbesondere weißer Arbeiterinnen und Arbeiter, die durch Unternehmensfusionen und Outsourcing ihre Arbeitsplätze verloren hatten, sowie weiße Landwirte, die unter den steigenden Lebensmittelimporten aus dem Ausland litten. Er betonte immer wieder, alle Amerikanerinnen und Amerikaner müssten gleiche ökonomische Chancen erhalten und der übermäßige Einfluss der Großunternehmen eingeschränkt werden. Für ihn war klar: »Wenn Weiße beginnen, nach ihren ökonomischen Interessen und nicht nach rassistischen Ängsten zu wählen, und wenn Schwarze für ihre Hoffnungen und nicht aus Verzweiflung wählen, können wir Amerika verändern.«
»Die meisten armen Menschen sind nicht faul. Sie sind nicht schwarz. Sie sind nicht braun. Tatsächlich sind sie meist weiß, weiblich und jung.«
In seinen Reden zeigte sich nun eine klare und prägnante progressive Agenda zu diversen Themen wie Konzentration von Vermögen und Einkommen, Arbeitsplatzunsicherheit, Wohnen, Armut, Gesundheitsversorgung, Umwelt, Arbeiterrechte, rassistische Diskriminierung, Gleichberechtigung von Frauen, Rechte von Homosexuellen, Militarismus und die zentrale Bedeutung der Menschenrechte in der Außenpolitik. Er forderte bezahlten Familienurlaub, niedrigere Hürden für die Gründung von Gewerkschaften, die Anhebung des Mindestlohns und dessen Anpassung an die Inflation, gleiche Bezahlung für Frauen, globale Umwelt- und Arbeitsstandards sowie strengere Vorschriften, um der Gier und Rücksichtslosigkeit der US-Konzerne entgegenzuwirken.
Anfang 1988 kündigte der Automobilhersteller Chrysler die Schließung eines großen Montagewerks in Kenosha, Wisconsin, an. Zwei Wochen später organisierte Jackson eine Kundgebung vor dem Werk. Er kritisierte Chrysler: »Wir müssen den Fokus auf Kenosha, Wisconsin, richten. Hier und jetzt müssen wir eine Grenze ziehen; wir müssen der ökonomischen Gewalt ein Ende setzen.« Er verglich den Kampf der Arbeiter vor Ort mit dem der Bürgerrechtsbewegung. Die örtliche Gewerkschaftsgruppe der United Auto Workers stimmte dafür, Jackson zu unterstützen.
Jackson kritisierte weitere US-amerikanische multinationale Unternehmen, die Werke in Asien bauten und Arbeitsplätze ins Ausland verlagerten. Er argumentierte, die Schwäche der Gewerkschaften in Ländern der sogenannten Dritten Welt müsse als unfaire Handelspraxis angesehen werden. »Hören wir auf, Unternehmen zu fusionieren und Arbeiter rauszuschmeißen«, sagte er vor Gewerkschaftern auf deren Jahreskongress. »Lasst uns umdenken und wieder in Amerika investieren.« Die New York Times berichtete im November 1987: »Das überwiegend weiße Publikum jubelte Jesse Jackson zu – wie es heutzutage die meisten tun, egal ob schwarz oder weiß, wann immer er spricht.«
Er stellte Stereotypen in Frage, um Brücken zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen der USA zu schlagen. »Die meisten armen Menschen sind nicht faul. Sie sind nicht schwarz. Sie sind nicht braun. Tatsächlich sind sie meist weiß, weiblich und jung«, erinnerte Jackson. »Aber vollkommen egal, ob weiß, schwarz oder braun, der Bauch eines hungrigen Babys hat immer dieselbe Farbe – die Farbe des Schmerzes, die Farbe des Verletztseins, die Farbe der Qual. Die meisten armen Menschen beziehen keine Sozialhilfe. Sie arbeiten jeden Tag hart. Sie nehmen den ersten Bus am frühen Morgen. Sie ziehen die Kinder anderer Leute groß. Sie reinigen die Straßen. Sie riskieren ihr Leben beim Taxifahren. Sie beziehen die Betten, in denen Sie letzte Nacht im Hotel geschlafen haben. Und sie können keinen Tarifvertrag abschließen.«
»Seine beiden Wahlkampagnen führten zwar nicht zum Aufbau einer dauerhaften progressiven Organisation, aber zehntausende Freiwillige, insbesondere junge Menschen, sammelten erste Erfahrungen in Organizing und Mobilisierung.«
1988 war Jackson eine landesweit bekannte Persönlichkeit und einige Fachleute der Ansicht, dass er eine Chance haben könnte, von den Demokraten als Präsidentschaftskandidat nominiert zu werden. Dies wiederum beunruhigte die Parteiführung, die der Meinung war, dass ein eher gemäßigter Kandidat bessere Chancen hätte, den amtierenden Vizepräsidenten George H. W. Bush von den Republikanern zu besiegen.
Am 8. März, dem Super Tuesday, belegte Jackson in 16 der 21 Vorwahlen und Parteiversammlungen den ersten oder zweiten Platz. Letztendlich gewann er 13 Primaries und Versammlungen, verdoppelte seine Gesamtstimmenzahl auf sieben Millionen und erhielt 29 Prozent der Gesamtstimmen. Das reichte aber nur zum zweiten Platz hinter dem Gouverneur von Massachusetts, Michael Dukakis, der im November die Präsidentschaftswahl gegen Bush verlor.
Jackson hatte die Vorwahl in Michigan mit 55 Prozent der Stimmen gewonnen. Erneut erhielt er nahezu alle Stimmen der Schwarzen, aber auch 22 Prozent der Weißen in Connecticut und fast ein Viertel der Stimmen von weißen Wählern in Wisconsin. Nachwahlbefragungen ergaben, dass mehr als die Hälfte der weißen Wählerinnen und Wähler in Wisconsin Jackson positiv einschätzten. Insgesamt konnte er seine Unterstützung in der weißen Wählerschaft deutlich ausbauen. Dabei hatten etwa 40 Prozent der weißen Wähler, die Jackson 1988 unterstützten, vier Jahre zuvor noch für den Republikaner Ronald Reagan gestimmt. Offensichtlich ging seine Anziehungskraft über die Gruppe der weißen Liberalen hinaus.
Der Wahlkampf 1988 machte Jackson zu einer einflussreichen Persönlichkeit innerhalb der Demokratischen Partei. Seine beiden Wahlkampagnen führten zwar nicht zum Aufbau einer dauerhaften progressiven Organisation, aber zehntausende Freiwillige, insbesondere junge Menschen, sammelten erste Erfahrungen in Organizing und Mobilisierung und sollten später zu wichtigen Aktivisten in einem breiten Spektrum von Kampagnen sowie progressiven Organisationen werden.
1990 wählten die Menschen des District of Columbia Jackson zu ihrem Schatten-Senator. Das Amt, das er bis 1996 innehatte, war zwar nicht mit formeller Macht verbunden, aber Jackson nutzte es, um sich für die Anerkennung des District of Columbia als Bundesstaat sowie für mehr politische Repräsentation und Rechte für die Einwohnerinnen und Einwohner von Washington einzusetzen.
Jackson entschied sich 1992, nicht erneut für das Präsidentenamt zu kandidieren. Der spätere Präsident Bill Clinton ernannte Jackson zum Sonderbeauftragten für Afrika und verlieh ihm im Jahr 2000 die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der Nation.
»Jackson war wahrscheinlich bei mehr Streikposten zugegen und hat auf mehr Gewerkschaftsversammlungen gesprochen als jede andere Persönlichkeit des US-amerikanischen öffentlichen Lebens.«
Jackson reiste nach Asien, um sich über die Situation von Arbeiterinnen und Arbeitern in der japanischen Automobilindustrie und in Bekleidungsfabriken in Indonesien zu informieren. Er war als Vermittler in mehreren Geiselnahmen tätig; am bekanntesten ist wohl sein Einsatz für die Freilassung von hunderten Ausländern, die von Saddam Hussein in Kuwait festgehalten wurden.
Bis 2017, als er bekannt gab, dass er an Parkinson erkrankt war, blieb Jackson eine sichtbare Präsenz in der US-Politik. Selbst als sich seine Krankheit verschlimmerte, unternahm er immer noch gelegentliche Ausflüge in die Welt des Protests: 2021 gehörte er zu den Aktivisten, die in Washington verhaftet wurden, als sie gegen die Bemühungen der Republikanischen Partei protestierten, das Stimmrecht einzuschränken. Während des Wahlkampfs 2024 reiste er durch das ganze Land und rief junge Menschen auf, wählen zu gehen. Im vergangenen Jahr unterstützte er einen Boykott gegen den Einzelhändler Target, nachdem das Unternehmen sein Programm zur Förderung von Diversität, Gleichstellung und Inklusion (DEI) eingestellt hatte.
Jackson war wahrscheinlich bei mehr Streikposten zugegen und hat auf mehr Gewerkschaftsversammlungen gesprochen als jede andere Persönlichkeit des US-amerikanischen öffentlichen Lebens – zumindest, bis Bernie Sanders 2016 für das Präsidentenamt kandidierte. Jackson hat mit seiner Arbeit den Grundstein gelegt für den Aufstieg von Sanders und anderen linken Politikerinnen und Politikern, mit denen sich das Establishment der Demokratischen Partei heute auseinandersetzen muss und die letztlich dazu beitragen, die öffentliche Meinung und die Partei selbst in eine progressivere Richtung zu lenken.
Peter Dreier lehrt Politikwissenschaften am Occidental College in Los Angeles.