17. März 2026
Mit Jürgen Habermas ist mehr als nur ein Philosoph gestorben. Sein Festhalten an demokratischer Auseinandersetzung und einem wohlfahrtsstaatlich eingehegten Kapitalismus machten ihn zum personifizierten Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland.

Jürgen Habermas war ein beeindruckender akademischer Lehrer: streng, herausfordernd, darin aber auch anregend und aufmerksam.
Am 14. März 2026 ist Jürgen Habermas in Starnberg, seinem langjährigen Wohnsitz, gestorben. 96 Jahre wurde er alt. Geboren am 18. Juni 1929 in Düsseldorf und aufgewachsen in Gummersbach in einer Familie mit Nähe zum NS-Regime, gehörte er zu jener Generation, die dessen Untergang mitbekam, die Befreiung erlebte und dann das beengende Klima der Restauration erfahren musste – also den Mangel an Einsicht, das Beschweigen der begangenen Nazi-Verbrechen und das Fortbestehen autoritärer Haltungen unter einem formellen Demokratiebekenntnis.
Seine Generation wurde vor allem von rechter Seite als Flakhelfer-Generation bezeichnet. Sie galt als Produkt der Reeducation der US-amerikanischen Besatzungsmacht. Habermas betrachtete das nicht als Vorwurf, er verstand dessen reaktionäre Bedeutung, die darauf hinauslief, er wie andere seiner Generation seien von den Siegern einer anti-nationalen Gehirnwäsche unterzogen worden. Er schätzte die Westbindung, die Bindung an demokratische Verfahren, den amerikanischen Pragmatismus von Charles Sanders Peirce, George Herbert Mead oder John Dewey, dessen Bücher für sein Verständnis von Demokratie und Öffentlichkeit eine zentrale Bedeutung besaßen.
In den frühen 1950er Jahren kam Habermas von Bonn, wo er bei Erich Rothacker, der unter Hitler in Konkurrenz zu Martin Heidegger Wissenschaftsminister werden wollte, mit einer Studie über Schelling promoviert hatte, an das Institut für Sozialforschung der linken, jüdischen Exilanten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, um empirische Sozialforschung kennenzulernen. An Studien des Instituts über das politische Potenzial von Studierenden beteiligte er sich mit Aufsätzen, in denen sich schon Argumente seiner späteren Theorie vorbereitet finden.
Diese theoriepolitische Konstellation sollte sein Denken und seine Politik als Intellektueller prägen. Er bewegte sich zwischen der Kritischen Theorie in Frankfurt und dem eher konservativen Kreis um Rothacker, Hans-Georg Gadamer und Reinhart Koselleck. Das von ihnen getragene Archiv für Begriffsgeschichte war orientiert an der Wiederbelegung der geistesgeschichtlichen Tradition und der Hermeneutik. Es befasste sich – im Anschluss an Carl Schmitt – mit Forschungen über Öffentlichkeit.
In diesem Kontext entstand Habermas’ kritische Studie über den Strukturwandel der Öffentlichkeit. Aufgrund inhaltlicher Vorbehalte wollte Horkheimer Habermas nicht habilitieren, ihm war Habermas zu sehr am Vormärz orientiert. Das tat dann der Marxist Wolfgang Abendroth in Marburg. 1961 wurde Habermas in Heidelberg als Professor für Philosophie berufen. Nur wenige Jahre später, 1964, ging er als Nachfolger Horkheimers an die Universität Frankfurt und lehrte dort neben Philosophie auch Soziologie am Seminar des Instituts für Sozialforschung.
Politisch stand Habermas der Friedensbewegung und dem SDS nahe, diesen unterstützte er nach dem Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD. Auch die erste Phase der studentischen Protestbewegung fand in ihm einen engagierten Mitstreiter. Nicht zuletzt aufgrund dieser politischen Positionierung wurde er neben Adorno und Horkheimer als einer der intellektuellen Vordenker der studentischen Protestbewegung und führenden Vertreter der Kritischen Theorie angesehen.
Öffentlichkeit herstellen, diskutieren, etwas politisieren wurden zum kritischen Maßstab einer ganzen Generation, die sich gegen die manipulatorischen Praktiken der Springer-Presse und der Kulturindustrie wandte und sich von der Ausübung des »zwanglosen Zwangs des besseren Arguments« (Habermas) Aufklärung, dialogische Verflüssigung geronnener Institutionen, Veränderung der Mentalitäten und schließlich Herstellung herrschaftsfreier Verhältnisse erwartete.
Mit seinem Buch über Öffentlichkeit und den beiden Aufsatzsammlungen Theorie und Praxis und Erkenntnis und Interesse, mit seiner Rezeption des »lingustic turn«, des symbolischen Interaktionismus, der sinnverstehenden Soziologie, in der oft eigenwilligen Rezeption von Marx, Weber, Durkheim und in der kritischen Auseinandersetzung mit der Systemtheorie erarbeitete sich Habermas in einem breit angelegten Forschungsprogramm die Grundlagen seiner kritischen Gesellschaftstheorie und praktischen Philosophie.
»Habermas gilt als Vertreter der zweiten Generation der Kritischen Theorie, mit Adorno, Herbert Marcuse oder Leo Löwenthal war er befreundet. Doch wollte er diese Schule nicht fortsetzen.«
Wesentliche Teile seines Werkes richten sich kritisch gegen jene »Halbierung der Moderne«, wie sie seiner Diagnose zufolge in der bisherigen bürgerlichen Gesellschaft stattfindet, wenn einseitig die Effizienz funktionaler, systemischer Prozesse entfaltet wird und praktische Fragen danach, wie wir leben wollen und sollen, suspendiert werden. Damit machte Habermas Kontinuitäten verständlich, die vom Nationalsozialismus über den Institutionalismus Arnold Gehlens und Hans Freyers, den technokratischen Konservatismus früherer NS-Anhänger wie Helmut Schelsky bis zur Systemtheorie Niklas Luhmanns reichten.
Er kritisierte die komplementäre bürgerliche Praxis der künstlichen kompensatorischen Sinnbewirtschaftung durch Anrufungen von geschichtlichen Traditionen, Nation, Familie, Gemeinschaft, wie sie bei Autoren wie Hermann Lübbe, Odo Marquardt oder Ernst-Wolfgang Böckenförde verfolgt wurden, die die Erosion substanzieller Sittlichkeit beklagten. Beide modernitätskritischen Positionen verwarf er nicht, sondern praktizierte eine »rettende Kritik«, die diese Theoreme in eine zeitgemäß fortentwickelte kritischen Theorie integrieren sollte.
Kritische Theorie sollte nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus zu einem Verständnis von Philosophie und Wissenschaft beitragen, wonach diese nicht parteilich und aktivistisch sein sollten (»Deutsche Philosophie«, »Deutsche Physik«). Sie sollten aber auch nicht wertneutral sein und sich auf bloß technische Lösungen begrenzen, sich an pseudowissenschaftlichen Menschenexperimenten beteiligen oder gegenüber Demokratie eine distanzierte Haltung einnehmen.
Habermas’ Arbeiten waren bestimmt durch die Suche nach einer Überwindung dieser gegensätzlichen Anforderungen. Wie sein Hauptwerk Theorie des kommunikativen Handelns darlegt, fand er eine Lösung in dem inneren Zusammenhang von Öffentlichkeit und den Kommunikationsprozessen der natürlichen Sprechergemeinschaft. Hier, in der Lebenswelt, sollten die verselbständigten Funktionssysteme Wirtschaft und Staat immer wieder an die Einheit verständigungsorientierten Handelns zurückgebunden werden.
Habermas gilt als Vertreter der zweiten Generation der Kritischen Theorie, mit Adorno, Herbert Marcuse oder Leo Löwenthal war er befreundet. Doch wollte er diese Schule nicht fortsetzen. Das wurde 1971 auch durch seinen Wechsel von der Universität Frankfurt an das Max-Planck-Institut in Starnberg angezeigt. Weil er es aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung für überholt hielt, wechselte er von einem marxistischen Paradigma der Werttheorie und der gesellschaftlichen Arbeit zum Paradigma kommunikativ vermittelter Intersubjektivität als Vergesellschaftungsmodus.
So hat er eine eigene Form kritischer Theorie entwickelt und in immer neuen Anläufen zu einer diskursethischen Begründung moralischer Normen eine kantianisch orientierte Form der Moralphilosophie aktualisiert. Sein Demokratieverständnis ist prozedural: In Verfahren werden jeweils die Verfahren selbst, die Themen und die Akteure zum Gegenstand einer argumentativen Suche nach universalistischen Lösungen. Die Verfahren finden dabei Halt in der ihnen entgegenkommenden Mentalität des Verfassungspatriotismus.
»Dort, wo Habermas intellektuelle Tendenzen beobachtete, die seiner Ansicht nach den Stand normativer Errungenschaften und den Universalismus gefährdeten, zog er entschieden und oft feindselig-überzogen Grenzen.«
Sein Plädoyer für eine deliberative Demokratietheorie war aber nicht nur konsensorientiert. Habermas selbst war streitbar, etliche öffentliche Debatten, die für das Selbstverständnis der Bundesrepublik wichtig wurden, stieß er an oder mischte sich in sie ein. Auch seine Theorie kannte den Konflikt. Denn von der Lebenswelt aus sollte mit Argumentation, Protest und Aktionen des zivilen Ungehorsams öffentlich das politische System belagert werden, um in immer neuen demokratischen Korrekturen die dysfunktionalen Folgen des kapitalistischen Wirtschaftssystems und die kolonisierenden Folgen des Wohlfahrtsstaats, nämlich Konsumismus und Bürokratisierung, einzudämmen.
Dort, wo er intellektuelle Tendenzen beobachtete, die seiner Ansicht nach den Stand normativer Errungenschaften und den Universalismus gefährdeten, zog er entschieden und oft feindselig-überzogen Grenzen: mit der Kritik an der Linken, an den sozialen Bewegungen, an den Poststrukturalisten, ebenso mit der Kritik an den Jung- und Neokonservativen. Seine Theorie nahm auf der Basis universalistischer Normen, die er in die Verständigungsverhältnisse eingelagert sah, eine Art überparteilich-schiedsrichterliche Position ein, die die Erfolge eines demokratisierten wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus verteidigen wollte.
Durch eine europäische Verfassung sollte dieser auf eine nächsthöhere evolutionäre Stufe gehoben werden. Zudem sollten autoritäre Tendenzen, wie sie sich in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert immer wieder entwickelt hatten, eingehegt werden. Dass die Europäische Union gegen die rechten Tendenzen in Frankreich durch Macron, den Habermas öffentlich unterstützte, verteidigt werden sollte – einen Politiker, der neoliberale Politik exekutiert und deswegen den protestierenden »Gelbwesten« martialisch entgegentrat – zeigt ein Scheitern an, wie Habermas in seinen letzten Kommentaren feststellen musste.
Schon 1982, als sein Hauptwerk erschien, das den Wohlfahrtsstaat als den Höhepunkt gesellschaftlicher Evolution nachzuweisen versuchte, insofern in ihm das kommunikative Handeln selbst die universelle Gestalt einer demokratischen Gesellschaft annahm, erwies sich die Theorie als überholt. Sie hatte keine Begriffe für die stofflichen und wertförmigen Prozesse des Kapitalismus, für die gesellschaftliche Arbeit, die ökonomischen und ökologischen Krisendynamiken, die Veränderungen im Geschlechterverhältnis, für die Erfahrung der Migrationsgesellschaft.
Gerade der Universalismus des kommunikativen Handelns, das sich im kapitalistischen Wohlfahrtsstaat institutionalisieren sollte, stellte dabei eine Grenze dar. Seine Theorie stand für den Westen – feministische oder postkoloniale Einwände nahm er nur in der Form auf, dass sich die universalistischen Normen intern in den Protesten der Frauenbewegung oder den Traditionen der Kolonialisierten selbst finden lassen mussten. Habermas versuchte, Ansprüche auf Emanzipation, an die er nicht gedacht hatte, nachträglich noch in seine Theorie einzuarbeiten, um sie immer wieder universalistisch abzuschließen. Sie war immer weniger Gesellschaftstheorie und immer mehr dem moralphilosophischen Versuch verpflichtet, die universalistischen Normen noch einmal und besser zu begründen.
Seine Theorie hatte zu erfolgreich von Kapitalismustheorie auf Theorie der Moderne umgestellt und zu viele Bestände der Kritischen und Marxschen Theorie aufgegeben. Sie war zu gut gefügt, um noch korrekturfähig zu sein. Letztlich vertrat auch seine Theorie eine Spielart des Endes der Geschichte – natürlich nicht im empirischen, aber doch im normativen Sinn. Es geht ihr nicht um die Überwindung kapitalistischer Verhältnisse, sondern um die Herstellung der vollen Moderne: also die Entfaltung praktischer Diskurse, die die Funktionssysteme autonomieschonend zu steuern und Schäden der Lebenswelt abzuwenden wissen.
»Mit dem Tod von Jürgen Habermas ist mehr als nur eine Person oder ein Philosoph gestorben, eine historische Gestalt des gesellschaftlichen Selbstverständnisses ist an ein Ende gelangt.«
Habermas’ Universalismus und seine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte veranlassten ihn zu zweifelhaften bellizistischen Positionen, mit Blick auf die Unterstützung der Ukraine wirkte er mäßigend, die israelischen Kriegsverbrechen in Gaza beschwieg er. Für den internationalen Erfolg von Jürgen Habermas war das nicht entscheidend. Er stand für eine kritische Theorie, die auf politisches Handeln, auf Demokratie zielte. Sie versprach modernisierungswilligen Intellektuellen Anschluss an die Moderne, an industrielle Entwicklung und demokratische Zivilgesellschaft.
Habermas war ein beeindruckender akademischer Lehrer: streng, herausfordernd, darin aber auch anregend, aufmerksam. Er besaß eine unglaubliche Fähigkeit, Argumente schnell zu erkennen und zu rekonstruieren. In seiner Person, in seiner Diskussions- und Streitlust spiegelte sich für Jahrzehnte die Bundesrepublik. Er symbolisierte sowohl die konservativen als auch die progressiven Momente der deutschen Nachkriegsperiode. Er repräsentierte in Person, Theorie oder an Publikationsorten wie dem Suhrkamp Verlag oder der Zeit den linksliberalen wohlfahrtsstaatlich-demokratischen Kompromiss dieses Landes.
Deswegen ist es richtig, wenn er einmal öfter bei einer von vielen Preisverleihungen als der Philosoph der Bundesrepublik Deutschland gewürdigt wurde. Es ist singulär und außergewöhnlich, dass eine Gesellschaft sich so sehr im Denken einer Person auf den Begriff bringt. Mit dem Tod von Jürgen Habermas ist also mehr als nur eine Person oder ein Philosoph gestorben, eine historische Gestalt des gesellschaftlichen Selbstverständnisses ist an ein Ende gelangt.
Eine gekürzte Fassung dieses Artikels erschien zuerst bei nd.
Alex Demirović ist Philosoph und Sozialwissenschaftler. Er lehrte unter anderem an den Universitäten in Frankfurt am Main und Berlin und ist Mitglied im Vorstand der Rosa-Luxemburg-Stiftung.