13.09.2021

Kampf um die Normies

Der Alt-Right gelingt, woran die Linke bisher krachend scheitert: die Übernahme des Internets.

Illustrationen: Marie Schwab & Andy King.

Von Andy King

Übersetzung von Thomas Zimmermann

In Chatrooms gibt es keine Zeitzonen. Die monotone Folge der Benachrichtigungen reißt nie ab – die einen sagen gute Nacht, während andere gerade einchecken. Inmitten eines Stroms von anstößigen Memes und Klatsch und Tratsch aus der Videospielbranche versammelt sich eine heitere Horde von »Online-Kriegern«, um politische Strategie zu diskutieren. Geleitet wird das Gespräch von einem User, dessen Avatar ein errötendes japanisches Schulmädchen zeigt, das den Hitlergruß vollführt. Während er einen Plan skizziert, um die Facebook-Seite einer Abtreibungsklinik zu hacken und darüber eine Desinformationskampagne zu starten, feuern andere Kanalmitglieder ihn an, indem sie Twerk-GIFs posten. Er hat sich die Zeit genommen, in einem öffentlich zugänglichen Ordner ein Best-of antifeministischer Memes zusammenzustellen, und bittet die Teilnehmenden um Ergänzung. Ein Neuling unterbricht das Gespräch, indem er einen Link zu einem bekannten feministischen Twitter-Account postet, mit der Frage: »Kennen Feministinnen denn gar keine Grenzen? Sollen wir’s ihr zeigen, Jungs?« Doch der Organisator antwortet kühl: »Verschwende nicht deine Zeit damit. Die Linken werden sich gegenseitig auffressen.«

Obwohl die Alt-Right viel Zeit darauf verwendet, linke Aktivistinnen, Journalisten und Facebook-Gruppen zu belästigen, zu trollen und zu provozieren, liegt ihr Fokus stets auf der Mitte: Desinformationskampagnen haben in der Regel Vorrang vor dem »Triggern der Libs«, also der (Links-)Liberalen. Als sich ältere Generationen von Aktivistinnen gerade erst für Lolcat-Memes erwärmten, waren rechte Shitposter bereits dabei, Meme-Fabriken aufzubauen und frustrierte Teenager zu rekrutieren. Noch heute ist den meisten Menschen nicht bewusst, welche entscheidende Rolle die memetische Kriegsführung bei der Wahl von Trump und dem Wachstum der Identitären Bewegung in Europa gespielt hat. Für diejenigen, die dem Treiben von der Seitenlinie aus zusahen, war es hingegen keine Überraschung, dass aus einem motivierten und gut organisierten digitalen Mob von Hunderttausenden irgendwann ein physischer wurde.

Was sind Memes, wenn nicht unterhaltsame, demokratisch produzierte Propagandaposter? Sie sind unendlich variierbar und lassen sich kostenlos erstellen und verbreiten. Sie erfordern auch keine besonderen Fähigkeiten – es gibt zahlreiche Online-Generatoren für Meme-Vorlagen, etwa die Internetseiten Imgflip oder Kapwing. Mit ihrer Hilfe kann man sich die Energie sparen, im Regen auf Bürgersteigen zu stehen und Pamphlete voller akademischem Jargon und nostalgischen Karikaturen der Arbeiterklasse zu verteilen – eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass gut bezahlte Arbeitsplätze outgesourced worden sind und die Mehrheit der Beschäftigten heute im seelenlosen Dienstleistungssektor arbeitet.

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Verlorene Jugend

Verglichen mit klassisch-sozialistischen Darstellungen des fröhlichen Arbeiters ist das Bild des »Doomers« – die Alt-Right-Version des modernen Proletariers – näher an der unbarmherzigen Wirklichkeit. Der Doomer trägt einen Kapuzenpulli; er wird von Schulden erdrückt und ist entweder arbeitslos oder bei McDonalds angestellt. Er ist sich der systemischen Ungleichheit bewusst, hat die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aber aufgegeben; er kämpft nachts mit Schlaflosigkeit und Existenzängsten und trägt sein Schicksal mit einer Mischung aus Selbstmitleid und Stolz. Viele junge Menschen aus dem gesamten politischen Spektrum, deren Zukunftsaussichten durch eine Reihe von Krisen getrübt worden sind, können sich darin wiederfinden. Das Bild des Doomers wurde so populär, dass es eine eigene Subkultur hervorbrachte: den Doomerismus. Es gibt Doomer-Foren, Kunst, Memes, Merchandise sowie Spotify- und YouTube-Playlists, die eine seltsame Mischung aus sowjetischer Rockmusik, Doomjazz und melancholischem Krautrock spielen.



Der Doomer ist ein deprimierter Nihilist, romantisch erfolglos und ausgebrannt von der Gig Economy.

Der Erfolg der Rechten gründet auf ihrer Fähigkeit, Populärkultur und politische Ideologie nahtlos miteinander zu verbinden – in anderen Worten: Ihre Stärke liegt in der »Metapolitik«. Brenton Tarrant – der Rechtsterrorist, der 2019 in Neuseeland 51 Menschen ermordete – schrieb in seinem Manifest: »Erstellt Memes, postet Memes und verbreitet Memes. Memes haben mehr für die ethno-nationalistische Bewegung getan als jedes Manifest.« Wie die meisten jungen Faschisten wurde auch Tarrant im Internet radikalisiert; sein Statement strotzt vor rechtsradikalem Internet-Slang und obskuren Memes.

Allen Skeptikerinnen, die es für Übertreibung halten, wenn diese Armee digitaler Kreuzritter zum Beispiel behauptet, »Donald Trump ins Amt gememt« zu haben, sollte die Geschichte von Pizzagate zu denken geben. Dieser Verschwörungsmythos – der behauptet, Hillary Clinton sei Teil eines von wohlhabenden Eliten betriebenen Pädophilenrings – basiert nämlich auf einem Insider-Witz rechter Trolle. Bevor dieser Mythos das Licht der Welt erblickte, nutzte man in den für seine Entstehung verantwortlichen Online-Gemeinschaften »cheese pizza« (Käsepizza) als Slang für »child pornography« (Kinderpornographie). Als im Herbst 2016 durch einen Hack E-Mails von Clintons Wahlkampfleiter John Podesta öffentlich wurden, legten sich Anhänger von Donald Trump ins Zeug, um deren Inhalt zu analysieren und Informationen aufzuspüren, die die Demokraten diskreditieren könnten. In einigen der E-Mails erwähnte Podesta »Pizza-Partys« im Rahmen der Clinton-Kampagne. Umgehend wurden memefografische Lexikoneinträge aufgesetzt, die erklärten, der Begriff »Pizza« sei gängiger Pädophilenjargon. Das war er aber überhaupt nicht. Zwar existierte er in dieser Bedeutung schon vorher, jedoch fand er nur selten außerhalb von nischigen Online-Communities Verwendung – und selbst dort wurde er in erster Linie ironisch von Trollen eingesetzt, um andere für ihren Konsum von Junkfood und anstößiger Pornografie zu verspotten.



»Lone Warrior« (der einsame Krieger) ist ein beliebtes rechtes Meme-Motiv. Es zeigt eine Zukunft, die hätte sein können, wenn nur die Liberalen nicht wären. Rechte propagieren die Idee, Feministinnen hätten ihnen durch die Zerstörung traditioneller Hierarchien keine andere Wahl gelassen, als Online-Krieger zu werden. Mit dieser vermeintlichen Zwangslage rechtfertigen sie auch ihre gezielten Desinformationskampagnen.

Das Buch der linken Star-Ökonomin
Grace Blakeley auf Deutsch.

Das war nichts Neues unter dem Himmel – Trolle trollen nunmal. Das wirklich schockierende an der Pizzagate-Affäre ist, wie tief sie in das Mainstream-Bewusstsein eingedrungen ist. Eine im Dezember 2016 durchgeführte Yougov-Umfrage ergab, dass jeder dritte US-Amerikaner glaubte, die Podesta-E-Mails enthielten Beweise für die Existenz eines Pädophilenrings innerhalb der Clinton-Kampagne. Der neuere QAnon-Kult, der ein noch breiteres Publikum erreicht hat, ist nichts anderes als eine Neuauflage von Pizzagate. Er basiert ebenfalls auf den Podesta-E-Mails, entstand in denselben Online-Communities und wurde zunächst mithilfe von Memes über rechte Kanäle verbreitet. Die Querdenken-Bewegung ist ebenfalls mit QAnon verflochten – Deutschland ist das Land mit der größten QAnon-Gefolgschaft außerhalb des englischsprachigen Raums.

In der Mitte rechts abbiegen

Abgesehen von Lobbyarbeit konzentrieren sich die Rechten auf zwei Wege, um zu politischer Macht zu gelangen: das Gebären weißer Kinder und die massenhafte Bekehrung von Unentschlossenen. Politisierte Kinder auf die Welt zu bringen, ist zwar eine eher langfristige Strategie, jedoch bietet das Eintreten für eine Rückkehr zu traditionellen Familienstrukturen auch auf kurze Sicht erhebliche Vorteile. Unter den Bedingungen wachsender Desillusionierung über Online-Dating-Apps und der steigenden Einsamkeitsrate in der jungen Generation treffen die Rechten einen Nerv, indem sie lebensnahe Memes über verlorene Zukünfte und goldene Vergangenheiten verbreiten und Feministinnen für den Niedergang der Kernfamilie verantwortlich machen. Auf diese Weise gelingt es ihnen, den Argwohn gegenüber Tinder in einen allgemeinen Hass auf nicht-traditionelle Beziehungen und sexuelle Offenheit umzuwandeln, die man mit liberalen Werten assoziiert. Sie werben aktiv für rechte Influencer, die mit ihren Familien in idyllischen Vorstädten leben, und verbreiten Fotos hübscher »Tradwives« (sogenannter »traditioneller Frauen«). Zugleich betreiben sie Angstmache mithilfe von Memes über den »Großen Austausch« – einem Verschwörungsmythos, demzufolge »die Globalisten« einen geheimen Plan verfolgen, um weiße Mehrheitsgesellschaften durch Migration zu ersetzen.

Als Rekrutierungsfeld dienen mitunter Männer-Selbsthilfegruppen, deren Mitglieder oft alleinstehend und verzweifelt sind – seien es »NoFap«-Communities für Männer, die mit ihrer Pornosucht ringen, Fitness- und Diätforen oder auch Online-Hilfezentren bei Depression und Drogenmissbrauch. Jake Davison, der im August im englischen Plymouth fünf Menschen tötete, begründete die Tat mit seiner Unfähigkeit, Liebe zu finden. Seine Internet-Vorgeschichte zeugt von aktivem Engagement in Incel- und Doomer-Communities.



Zwar greift dieses Meme Feministinnen an, seine Zielgruppe sind jedoch »Normies« – insbesondere romantisch erfolglose. Das Idealszenario dieses Memes ist es, von einer Feministin mit gefärbten Haaren wütend retweetet zu werden. Dies würde sofort per Screenshot festgehalten und als »Beweis« dafür verbreitet, das Meme sei eine treffende Darstellung von Feministinnen (die auch als »Feminazis« bezeichnet werden).

Die weitaus wichtigere Strategie der Rechten zur Erlangung politischer Macht ist aber das Konvertieren der Mitte – denn sie zeigt schneller Wirkung als die Erneuerung der konservativen Kleinfamilie und kann auf eine Reihe historischer Erfolge zurückblicken. Die Alt-Right bemüht sich, eine eigene kulturelle Identität zu entwickeln, um sich vom gängigen Klischee des Neonazis abzugrenzen. Daher ermutigt sie ihre Mitglieder, ein ganz eigenes Vokabular auszubilden. So bezeichnet zum Beispiel der Begriff »Normie« all jene, die nicht rechtsradikal sind. Ursprünglich war das Wort nur eine weitere abfällige Bezeichnung für einen Yuppie, doch die Definition wurde schnell erweitert, um alle einzuschließen, die keine ausgeprägte politische Haltung an den Tag legen: Zentristinnen, politisch Unentschiedene, Unpolitische, wohlhabende Boomer und junge Leute, die sich noch keine feste politische Identität gebildet haben.

Die Techniken der Rechten bei der Online-Konvertierung sind mitunter sehr komplex und sollten nicht unterschätzt werden. Die Schöpfung einprägsamer, abwertender Spitznamen für ihre Feinde ist eine effiziente Methode, um die Kampflinien zu ziehen – ihre wahre Stärke liegt aber im digitalen Basisaktivismus. Rund um die Uhr ist eine Vielzahl von Manifesten im Umlauf, die mithilfe von Pastebins (Textspeicherplattformen mit Bearbeitungsfunktion) ständig überarbeitet und weiterverbreitet werden. Sie sind in einem einnehmenden, hyperbolischen Ton verfasst und enthalten theoretische Vorbemerkungen, leicht zu befolgende Instruktionen, die übersichtlich in Schwierigkeitsgrade unterteilt sind, Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur Manipulation der Medien, Leseempfehlungen sowie Links zu kuratierten Meme-Datenbanken und von Geheimdiensten verwendeten Handbüchern über psychologische Kriegsführung. Jeder kann die Manifeste bearbeiten und neu veröffentlichen – die Urhebernennung gilt als veralteter Boomer-Manierismus. Diese Ressourcen sind allesamt öffentlich zugänglich, leicht zu finden und schwer loszuwerden: Das Markieren, Prüfen und Zensieren solcher Inhalte nimmt mehr Zeit in Anspruch als ihr erneutes Hochladen.



Der Ökofaschismus ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Linke online an Boden verliert. Während sich die AfD weigert, die Klimakrise und ihre Konsequenzen anzuerkennen, entsteht eine neue Szene, die Versatzstücke linker Ideologie in ihr faschistisches Gedankengebäude übernimmt. Die Online-Räume, die jetzt von Ökofaschisten bewohnt werden, gehörten einst Anarcho-Syndikalisten, welche entweder konvertiert sind oder ausgeschlossen wurden.

Es gibt derzeit kein linkes Äquivalent hierzu. Linke beschränken sich in der Regel darauf, ihre Plattformen gegen Angriffe von rechts zu verteidigen, anstatt aktiv neue Gebiete zu erobern, wie es der Zweck rechter Manifeste ist. Zudem herrscht innerhalb der linken Szene eine weitgehende Abneigung gegen die Lektüre konservativer und rechter Medien, weshalb viele Linke immer noch das veraltete Bild von Neofaschisten als lederbekleideten Skinheads im Kopf haben, die betrunken durch die Straßen ziehen. Solche Typen gibt es natürlich auch weiterhin und sie stellen eine erhebliche Bedrohung für Minderheiten dar – erschreckenderweise bilden sie heute aber nur noch eine kleine, besonders sichtbare Fraktion der Rechten.

Die Alt-Right dagegen ist jung, gebildet und technologisch versiert. Viele Mitglieder halten die Teilnahme an Demonstrationen für Zeitverschwendung. Sie spielen Videospiele und wissen, wie die Blockchain funktioniert. Sie verschlüsseln ihre E-Mails, arbeiten mit Photoshop, um Infografiken und Memes zu erstellen, und haben ein differenziertes Verständnis von sozialen Medien. Sie organisieren Online-Lesekreise, kuratieren Pinterest-Boards und erstellen riesige Alt-Wikipedias mit Zehntausenden von Einträgen. Im Jahr 2015 gab es sogar eine vegane Neonazi-Kochshow auf Youtube, die von zwei mit Sturmhauben bekleideten deutschen »Nipstern« (also Nazi-Hipstern) geleitet wurde. Der Hass der Alt-Right auf Konservative, Kapitalistinnen, wohlhabende Eliten und Neoliberale macht sie zu ideologischen Flexitariern.



Falsche linke Twitter-Profile sind in der Regel übertrieben und relativ leicht zu erkennen, dennoch lassen sich Linke immer noch von ihnen täuschen (wenn auch nicht annähernd so oft wie Zentristen).

Sehr beliebt in der Neuen Rechten ist der marxistische Theoretiker Antonio Gramsci – insbesondere seine Schriften über kulturelle Hegemonie. Gramsci war der Ansicht, dass die Kommunisten in Westeuropa daran scheiterten, die politische Macht zu erlangen, weil es ihnen nicht gelang, kulturelle Narrative zu kontrollieren. Die Alt-Right ist entschlossen, diesen Fehler zu vermeiden – daher ist sie wie besessen von Popkultur, Medienkunststücken, Desinformationskampagnen und memetischer Kriegsführung. Einer der einflussreichsten faschistischen Trolle, Andrew Anglin, prahlt gerne damit, dass der Style Guide seiner Online-Publikation The Daily Stormer aus dem Buch Rules for Radicals von Saul Alinsky – einem jüdischen Kommunisten – abgekupfert ist. Dass die Alt-Right offen die Ideen von Linken stiehlt, verleiht der Bewegung eine zusätzliche Ebene der Ironie und lässt ihre Mitglieder sich noch transgressiver und »offener« vorkommen.

Die Alt-Right ist kein einheitliches Gebilde. Sie ist ideologisch zersplitterter als jede andere politische Bewegung, was ihre Effizienz in der Online-Kriegsführung umso beeindruckender macht. Der Alt-Right anzugehören, bedeutet, »based« zu sein – das rechte Äquivalent zum linken »woke«. Mit anderen Worten: Man ist sich darüber im Klaren, dass das politische Establishment korrupt ist, dass Arbeitsplätze verschwinden, dass die Klassenunterschiede obszöne Ausmaße erreicht haben – und gibt die Schuld dafür Frauen, Migranten und Milliardären. Welche migrantischen Gruppen genau schuld sind und welchen Verschwörungen man Glauben schenken soll, ist eine Frage des Geschmacks. Schwule faschistische Bodybuilder arbeiten mit den homophoben Deus-Vult-Kreuzrittern zusammen, welche gern den veganen Identitären unter die Arme greifen, die wiederum die fleischfressenden Paläo-Konservativen unterstützen. Ihre frenetische Energie und ihr Motto »Erst gewinnen, nachher die Details klären« eint die verschiedenen Fraktionen nicht in der Ideologie, sondern in der Aktion.

Die Kunst des Trollens

Das Verhältnis der Linken zu neuen Technologien ist bestenfalls wackelig. Anstatt sich Werkzeuge zu eigen zu machen, sobald sie auftauchen, sind die meisten Linken zunächst misstrauisch gegenüber Technologien, weil sie darin in erster Linie Mittel zur Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems sehen. Wenn die Technologie am Ende Mainstream geworden ist, hat die Linke dann aber sowieso keine andere Wahl, als sich anzupassen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Instagram dafür zu kritisieren, dass es kapitalistisch ist, scheint heute überflüssig, da viele Linke die Plattform aktiv nutzen – doch als die App gerade erst die Runde machte, zerriss man sich darüber in der Linken das Maul. Die Unfähigkeit der Linken, an Emotionen zu appellieren, hat jene Menschen entfremdet, die emotionale Intelligenz dem akademischen Jargon vorziehen, der aus Institutionen stammt, welche sie als elitär betrachten und denen sie misstrauen. Dies hat den Aphorismus »The Left can’t meme« (Die Linke kann nicht memen) sowie Meta-Memes hervorgebracht, die sich über den abgeschlossenen und überkomplizierten linken Humor lustig machen. Da viele Linke es aktiv vermeiden, sich mit Konservativen und Zentristen auseinanderzusetzen, die sie als hoffnungslose Fälle ansehen, sind sie oft nicht in der Lage, Inhalte zu entwickeln, die den Mainstream ansprechen.



Zwar haben auch Linke Freude an Memes (und es gibt sogar viele großartige linke Memes), jedoch werden die meisten linken Memes von Linken für Linke gemacht – im Gegensatz zu rechten Memes, die in erster Linie auf die Mitte abzielen.

Die Rechten hingegen folgen den liberalen Medien mit Begeisterung. Sie lieben es, zum Beispiel den Guardian zu lesen, weil sie dort peinliche Schlagzeilen wie »Ist die Brunch-Szene zu weit gegangen?« oder »Ihr erstes graues Schamhaar lässt Sie sich dem Tod nahe fühlen?« finden und Screenshots davon nehmen können, um damit die abgehobenen Liberalen zu parodieren.

Wenn sich rechte Trolle direkt mit Linken auseinandersetzen – in der Regel auf Twitter, wo die beschränkte Zeichenzahl produktive Debatten ohnehin erschwert –, dann besteht ihr Hauptziel darin, sie zum Ausrasten zu bringen. Solche wütenden Reaktionen werden anschließend in »Cringe Compilations« zusammengetragen, um die Linke als unvernünftig und hysterisch zu karikieren – und damit die Mitte weiter von der Linken zu entfremden oder die Spaltungen innerhalb der Linken zu vertiefen. Die meisten Rechten benutzen ihre echten Twitter-Accounts, aber eine beträchtliche Anzahl zieht es vor, sich online als Liberale auszugeben. Sich als Feind zu verkleiden und sich skandalös zu verhalten, ist eine beliebte Technik der psychologischen Kriegsführung und kann große Wirksamkeiten zeigen – zumal, wenn sich diese Possen viral verbreiten.

Die Linke muss lernen, sowohl mit authentischen rechten Twitter-Accounts als auch mit von rechten Trollen erstellten, vorgeblich linken Profilen umzugehen. Es kann durchaus lohnen, sich auf eine politische Debatte mit einer echten Konservativen einzulassen – man wird zwar nicht ihre Meinung ändern, durchaus aber eine Spur hinterlassen, die womöglich einen ihrer Follower aus der rechten Blase herausführen kann. Die Trolle zu füttern ist hingegen fast immer Zeitverschwendung.

Übernehmt die Meme-Fabriken

Wenn die Linke Wahlen gewinnen will, muss sie sich aktiv außerhalb ihrer politischen Blase betätigen. Sie muss verstehen, dass eine Idee, die gut und wahr ist und den Menschen nützt, deshalb noch lange nicht automatisch zum Erfolg führt. Sie muss sich auf ihre Vergangenheit in der Basisorganisation zurückbesinnen, praktische Handlungsanleitungen wie Rules for Radicals wiederentdecken und sie für das digitale Zeitalter reinterpretieren, um die Menschen jenseits ihrer sozialen Sphäre zu erreichen.

Das Internet hat die physische Distanz getilgt – und das sollten wir zu unserem Vorteil nutzen. Wir müssen digitale Kompetenz ausbilden und Internetphänomene wie Memes und Tiktok-Videos ernst nehmen. Wenn mediale Inhalte produziert werden, dann sollten sie nicht auf andere Linke abzielen – das scheint offensichtlich, ist aber in Wirklichkeit ein komplexes Manöver, das ein Verständnis für die Werte und Glaubenssysteme anderer erfordert. Für den Anfang wäre eine einfachere Strategie, Memes zu verwenden, um konservative Argumente zu entlarven und in humorvoller Weise auf logische Fehlschlüsse hinzuweisen. Es macht zwar wenig Sinn, mit rechten Trollen zu diskutieren, jedoch gibt es auf Facebook und Twitter auch noch eine ganze Menge Menschen, die politisch unentschlossen sind. Auch weisen immer mehr Studien darauf hin, dass ein ruhiger Widerspruch in einem hasserfüllten Twitter-Thread die nachfolgenden Kommentare deradikalisiert. Wir Linken müssen unser Bedürfnis nach der Anerkennung anderer Linker überwinden und uns trauen, voranzuschreiten und neue Gebiete zu erobern.

Die Linke war nicht schon immer Internet-inkompetent. Auch wenn es heute schwer vorzustellen ist: Viele der memetischen Werkzeuge im Kasten der Alt-Right wurden von links-einschlägigen Anarchisten erfunden, die unter dem Banner von »Anonymous« kollaborierten. Sie erstellten ausgefallene Memes, rekrutierten riesige Troll-Armeen, führten Online-Happenings durch und kaperten Websites. Ihre Taten wurden ausgiebig von der Mainstream-Presse dokumentiert, was umso mehr Aufmerksamkeit junger, des Status quo überdrüssiger und veränderungshungriger Menschen auf sie zog. Doch im Gegensatz zu den rechten Trollen, die ihren Platz einnehmen sollten, waren Anonymous echte Hacktivisten, die sich nicht davor scheuten, die Schaltstellen der Macht zu stören – seien es Banken, Regierungen oder reiche Scientologen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Geheimdienste die wichtigsten Köpfe hinter Anonymous dingfest machen und damit einer rechten Machtübernahme im Internet Tür und Tor öffnen würden.

Doch es gibt Grund zur Hoffnung, dass sich das in Zukunft wieder ändern könnte, denn es wächst eine neue Generation technologisch versierter linker Aktivistinnen und Aktivisten heran. Linke Youtuber wie Contrapoints, Second Thought oder Three Arrows ziehen mit ihren Videoessays ein breites Publikum an; auf der Videospiel-Livestreaming-Plattform Twitch ist einer der erfolgreichsten Streamer ein Linker, Hasan Piker. Im deutschsprachigen Raum ist die Entwicklung noch längst nicht so fortgeschritten, doch auch hier entstehen laufend neue linke Kanäle. Eine linke Instagram-Memefabrik hat sich der gewerkschaftlichen Organisation ihrer Branche verschrieben und es gibt eine wachsende marxistische Tiktok-Gemeinde, die sich nicht vor frechem Humor scheut. Bücher wie Give Them an Argument: Logic for the Left von Ben Burgis, Can the Left Learn to Meme? von Mike Watson oder der Chapo Guide to Revolution von den Machern des Podcasts Chapo Trap House haben unter linken Millennials weite Verbreitung gefunden. Doch auch wenn die Zahl der linken Memelords zunimmt, sind es im Vergleich zu den Rechten immer noch zu wenige. Wenn die Linke den Online-Kulturkampf gewinnen will, muss sie nicht nur aufholen, sondern überholen.

Offline zu bleiben ist eine große Verlockung. Politisches Engagement ist harte Arbeit – das ist auch online nicht anders, wo man rund um die Uhr Angriffen aus allen politischen Richtungen ausgesetzt ist. Konservative, rechte und zentristische Medien zu verfolgen, ist entmutigend. Memes zu entwerfen, die politisch Unentschlossene ansprechen, macht nicht so viel Spaß wie in vertrauter Umgebung mit Insider-Witzen um sich zu werfen. Es ist mühsam, auf die Argumente der Rechten zu reagieren. Aber wenn der demokratische Sozialismus gewinnen soll, ist es für Sozialistinnen und Sozialisten keine Option, unsichtbar zu bleiben. Wenn wir nicht selbst unsere Narrative prägen, dann werden es andere tun. 

#7
Am 16. Dezember erscheint die neue Ausgabe

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