15.09.2020

Für einen Öko-Leninismus

Andreas Malm ist Humanökologe und forscht zu den Zusammenhängen von Klimawandel und Kapitalismus. Er erklärt, warum uns in der Klimakrise keine Zeit für eine Politik der kleinen Schritte bleibt.

Fotografie: Rainer Christian Kurzeder.

Interview mit Andreas Malm geführt von Astrid Zimmermann

Prognosen zur globalen Erwärmung lesen sich wie apokalyptische Untergangsszenarien. Ein vorherrschendes, resignatives Narrativ legt nahe, dass jeglicher Widerstand zwecklos sei. In welchem Verständnis von Politik siehst Du diesen Klimafatalismus begründet?

In den USA etabliert sich gerade eine Massenbewegung von Preppern, die Bunker kaufen, um sich für den Weltuntergang zu rüsten. Ich denke, diese Haltung ist symptomatisch für die politischen Umstände unserer Gegenwart. Millionen von Menschen sind bereit, Maßnahmen zu ergreifen, um sich auf das Schlimmste gefasst zu machen – aber sie tun das als vereinzelte Besitzerinnen und Besitzer von Privateigentum. Uns stehen schwere Umweltkatastrophen bevor und viele glauben, dass wir nichts dagegen unternehmen können und wir alleine damit zurechtkommen müssen.

Diese Art von Fatalismus ist der Inbegriff einer entfremdeten Gesellschaft, in der die Menschen das Gefühl haben, dass die Kräfte, die uns in diese krisenhafte Zukunft treiben, völlig außerhalb unserer kollektiven Handlungsfähigkeit liegen. Und diejenigen, die über ausreichend Kapital verfügen, kanalisieren dieses Gefühl in ein Projekt der individualisierten Überlebenssicherung. Objektiv gesprochen sind wir aber natürlich in der Lage, unseren Kurs zu ändern. Wir könnten die Ursachen dieser Krise – am offensichtlichen die Quellen von CO2-Emissionen – gezielt bekämpfen. Wenn die Menschen sich vorstellen könnten, dass das im Rahmen ihrer Möglichkeiten liegt, dann wären wir jetzt auf einem ganz anderen Weg.

Dann wird diese Haltung zu einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung, die in einem Mangel an politischer Vorstellungskraft wurzelt?

Ja, genau. Wenn Millionen von Menschen einfach hinnehmen, dass wir auf die Katastrophe zusteuern und uns nichts anderes übrigbleibt, als uns in einen Bunker zu verkriechen, dann erhöht das an sich schon die Wahrscheinlichkeit, dass diese Vorhersage Wirklichkeit wird. Stattdessen könnte man aber auch für eine kollektive Lösung kämpfen, die darauf abzielt, ein solches Extremszenario abzuwenden. Gleichzeitig lässt sich natürlich nicht leugnen, dass wir inmitten der Katastrophe leben. Es wäre falsch zu behaupten, dass wir alle sich entfaltenden Desaster aufhalten können, wenn wir nur radikal genug sind. Doch im Spektrum bevorstehender Miseren gibt es eine Reihe von Abstufungen, die noch viel Raum für politisches Handeln freigeben.

Du kritisierst sozialdemokratische Ansätze und argumentierst, dass diese einer rapide voranschreitenden Notlage wie dem Klimawandel nicht gewachsen seien. Wo siehst Du die Grenzen der Sozialdemokratie?

Der klassische sozialdemokratische Reformismus basiert auf schrittweisem Wandel, bei dem man jahrzehntelang Zeit hat, um gesellschaftliche Missstände zu verbessern. Wenn aber eine Katastrophe von diesem Ausmaß auf uns zustürmt, dann müssen wir unverzüglich mit einer Politik brechen, die alles beim Alten belässt. Je länger dies andauert, je mehr Zeit verloren geht, desto radikaler wird dieser Bruch sein müssen. Indem die politische Führungsebene jegliche Maßnahmen zur Eindämmung der globalen Erwärmung hinausgezögert hat, hat sie sich selbst ein Bein gestellt.

Denn nach Jahrzehnten der Verzögerung und Verweigerung sind die einzigen Handlungsoptionen, die uns noch bleiben, sehr radikal. Hätten wir in den 1990er Jahren begonnen, die Klimakrise wirksam anzugehen, dann hätten wir sie schrittweise abwenden können. Aber weil seit der Verabschiedung der UN-Klimarahmenkonvention alle Versprechen gebrochen wurden, wird dies immer weniger gangbar. Die Zeitlichkeit sozialdemokratischer Politik verliert damit ihre Voraussetzung – was aber nicht heißen soll, dass sozialdemokratische Parteien keine Rolle zu spielen haben.

Unsere beste Chance könnte ein Projekt wie der Green New Deal sein, denn dieser sieht eine radikale Umgestaltung unserer Volkswirtschaften in begrenzter Zeit vor. Somit weist der Green New Deal in einigen Aspekten über den klassischen sozialdemokratischen Rahmen hinaus, auch wenn er eindeutig auf diesem aufbaut.

Ohne staatlich verordnete Maßnahmen wird sich eine wirtschaftliche Umstrukturierung dieser Art also nicht gestalten lassen. Siehst Du darin eine Gefahr des Autoritarismus?

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