31. August 2025
In Kolumbien leben viele der gefährlichsten Mückenarten der Welt. Sie übertragen unter anderem Denguefieber. »Dank« des Klimawandels breiten sie sich immer weiter aus.
Nahaufnahme einer Aedes aegypti, einer der häufigsten – und tödlichsten – Mückenarten in Kolumbien.
Das kolumbianische Cali ist seit gut zehn Jahren mein Zuhause. Cali wird häufig als eine der gefährlichsten Städte der Welt bezeichnet und tatsächlich sind Schussverletzungen die häufigste Todesursache für erwachsene Männer in dieser Stadt. Dennoch fühle ich mich tagsüber in den Straßen meiner Wahlheimat recht sicher. Erst wenn die Sonne untergeht, eine kühle Brise aus den Bergen herabströmt und unzählige kleine Lebewesen in dieser tropischen Stadt aufgeweckt werden, fürchte ich um mein Leben.
Jedes Jahr werden mehr als 400.000 Personen auf diesem Planeten von anderen Menschen ermordet. Viel tödlicher ist jedoch ein fast unsichtbares Raubtier, das jährlich für den Tod von über einer Million verantwortlich ist. Es handelt sich um ein Raubtier, das seit Beginn der Menschheitsgeschichte schätzungsweise insgesamt über 50 Milliarden Menschen getötet hat – fast die Hälfte aller Menschen, die jemals gelebt haben. Dieser tödliche Killer ist die Mücke.
Auf dem amerikanischen Kontinent spielten Mücken insbesondere während der europäischen Eroberung eine tödliche Rolle: Sie verbreiteten Krankheiten, die einen gewichtigen Teil zum Völkermord an den Indigenen beitrugen. Auch heute noch sterben auf dem gesamten Kontinent unzählige Menschen an von Mücken übertragenen Krankheiten, insbesondere in Gegenden nahe dem Äquator.
Mitte des 20. Jahrhunderts (zu der Zeit, als die Vereinigten Staaten paramilitärische Söldner ausbildeten und finanzierten, um Kommunisten und kommunistische Sympathisanten in Lateinamerika zu beseitigen) wurde in 18 Ländern der Region ein von den USA unterstützter Plan zur Ausrottung der Mückenart Aedes aegypti, dem Hauptüberträger von Krankheiten wie Denguefieber, durchgeführt. Anfangs, von den 1970er bis in etwa in die 1990er Jahre, konnten von Mücken übertragene Krankheiten durch DDT und andere chemische Bekämpfungsmittel tatsächlich etwas in Schach gehalten werden. Doch angesichts des extremen Bevölkerungswachstums und der massiven Zuwanderung in städtische Gebiete (und aufgrund der Anpassungs- und Überlebensfähigkeit der Moskitos) konnten sich die Insekten weiter vermehren. Die von ihnen übertragenen Krankheiten wurden zu einem ernsthaften Gesundheitsproblem.
Im 21. Jahrhundert kam es zur bislang größten Ausbreitung von Aedes aegypti. Damit einher ging ein alarmierender Anstieg der Dengue-Fälle. Die Dengue-Epidemie 2024 war die schlimmste, die weltweit jemals verzeichnet wurde: Es gab mehr als 13 Millionen Infektionen sowie 8.500 gemeldete Todesfälle, mehr als dreimal so viele wie in den Vorjahren.
Auch 2025 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Dengue-Ausbrüche als globale Notlage der Stufe G3 eingestuft. Davon betroffen sind mehr Länder als je zuvor. Der durch Umweltzerstörung verursachte und beschleunigte Klimawandel begünstigt die Verbreitung bestimmter Tierarten wie Kakerlaken, Ratten und eben Mücken. In Gebieten über 1.500 Metern über dem Meeresspiegel waren Moskitos früher selten zu finden, doch heute sind »dank« der globalen Erwärmung sogar kolumbianische Städte und Ortschaften in 2.200 Metern Höhe betroffen. Durch die extremen Klimaveränderungen, die durch massive Abholzung und industrielle Verschmutzung verursacht werden, besteht nun für nahezu jeden Menschen in Kolumbien die Gefahr, an Dengue-Fieber zu erkranken. Ein Temperaturanstieg von nur einem Grad erhöht die Ausbreitung von Dengue um 13 Prozent. Und da die Jahreszeiten durch steigende Temperaturen aus dem Gleichgewicht geraten, verlängert sich zudem die Zeit, in der die Moskitos aktiv sind.
»Kürzlich wurde entdeckt, dass Mücken über Wärme- und Infrarotsicht verfügen. Das bedeutet, dass sie das im menschlichen Körper zirkulierende Blut wahrnehmen können.«
Während meiner Zeit in Cali kam es 2014 zu einer Chikungunya-Epidemie; im folgenden Jahr sorgte Zika für zahlreiche Todesfälle in der Stadt. 2016 brach Dengue-Fieber aus, die sich am schnellsten verbreitende Krankheit der Welt. Die Epidemien haben seitdem nur noch an Intensität zugenommen: 2024 infizierten sich rund 40.000 Menschen mit Dengue. Damit wurde Cali zum Infektionshotspot in Kolumbien, mit einer mehr als zehnmal höheren Ansteckungsrate als in anderen Großstädten.
Heiße, feuchte Städte wie Cali sind ein Paradies für Mücken. Die Stadt liegt in der Nähe des Äquators und nur etwa 1.000 Meter über dem Meeresspiegel. Der Wechsel zwischen starken Regenfällen und heißer Sonne bietet den Mücken perfekte Bedingungen. Darüber hinaus kommen die Starkwetterphänomene El Niño und La Niña – die Niederschläge und Temperaturschwankungen auf ein extremes Niveau treiben – Mücken deutlich mehr zugute als Menschen.
In Cali führt der massive Zuzug von Menschen (der vor allem auf Gewalt und Vertreibung auf dem Land zurückzuführen ist) in vernachlässigte Barrios nicht nur dazu, dass Binnenmigranten in hohem Maße Diskriminierung, Armut und Gewalt ausgesetzt sind. Ebenso besteht für sie ein deutlich erhöhtes Risiko für durch Mücken übertragene Krankheiten. Angesichts der schlechten oder nicht existenten Abwasserentsorgung und Müllabfuhr sind diese Barrios von Cali zu den größten Brutstätten für Parasiten und durch Moskitos übertragene Krankheiten geworden.
»Mosquito« bedeutet auf Spanisch »kleine Fliege«. In Cali werden sie auch »Zancudos« genannt, um den Unterschied zwischen einer lästigen Plage und einer tödlichen Gefahr deutlich zu machen. In dieser tropischen Stadt beißt praktisch alles, was kriecht oder fliegt. Wenn sich hier harmlose Insekten wie Ameisen, Kakerlaken, Weberknechte und sogar Fruchtfliegen zu Angreifern weiterentwickelt haben, ist es nicht verwunderlich, dass die Zancudos hier besonders blutdürstig geworden sind.
Mücken sind hochentwickelte Raubtiere mit hochempfindlichen Sensoren. Sie können das von Menschen ausgeatmete Kohlendioxid und das Salz in ihrem Schweiß wahrnehmen und werden besonders von den Bakterien angezogen, die die Füße von Menschen riechen lassen. Kürzlich wurde entdeckt, dass Mücken über Wärme- und Infrarotsicht verfügen. Das bedeutet, dass sie das im menschlichen Körper zirkulierende Blut wahrnehmen können. Auch diese Fähigkeit macht sie besonders gefährlich.
Mücken verfügen über ein hochentwickeltes Maul, das in sechs Teile untergliedert ist: Einige Teile dienen zum Einstechen, andere zum Durchsägen der Haut; hinzu kommt eine nadelartige Nasen- oder Schnabelpartie, über die das Blut in den dünnen Körper des Insekts geleitet wird. Wenn sie diese Saugvorrichtung in Menschen stechen, injizieren Mücken Speichel in die Wunde, der als Gerinnungshemmer wirkt, damit das Blut weiter fließt. Außerdem urinieren sie auf ihre Opfer, um überschüssiges Salz auszuscheiden, das über das menschliche Blut ihrem Körper zugeführt wird. Durch diesen Flüssigkeitsaustausch zwischen Mensch und Moskito gelangen eine Vielzahl von Protozoen, Bakterien und Viren in den menschlichen Körper. Dies ist die Ursache für durch Mücken übertragene Krankheiten.
»Fast die Hälfte aller Menschen, die sich ein zweites Mal mit der Krankheit infizieren, sterben – meist an inneren Blutungen oder Schock.«
Wie Haie sind tatsächlich nur wenige Mückenarten auf menschliches Blut aus – und von diesen trinken nur schwangere Weibchen Blut (das Summen der Mücken entsteht übrigens dadurch, dass die schwangeren Weibchen ihre Flügel besonders schnell flattern lassen müssen, um ihren aufgeblähten Bauch in die Luft zu bekommen). Nachdem sie sich sattgesaugt haben (wobei sie ihren Darm entleeren, um mehr »Blutspeicherplatz« zu schaffen), ruhen sich weibliche Mücken einige Tage lang aus, um das menschliche Blut zu verdauen und in Proteine umzuwandeln, mit denen sie ihre Eier nähren.
In Kolumbien gibt es 32 verschiedene Arten von Zancudos, von denen viele nur in dieser einen Region vorkommen. Doch es ist Aedes aegypti, die »globalisierteste« Mückenart, die den größten Teil des Planeten besiedelt hat, die hier in Cali die meisten Krankheiten und Todesfälle verursacht. »Aedes« stammt aus dem Griechischen und bedeutet »unangenehm« oder »schrecklich«. Entgegen dem zweiten Teil des Namens stammt Aedes aegypti ursprünglich aus dem heutigen Äthiopien und hat seitdem alle bewohnten Teile der Erde (mit Ausnahme Islands) besiedelt. Aedes aegypti gelangte erstmals im 17. Jahrhundert mit Sklavenschiffen aus Afrika nach Amerika und trug dort maßgeblich dazu bei, die indigene Bevölkerung des gesamten Kontinents zu dezimieren. Auch heute noch ist sie für die meisten Epidemien im Globalen Süden verantwortlich, insbesondere für Dengue-Fieber.
Einer der Gründe, warum Dengue so tödlich ist, ist, dass andere durch Mücken übertragene Infektionen den überlebenden Infizierten Immunität gegen Dengue verleihen – doch eine zweite Dengue-Infektion führt fast unweigerlich zu schweren Symptomen wie blutigem Erbrechen, extremen Bauchschmerzen und blasser oder gelblicher Haut. Fast die Hälfte aller Menschen, die sich ein zweites Mal mit der Krankheit infizieren, sterben – meist an inneren Blutungen oder Schock.
Zwar werden Mücken seit langem beforscht, doch gibt es keinen wirklich wirksamen Schutz gegen die blutdürstigen Biester. In Cali wurde jahrzehntelang zweimal jährlich DDT in Schulen, Parks und Privathaushalten versprüht, um die Blutsauger fernzuhalten. DDT ist aufgrund seiner giftigen Wirkung auf Menschen und andere Lebewesen inzwischen verboten; in der Stadt werden daher nun andere, ebenso giftige Pestizide versprüht. In jedem Fall töten Pestizide in der Regel nur die erwachsenen Mücken, nicht jedoch die Eier, Larven oder Puppen, sodass das grundlegende Problem nicht gelöst wird. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Mücken im Gegensatz zu Menschen schnell anpassen können und gegen neue, menschengemachte Gift- und Chemie-Cocktails resistent werden.
Ein aktueller Plan in Cali, um die Vermehrung von Mücken zu stoppen, ist die Zucht und Freilassung von tausenden Guppys in großen Gewässern. Die kleinen Fische lieben es – ebenso wie Libellen, Wasserläufer, Wasserkäfer, Welse, Kröten, Frösche, Schildkröten, Enten, Schwalben und Fledermäuse – Mückenlarven zu fressen. Der Einfluss dieser Fressfeinde auf die Mückenpopulation ist aber begrenzt, da Mücken alle diese Arten zahlenmäßig weit übertreffen.
»Mücken gab es schon vor den Dinosauriern. Und sie werden sicherlich noch herumschwirren, wenn die Menschheit längst ausgestorben ist.«
Einige Städte in Lateinamerika haben tausende Mücken-Männchen per Gammastrahlung sterilisiert und in die Mückenpopulation freigelassen, um die Fortpflanzungsrate zu senken. Bleibt der Faktor Mensch: Damit dieser Ansatz nicht durch fliegenklatschende Menschen zunichte gemacht wird, färbten die Wissenschaftler die sterilisierten Mücken rot, bevor sie sie freiließen.
Die neueste Strategie in Cali besteht derweil darin, Wolbachia-Bakterien in im Labor gezüchtete Aedes aegypti zu injizieren. Die Bakterien, die natürlicherweise in 60 Prozent aller Insekten vorkommen (aber eben nicht in Mücken), werden aus Fruchtfliegen extrahiert und dann mit mikroskopisch kleinen Nadeln in Mückeneier injiziert. Einmal im Inneren, eliminieren die Bakterien selektiv die für den Menschen tödlichen Viren, ohne den Wirt zu schädigen. Ein Moskito-Stich juckt also immer noch, die Mücken saugen immer noch menschliches Blut und legen immer noch Tausende von Eiern – aber diese veränderten Tiere und ihre Nachkommen übertragen keine tödlichen Krankheiten mehr.
Mit einer Anschubfinanzierung von Bill Gates, der US-Agentur für internationale Entwicklung und dem Wellcome Trust wurden in großen Biofabriken in Kolumbien Millionen mit Wolbachia-infizierten Mückeneiern hergestellt. Die erste Phase der Freisetzung »krankheitsfreier« Zancudos in Cali wurde 2024 durchgeführt. Zwar bemühte sich die Regierung, die Vorteile des Programms über offizielle Nachrichtenkanäle sowie Social Media bekannt zu machen, doch die bewusste Freilassung von Millionen Mücken in der Stadt führte dennoch zu Unbehagen in der Bevölkerung. Ein lokaler Behördenmitarbeiter, der auf seinem Motorrad durch die Stadt fuhr und Mückenschwärme freisetzte, wurde von einem wütenden Mob verfolgt, von seinem Gefährt gestoßen und fast gelyncht.
Letztendlich wird wohl nichts die Menschheit endgültig von ihrem tödlichsten Feind befreien – zumal dieser mit einer geschätzten Population von über 100 Billionen weitaus zahlreicher ist als wir. Mücken gab es schon vor den Dinosauriern. Und sie werden sicherlich noch herumschwirren, wenn die Menschheit längst ausgestorben ist.
Kurt Hollander ist Autor und Fotograf aus New York City. Von 1983 bis 1991 war er Redakteur beim Kunst- und Kulturmagazin The Portable Lower East Side. Er lebt derzeit in Cali, Kolumbien.