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22. Januar 2026

Ein Bruno Kreisky fällt nicht vom Himmel

Heute jährt sich der Geburtstag von Österreichs legendärem Kanzler Bruno Kreisky zum 115. Mal. Viele wünschen sich Sozialdemokraten seines Formats zurück. Doch seine Leistungen wären nicht möglich gewesen ohne die starke Arbeiterbewegung, die ihn formte.

13 Jahre lang war Bruno Kreisky Kanzler von Österreich.

13 Jahre lang war Bruno Kreisky Kanzler von Österreich.

IMAGO / Sven Simon

Bruno Kreisky, der längstgediente Kanzler Österreichs, wäre heute 115 Jahre alt geworden. Um kaum einen österreichischen Politiker ranken sich so viele Mythen wie um ihn. »Kreisky, schau oba« (Kreisky, schau herunter) wurde sogar zu einer beliebten Redewendung, um den Ex-Kanzler zu beschwören, wenn die irdischen Sozialdemokraten wieder einmal gegen ihre Prinzipien verstießen.

Es gibt zig Anekdoten, mit denen man die Bedeutung Bruno Kreiskys für die österreichische Geschichte und Gegenwart illustrieren könnte. Der Schriftsteller Robert Menasse zum Beispiel erinnerte sich daran, die Wiederwahl Kreiskys am 6. Mai 1979 als linksextremer Student mit dem damals ebenfalls noch linksextremen Philosophen Konrad Paul Liessmann beim Weinkauf im Marchfeld gefeiert zu haben – in trauter Einigkeit mit dem örtlichen Weinbauern und dem Dorfpolizisten. Im Jahr 2026 eine unvorstellbare Liaison. Die bekannte Scheidungsanwältin Helene Klaar erklärte vor einigen Monaten gegenüber Jacobin, sie habe in den 1970ern geglaubt, wenn der Kreisky noch einmal wiedergewählt würde, stünde der Sozialismus vor der Tür. Und erst Anfang Jänner dieses Jahres titelte die konservative Tageszeitung Die Presse »Kreisky würde Kickl schlagen«. 36 Jahre nach seinem Tod ist Bruno Kreisky immer noch allgegenwärtig.

»Ich habe mich immer als Ergebnis jenes gewaltigen melting pot gefühlt, der die Monarchie nun einmal war«, schreibt Kreisky. »Als Ergebnis einer brodelnden Mischung von Deutschen, Slawen, Magyaren, Italienern und Juden.«

Besonders für Linke in Österreich, die in den vergangenen Jahrzehnten wahrlich keine großen Fortschritte durchsetzen konnten, wirkt die Ära Kreisky heute wie ein Land von Milch und Honig: herrschte doch eine Politik, die Vollbeschäftigung ins Zentrum rückte, Frauenpolitik institutionalisierte, den Zugang zu Bildung erleichterte und die österreichische Neutralität gezielt als Instrument der Friedenspolitik nutzte. Es ist sehr einfach, diese grundsozialdemokratische Politik – der arbeitenden Bevölkerung etwas vom Kuchen abzugeben – heute zu verklären. Dabei war ihr Architekt, Bruno Kreisky, zwar zweifelsohne ein begabter Politiker, aber eben auch Produkt einer Arbeiterbewegung, die es so heute nicht mehr gibt.

Kind einer Weltstadt 

Als Bruno Kreisky 1911 im 5. Wiener Gemeindebezirk geboren wird, gibt es den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn noch und das heute so schnarchige und ideenlose Wien war eine intellektuelle und künstlerische Weltmetropole. »Ich habe mich immer als Ergebnis jenes gewaltigen melting pot gefühlt, der die Monarchie nun einmal war«, schreibt Kreisky über seine Herkunft in seinen Memoiren. »Als Ergebnis einer brodelnden Mischung von Deutschen, Slawen, Magyaren, Italienern und Juden.« Der Sprössling einer assimilierten jüdischen Wiener Familie kam als Gymnasiast das erste Mal mit der Sozialdemokratie in Berührung. Dort empfing man ihn wegen seiner Herkunft aus dem Großbürgertum nicht gerade mit offenen Armen, aber der junge Bruno Kreisky arbeitete sich schnell in der Organisation nach oben.

Ab den späten 1920er Jahren erlebte Kreisky einen sozialdemokratischen Rückzug vor der aufsteigenden Rechten. An den Februarkämpfen 1934, als sich die Arbeiterbewegung gegen die Repression durch das austrofaschistische Regime von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß zur Wehr setzte, beteiligte sich Kreisky zwar nicht als Kämpfer, aber als Kurier. Trotz des Parteiverbots betätigte er sich weiter als Sozialdemokrat, wofür er 1935 verhaftet und zu einem Jahr Kerker verurteilt wurde. Aus dieser Zeit rührt auch seine lebenslange Ablehnung für die Christlichsozialen, die er Zeit seines Lebens mehr gehasst haben soll als die Nazis. »Der Hass auf Dollfuß war stärker als die Angst vor allem anderen«, zitiert ihn sein Weggefährte, der Diplomat Wolfgang Petrisch, der die ausführlichste Kreisky-Biografie geschrieben hat.

»Seine machttaktische Milde gegenüber den ›kleinen Nazis‹ war eine Voraussetzung für seinen späteren politischen Erfolg, der gleichzeitig einer Aufarbeitung der Vergangenheit im Weg stand.«

Kreisky gelang es noch, einen Tag vor dem Anschluss Österreichs an Deutschland zum Doktor zu promovieren, bevor er im März 1938 ins Exil nach Schweden ging. Einfach fiel ihm der Entschluss zur Flucht nicht. »Ich wollte kein Davonlaufer sein, weder damals noch irgendwann sonst in meinem Leben«, schreibt er im Rückblick. Aber er hatte auch erkannt, dass es für ihn als Juden und Sozialisten im nationalsozialistischen Österreich keine Überlebenschance gab. Die Geschichte gab ihm recht: 25 seiner engsten Verwandten sollten später von den Nazis ermordet werden.

Kreisky weigerte sich in seinem späteren Leben stets, der österreichischen Bevölkerung eine kollektive Schuld für diese Verbrechen zu geben. Seine machttaktische Milde gegenüber den »kleinen Nazis« war eine Voraussetzung für seinen späteren politischen Erfolg, der gleichzeitig einer Aufarbeitung der Vergangenheit im Weg stand. »Wer kann sich zum Richter machen über die Menschen dieser Zeit?«, schreibt er in seinen Memoiren. »Doch nur der, der die Verhältnisse selbst gesehen hat, der die Verzweiflung der Menschen mitempfunden hat und ihre brennende Sehnsucht nach Arbeit?« Dass auch die einfachen Österreicherinnen und Österreicher nicht einfach von den Umständen zu Nazis gemacht wurden, sondern aktiv Handelnde waren, fehlt in dieser Analyse.

Im Exil blieb Kreisky weiter politisch aktiv, als Chef der österreichischen Sozialisten in Schweden und als Journalist. Zu seiner Arbeit zählte auch die Vernetzung mit anderen Sozialdemokraten. Der prominenteste unter ihnen ist Willy Brandt, mit dem er eine internationale Arbeitsgemeinschaft gründete: die »kleine Stockholmer Internationale«. Gemeinsam überlegten sie, wie Europa nach dem Krieg aussehen könnte. »Wir sind damals enge Freunde geworden – eine Freundschaft, die sich im Laufe der Jahre noch verstärkt hat«, schreibt Kreisky über Brandt. Viele spätere Erfolge in Österreich und Deutschland führt er auf die »beträchtliche Gedankenarbeit« mit Brandt in Schweden zurück.

Die Ära Kreisky

1950 kehrte Kreisky nach Wien zurück, wo er wenige Jahre später erst Staatssekretär und dann Außenminister wurde. Eine noch größere Karriere rechnete er sich nicht aus. Noch 1967 habe er gesagt, erinnert sich die Publizistin Trautl Brandstätter in Petritschs Kreisky-Biografie: »Wissen Sie, ich als Jude und als Emigrant kann in Österreich zwei Posten nicht bekommen: den SPÖ-Vorsitz und den Bundeskanzler.« Wenige Wochen später stand er an der Spitze der Partei, drei Jahre später an der Spitze des Landes.

Kreiskys Karriere ist untrennbar verbunden mit der Zeit, in der er Politik machte. Schon bevor er Kanzler wurde, veränderte sich Österreich massiv: In den 1960er Jahren wandelte sich das Land binnen einer Dekade von einem Agrar- zu einem Industriestaat. Und »das Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse, die sich – vor allem in der Verstaatlichten Industrie – in den siebziger Jahren wohl zum letzten Mal als solche begriff«, schreibt Petritsch, »verlieh der SPÖ Selbstbewusstsein und den notwendigen Rückhalt für reformerischen Gestaltungswillen«.

»Der sozialdemokratische Reformwille durchdrang fast alle Lebensbereiche. Zentral waren aber die massiven Wohlstandsgewinne, die er der österreichischen Bevölkerung ermöglicht.«

Der sozialdemokratische Reformwille durchdrang fast alle Lebensbereiche. Zentral waren aber die massiven Wohlstandsgewinne, die er der österreichischen Bevölkerung ermöglichte. Im Kern von Kreiskys Wirtschaftspolitik standen eine antizyklische Budgetpolitik und Deficit Spending, eine Kompromisslösung zwischen den Sozialpartnern und ein starker Fokus auf Vollbeschäftigung. Legendär ist Kreiskys Ausspruch aus dem Wahlkampf 1970, in dem er erklärte, dass ihm »ein paar Milliarden [Schilling] Schulden weniger schlaflose Nächte bereiten als ein paar Hunderttausend Arbeitslose«.

Dass Kreisky so einen starken Fokus auf Vollbeschäftigung legte, ist kein Zufall, sondern aus seiner Biografie erklärbar: Er wusste ganz genau, welche Konsequenzen die Massenarbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise 1929/1930 für die Gesellschaft und die Arbeiterbewegung im Speziellen hatten. Die Erfahrungen der 1920er Jahre hatten ihn überhaupt erst zum Sozialismus gebracht. »Das Erlebnis der letzten Kriegsjahre, die Inflation, die Entwertung aller Werte, die Arbeitslosigkeit, alles das hatte mich aufgerüttelt und in mir das Bedürfnis geweckt, diesem Phänomen auf den Grund zu kommen«, erinnert sich Kreisky. Für ihn war immer klar, dass die Massenarbeitslosigkeit Europa in die Krise und letztlich zum Zweiten Weltkrieg geführt hatte, darum verteidigte er die Politik der Vollbeschäftigung auch »wider so mancher scheinbarer ökonomischer Rationalität«, wie Petritsch schreibt.

Hans Seidel, der im letzten Kabinett Kreiskys als Staatssekretär tätig war, prägte den Begriff »Austro-Keynesianismus« für diese Politik, die Österreich international viel Lob und einen Ruf als »Insel der Seligen« einbrachte. Viele Errungenschaften wurden so stark institutionell verankert, dass der österreichische Sozialstaat immer noch zu den stärksten der Welt zählt – obwohl die rechtsextreme FPÖ alle paar Jahre gemeinsam mit der ÖVP in der Regierung sitzt.

»Den jungen Aufmüpfigen 68ern erzählte Kreisky von seinen Kontakten zu Fidel Castro und Che Guevara, lud sie zum Essen ein, ›und dort wurde dann die Frage diskutiert, ob man nicht im Fordinstitut, oder in der Arbeiterkammer ein viel besseres berufliches Fortkommen haben könnte‹.«

Neben keynesianischer Wirtschaftspolitik setzte Kreisky auch auf eine progressive Gesellschaftspolitik, die bis heute nachwirkt. Dazu zählen etwa die Fristenlösung, die einen Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten straffrei macht, oder die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern. Zur selben Zeit wurde die Homosexualität weitgehend entkriminalisiert und uneheliche Kinder wurden ehelichen gleichgestellt.

Sonnenkönig und Walzertito 

Während seiner Kanzlerschaft war Kreisky so allgegenwärtig wie wohl kein österreichischer Kanzler vor und nach ihm. Heute kann es selbst politisch interessierten Menschen passieren, dass ihnen der Name des aktuellen Bundeskanzlers entfällt (Christian Stocker übrigens). Indes erzählen Zeitzeuginnen der Kreisky-Ära heute etwas scherzhaft, sie hätten sich als Kinder gefragt, ob es im Radio eigentlich auch einmal eine Sendung »ohne diesen Kreisky« zu hören gäbe.

Für die SPÖ selbst hatte das Überscheinen des »Sonnenkönigs« nicht nur positive Folgen. Immer wieder wurde der Partei vorgeworfen, sich in einen starren Kanzler-Wahlverband zu verwandeln und ohne Kreisky politisch ideenlos zu sein. Am stärksten brachte dieses Verhältnis wohl der Schriftsteller Thomas Bernhard auf den Punkt. Er nannte Kreisky in einem Wutbrief an die Zeit einmal einen »gewohnheitsmäßig geliebten Abonnementbundeskanzler mit dem besten Schmäh, der keinem nützt und keinem schadet, eine süßsaure Art von Salzkammergut- und Walzertito«. Eine sehr österreichische Auseinandersetzung, zu der Kreisky sich zwar kaum öffentlich äußerte, sich aber doch dazu hinreißen ließ, Bernhard einen »Kleinbürger« zu nennen.

»Kreisky war – auch wenn ihm das häufig zugeschrieben wird – kein ideologischer Antizionist, sondern einfach ein Nicht-Zionist.«

Dabei brachte Bernhard in seiner Polemik etwas auf den Punkt, das die gesamte Nachkriegsgeschichte Österreichs prägte und von Kreisky wie von keinem anderen gepredigt wurde: die Liebe zum Kompromiss, zum klassisch österreichischen »Dazwischen«. Insbesondere zum Kompromiss zwischen Kapital und Arbeit, der sich in der Zweiten Republik insbesondere in der Sozialpartnerschaft manifestierte.

Aber dieser Umgang zeigte sich auch in anderen Kontexten, etwa gegenüber der Studentenbewegung, die in Österreich aufgrund ihrer vernachlässigbaren Größe oft als »Mai-Lüfterl« bezeichnet wurde. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Linksradikale staatlicher Repression ausgesetzt waren, setzte Kreisky in Österreich auf Integration. Der 68er-Aktivist Fritz Keller erklärte einmal, Kreisky habe »eine sehr entwickelte repressive Toleranz gegenüber den rebellischen Nachkommen« angewandt. In der Praxis sah das so aus: Den jungen Aufmüpfigen erzählte er von seinen Kontakten zu Fidel Castro und Che Guevara, lud sie zum Essen ein, »und dort wurde dann die Frage diskutiert, ob man nicht im Fordinstitut, oder in der Arbeiterkammer ein viel besseres berufliches Fortkommen haben könnte«.

In der Konsequenz band er eine ganze Generation von jungen Rebellen an die Sozialdemokratie. Der Publizist Robert Misik sagt, die Partei habe die Linksradikalen einfach eingefangen und für ihre Publikation die Arbeiterzeitung schreiben lassen. In jedem Fall eine erfolgreichere Strategie als der deutsche Radikalenerlass.

Dass Österreich nur 25 Jahre nach dem Ende des Holocausts einen jüdischen Kanzler bekam, liegt auch daran, dass Bruno Kreisky ein komplexes Verhältnis zu seinem Judentum pflegte. »Er sah sich in erster Linie als Österreicher, das Judentum aber war ihm eine vom Holocaust verursachte ›Schicksalsgemeinschaft‹«, schreibt Petritsch. Trotz des Holocausts blieb sein Judentum in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg verhaftet. Darum sah er auch keinen Grund, sonderlich solidarisch mit Israel zu sein.

»Die Kultur jener Sozialdemokratie, in der Bruno Kreisky sozialisiert wurde, die jeden Bereich des Lebens durchdrang, ist heute ein Relikt der Vergangenheit.«

Tatsächlich war der Außenpolitiker Bruno Kreisky immer wieder eine Persona non grata in Israel. Unter älteren Israelis ist er heute noch verhasst. Er setzte sich schon früh für eine palästinensische Staatlichkeit ein. Sein erklärtes Ziel war es, einen politischen Weg zur Lösung des Nahost-Konflikts zu finden. Als 1973 drei jüdische Emigranten, die über Österreich und die Sowjetunion nach Israel ausreisen wollten, in Marchegg von der PLO entführt wurden, ging er innerhalb kürzester Zeit auf die Forderungen der Geiselnehmer ein und ließ das Durchgangslager Schönau schließen. Der Transit wurde jedoch bald darauf an anderer Stelle fortgesetzt. Kreisky war – auch wenn ihm das häufig zugeschrieben wird – kein ideologischer Antizionist, sondern einfach ein Nicht-Zionist. Aber auch das ist in der heutigen SPÖ nicht mehr auffindbar.

Kreisky war kein Zufall

Die Kultur jener Sozialdemokratie, in der Bruno Kreisky sozialisiert wurde, die jeden Bereich des Lebens durchdrang, ist heute ein Relikt der Vergangenheit. Mit dem Niedergang der Industrie sinken seit den 1980ern die sozialdemokratischen Wahlergebnisse. Das Arbeitervereinsleben und die zahlreichen Vorfeldorganisationen der SPÖ sind massiv geschrumpft. Und auch Kreisky geistert in erster Linie als Mythos durchs Land.

Was aber sicher ist: Wohl kein österreichischer Spitzenpolitiker der Gegenwart wird 35 Jahre nach seinem Tod noch so vielen Menschen ein Begriff sein wie Bruno Kreisky heute. Viele österreichische Linke mögen sich einen Sozialdemokraten von Kreiskys Format zurückwünschen. Doch solche sozialistischen Politiker fallen nunmal nicht vom Himmel, sondern wachsen aufgrund einer Arbeiterbewegung, wie es sie heute nicht gibt. Wer eine Sozialdemokratie wie unter Kreisky erleben will, sollte sich darum nicht in erster Linie nach einer charismatischen Führungsfigur sehnen, sondern nach einer Bewegung, die stark genug ist, solches Personal hervorzubringen und es entgegen aller Wahrscheinlichkeit an die Macht zu bringen.

Magdalena Berger ist Assistant Editor bei JACOBIN.