24. Januar 2026
In allen Teilen Kurdistans steht die Befreiungsbewegung vor kritischen Punkten. Im Interview spricht Amir Karimi von der iranisch-kurdischen Partei PJAK über die Proteste im Iran, den Friedensprozess in der Türkei und die Verteidigung von Rojava in Syrien.

Tausende Kurdinnen und Kurden protestieren gegen die syrischen Angriffe auf die kurdische Verwaltung in Rojava, Diyarbakır, Türkei, 8. Januar 2026.
In den vergangenen Wochen kam es in der Islamischen Republik Iran aufgrund der tiefen wirtschaftlichen Krise zu landesweiten Unruhen, die sich mit ethnischen Spannungen im kurdisch dominierten Nordwesten des Landes überschnitten. Iranische Sicherheitskräfte reagierten mit brutalen Razzien in kurdischen Gebieten wie Rojhelat und beschuldigten kurdische Gruppen, »Terrorismus« zu schüren. Gleichzeitig hat die Offensive der syrischen Regierungstruppen im benachbarten Rojava, wo seit über einem Jahrzehnt die Demokratische Autonome Verwaltung Nordostsyriens regiert, zu Spannungen über die Grenze hinweg geführt, da sich Kurden aus der gesamten Region zusammenschließen, um die kurdische Verwaltung und ihre Errungenschaften zu verteidigen.
Die kurdische Bewegung steht also vor einem Wendepunkt. Seit der Auflösung der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in der Türkei vergangenen Jahres bemühen sich die mit ihr verbündeten kurdischen Kräften in den Nachbarländern um eine friedliche Lösung der kurdischen Frage nach Jahrzehnten des bewaffneten Kampfs. Aber was passiert, wenn dieses Friedensangebot abgelehnt wird? Wie können die Kurden nicht nur die Errungenschaften der letzten Jahre verteidigen, sondern sich auch mit anderen Volksbewegungen in der Region verbünden, ohne in die geopolitischen Pläne der Vereinigten Staaten oder Israels einbezogen zu werden?
Ayhan Saeed sprach für Jacobin mit Amir Karimi, dem Co-Vorsitzenden der iranischen Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK), über die sich schnell verändernden Lage im Nahen Osten, die Herausforderungen für die kurdische Bewegung und wie eine gerechte, freie Zukunft für die Kurden aussehen kann.
Die Lage im Nahen Osten entwickelt sich rasant und widersprüchlich: Die Proteste im Iran erreichten historische Ausmaße, während die Offensive im Nordosten Syriens die Errungenschaften der kurdisch geführten Demokratischen Autonomen Verwaltung in Rojava zu zerstören droht. Steht die kurdische Bewegung vor einer historischen Niederlage?
Die Kurden befinden sich an einem der entscheidendsten Wendepunkte ihrer Geschichte: Einerseits wird Rojava von extremistischen und terroristischen Gruppen belagert, die mit der Türkei verbunden sind, andererseits haben wir eine weitreichende Mobilisierung kurdischer Aktivisten und Kräfte aus den Grenzregionen von Başur (Simalka), Bakur (Nussebin) und Kobani gesehen, um es zu verteidigen. Angesichts der Tatsache, dass eine mögliche Niederlage Rojavas nicht nur die Existenz der autonomen demokratischen Verwaltung in Nordsyrien bedroht, sondern auch direkte Auswirkungen auf den Versöhnungsprozess zwischen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und der türkischen Regierung hat, könnte man sich fragen: Stehen die Kurden vor einer »historischen Niederlage« oder vor einer Neudefinition ihrer Rolle im Nahen Osten?
»Es ist kein Zufall, dass die historischen Proteste im Iran und die gewaltsame Unterdrückung von Rojhelat mit dem Druck auf Rojava zusammenfallen.«
Die Angst vor einer historischen Niederlage beruht auf einer statischen Sichtweise der Geschichte, die ein dynamisches Verständnis der regionalen Entwicklungen außer Acht lässt. Was heute in Rojava, Rojhelat, Bakur und Başur geschieht, ist kein allmählicher Zusammenbruch, sondern eine gleichzeitige Konzentration von Krise und Möglichkeit – ein Moment, in dem sowohl Scheitern als auch Durchbruch gleichermaßen wahrscheinlich sind. Rojava ist nicht mehr nur eine autonome Region, sondern hat sich zu einem strategischen Knotenpunkt dreier Gleichungen entwickelt: der Eindämmung oder Ausweitung des türkischen Einflusses in Nordsyrien, der Zukunft des Projekts einer dezentralisierten Demokratie im Nahen Osten und der Rolle der Kurden als aktive Akteure in der regionalen Ordnung.
Andererseits deutet die weit verbreitete Präsenz von Kurden aus den Grenzregionen Simalka, Nusaybin und Kobani auf den Übergang des kurdischen Kampfes von der Fragmentierung zur politischen Interdependenz hin. Diese beispiellose Synchronizität zeigt, dass Rojava zu einer Identität und einem politischen Schwerpunkt für ganz Kurdistan geworden ist. Die Tatsache, dass die Niederlage Rojavas jeden Versöhnungsprozess zwischen der PKK und dem türkischen Staat zunichte machen könnte, zeigt das politische Gewicht dieser Region. Die Zerstörung Rojavas bedeutet nicht das Scheitern eines Experiments – sie wäre die offizielle Erklärung des Endes jedes friedlichen Weges durch Ankara.
Es ist kein Zufall, dass die historischen Proteste im Iran und die gewaltsame Unterdrückung von Rojhelat mit dem Druck auf Rojava zusammenfallen. Diese Gleichzeitigkeit zeigt, dass die regionalen Regierungen die Synergie der kurdischen und der Volksbewegungen fürchten und versuchen, diese Zentren zu zerschlagen, bevor sie sich verbinden können. Wenn Rojava fällt, wird dies zweifellos hohe Kosten verursachen, aber wenn es Widerstand leistet, werden sich die Kurden als regionale Akteure etablieren, denn sie verteidigen nicht nur ein Land, sondern auch das Recht, die Zukunft des Nahen Ostens mitzubestimmen. Dieser Kampf ist kein Kampf um »Sein oder Nichtsein«, sondern ein Kampf darum, wie man sein will – und damit umso entscheidender.
Sie haben die Proteste im Iran erwähnt – die wohl größten seit Jahrzehnten. Glauben Sie, dass die Islamische Republik ihre Herrschaftslegitimation verloren hat? Und was bedeuten die Unruhen für die kurdische Bevölkerung im Land?
Die Islamische Republik befindet sich in einer tiefen sozialen und politischen Krise. Obwohl das Regime weiterhin die strukturelle Kontrolle über die Bürokratie und das Militär ausübt, stützt es sich auf Gewalt und nicht auf einen öffentlichen Konsens. Das Regime gleicht einer leeren Hülle und seine traditionellen Legitimitätspfeiler, von der Religion bis zum Nationalismus, sind zusammengebrochen. Mit der Sperrung des Internets hat der Staat ein »nordkoreanisches« Isolationsmodell eingeführt, mit dem er bewusst versucht, das Ausmaß seines Missbrauchs zu verbergen.
»Einfach ausgedrückt: Demokratie entsteht aus dem Willen der Gesellschaft und verwandelt den Staat, wenn sie in ihn integriert wird, in einen demokratischen Staat.«
Was die Lage der kurdischen Parteien angeht, so haben uns unsere früheren Rivalitäten verwundbar gemacht. Deshalb streben wir eine strategische Annäherung und eine einheitliche Front an, um nicht an den Rand gedrängt zu werden. Aber wir müssen wachsam bleiben: Der Sturz des Regimes allein garantiert noch keine Freiheit. Wir kennen die bittere Erfahrung des Jahres 1979, als der Sturz einer Diktatur den Weg für die Errichtung einer anderen ebnete. Wir sind auch besorgt über die Unterstützung ausländischer Akteure wie Israel für eine Persönlichkeit wie Reza Pahlavi, da sie die Komplexität unserer pluralistischen Gesellschaft ignoriert. Unser Plan für die Zukunft ist ein »dritter Weg«: Wir streben weder eine Trennung an noch glauben wir an ausländische Diktate, sondern setzen auf interne Reformen.
Ihre Partei fordert einen »demokratischen Iran«. Was würde das konkret bedeuten?
Das bestimmende Merkmal des Nationalstaates ist, dass er sich als Staat einer einzigen Nation präsentiert und dabei oft andere Nationen marginalisiert oder deren Existenz leugnet. Folglich nimmt er eine stark zentralisierte, konkrete und autoritäre Form an und beansprucht die Kontrolle über alle Aspekte der Gesellschaft. Es ist diese starre Form des Nationalstaates, die wir ablehnen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir den Staat vollständig abschaffen wollen, sondern dass seine Macht und seine Grenzen im fortwährenden Kampf für eine freie und demokratische Gesellschaft begrenzt werden sollten.
Einfach ausgedrückt: Demokratie entsteht aus dem Willen der Gesellschaft und verwandelt den Staat, wenn sie in ihn integriert wird, in einen demokratischen Staat. Je stärker und breiter diese Demokratie ist, desto kleiner und weniger dominant wird der Staat. Der Iran ist eine vielfältige und pluralistische Gesellschaft. Durch die Begrenzung der Macht des Staates können Gemeinschaften autonomer, widerstandsfähiger und selbstverwaltungsfähig werden. Mit einem demokratischen Iran meinen wir ein Netzwerk von willigen, selbstverwalteten Gemeinschaften. Wird der Iran staatenlos werden? Nein. Nach unserer Vision wäre der Staat nicht zentralisiert, sondern dezentralisiert und flexibel, geleitet von einer inklusiven Politik und grundlegenden, universellen Gesetzen, die die Teilhabe aller gewährleisten.
Die Kurden führen seit Jahrzehnten einen bewaffneten Befreiungskampf in der gesamten Region. Aber welche Rolle spielt der traditionelle bewaffnete Widerstand heute angesichts des Aufkommens von Drohnen und Cyberkrieg? Können die Kurden ihre Freiheit noch immer mit Waffen erringen?
Im 20. Jahrhundert waren die Kurden gezwungen, zu den Waffen zu greifen, um sich gegen Versuche ihrer Auslöschung zu wehren, da sie aus dem politischen System der Länder, in denen sie lebten, ausgeschlossen wurden und ihre Existenz geleugnet wurde. Niemand kann die Legitimität des kurdischen Kampfes allein deshalb in Frage stellen, weil er mit bewaffnetem Widerstand verbunden war. Denn es gab keine Alternative. Auf dieser Grundlage entstand in Kurdistan ein Kampf, der es schaffte, das fest verwurzelte System der Leugnung zu zerstören.
»Die kurdische Frage muss als politische Angelegenheit behandelt werden, nicht als Sicherheitsproblem.«
Heute hat sich die Technologie verändert. Moderne Entwicklungen wie Drohnen, intelligente Waffen und andere Werkzeuge haben die Dynamik von Konflikten verändert und klassische Guerillakriegsführung wird nicht mehr auf die gleiche Weise betrieben. Doch der von [dem kurdischen Anführer] Abdullah Öcalan identifizierte Paradigmenwechsel ist nicht allein das Ergebnis des technologischen Wandels. Schon vor diesen Fortschritten kam er zu dem Schluss, dass die Ära des bewaffneten Kampfes für die nationale Befreiung zu Ende gegangen war und in ein demokratisches, rechtliches und politisches Engagement innerhalb der bestehenden Staaten umgewandelt werden musste.
Was wir sowohl als Ziel als auch als Leitprinzip verfolgen, ist nicht nur Befreiung, sondern auch Freiheit. Dies ist nur innerhalb eines breit angelegten demokratischen Systems möglich, da die Unterdrückung der Kurden aus einem Demokratiemangel hervorgegangen ist. Durch die Gewährleistung von Demokratie können wir die Kurdenfrage angehen und künftige Krisen verhindern. Auf dieser Grundlage hat sich unsere Strategie geändert, und sie wird zweifellos unser weiteres Vorgehen prägen.
Die PJAK selbst hat nie einen klassischen bewaffneten nationalen Befreiungskampf geführt, das war nie unsere Strategie. Unsere Bemühungen konzentrierten sich ausschließlich auf Selbstverteidigung. Mit anderen Worten: Die PJAK hat nie versucht, Gebiete zu erobern oder eine Regierung zu bilden – ihr Ziel war es, sich gegen die aggressive Politik der Islamischen Republik zu schützen. Das iranische Regime geht nicht nur gegen den bewaffneten Widerstand vor, sondern auch gegen jede Ideologie, die seine Autorität in Frage stellt, und richtet sogar Lehrer und Umweltschützer hin.
Wir wollen in Iran ein politisches Umfeld schaffen, in dem Waffen nicht notwendig sind. Wenn es nur eine Frage der Technologie wäre, könnten wir diese auf irgendeine Weise erwerben, und bis zu einem gewissen Grad haben wir das auch getan. Wir glauben jedoch, dass das Problem nicht durch Krieg gelöst werden kann. Das bedeutet nicht, dass bewaffneter Kampf aufgrund dieser Technologien nicht mehr möglich ist. Vielmehr verfügen wir über alternative Methoden, um unseren Kampf fortzusetzen und uns zu schützen. Wenn diese Maßnahmen nicht erforderlich sind – das heißt, wenn das System nicht aggressiv ist und wir nicht gezwungen sind, uns zu verteidigen –, gibt es keinen Grund, den bewaffneten Kampf fortzusetzen.
Der Friedensprozess zwischen der Türkei, der PKK und Öcalan, der zur Ankündigung der Selbstauflösung der PKK führte, schreitet langsam und unsicher voran. Unterdessen hat das harte Vorgehen der türkischen Regierung gegen die innenpolitische Opposition die Hoffnungen auf einen dauerhaften Frieden gedämpft. Wie schätzen Sie die Aussichten für den Friedensprozess ein und was könnte er für die Kurden in der gesamten Region bedeuten?
Die Veränderungen in der Türkei, insbesondere die Lösung der kurdischen Frage, spiegeln den Willen des Staates selbst wider. Der türkische Staat fühlt sich durch regionale Veränderungen bedroht. Dies gilt insbesondere dann, wenn ungelöste Probleme wie die kurdische Frage anderen Staaten Möglichkeiten eröffnen, stärker in die inneren Angelegenheiten der Türkei einzugreifen. Ein Teil des türkischen Staates hat diese Bedrohung erkannt und daraufhin den Friedensprozess initiiert. Öcalan hat darauf reagiert. Zuvor, als eine solche Gefahr nicht wahrgenommen wurde, wurden keine Versuche unternommen.
Es ist nicht so, dass das gesamte türkische System für diesen Prozess bereit ist, insbesondere diejenigen, die an der Macht sind. Daher befindet sich dieser Prozess in einer Phase des Kampfes. In diesem Zusammenhang arbeitet Öcalan daran, Hindernisse für eine friedliche Lösung zu beseitigen, interne Konflikte innerhalb des Staates zu reduzieren und eine stärkere Unterstützung für eine friedliche Lösung aufzubauen.
Der türkische Staat hat bisher keine ernsthaften Schritte unternommen und scheint den Prozess für kurzfristige politische Zwecke zu nutzen. Erdogans AKP konzentriert sich in erster Linie darauf, an der Macht zu bleiben, und macht den Prozess zu einer Form von politischer Werbung. Bislang haben sich Erdogan und die AKP darauf konzentriert, die autoritäre Kontrolle aufrechtzuerhalten, obwohl der Geist dieser Phase darin bestehen sollte, Demokratie zu etablieren. Indem sie einerseits behaupten, Demokratie anzustreben, andererseits aber genau das Gegenteil tun, gefährden sie den gesamten Prozess.
»Was hier zählt, ist, was die Völker und Gemeinschaften des Iran wollen: Freiheit? Leben? Ein demokratisches System? Es ist ihr eigener Kampf, der ein solches System sichern kann.«
Da die Zeit der Verleugnung der Kurden vorbei ist, wird sich der Konflikt nicht mehr auf bloße Kämpfe und Widerstand gegen ein System beschränken. Die Kurden dürfen nicht länger außerhalb des Systems bleiben, sie müssen in der Lage sein, innerhalb des Systems zu kämpfen. Dies erfordert natürlich Veränderungen. Mit anderen Worten: Die kurdische Frage muss als politische Angelegenheit behandelt werden, nicht als Sicherheitsproblem.
Natürlich wirken sich diese Veränderungen auf uns aus, insbesondere auf strategischer Ebene. Warum? Weil die Strategie der PJAK von Anfang an darin bestand, dass wir keine Bewegung des 20. Jahrhunderts sind, sondern eine Bewegung des 21. Jahrhunderts, und wir unseren Kampf auf die Lösung der kurdischen Frage im Rahmen der demokratischen Politik und den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft ausgerichtet haben. Das war von Anfang an unsere Strategie, nur hatten wir bisher noch keine Gelegenheit, sie vollständig umzusetzen. Wir glauben nun, dass sich eine geeignetere Gelegenheit bietet, und mit den mutigen Schritten, die Öcalan und die PKK in der Region unternommen haben, werden wir besser in der Lage sein, unsere Strategie voranzutreiben.
Das bedeutet nicht, dass die PJAK die gleichen Schritte wie die PKK unternehmen wird. Die PKK hat diesen Schritt unter den besonderen Umständen in der Türkei unternommen. Rojhelat oder das iranische Kurdistan befindet sich jedoch in einer ganz anderen Situation. Es befindet sich derzeit inmitten eines Krieges, der zu weitaus größeren Konflikten eskalieren könnte. Deshalb müssen wir uns schützen. Wir können und werden unsere Waffen nicht niederlegen. Wir sind jedoch eine selbstkritische Bewegung und werden alle notwendigen Änderungen in unserer Politik in Betracht ziehen.
Israel scheint zu versuchen, die regionale Ordnung im Nahen Osten neu zu gestalten, und einige Elemente der rechten Opposition im Iran spielen, vielleicht unbewusst, diesem Projekt in die Hände. Was sind die bestimmenden Merkmale der regionalen Ordnung, die Israel und die USA zu schaffen versuchen, und welche Szenarien ergeben sich daraus für die Kurden?
Die Staaten und Systeme in der Region sind selbst Produkte globaler und ausländischer Interventionen, die nach dem Ersten Weltkrieg geschaffen und nach dem Zweiten Weltkrieg konsolidiert wurden. Die von den USA dominierte Ordnung versucht nun, diese Nationalstaaten und ihre Strukturen umzugestalten, um ihre eigenen Ziele voranzutreiben. Dies bietet eine Chance für die Völker, die seit langem marginalisiert, unterdrückt und Gewalt ausgesetzt sind, insbesondere das kurdische Volk.
Damit die von den Vereinigten Staaten und Israel angeführte Weltordnung ihre Pläne für die Region umsetzen kann, müsste sie den Iran neutralisieren – ihn effektiv zum Schweigen bringen. Mit anderen Worten: Ein Krieg gegen den Iran würde den strategischen Zielen dieser Mächte dienen. Aber ob ein solcher Krieg zu Demokratie führen würde, ist höchst fraglich. Wir glauben nicht, dass Krieg an sich Demokratie bringen kann. Auf der einen Seite steht ein diktatorisches Regime. Auf der anderen Seite greifen ausländische Mächte mit dem Ziel ein, es zu stürzen, doch ihnen fehlt ein echtes demokratisches Projekt. Ihr Ziel ist es, eine alternative Regierung zu installieren, die ihren eigenen Interessen dient.
Was hier zählt, ist, was die Völker und Gemeinschaften des Iran wollen: Freiheit? Leben? Ein demokratisches System? Es ist ihr eigener Kampf, der ein solches System sichern kann. Als Bewegung, die sich selbst als »dritten Weg« definiert, vertrauen wir auf den Kampf und den Willen des Volkes und behalten uns das Recht vor, mit jeder Partei oder jedem Akteur zusammenzuarbeiten, nicht um deren Agenda zu verfolgen, sondern um unsere eigene Strategie voranzutreiben. Dementsprechend werden wir unter Wahrung unserer Unabhängigkeit regionale und geostrategische Veränderungen nutzen, wo dies sinnvoll ist, mit allen Kräften verhandeln, die wir für angemessen halten, und eine Politik verfolgen, die diesem Plan entspricht.
Die iranische Opposition ist schwach, zersplittert und oft in Nationalismus gefangen oder durch ihre soziale Basis eingeschränkt, sodass ihr die Fähigkeit fehlt, die Mehrheit effektiv zu organisieren. Wer ist heute das revolutionäre Subjekt im Iran?
Was Sie ansprechen, ist richtig. Es gibt keine umfassende oder einheitliche Opposition im Iran, und der iranische Staat nutzt dieses Vakuum derzeit aus. Das Problem ist jedoch nicht nur das Fehlen einer kollektiven Kraft, die die Bewegung unterstützen könnte, sondern auch das Fehlen einer Politik, die alle nationalen Gruppen vertreten könnte. Was derzeit existiert, reproduziert entweder den Nationalismus oder versucht, den politischen und religiösen Islam wiederzubeleben und ihn noch stärker durchzusetzen. Die Situation der verschiedenen ethnischen Gruppen im Iran ist besonders bedeutsam und muss berücksichtigt werden. Wenn wir eine demokratische iranische Nation aufbauen wollen, muss der Wille der Gruppen innerhalb des Iran entsprechend ihrer nationalen Identität respektiert werden.
»Der Kampf für die Freiheit von Frauen, Jugendlichen, Religionen, Nationen und Völkern bildet den Kern des demokratischen Kampfes.«
Ein weiteres grundlegendes Thema im Iran ist die Stellung der Frau. Damit die Gesellschaft echte Freiheit und Selbstbestimmung erreichen kann, sind der Wille und die Handlungsfähigkeit der Frauen von entscheidender Bedeutung. Frauen spielen bei jedem gesellschaftlichen Wandel eine wichtige Rolle. Obwohl die Frauen im Iran stark sind, sind sie weiterhin Unterdrückung ausgesetzt. Das System zwingt der Gesellschaft durch das Patriarchat Machtstrukturen auf und schwächt und unterdrückt dabei ethnische Gemeinschaften. Daher sind Frauen und ethnische Gemeinschaften die Hauptantriebskräfte und zentralen Subjekte des sozialen Wandels.
Andererseits ist der Iran die Heimat vieler Religionen. Trotz dieser religiösen Vielfalt wird das iranische System ausschließlich von den Schiiten regiert, deren religiöser Rahmen allen Religionen und Nationen aufgezwungen wird. Dies unterstreicht die wichtige Rolle der verschiedenen Religionen im demokratischen Kampf, da sie die Freiheit haben müssen, sich zu äußern.
Auch die Rolle der Jugend ist von entscheidender Bedeutung. Das System setzt jedoch eine Gerontokratie und veraltete Traditionen durch und unterdrückt neue Ideen. Junge Menschen stehen unter enormem Druck, da das System sie ausschließlich für ideologische oder militaristische Zwecke ausbeutet. Dennoch streben die Jugendlichen danach, sich nicht nur vom System, sondern auch von den Zwängen der traditionellen Gesellschaft zu befreien und ihren eigenen starken Willen durchzusetzen.
Der Kampf für die Freiheit von Frauen, Jugendlichen, Religionen, Nationen und Völkern bildet den Kern des demokratischen Kampfes. Bemühungen zur Verhinderung von Völkermord, zum Schutz der Umwelt und zur Bewältigung anderer, scheinbar unterschiedlicher Probleme erfordern zwar unterschiedliche Ansätze, sind jedoch alle miteinander verbunden und stellen für uns wichtige politische Bereiche dar. All diese Kämpfe fanden ihren Ausdruck in der Bewegung »Jin, Jiyan, Azadî« [Frau, Leben, Freiheit], die die Menschen unter diesem kraftvollen Slogan vereinte. Durch diese Bewegung rückten Einzelpersonen und Gemeinschaften näher zusammen und schufen eine wirksame Revolution, die sich weiterhin im Gefüge der Gesellschaft manifestiert.
Diese Revolution muss jedoch geschützt werden vor Bedrohungen wie Nationalismus, Patriarchat, Zentralismus, Autoritarismus, Partikularinteressen und dem Kapitalismus, der alles dem Streben nach Profit unterordnen will. Wir widmen all unsere Anstrengungen diesem Ziel. Wir glauben, dass Gemeinschaften unter diesem Slogan ihren Kampf vorantreiben und zu sinnvollen und vorteilhaften Ergebnissen führen können.
Mit dem Entstehen einer neuen Weltordnung sind die verschiedenen Teile Kurdistans mit mehreren Staaten konfrontiert. Glauben Sie, dass die kurdische Bewegung eine radikale Alternative nicht nur für die Kurden, sondern für die gesamte Region entwickeln kann?
Die Welt und insbesondere der Nahe Osten befinden sich in einem tiefgreifenden Wandel. Wir erleben derzeit die Geburtswehen dieser Transformation, und das, was wir als Dritten Weltkrieg bezeichnen, ist bereits im Gange. Es ist klar, dass das alte System nicht mehr funktioniert. Derzeit konkurrieren zwei Hauptdenkrichtungen und -projekte miteinander: Die eine blickt in die Zukunft und überlegt, welche Art von System etabliert werden sollte, während die andere versucht, die Vergangenheit zu bewahren oder zu ihr zurückzukehren.
Leider haben sich viele politische Bewegungen rückwärts gewandt, insbesondere staatliche Kräfte, die versuchen, den Nationalstaat in seiner traditionellen Form wiederzubeleben – manchmal sogar in Anlehnung an das Modell des frühen 20. Jahrhunderts. Infolgedessen erleben nationalistische Ideologien eine Renaissance und verbreiten dieselbe Rhetorik, die im 20. Jahrhundert zu Konflikten und Stillstand geführt hat. Andere konzentrieren sich auf den politischen Islam und streben die Errichtung eines islamischen Nationalstaates nach dem Vorbild der Islamischen Republik an. Beide Ansätze verschärfen jedoch nur die bestehenden Probleme.
»Wenn diese Probleme durch Gewalt, Aggression und Verleugnung gelöst werden könnten, wären sie bereits im 20. Jahrhundert angegangen worden, und wir würden uns heute nicht mit ihnen konfrontiert sehen.«
Zukunftsorientierte Projekte hingegen untersuchen, wie Gemeinschaften ihren kollektiven Willen durchsetzen und friedlich koexistieren können. Wir verstehen uns als Teil eines solchen Projekts. Verleugnung, Marginalisierung, Ignoranz und Versuche, sich gegenseitig auszulöschen, dürfen nicht länger Teil der Agenda sein, und dieses Prinzip muss sich zunächst in der kurdischen Politik selbst widerspiegeln. Die interne kurdische Demokratie muss als Vorbild für eine umfassendere Demokratie in der Region dienen. Die kurdischen Kräfte müssen ihren Ansatz zur Lösung von Problemen in einem demokratischen Umfeld neu gestalten, geleitet von gerechten und angemessenen politischen Maßnahmen.
Auf einer breiteren Ebene können sie durch eine Konföderation und die Schaffung einer demokratischen Nation zusammen mit anderen Völkern sowohl ihre eigene Identität als auch eine gemeinsame Identität behaupten. Sie können in den Regionen, in denen Kurden leben, eine demokratische Republik errichten, in der die Kurden aufgrund ihrer bedeutenden Erfahrung und Stärke eine Führungsrolle übernehmen und Leitprinzipien festlegen. Die Kurden haben das Potenzial, zur Schaffung eines demokratischen Nahen Ostens beizutragen, in dem Probleme weder unterdrückt noch ignoriert werden und in dem die Gesellschaft nicht ausschließlich auf Nationalismus, Religion oder gegenseitiger Ablehnung basiert. Stattdessen kann die Region auf Toleranz, Akzeptanz, Vielfalt und Pluralismus aufgebaut werden.
Wenn diese Probleme durch Gewalt, Aggression und Verleugnung gelöst werden könnten, wären sie bereits im 20. Jahrhundert angegangen worden, und wir würden uns heute nicht mit ihnen konfrontiert sehen. Das 21. Jahrhundert muss anders sein. Wir müssen eine neue Denkweise und Politik annehmen, nach einem anderen Paradigma leben und Probleme auf konstruktive und zukunftsorientierte Weise lösen. Die palästinensische, die kurdische und andere ähnliche Fragen zeigen, dass das Beharren auf Auslöschung unweigerlich zu großen Katastrophen führt. Die Bemühungen sollten nicht auf Trennung und gegenseitiger Ablehnung beruhen, sondern auf Solidarität und Annäherung, die sich nur durch die Akzeptanz verschiedener Willen und Identitäten erreichen lassen.
Amir Karimi ist Co-Vorsitzender der Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK).