25.12.2020

Leo Panitch (1945–2020)

Bis an sein Lebensende kämpfte Leo für den Sozialismus und die Befreiung der Menschen. Wir werden seine Wärme und seine Großzügigkeit vermissen.

Von Vivek Chibber

Übersetzung von Alexander Brentler

Die internationale Linke hat mit dem Tod von Leo Panitch vom letzten Wochenende einen unwiederbringlichen Verlust erlitten. Bei ihm wurde jüngst ein multiples Myelom diagnostiziert. Er hatte sich im Krankenhaus mit dem Coronavirus infiziert, weshalb er eine virale Lungenentzündung erlitt.

Leo stammte aus einer Familie jüdischer Einwanderer aus Osteuropa, die sich in Winnipeg, Kanada, niederließ. Seine Doktorarbeit an der London School of Economics wurde von Ralph Miliband betreut. Sie befasste sich mit der wirtschaftspolitischen Strategie der Labour Party in Großbritannien und wurde 1976 unter dem Titel Social Democracy and Industrial Militancy: The Labour Party, the Trade Unions and Incomes Policy, 1945–1947 veröffentlicht. In der Folge arbeiteten Leo und Ralph Miliband eng zusammen, ab 1985 wurde Leo Herausgeber von Socialist Register, welches Miliband 1964 zusammen mit John Saville gegründet hatte.

Unter Leos Führung wuchs die Leserschaft des Register, und die Zeitschrift wurde zu einer der wichtigsten akademischen Veröffentlichungen der globalen Linken. Über die Zeit kamen neue Herausgeber hinzu, unter anderem Colin Leys und später Greg Albo, doch Leo blieb der Dreh- und Angelpunkt der Zeitschrift. Er steuerte den Register durch die Demoralisierung der neoliberalen Ära und veröffentlichte weiterhin einer Reihe herausragender Werke, darunter, zusammen mit Leys, The End of Parliamentary Socialism: From New Left to New Labour und später Globaler Kapitalismus und amerikanisches Imperium, der Anfang eines zehnjährigen Gemeinschaftsprojekts mit seinem Freund und Genossen Sam Gindin.

Sein Werk durchziehen mehrere thematische Konstanten, vor allem seine tiefe Analyse der Versprechen und Gefahren der Sozialdemokratie. Leo wusste um die historischen Gewinne, die die Arbeiterbewegung der Sozialdemokratie zu verdanken hat. Doch wie sein Mentor Miliband war er auch einer ihrer prägnantesten Kritiker. Die Hauptthese von Social Democracy and Industrial Militancy war, dass die Labour Party sich im Zuge ihrer Übernahme des britischen Staates nicht nur gezwungen sah, Linke und die Gewerkschaften im Zaum zu halten, sondern die Interessen von Unternehmen gegenüber denen ihrer eigenen Wählerschaft auch aktiv priorisierte.

Leo sah dies als Resultat struktureller Zwänge, nicht als moralische Verfehlung an. Labour würde nie ein Konzept zu entwickeln können, um die Administration einer kapitalistischen Marktwirtschaft mit den politischen Zielen der Arbeiterklasse zu vereinbaren. Auf Basis dieser Einsicht untersuchte Leo, wie sozialdemokratische Parteien in ganz Europa in den 1970er und 80er Jahren an den gleichen Zwängen scheiterten. Den Übergang vom Klassenkampf zum Klassenmanagement erforschte er in einer Reihe bahnbrechender Veröffentlichungen, seine frühen Arbeiten zu diesem Thema sind in dem 1986 veröffentlichten Band Working-Class Politics in Crisis gesammelt. Diese Analysen bleiben von ungebrochener Aktualität, denn eine neu erstarkte Linke stellt sich heute die Frage, wie der Sozialstaat wiederbelebt werden kann.

In den späten 1980er Jahren war Leo damit zu einem der führenden Kritiker der europäischen Sozialdemokratie avanciert. Als Politikwissenschaftler hatte er bei seinem Fachkollegium einen schweren Stand und wurde des öfteren belächelt. Veröffentlichungen US-amerikanischer Politikwissenschaftlerinnen aus dieser Zeit erwähnen ihn oft nur kurz, meist nur um seine Argumente schnell als übertrieben pessimistisch und als zu vereinfachend beiseite zuschieben. In der heterodoxen und progressiven Politologie war es damals Mode, auf die fortdauernde Stabilität des Sozialstaats und seinen Erfolg, der Globalisierung zu trotzen, hinzuweisen. Ebenso lobte man die pragmatische Weisheit des Dritten Wegs von Tony Blair und Gerhard Schröder.

Leo war seiner Disziplin in dieser Hinsicht um Jahre voraus. Seine Tiefe Analyse des konservativen Trends innerhalb sozialdemokratischer Parteien, ihrer zunehmenden Entfremdung von der Arbeiterklasse und dem sich abzeichnenden Desaster ihrer Übernahme durch die Managerklasse wird heute im Mainstream der Politologie mehr oder weniger unwidersprochen als Erklärungsmodell für die Krise der industrialisierten Welt hingenommen. Ohne Zweifel ist dies auch der Grund, warum der Verlag Verso eine zweite Auflage seiner Kritik des Blair-Projekts The End of Parliamentary Socialism herausgab, als die Euphorie des Dritten Weges gerade ihr Maximum erreicht hatte. Eine Entscheidung, die heute etwas Prophetisches hat.

Obwohl Leo ein schonungsloser Kritiker der »real existierenden« Sozialdemokratie war, setzte er sich doch dafür ein, ihre Errungenschaften zu vertiefen und darauf aufzubauen, statt einer mythischen »revolutionären« Alternative nachzurennen. Dies war der zweite Strang seiner Forschung. Er hatte erkannt, dass die Ära der Revolutionen lang vorbei war und blieb mit beiden Beinen fest auf dem Boden der praktischen Strategie. Er suchte nach einem gangbaren Weg, um eine Politik für die Arbeiterklasse wiederzubeleben, statt bloß allgemein über die Notwendigkeit eines revolutionären Bruchs mit dem Kapitalismus zu diskutieren.

Für Leo führte der einzige Weg aus dem Kapitalismus über die Sozialdemokratie, nicht an ihr vorbei. Er nahm dies zum Anlass, darüber nachzudenken, wie die Niederlagen der 1970er Jahre hätten verhindert werden können, wie eine Arbeiterbewegung wieder aufgebaut werden und eine neue Generation sich besser durch die Zwänge des Kapitalismus hindurch navigieren könnte. Mit diesen Fragen beschäftigte er sich vor allem während der Reagan- und Thatcher-Jahre, und viele dieser Schriften erschienen 2001 in Renewing Socialism: Democracy, Strategy and Imagination. In diesen Essays ging Leo auf die Fehler der 1970er Jahre ein und betonte, dass die Arbeiterklasse für die Zukunft des sozialistischen Projekts weiterhin die zentrale Rolle spielen müsste.

Gleichzeitig war Leo weit davon entfernt, in Dogmatismus zu verfallen. Ihm war stets bewusst, dass wir heute in einer anderen Zeit leben als der, in der die Linke ihre Institutionen aufbaute. Vor allem ist die Weltwirtschaft heute wesentlich stärker globalisiert. Diese Dynamik – und vor allem die Rolle des Staates darin – zu analysieren, war der dritte Forschungsschwerpunkt seiner Karriere. Das Buch The Making of Global Capitalism, gemeinsam mit Sam Gindin verfasst, widmet sich diesem Thema intensiv und bietet einen Überblick über die Weltwirtschaft und ihre politischen Fundamente.

Die Internationalisierung des Kapitals war keine Entwicklung, die von wirtschaftlicher Eigendynamik oder durch technologischen Wandel vorangetrieben wurde, so die These des Buchs, sondern ein bewusstes politisches Projekt des US-amerikanischen Staatsapparats. Die Globalisierung des Kapitals wurde begleitet durch die Globalisierung einer bestimmten Staatsform – sie gingen Hand in Hand. Die Ausbreitung des Kapitalismus war daher inhärent mit dem Machtgewinn derjenigen Staatsform verknüpft, welche von der herrschenden Klasse der USA entwickelt worden war und führte zu einer Vertiefung der US-amerikanischen Hegemonie. Die Schlussfolgerung war klar: Wenn der globale Kapitalismus ein bewusstes politisches Projekt ist, dann ist es auch empfindlich gegenüber Veränderungen in den politischen Konstellationen.

Wie genau sich der Kampf gegen diese Form des Kapitalismus abspielen würde, wäre ohne Zweifel Leos nächste Forschungsfrage gewesen, hätte er die Gelegenheit gehabt, ihr nachzugehen. Er war sich sicher, dass, wenn es überhaupt eine Chance auf Erfolg gäbe, sie dann in einer wieder erblühten, kreativen und demokratischen Arbeiterbewegung läge. Leo versuchte sein ganzes Leben lang, Institutionen zu schaffen, die eine solche Bewegung fördern. An der York University in Toronto prägte er die politikwissenschaftliche Fakultät entscheidend mit, genauso wie den Register, mehrere politische Initiativen in Toronto bis hin zur jährlichen Konferenz Historical Materialism.

Seine Großzügigkeit war ihm dabei immer ein Vorteil. Leo war einer der instinktiv demokratischsten Menschen, die ich jemals kennengelernt habe. 2010 half er mir, in Delhi eine Konferenz zum Thema Imperialismus zu organisieren, wo er als Gastredner auftrat. Ich glaube, dass das sein erster Besuch in Indien war. Während der Konferenz war Leo tagelang von Organizern aus der Gegend umgeben, mehr als jeder andere Konferenzteilnehmer. Es saß oft auf dem Rasen vor dem Konferenzgebäude im Schneidersitz und war in tiefe Gespräche mit Gewerkschaftern oder politischen Organizern vertieft, von denen ich ihn kaum losreißen konnte. Er schrieb sich jedes mal die Telefonnummern seiner Gesprächspartner auf, verbunden mit dem Versprechen, ihnen zusätzliche Materialien und weitere Kontakte zukommen zu lassen, was er auch stets tat. Es bezeichnete sie immer als »unser Genosse aus...« statt bloß »dieser Typ« oder sonstige Ausdrücke.

Als Colin und er mich fragten, ob ich Mitherausgeber des Register werden wollte, war ich geehrt, und doch etwas nervös. Ich würde mit Greg Albo zusammenarbeiten. Greg war ein ehemaliger Student von Leo und kannte Colin schon jahrelang. Ich war ein Neuankömmling und möglicher Fremdkörper in einem Projekt, das in Toronto seit zwei Jahrzehnten tief verwurzelt war und seine eigene Arbeitskultur, tiefe persönliche Freundschaften und gemeinsame politische Biographien umfasste. Ich machte mir natürlich Sorgen, ob ich dazu passen würde. Leo integrierte mich nicht nur in die Kultur der Zeitschrift, sondern bestand auch darauf, dass ich sie als Herausgeber mitprägen sollte. Er schlug vor, dass ich in New York eine Redaktion gründen sollte, um den Einfluss von Toronto auszugleichen und Colin und er achteten stets darauf, dass die Herausgeber wichtige Entscheidungen gemeinsam trafen. Leo forderte mich mit Enthusiasmus auf, meine eigenen Ansichten und Erfahren beizusteuern.

Für ihn war das alles eine Selbstverständlichkeit. Als ich einmal in Toronto eine von ihm organisierte Konferenz besuchte, holte er mich früh morgens vom Hotel ab, um mich zur York University zu fahren, die sich außerhalb der Stadt befindet. Ich hatte mich um einige Minuten verspätet, was Leo sehr störte. Als ich ihn fragte, ob es denn so schlimm sei, wenn wir ein paar Minuten zu spät kämen, klärte er mich auf, dass der erste Beitrag von einer Person kam, die mehrere hundert Meilen angereist sei und er sich auf keinen Fall die Unhöflichkeit leisten wolle, verspätet in ihren Vortrag zu schleichen.

Ich habe vergessen, wer den Vortrag damals hielt, aber es war keiner der üblichen Stars auf linken Konferenzen. Und im Publikum saßen mindestens hundert Leute, so dass unsere Verspätung wohl kaum aufgefallen wäre. Doch für Leo spielte das keine Rolle. Er fühlte sich einfach verpflichtet, rechtzeitig da zu sein, aus Respekt für einen Genossen, einen Mitmenschen.

Leo war einfach so. Mir sind wenige Menschen begegnet, die so warm und aufgeschlossen sind wie er. Ich habe seine Energie, sein Wissen und seine Erfahrungen förmlich aufgesogen. Er war eine tragende Säule der internationalen Linken. Aber er war auch ein guter Freund. Die Welt fühlt sich ohne ihn deutlich kälter an.

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