26.07.2021

Slavoj Žižek: Letzter Ausstieg Sozialismus

Hitzerekorde, Flutkatastrophen, Milliardäre im Weltraum. In den letzten Wochen hat sich ein Ausblick auf das Ende der Menschheit eröffnet. Davor bewahren kann uns nur noch der Sozialismus. Ein Kommentar von Slavoj Žižek.

Slavoj Žižek in Madrid, 29. Juni 2017.

Slavoj Žižek in Madrid, 29. Juni 2017.

IMAGO / Agencia EFE.

Von Slavoj Žižek

Übersetzung von Thomas Zimmermann

Die jüngsten Vorkommnisse führen uns wieder deutlich vor Augen: Auch nach der (sehr ungleichmäßigen) Impfung der Weltbevölkerung können wir es uns nicht leisten, uns zurückzulehnen und zum alten Normalzustand zurückzukehren.

Nicht nur, dass die Pandemie noch immer nicht vorüber ist (die Infektionszahlen steigen wieder an, es drohen neue Lockdowns) – zugleich sehen wir am Horizont bereits die nächsten Katastrophen aufziehen. Ende Juni sorgte eine Hitzekuppel – ein Wetterphänomen, bei dem ein Hochdruckgebiet warme Luft einschließt und komprimiert, was die Temperaturen in die Höhe treibt und die betroffene Region in einen Ofen verwandelt – über dem Nordwesten der USA und dem Südwesten Kanadas für Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius. Somit war es in Vancouver heißer als im Nahen Osten.

Doch dieses pathologische Extremwetter ist lediglich der bisherige Höhepunkt einer viel umfassenderen Entwicklung: In den letzten Jahren wurden in Nordskandinavien und Sibirien regelmäßig Temperaturen von über 30 Grad gemessen. Der World Meteorological Organization zufolge verzeichnete eine Wetterstation im sibirischen Werchojansk – nördlich des Polarkreises – am 20. Juni 38 Grad. In der russischen Stadt Oimjakon, die als der kälteste bewohnte Ort der Erde gilt, stieg die Temperatur im letzten Monat auf 31,6 Grad – so heiß war es dort im Juni noch nie zuvor gewesen. »Der Klimawandel brät die nördliche Hemisphäre«, kommentierte CNN die Lage treffend.

Die Hitzekuppel ist zwar ein lokales Phänomen, doch sie ist das Ergebnis einer globalen Störung von Abläufen, die eindeutig auf menschliche Eingriffe in natürliche Prozesse zurückzuführen ist. Die katastrophalen Folgen dieser Hitzewelle für das Leben im Ozean sind schon jetzt feststellbar: »Die Hitzekuppel hat schätzungweise eine Milliarde Meerestiere an der kanadischen Küste getötet«, berichtet der Guardian. »Ein Wissenschaftler aus British Columbia sagt, die Hitze habe die Muscheln gewissermaßen gekocht: ›Normalerweise knirscht der Boden nicht, wenn man am Ufer entlangläuft.‹«

Der Anstieg der Temperaturen führt auf lokaler Ebene zu Extremsituationen – und diese lokalen Extreme laufen früher oder später auf eine Reihe globaler Kipppunkte hinaus. Die verheerenden Überschwemmungen in Deutschland und Belgien im Juli sind nur das jüngste Beispiel für diese Entwicklung – wer weiß, was uns als nächstes bevorsteht. Die Katastrophe kommt nicht erst demnächst auf uns zu, sondern sie ist längst da. Und sie ist auch nicht nur in irgendeinem fernen afrikanischen oder asiatischen Land, sondern auch hier im Westen. Um es unverblümt zu sagen: Wir werden uns daran gewöhnen müssen, mit mehreren simultanen Krisen zu leben.

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Nicht nur sind Hitzewellen zumindest teilweise auf die rücksichtslose industrielle Ausbeutung der Natur zurückzuführen, auch hängen ihre Auswirkungen nicht zuletzt von der gesellschaftlichen Organisation ab. Anfang Juli stiegen die Temperaturen im Südirak auf über 50 Grad. Zugleich brach die Stromversorgung völlig zusammen (das bedeutet: keine Klimaanlage, kein Kühlschrank, kein Licht). Das machte aus der Region eine Hölle auf Erden. Diese katastrophalen Folgen wurden eindeutig durch die enorme staatliche Korruption im Irak mitverursacht, bei der Milliarden aus dem Ölgeschäft in privaten Taschen verschwinden.

Bei nüchterner Betrachtung dieser (und vieler weiterer) Fakten drängt sich eine einfache Schlussfolgerung auf: Alles Lebendige, sei es kollektiv oder individuell, hat einen letzten Ausgang – den Tod. (Daher hat Derek Humphry sein 1992 erschienenes Buch über Sterbehilfe mit Recht Final Exit genannt.) Die ökologischen Krisen, die sich in letzter Zeit rasant verschärfen, eröffnen einen realistischen Ausblick auf den letzten Ausgang der Menschheit – den kollektiven Selbstmord. Gibt es noch einen letzten Ausstieg auf unserer Fahrt ins Verderben – oder bleibt uns bereits nichts mehr anderes übrig, als uns diesen letzten Weg so schmerzlos wie möglich zu gestalten?

Unser Platz in der Welt

Wie sollten wir also mit dieser Zwangslage umgehen? Vor allem sollten wir die herkömmliche Annahme zurückweisen, derzufolge die Lehre aus den ökologischen Krisen darin bestünde, dass wir nicht das Zentrum, sondern nur ein Teil der Natur seien, und dass wir unsere Lebensweise entsprechend verändern müssten: unseren Individualismus einschränken, neue Solidarität entwickeln und uns in unseren bescheidenen Platz unter den anderen Lebewesen auf diesem Planeten einfügen. Judith Butler hat es wie folgt ausgedrückt: »Eine für Menschen bewohnbare Welt hat eine blühende Erde zur Voraussetzung, in deren Zentrum nicht der Mensch steht. Wir lehnen die Vergiftung der Umwelt nicht nur ab, damit wir Menschen leben und atmen können, ohne fürchten zu müssen, dass wir uns vergiften, sondern auch weil Wasser und Luft Lebensformen erhalten müssen, die nicht auf uns als Zentrum ausgerichtet sind.«

Aber ist es nicht so, dass die globale Erwärmung und andere ökologische Bedrohungen von uns kollektive Eingriffe in unsere Umwelt verlangen, die massive und direkte Einmischungen in das fragile Gleichgewicht aller Lebensformen darstellen? Wenn wir sagen, dass der Anstieg der Durchschnittstemperatur unter 2 Grad gehalten werden muss, dann sprechen (und bestenfalls handeln) wir doch als die obersten Manager des Lebens auf der Erde, nicht als eine bescheidene Spezies unter anderen. Die Regeneration der Erde hängt offensichtlich nicht daran, dass wir uns in eine »kleinere und achtsamere Rolle« einfinden, sondern dass wir unserer immensen Verantwortung nachkommen. Das ist die grundlegende Wahrheit hinter all dem Gerede über unsere Endlichkeit und Sterblichkeit. 

Wenn wir uns auch des Lebens im Wasser und in der Luft annehmen, dann sind wir genau das, was Marx »universelle Wesen« nannte: fähig, aus uns selbst herauszutreten und uns selbst als ein Moment der natürlichen Totalität wahrzunehmen. Sich in die bequeme Bescheidenheit unserer Endlichkeit und Sterblichkeit zu flüchten, ist keine Option; es ist ein trügerischer Ausweg, der auch nur in die Katastrophe mündet. Als universelle Wesen sollten wir lernen, unsere Umwelt in ihrer ganzen komplexen Zusammensetzung zu akzeptieren – einschließlich dessen, was wir als Müll oder Verschmutzung wahrnehmen, sowie dem, was wir nicht direkt wahrnehmen können, weil es zu groß oder zu winzig ist (Timothy Mortons »Hyperobjekte«). Wie Morgan Meis erläutert, geht es für Morton beim Ökologisch-Sein »nicht darum, Zeit in einem unberührten Naturschutzgebiet zu verbringen, sondern darum, das Unkraut wertzuschätzen, das sich durch einen Riss im Beton arbeitet, und dann den Beton wertzuschätzen. Auch dieser ist ein Teil der Welt – und ein Teil von uns. … Die Realität, schreibt Morton, ist bevölkert von ›seltsamen Fremden‹ – Dingen, die ›kenntlich und doch unheimlich‹ sind. Diese seltsame Fremdheit, schreibt Morton, ist ein unleugbarer Teil jedes Felsens oder Baumes, jedes Terrariums und jeder Plastik-Freiheitsstatue, jedes schwarzen Lochs oder Quasars und jedes Seidenäffchens, das uns über den Weg laufen kann. Sobald wir diese Fremdheit anerkennen, hören wir auf, die Objekte beherrschen zu wollen, und beginnen, sie in ihrer Ungreifbarkeit zu respektieren. Während die Dichter der Romantik von der Schönheit und Erhabenheit der Natur schwärmten, begegnet Morton ihrer allgegenwärtigen Seltsamkeit. Diese Kategorie des Natürlichen umfasst auch die unheimlichen, hässlichen, künstlichen, schädlichen und störenden Dimensionen der Natur.«

Ein perfektes Beispiel für ein solches Zusammenspiel ist das Schicksal der Ratten von Manhattan während der Pandemie. Manhattan ist ein lebendiger Organismus aus Menschen, Kakerlaken – und Millionen von Ratten. Als auf dem Höhepunkt der Pandemie sämtliche Restaurants geschlossen waren, entzog das den Ratten, die sich von deren Essensabfällen ernähren, ihre Nahrungsquelle. Das hatte eine massive Hungersnot in der Rattenpopulation zur Folge; man sah viele Tiere, die ihre eigenen Nachkommen fraßen. Die Schließung der Restaurants, die die Essgewohnheiten der Menschen veränderte, ohne jedoch eine existenzielle Bedrohung für sie darzustellen, war eine Katastrophe für unsere Genossen, die Ratten.

Ein weiteres vergleichbares Unglück aus der jüngeren Geschichte ließe sich mit »unsere Genossen, die Spatzen« überschreiben. Im Jahr 1958, zu Beginn des Großen Sprungs nach vorn, erklärte die chinesische Regierung: »Vögel sind öffentliche Tiere des Kapitalismus.« Damit setzte sie eine groß angelegte Kampagne zur Eliminierung von Spatzen in Gang, da jeder Spatz jährlich mutmaßlich etwa vier Pfund Reis verzehrte. Spatzennester wurden zerstört, Eier zerbrochen und Küken getötet; Millionen von Menschen organisierten sich in Gruppen und schlugen lautstark Töpfe und Pfannen zusammen, um die Spatzen daran zu hindern, sich in ihren Nestern auszuruhen, mit dem Ergebnis, dass sie vor Erschöpfung tot vom Himmel fielen.

Diese organisierten Angriffe rotteten die Spatzenpopulation beinahe aus. Im April 1960 musste die chinesische Führung jedoch einsehen, dass Spatzen auch eine große Anzahl von Insekten auf den Feldern fraßen. Nach der Kampagne hatten sich die Reiserträge nicht etwa erhöht, sondern erheblich verringert: Die Dezimierung der Spatzen hatte das ökologische Gleichgewicht gestört – die Insekten vertilgten ganze Ernten, da sie keine natürlichen Fressfeinde mehr hatten. Doch diese Einsicht kam zu spät: In Ermangelung der Spatzen wuchs die Heuschreckenpopulation extrem an, überzog das Land und verschlimmerte die ökologischen Probleme, die durch den Großen Sprung nach vorn verursacht worden waren, einschließlich der weit verbreiteten Abholzung und des Missbrauchs von Giften und Pestiziden. Das auf diese Weise angerichtete ökologische Ungleichgewicht wird für die Eskalation der Großen Chinesischen Hungersnot verantwortlich gemacht, bei der Millionen von Menschen verhungerten. Die chinesische Regierung musste schließlich 250.000 Spatzen aus der Sowjetunion importieren, um die einheimische Population wiederherzustellen.

Was also können und sollen wir in dieser unerträglichen Situation tun (unerträglich deshalb, weil wir akzeptieren müssen, dass wir nur eine unter vielen Spezies auf der Erde sind, und uns doch die unmögliche Aufgabe aufbürden müssen, als oberste Manager des Lebens auf der Erde zu agieren)? Da wir es in der Vergangenheit versäumt haben, andere, vielleicht einfachere Auswege zu nehmen (die Temperaturen steigen Weltweit praktisch ungebremst, die Ozeane werden weiterhin verschmutzt), könnte der letzte Ausstieg vor der Endstation eine Version dessen sein, was einmal als »Kriegskommunismus« bezeichnet wurde.

Mit allen nötigen Mitteln

Was mir dabei vorschwebt, ist nicht irgendeine Art von Rehabilitierung oder Weiterführung des »real existierenden Sozialismus« des 20. Jahrhunderts und noch weniger die weltweite Einführung des chinesischen Modells, sondern eine Reihe von Maßnahmen, welche uns die Situation selbst aufzwingt. Wenn wir (nicht nur ein Land, sondern alle) einer Bedrohung unseres Überlebens ausgesetzt sein werden, dann werden wir uns in einen kriegsähnlichen Ausnahmezustand begeben müssen, der mindestens einige Jahrzehnte andauern wird. Wir werden alle unsere Ressourcen und Kräfte mobilisieren müssen, um die Grundvoraussetzungen unseres Überlebens zu sichern und uns nie dagewesenen Herausforderungen zu stellen – unter anderem der Umsiedlung von vielen, vielleicht Hunderten Millionen von Menschen aufgrund der globalen Erwärmung.

Es reicht nicht aus, nach lokalen Katastrophen nur den betroffenen Gebieten zu helfen. Vielmehr müssen wir deren globalen Ursachen bekämpfen. Und wie die weiterhin desaströse Situation im Südirak deutlich macht, wird dafür ein Staatsapparat nötig sein, der in der Lage ist, auch unter schwierigsten Bedingungen ein Mindestmaß an Absicherung und Fürsorge für die Menschen zu gewährleisten, um die Explosion der sozialen Konflikte zu verhindern. Das alles kann nur durch eine starke und verpflichtende internationale Zusammenarbeit, eine soziale Kontrolle und Regulierung von Landwirtschaft und Industrie, eine Änderung unserer grundlegenden Essgewohnheiten (weniger Rindfleisch), eine globale Gesundheitsversorgung und so weiter erreicht werden – hoffentlich.

Bei näherer Betrachtung wird klar, dass die repräsentative politische Demokratie allein dieser Aufgabe nicht gewachsen ist. Es braucht eine viel stärkere Exekutive, die in der Lage ist, langfristige Verpflichtungen durchzusetzen, in Kombination mit einer lokalen Selbstorganisationen der Menschen sowie einem starken internationalen Gremium, das fähig ist, sich über Staaten hinwegzusetzen, die sich der Zusammenarbeit verweigern.

Ich spreche hier nicht von einer neuen Weltregierung – ein solches Gebilde würde lediglich Möglichkeiten für immense Korruption bieten. Und ich spreche auch nicht von Kommunismus im Sinne der Abschaffung der Märkte – der Wettbewerb auf dem Markt sollte weiterhin eine Rolle spielen, wenn auch eine von Staat und Gesellschaft kontrollierte. Warum also der Begriff »Kommunismus«? Weil das, was wir zu tun haben werden, die vier Merkmale eines jeden wirklich radikalen Regimes aufweist.

Erstens beinhaltet es Voluntarismus: Die nötigen Veränderungen werden nicht aus irgendeiner notwendigen historischen Entwicklung hervorgehen, sondern wir müssen sie gegen die Tendenz der Geschichte durchsetzen. Wir müssen, wie Walter Benjamin es ausdrückte, die Notbremse in der Lokomotive der Geschichte ziehen. Das zweite kommunistische Kennzeichen ist der Egalitarismus: globale Solidarität, Gesundheitsversorgung und menschenwürdigen Lebensumstände für alle. Drittens beinhaltet es Elemente dessen, was eingefleischten Liberalen nur als »Terror« erscheinen kann, und von dem wir mit den Maßnahmen zur Bewältigung der Pandemie einen Vorgeschmack bekommen haben: die Einschränkung einer Reihe persönlicher Freiheiten und neue Formen der Regulierung und Kontrolle. Und das letzte Element ist das Vertrauen in die Menschen: Ohne die aktive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger kann es nicht gelingen.

Der Weg nach vorn

Dies ist keine morbide dystopische Vision, sondern das Ergebnis einer realistischen Einschätzung unserer Zwangslage. Wenn wir diesen Weg nicht einschlagen, dann wird die Situation völlig verrückte Formen annehmen. In den USA oder in Russland zeichnet sich dies schon heute ab, wo sich die Machtelite mit dem Bau von gigantischen unterirdischen Bunkern, in denen Tausende Menschen monatelang überleben können, auf die kommenden Katastrophen vorbereitet – unter dem Vorwand, dass das Funktionieren der Regierung in einem solchen Katastrophenfall gewährleistet sein müsse. Im Endeffekt soll die Regierung auch dann noch funktionieren, wenn es keine anderen Menschen mehr auf der Erde gibt, über die sie ihre Autorität ausüben könnte.

Unsere Regierungen und Wirtschaftseliten machen sich bereits auf dieses Szenario gefasst – und das bedeutet, dass sie die Alarmglocken läuten hören. Die Aussicht, dass die Megareichen irgendwo im Weltraum jenseits unserer Erde leben werden, ist nicht realistisch. Doch die Versuche von Figuren wie Musk, Bezos oder Branson, private Flüge ins All zu organisieren, sind nichtsdestoweniger Ausdruck einer Fantasie, der Katastrophe zu entkommen, die unser Überleben auf der Erde bedroht. Wie aber wird die Zukunft für uns aussehen, die wir nirgendwohin fliehen können?

Slavoj Žižek, ein Enfant Terrible der Philosophie, ist Autor von mehr als dreißig Büchern und gilt als »der Elvis der Kulturtheorie« und »der gefährlichste Philosoph in der westlichen Welt«.

#8
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