06.08.2020

Bolivien: Diese verfluchten Bodenschätze

Unter der Salzwüste von Uyuni liegt das größte Lithiumvorkommen der Erde. Doch dieser Reichtum droht dem Land zum Verhängnis zu werden.

Der Salar de Uyuni im Südwesten Boliviens ist die größte Salzpfanne der Erde.

Der Salar de Uyuni im Südwesten Boliviens ist die größte Salzpfanne der Erde.

Bild: Wikimedia/Diego Delso.

Hoch in den Anden, 3.700 Meter über dem Meeresspiegel, liegt in einem abgelegenen Winkel Boliviens eine schneeweiße, fast endlos erscheinende Ebene. Begrenzt wird diese allein von Tunupa, Kusku und Kusina, bei denen es sich einer Legende der Aymara zufolge um zu Bergen gewordene Giganten handelt: Tunupa heiratete Kusku, aber Kusku verließ sie für Kusina. Während Tunupa in Gram den mit Kusku gezeugten Sohn stillte, mischten sich ihre Tränen mit der Muttermilch und ergossen sich in das Tal zu ihren Füßen. Auf diese Weise entstand die größte Salzebene der Welt, von den Spaniern später »Salar de Uyuni« genannt – von den Nachkommen der präkolumbinischen Aymara auch heute noch »Salar de Tunupa«.

Auf 10 Milliarden Tonnen Salz wird das Vorkommen der später mit über 10.000 Quadratkilometern als größte Salztonebene der Welt vermessene Formation geschätzt. Etwa 25.000 Tonnen davon werden jährlich mühsam von Salzarbeitern gewonnen, von denen manche mit ihren Familien in ärmlichen Verhältnissen in der Bergbaustadt Uyuni leben, während andere stundenlange Anfahrtswege für den harten Broterwerb auf sich nehmen müssen.

Weiße Tränen

Unter der Salzschicht von Uyuni befindet sich jedoch ein noch weitaus größerer Schatz: das größte Lithiumvorkommen der Welt. An letzterem finden die multinationalen Industriekonzerne – insbesondere der Hightech- und Autobranche – in den letzten Jahren zunehmend Interesse. Denn deren Hunger nach dem leichtesten Metall der Erde wächst im rasanten Gleichschritt mit dem nach leistungsstarken Batterien. Sie benötigen es unter anderem für die Akkus von Laptops und Smartphones, für die Großspeicher von Solarsystemen sowie für Medikamente – vor allem aber für die allseits propagierte Mobilität der Zukunft: das Elektroauto.

Lithium gilt daher als das neue, das »weiße Gold« des 21. Jahrhunderts – doch den Menschen in Bolivien könnte auch dieser Goldrausch mehr Schaden als Nutzen bringen. Für sie waren die immensen Mineralvorkommen des Landes in der Vergangenheit niemals Quell eigenen Wohlstands, wohl aber Ursache schlimmster Ausbeutung und Zerstörung ihrer ursprünglichen Lebensgrundlagen.

Der Salar de Uyuni liegt im Bundesstaat Potosí, dessen gleichnamige Hauptstadt am Fuße des Cerro Rico Sinnbild für das unermessliche Menschheitsverbrechen geworden ist, das die europäischen Konquistadoren an den von ihnen unterworfenen Völkern verübten: Potosí kam dem fiebrig gesuchten El Dorado, dem Traum der Konquistadoren nach einem unerschöpflichen Reichtum an Edelmetallen nahe – und wurde zum Alptraum der Eroberten; nur wenig später auch vieler Menschen aus Afrika, die aus ihrer Heimat verschleppt und zur Sklavenarbeit in den Minen gezwungen wurden. Der Sprudelnde Reichtum für Europas Banken und Staaten bedeutete für sie »Ausrottung, Versklavung und Vergrabung in die Bergwerke«, wie Karl Marx Jahrhunderte später schrieb, wobei er zugleich, in zynischen Worten, in »diesen idyllischen Prozessen (…) die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära« ausmachte. Historikerinnen und Historiker schätzen die Zahl der seit der Eroberung in den Bergwerken zu Tode Geschundenen auf Hunderttausende.

Und die Geschichte ist nicht zu Ende: Anfang des 21. Jahrhunderts war Bolivien weiterhin das mit Abstand ärmste Land des amerikanischen Kontinents; ebenso floss der Bärenanteil der Gewinne aus der Exploitation von Edelmetallen, Gas und Petroleum weiterhin ins Ausland. Noch 500 Jahre nach der Conquista arbeiten die bolivianischen Mineros unter lebensbedrohlichen Bedingungen, Tausende von ihnen sind noch Kinder. Auch mit den verheerenden Umweltschäden des Bergbaus – etwa der Vergiftung des Trinkwassers durch die von Schwermetallen verseuchten Abwässer – haben Menschen wie Natur weiterhin zu kämpfen.

Morales’ Vermächtnis

Angesichts dessen verwundert es nicht, dass die Bergleute Boliviens einen kaum zu überschätzenden Anteil an der Bewegung zum Sozialismus (MAS) hatten, die 2006 mit Evo Morales erstmals einen Indigenen ins Präsidentenamt hob. Der Aymarer war schließlich mit dem Versprechen angetreten, dass die Bodenschätze von nun an dem Wohlstand der Bevölkerung und der Entwicklung des Landes dienen sollten – nicht mehr den Börsengewinnen der modernen Konquistadoren in Form westlicher Konzerne und ihrer kleinen Zahl Verbündeter aus der weißen Oberschicht Boliviens.

Zu diesem Zweck sollte der Zugriff auf die natürlichen Ressourcen nicht nur wieder unter staatliche Kontrolle gebracht werden – vor allem gelte es, Bolivien aus seiner Rolle als Lieferant von Rohstoffen zu Dumpingpreisen an die Industrien des Nordens zu befreien. Die Geschichte von Potosí dürfe sich nicht wiederholen – ob es nun um Lithium, Eisen oder Erdöl ginge. Stattdessen müsste Bolivien endlich die Weiterverarbeitung seiner eigenen Rohstoffe in Angriff nehmen. In seiner Antrittsrede mahnte Morales: »Anders werden wir Bolivien nie verändern können.«

Die Erfolge der knapp 14-jährigen Regierungszeit von Morales’ MAS waren beträchtlich. Durch die neue Wirtschaftspolitik erwarb der Staat die nötigen Mittel für eine Sozial- und Bildungspolitik, die die extreme Armut halbierte, das Pro-Kopf-Einkommen verdreifachte und den chronischen Analphabetismus drastisch reduzierte. Die Rechte der Indigenen wurden nicht nur in der Verfassung des neuen plurinationalen Staates festgeschrieben – sie materialisierten sich durch diese Politik auch jenseits des Symbolischen. Erstmals in der Geschichte der Republik konnte sich die überwältigende Bevölkerungsmehrheit echte Partizipation und Macht erkämpfen.

Auf den Kopf zu stellen vermochte die Regierung in La Paz die Realität der über Jahrhunderte zementierten Abhängigkeit der ehemaligen Kolonie in dieser kurzen Zeit freilich nicht. Doch bei der Verstetigung der immensen Fortschritte, die sie erzielte, sollte dem Lithium von Uyuni eine Schlüsselrolle zukommen: Mittlerweile war dessen Vorkommen auf nicht weniger als 100 Millionen Tonnen geschätzt worden. Schon zu damaligen Marktpreisen entsprach dies der phantastischen Summe von mehr als 1,5 Billionen US-Dollar, was dem Land und seinen Menschen eine bislang ungeahnte Prosperität bringen sollte.

Um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen, wollte die Regierung diesmal alles anders machen. Nicht nur wollte man den Abbau des Minerals selbst in die Hand nehmen, auch dessen Weiterverarbeitung und selbst die Produktion eigener Lithiumakkus über eigene Herstellungsketten wurde mit der Gründung eines staatlichen Betriebs angegangen. Gleichzeitig wollte man dabei hohe Umweltstandards einhalten – anders als die privaten Bergbaukonzerne der Multis in den Nachbarländern Argentinien und Chile, die den Lithiumabbau ohne Rücksicht auf Flora und Fauna betreiben und hinterher giftige Wüsten hinterlassen.

Nach beachtlichen Anfangserfolgen geriet das ambitionierte Vorhaben jedoch ins Stocken – der Preisverfall der Rohstoffe in den 2010er Jahren machte auch der bolivianischen Regierung zu schaffen. Innere Widersprüche – auch innerhalb des eigenen Lagers – brachen auf. Während beispielsweise einige Kooperativen der Bergleute auf die Lockerung der neuen Umweltauflagen drängen, gingen diese Regelungen vielen indigenen Assoziationen noch längst nicht weit genug. Soziale Proteste mehrten sich und wurden noch von besonders rückwärtsgewandten Teilen der Oberschicht angefacht – an vorderster Front von den Großgrundbesitzern und Rinderzüchtern aus dem Departement Santa Cruz, die in ihrem Bemühen, eine umfassende Agrarreform zu verhindern, auch offen mit Sezession drohten.

Die Regierung ließ sich nicht beirren und erklärte öffentlich, dass man nicht nur zur Lithium-Potenz aufsteigen, sondern dadurch schon in naher Zukunft auch den Weltmarktpreis des begehrten Stoffes bestimmen wolle. Vielleicht ein Leichtsinn – denn im Kontext des globalen Ressourcenkriegs kam das einer Kriegserklärung gegenüber den Interessen des Westens an einer billigen Lithiumversorgung seiner Industrien gleich.

Nach Elon die Sintflut

Nach den Wahlen im vergangenen Oktober, in denen Morales für eine dritte Amtszeit wiedergewählt worden war, sah sich dieser zum Rückzug gezwungen, als es einer gewaltbereiten, von der radikalen Rechten des Landes konzertierten Opposition gelungen war, Polizei und Militär auf ihre Seite zu ziehen. Diese hatte der Regierung Wahlbetrug unterstellt – ein Vorwurf, der mittlerweile unter anderem von einer Studie des renommierten MIT Election Lab als völlig haltlos widerlegt wurde. Doch die Tatsachen waren schnell geschaffen: Eine selbsterklärte Interimspräsidentin, führendes Mitglied einer christlich-fundamentalistischen Vier-Prozent-Partei, verkündete bei ihrer Selbstinthronisierung mit der Bibel in der Hand, die »Indios« wieder dahin schicken zu wollen, wo sie hingehörten – zurück ins unwirtliche Hochland.

Um weitere Massaker zu verhindern, wie sie in den Tagen der Gewalt an Regierungsanhängern verübt wurden, flüchtete sich Morales ins politische Exil. Seine Erklärung, dass als zentrales Motiv hinter dem Putsch auch der geopolitische Griff der USA nach den Lithiumreserven des Salar de Uyuni gestanden habe, wurde von den westlichen Mainstreammedien als Verschwörungstheorie abgetan, wenn nicht einfach unterschlagen.

Erst Elon Musk, dessen Automobilkonzern Tesla in wenigen Jahren zu einem der größten Interessenten am Lithiumgeschäft aufgestiegen ist, sorgte nun Ende Juli 2020 wenigstens für etwas Aufklärung. Mit brachialer Ehrlichkeit beantwortete er den auf Twitter vorgebrachten Vorwurf, die US-Regierung habe den Coup gegen Evo Morales in Bolivien organisiert, um Tesla an das dortige Lithium zu verhelfen, mit den Worten: »Wir putschen gegen wen wir wollen.« Das Kräfteverhältnis ist klar: Allein Musks Privatvermögen übertrifft um 28,5 Milliarden das bolivianische Bruttoinlandsprodukt von 40,9 Milliarden US-Dollar.

Mittlerweile wurde der Tweet gelöscht, doch die Verhandlungen mit der sogenannten »Interimsregierung« dürften hinter den Kulissen bereits laufen. Diese hatte bereits kurz nach ihrer Machtübernahme erklärt, die Lithiumvorkommen im Uyuni für multinationale Großkonzerne zu öffnen. Ein Regierungsmitglied lud Musk per Tweet dazu ein, eine neue »Gigafactory« für seine Autobatterien im Uyuni zu bauen – am von der MAS-Regierung aufgebauten staatlichen Lithiumunternehmen vorbei und, wie zu erwarten ist, ohne nennenswerte Abgaben an den bolivianischen Staat, ohne große Rücksicht auf Arbeits- und Menschenrechte und ohne profitmindernde Umweltschutzauflagen.

Während die Putschregierung in La Paz unter dem Deckmantel weitreichender Corona-Maßnahmen Proteste unterdrückt, die in Umfragen mit Abstand führende MAS kriminalisiert und die angekündigten Neuwahlen bereits zum dritten Mal verschoben hat, bahnt sich im Uyuni für das multinationale Kapital einmal mehr eine Bonanza an. Den Menschen in Bolivien hingegen könnte der sagenhafte Reichtum ihres Landes erneut zum Fluch gereichen.

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