17.03.2021

Der mitteldeutsche Putsch

Am 17. März 1921 kündigte die Führung der Kommunistischen Partei Deutschlands eine revolutionäre Offensive in Mitteldeutschland an. Die Aktion scheiterte kläglich – mit katastrophalen Folgen für den Kampf für eine andere Welt.

Revolutionäre Arbeiter werden im mitteldeutschen Industriegebiet von der Schutzpolizei (Schupo) abgeführt.

Revolutionäre Arbeiter werden im mitteldeutschen Industriegebiet von der Schutzpolizei (Schupo) abgeführt.

Bild: Bundesarchiv, CC BY-SA 3.0 DE.

Als die Bolschewiki im November 1917 in Russland die Macht übernahmen, war ihnen klar, dass das Land für einen Übergang zum Sozialismus noch nicht reif war. Doch ohne ein weiteres Ausschlagen der seit Februar 1917 tobenden Revolution – also ohne die Übernahme der Macht durch die Bolschewiki – drohte ein Rückschlag, der erst vor dem Ausgangspunkt der Revolution zu stehen kommen würde. In diesem Fall würden nach der Revolution in Russland noch ungünstigere Verhältnisse herrschen als vor Februar 1917.

Sollte die Februarrevolution von 1917 in Russland mehr als bürgerlich-demokratische Verhältnisse freisetzen, bedurfte es in Westeuropa, also im Zentrum der kapitalistischen Entwicklung, Nachfolgerevolutionen, die den Weg zum Sozialismus freisprengten und Russland in die neue Zeit mitrissen. Nur dann konnte sich die Machteroberung durch die Bolschewiki in eine Eröffnungsrevolution für einen sozialistischen Revolutionszyklus verwandeln – so wie die Französische Revolution von 1789 einen Revolutionszyklus und damit nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa, bis an die russischen Grenzen heran, das Ende des Feudalismus eingeläutet hatte. Ohne erfolgreiche Nachfolgerevolutionen würde die Machteroberung durch die Bolschewiki lediglich den Höhepunkt der Februarrevolution von 1917 bilden, dem unweigerlich Rückschlag, Thermidor und Restauration folgen mussten – dessen waren sich führende Bolschewiki bewusst. Der weitere Verlauf der Entwicklung ist bekannt: Die Revolutionen in Deutschland, Österreich und Ungarn wurden 1919 von der Konterrevolution niedergeschlagen; die russische Revolution unter Führung der Bolschewiki verharrte an der Peripherie eines sich in Westeuropa langsam vom Weltkrieg erholenden Kapitalismus.

Die Suche nach einem Ausweg

Während des Bürgerkrieges leistete das kleine, aber aktivistische Proletariat Russlands, der »soziale Hegemon« dieser Revolution, Übermenschliches. Als »Jakobiner mit dem Volke« (Lenin), als politischer Arm des sozialen Hegemons, hatten die Bolschewiki etwas erreicht, was sie sich anfangs nicht einmal selbst zugetraut hatten: So wie die französischen Revolutionäre von 1789 hatten sie den Krieg genutzt, um die Revolution zu vertiefen. Das Interesse der Arbeiter, vor allem aber der Bauern an einem Sieg im Bürgerkrieg hatten sie dadurch immer weiter stabilisiert. Als dieser 1920 errungen wurde, hatten die Bolschewiki alles erreicht, was in dieser Revolution zu erreichen war. Damit waren sie Anfang 1921 reif für den Thermidor.

Zwischen der revolutionären Arbeiterschaft und den Bolschewiki bestand – wie stets zwischen sozialem und politischem Hegemon –, ein Spannungsverhältnis, welches nach dem Sieg im Bürgerkrieg und damit der Sicherung der Ergebnisse der Revolution auf die Spitze getrieben wurde. Die revolutionäre Arbeiterschaft war zwar durchaus weiterhin an einer Diktatur des Proletariats interessiert, aber nicht an einer Diktatur der Bolschewiki. Die Herrschaft der Bolschewiki schien in ihren Augen nun überflüssig geworden zu sein, zumal sie mit der Etablierung ihrer Parteidiktatur den proletarischen Konsens einseitig aufgekündigt hatten. Dieser besagte, dass die Gesellschaft über ein System direkt gewählter Räte zu demokratisieren und die sozialistische Produktionsweise als Voraussetzung für die soziale Freiheit aller gemeinsam durchzusetzen sei.

Auch das Bündnis mit den Bauern wurde brüchig: Mit dem Sieg im Bürgerkrieg war auch für die Masse der Bauern jegliches Interesse an einer weiteren Herrschaft der Bolschewiki erloschen. Im ganzen Land brachen Bauernaufstände aus. Damit hatte sich der Leninsche »Ausweg« – das Bündnis von Proletariat und landarmer Bauernschaft – für einen Durchbruch in Richtung Sozialismus als Sackgasse erwiesen.

Diesen Preis ihres Sieges erfassten zumindest Lenin und Trotzki, die beiden Strategen, in seiner gesamten Tragweite sofort. Nicht nur um sich weiter an der Macht zu halten, sondern vor allem um den antikapitalistischen Charakter der Revolution zu retten, war es für die Bolschewiki Anfang 1921 wichtiger denn je, dass sich die Revolution nach Westeuropa ausweitete. Die Bolschewiki setzten große Hoffnungen in die italienischen Sozialisten um Giacinto Menotti Serrati; sie stellten die einzige Massenpartei, die 1919 sofort der Kommunistischen Internationale beigetreten war. Nicht weniger versprachen sich die Bolschewiki von den deutschen Kommunisten. Sie waren zwischen der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919 und der Niederschlagung des Kapp-Putsches im März 1920 in Deutschland so etwas wie der »Kugelfang« für die revolutionären Kräfte gewesen.

Die deutschen Kommunisten zahlten einen ungeheuer hohen Blutzoll, während sich die meisten revolutionären Kräfte nicht bei ihnen, den ständig Gefährdeten, sammelten, sondern in der heterogenen, durch eine Parlamentsfraktion geschützten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD). Im Herbst 1920 war die USPD zerbrochen, der Mehrheitsflügel hatte sich im Dezember 1920 mit der KPD zur Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands (VKPD) zusammengeschlossen; damit verfügte die Kommunistische Internationale außerhalb Sowjetrusslands über eine zweite Massenpartei. Das Wasser am Hals, wollte Moskau diese neuentstandene Macht sofort einsetzen und drängte auf »Teilaktionen«, traf aber auf den Widerstand der VKPD-Führung um Paul Levi und Ernst Däumig, die die deutsche Situation realistischer einschätzten. Auch Karl Radek warnte am 21. Februar 1921 in der Schaltzentrale der Kommunistischen Internationale eindringlich: »Wenn wir in einer Teilaktion losschlagen, und die [konterrevolutionäre] Orgesch [Organisation Escherich] sich auf uns stürzt, so werden wir niedergeschlagen, und weder die Mehrheitssozialisten noch die Unabhängigen werden sich für uns schlagen.«

Planlos in den Aufstand

Ende Februar 1921 wurde die Levi-Däumig-Führung von einer Bolschewiki-hörigen Führung abgelöst. Heinrich Brandler, Vorsitzender der KPD, machte sich die neue Moskauer »Offensivtheorie« zu eigen. Am 17. März 1921 ließ er den Zentralausschuss der VKPD zusammentelegrafieren und erklärte: »Ich behaupte, dass wir heute schon zwei bis drei Millionen nichtkommunistischer Arbeiter im Reich haben, die wir durch unsere kom[munistischen] Organisation, glaube ich, beeinflussen, die in Aktionen, auch in einer Angriffsaktion von uns, unter unserer Parole kämpfen werden. […] Es wird wahrscheinlich sein, dass unsere Genossen in Mitteldeutschland […] vor Ostern den Kampf aufnehmen werden […] Ich bin der Meinung, dass wir imstande sind, unsere Partei so zu mobilisieren, dass wir eine vernichtende Niederlage in diesem Kampfe nicht bekommen.« Nachdem die Niederlage vernichtend ausgefallen war, versuchte Brandler am 30. März 1921 seine Haut zu retten: »Unsere Genossen im Mansfelder Gebiet haben nun diese Parole etwas zu forsch aufgefasst oder nicht so befolgt, wie sie war.«

Koordiniert worden war dieser Putsch von Béla Kun, der schon 1919 die ungarische Räterepublik in die Katastrophe geführt hatte. Am 26. März 1921 hatte Kun dem Vorsitzenden der Kommunistischen Internationale, Grigori Sinowjew, gemeldet: »Eigene Absicht: Schaffung günstiger Lage zur Entscheidung ohne Illusion, dass Machteroberung möglich. Eigene Lage: entscheidende Kampfstimmung, vollkommene Sabotage der Rechten, Organisationsmangel. Putschstimmung als Reaktion gegen die bisherige Untätigkeit bei den entschlossensten Elementen der Masse.« Was die »Masse« erlebte, war etwas anderes. Der VKPD-Vorsitzende von Halle/Saale, dem Zentrum des Putsches, berichtete später: »Ich stand unten in der Restauration und sprach mit Groh dem Älteren. Neben ihm stand die Genossin Abramowitsch, und Groh sagte zu mir: ›Denk bloß an, die Zentrale existiert nicht mehr, die sind alle gerückt, die Sache ist vollständig hoffnungslos.‹ Ich habe mich aufgeregt und gesagt: ›Oben werden uns solche Berichte gegeben, und du behauptest das Gegenteil, drücke doch die Stimmung nicht runter!‹ Aber dadurch wurde der erste Keim zu dem gelegt, was wir nachher bestätigt gefunden haben: dass wir belogen worden sind.«

Die mitteldeutsche Arbeiterschaft, die bis Dezember 1920 mehrheitlich in der unbeständigen USPD organisiert war, hatte die Vereinigung mit der KPD als Befreiung erlebt. Den im Kampf erprobten deutschen Kommunisten vertrauten sie rückhaltlos, nicht weniger der Kommunistischen Internationale. Anders als die KPD hatte die USPD nach der Novemberrevolution nicht nur einen eigenen militärischen Apparat aufgebaut, sie verfügte auch über bewaffneten Kampftruppen, die mit militärisch ausgebildeten Weltkriegssoldaten besetzt waren.

Chaos und Kollaps

Die Auseinandersetzung begann als Showdown zwischen der VKPD und der SPD, die die Verwaltung der preußischen Provinz Sachsen stellte. Der Oberpräsident dieser Verwaltung, Otto Hörsing, hatte Truppen der Sicherheitspolizei (Sipo) sowie Schutzpolizei (Schupo) in das militärfreie mitteldeutsche Gebiet verlegen lassen. »Es war am Freitag, dem 18. März, als der Genosse Oelssner und der Genosse Schumann, Halle, mit dem direkten Auftrag der Parteizentrale in Halle erschienen, die Aktion unverzüglich einzuleiten. Den Anlass hierzu sollte die Besetzung Mitteldeutschlands mit Sipo und Schupo abgeben.«

Sowohl die Mansfelder Kalikumpel als auch die Chemiearbeiter der riesigen Rüstungsschmiede in Leuna bei Merseburg folgten dieser Aufforderung mit großem Enthusiasmus. »Am Dienstag, dem 22., erschien dann der Genosse Hugo [Eberlein] aus Berlin als Beauftragter der Zentrale, um die Aktion in Mitteldeutschland vorwärtszutreiben und zu leiten. Er machte nunmehr über die Durchführung der Aktion ganz konkrete Vorschläge und brachte den Auftrag der Zentrale, unter allen Umständen in Mitteldeutschland eine Parole zu schaffen, die durchschlagend für das ganze Reich in Frage kommen könnte. Dies war insofern außerordentlich schwer, weil die zur Besetzung erschienenen Sipomannschaften sich trotz aller Provokationen außerordentlich zurückhielten. Es war selbst im Mansfeldischen nicht möglich gewesen, sie irgendwie, selbst durch Beschimpfungen, aus ihrer Reserve herauszulocken. Sie spielten Karten, rauchten ihre Pfeife und brachten ihre Freude über die Zusammenrottung der Arbeiterschaft unverhohlen zum Ausdruck. […] Es wurde dann von dem Genossen N. 7 der Vorschlag gemacht, dann doch in freundschaftlicher Weise sich mit den Sipomannschaften zu unterhalten, einzudringen in ihre Wachtlokale und Unterkünfte, sie entweder dadurch zur Abwehr zu reizen, und falls dies nicht gelänge, ihnen einfach dann ihre Waffen gewaltsam zu entreißen.«

Militärisch unkoordiniert und ohne wirkliches Ziel wurden die Arbeiter verheizt. Hugo Eberlein, der militärische Kopf der VKPD-Führung, erteilte sogar den Auftrag, das Gebäude der Produktions-Genossenschaft der VKPD Halle, in dem die Regionalzeitung produziert wurde, »unter allen Umständen zu sprengen, ganz gleich, ob am Tage oder in der Nacht. Die Bezirksleitung hat sich jedoch im letzten Augenblick ganz energisch gegen diesen Wahnsinn verwahrt, und ich erhielt persönlich den Auftrag, […] den mit der Durchführung beauftragten Genossen abzufangen und dieselbe zu verhindern. […] Bei der Durchführung am Tage wären ungefähr zwanzig unserer besten Genossen ein Opfer dieses Anschlags geworden, welche Bedenken aber von dem Genossen Hugo in der Nacht vorher mit einer Handbewegung abgetan wurden.« Nach wenigen Tagen war dann auch noch Max Hoelz, ein Lumpenproletarier, der Arbeiterkampftruppen anführte, aus dem etwas südlicher gelegenen Vogtland im Kampfgebiet erschienen und hatte begonnen, auf eigene Faust Villen zu plündern und zu sprengen als auch Banken auszurauben.

Die Bilanz des Putsches war ernüchternd: 180 Menschen waren ums Leben gekommen, darunter 35 Polizisten; die Zahl der Verwundeten konnte nicht geklärt werden. An die 6.000 Beteiligte wurden verhaftet. Davon wurden 4.000 zu insgesamt 2.000 Jahren Gefängnis verurteilt, acht zu lebenslanger Haft; vier wurden zum Tode verurteilt. Im Dezember 1920 zählte die VKPD nach der Vereinigung von KPD und linker USPD noch mindestens 350.000 Mitglieder. Nach dem Putsch war es nicht mal mehr die Hälfte. Vor allem in den Betrieben wandten sich die Arbeiter von der Partei ab.

Das Ende einer Utopie

Der schwindende Anteil der Arbeiter in der VKPD führte zu einer Stärkung des Bolschewiki-hörigen Flügels der Partei. Schon beim Abbruch des Putsches hatte ein Vertreter der Kommunistischen Internationale in Deutschland gesagt: Wenn die Aktion »zur ›Säuberung‹ der deutschen Partei vom ›rechten Flügel‹ führt, dann sei die Aktion gerechtfertigt«. Mit dem »rechten Flügel« waren jene Mitglieder der VKPD gemeint, die die Kommunistische Internationale als eine Vereinigung gleichberechtigter Genossen und Parteien verstanden. Während in Deutschland die Anhänger Paul Levis hinausgesäubert wurden, spalteten die Bolschewiki in Italien unter Führung von Nicola Bombacci die italienische sozialistische Partei und machten so den Weg für den Aufstieg des Ex-Sozialisten Mussolini frei. Bombacci selbst ging 1933 zum »Duce« über; beide ihrer Leichen wurden am 28. April 1945, an den Füßen hängend, von Partisanen an einer Tankstelle in Mailand zur Schau gestellt.

Den Bolschewiki war die Rettung ihrer Revolution durch eine Ausweitung auf Westeuropa mit diesem Putsch nicht gelungen – stattdessen hatte man jedoch erfolgreich die Kommunistischen Internationale aus einem Bund Gleichgesinnter in eine internationale russische Partei umgewandelt, mit der in Zukunft nach Belieben verfahren werden konnte. An der Macht konnten sich die Bolschewiki trotzdem halten, indem sie die aufständischen Kronstädter Matrosen und Arbeiter – Trotzki hatte sie einst »den Ruhm und den Stolz der Revolution« genannt – blutig niederwarfen und so das Bündnis mit den bisherige Hegemonen aufkündigten.

Anders verfuhren sie mit den Bauern. Zwar kämpften die Bolschewiki im Frühjahr 1921 auch die Bauernaufstände nieder, doch mussten sie – um es mit Hannah Arendt zu sagen – schnell feststellen: »Was niemals aus den Gewehrläufen kommt, ist Macht.« Da die Bolschewiki jedoch nicht freiwillig von der politischen Herrschaft lassen wollten (und möglicherweise auch gar nicht mehr konnten), ließ ihr Sieg ihnen nichts anderes übrig, als sich in den Dienst der stärksten sozialen Kraft zu stellen: der Bauernschaft. Was folgte war die staatlich gelenkte Marktwirtschaft gemäß der »Neuen Ökonomischen Politik« (NÖP). Seltsamer ist seit Pyrrhus kein Sieg gewesen.

Jörn Schütrumpf ist Leiter der Fokusstelle Rosa Luxemburg der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Herausgeber der Schriften von Paul Levi beim Karl Dietz Verlag Berlin.

#6
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