ABO
Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

02. Februar 2026

Marco Bülow war ein Vorbild für uns alle

Marco Bülow, der letzte Woche viel zu früh gestorben ist, setzte sich wie kein anderer für soziale Gerechtigkeit ein. Ines Schwerdtner erinnert an einen Menschen, der sich stets für den aufrichtigen Weg entschied.

Marco Bülow, hier bei einer Lesung im Jahr 2023, hat sich nie an den Betrieb angepasst.

Marco Bülow, hier bei einer Lesung im Jahr 2023, hat sich nie an den Betrieb angepasst.

IMAGO / imagebroker

Marco Bülow war so etwas wie ein Einhorn. Ein aufrechter Sozialdemokrat, ein Friedensaktivist, ein Klimabewegter, einer aus dem Ruhrpott mit Kontakt zu den Gewerkschaften, ein Fußballfan. Vor allem aber einer, der sich gegen das politische System im Ganzen stellte, obwohl oder gerade weil er ihm so lange angehörte.

Mit 54 Jahren ist Marco viel zu früh verstorben. 19 Jahre gehörte er dem Deutschen Bundestag über sein Direktmandat in Dortmund an – und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass er sich nie an den Betrieb angepasst hat. Im Gegenteil: Marco hat wie kaum ein anderer mit ihm gehadert. Bis zu dem Punkt, dass er mit Wir Abnicker eine Abrechnung darüber schrieb, dass Abgeordnete sich eher dem Fraktionszwang unterwerfen, als ihrem eigenen Gewissen zu folgen. Ebenso haderte er mit seiner politischen Heimat, der SPD, die einem Dortmunder Jungen eigentlich die natürlichste sein sollte. Aber während er schon mit den Hartz-Gesetzen haderte, später mit der Klimapolitik der SPD, waren es die stetig wachsenden Militärbudgets, die ihm den Rest gaben. Marco trat nach vielen Jahren enttäuscht aus der SPD aus.

Ein mutiger Schritt, der bei vielen Kopfschütteln auslöste, ihm aber auch Respekt entgegenbrachte. Seitdem schien er auf der Suche zu sein nach einer neuen politischen Heimat: Er versuchte es bei Aufstehen, das ebenso scheiterte, mit eigenen Demokratieprojekten, zuletzt bei der Partei DIE PARTEI, für die er zeitweise der erste und einzige Bundestagsabgeordnete war. Ironisch, denn er war einer der ernstesten Menschen, die ich kennengelernt habe.

Was Marco auszeichnete und uns als Team – ich habe in seiner Zeit als fraktionsloser Abgeordneter für ihn im Bundestag gearbeitet – beschäftigt hielt, war sein unbändiger Antrieb, politische Themen auf die Agenda zu setzen, die seiner Meinung sonst hinten über fallen würden. Besonders der Politikbetrieb und der dahinter liegende Lobbyismus haben ihn in den letzten Jahren so sehr beschäftigt, dass wir uns fast ausschließlich mit der Ausarbeitung und Veröffentlichung von Anfragen zu Lobbytätigkeiten der Abgeordneten befasst haben. Mit Lobbyland hat Marco diese Geschäfte aus den Hinterzimmern der Republik ans Tageslicht befördert. Als einer der wenigen hatte er den Schneid, seine eigene Zunft zu kritisieren. Er hätte sich sehr oft in seinem Leben entscheiden können, eine stille Karriere zu machen. Er entschied sich zuverlässig für den unbequemen Weg des Widerstands.

»Die gesellschaftliche Linke verliert mit Marco einen streitbaren, leidenschaftlichen Kopf.«

Ich mag es mir nicht anmaßen, jede seiner politischen Entscheidungen zu bewerten, aber ich kann sagen, dass seine Wut auf die Demokratieverachtung echt war. Dass er aufbrausend aus dem Umweltausschuss kam, wenn dort nur Theater gespielt wurde. Dass er sich am Pult in Rage redete und immer wieder Menschen für seine Anliegen begeisterte. Dass er so viele Bücher bestellte und las wie kaum ein anderer Abgeordneter. Dass er immer den Fahrdienst verweigerte und mit der Bahn oder dem Fahrrad zum Bundestag fuhr. Er war sehr vieles, aber sicher nicht angepasst. Und in diesem Sinne für sehr viele ein Vorbild. Auch für mich.

Er setzte sich genauso leidenschaftlich für das Überleben der Bienen ein wie für den BVB. In vielen Hinsichten war er in der Klimapolitik seiner Partei ein Vorreiter, wie er das bei der Kritik an korrupten Politikern war. Jens Spahn hatte er schon auf dem Kieker, da waren viele Linke noch mit sich selbst beschäftigt. Vielleicht war es ihm manchmal selbst zu viel, so viele Baustellen versuchte er gleichzeitig zu bearbeiten.

Die gesellschaftliche Linke verliert mit Marco einen streitbaren, leidenschaftlichen Kopf. Vor allem aber verliert sie jemanden, der es wie kein anderer verstand, politische Menschen aus unterschiedlichsten Richtungen zusammenzubringen. Viele derjenigen, die heute meine größten Stützen sind, hat Marco zusammengeführt, weil es ihm politisch richtig erschien. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar, und ich weiß auch, dass dies sein Vermächtnis bleiben wird.

Sein Antrieb wird uns fehlen.

Ines Schwerdtner ist seit Oktober 2024 Bundesvorsitzende der Linkspartei. Von 2020 bis 2023 war sie Editor-in-Chief von JACOBIN und Host des Podcasts »Hyperpolitik«. Zusammen mit Lukas Scholle gab sie 2023 im Brumaire Verlag den Sammelband »Genug! Warum wir einen politischen Kurswechsel brauchen« heraus.