13.01.2021

Mark Fishers Pop-Modernismus

Vor vier Jahren verstarb der Kulturtheoretiker Mark Fisher. Geblieben ist seine Vision einer sozialistischen Zukunft.

Illustration: Charlie Le Maignan.

Im Mittelpunkt von Mark Fishers Arbeit steht das, was er »populären Modernismus« nannte. Er meinte damit eine Art der Kultur, die zwischen dem Experimentellen und dem Mainstream angesiedelt ist, und sich am häufigsten in der Musik vorfinden lässt. Obwohl sie »populär« ist, erfordert es Arbeit, sie vollkommen zu verstehen: Die Kultur schafft vergangene Formen ab und folgt einem modernistischen »Mach’ es neu«-Imperativ. Diese Idee basiert auf der Behauptung, dass sich die interessanteste Nachkriegskultur auf der Grundlage eines soliden Wohlfahrtsstaats entwickelt habe und von Studierenden der städtischen Kunstschulen und Hochschulstipendiatinnen und -stipendiaten geschaffen wurde.

Die Pop-Moderne, so Fisher, verkörpere einen Sinn für das Mögliche, und habe sich von dem tiefgreifenden Angriff der 1980er Jahren nie ganz erholt. Doch Fisher war keineswegs ignorant gegenüber der zeitgenössischen Popmusik: Er lobte die »Traurigkeit« und »Ambivalenz« der frühen Rihanna und bewunderte den »Existenzialismus« von Dido. Während er sich auf die Form der Polemik verstand, ging es in Fishers Werk vor allem aber um das Ausarbeiten alternativer Realitäten – und darum, den verlorenen Zukünften, die unsere Gegenwart heimsuchen, eine Form zu geben.

Im letzten Jahr erschien in deutscher Übersetzung k-punk, ein mehr als 600-Seiten starker Band, der bis dahin unveröffentlichte Beiträge, Interviews und Blogposts aus den Jahren 2004–2016 versammelt und versucht, das Denken einer Persönlichkeit zu ordnen, deren Tod im Jahr 2017 einen großen Verlust für das sozialistische intellektuelle Leben darstellte.

Das Buch der linken Star-Ökonomin
Grace Blakeley auf Deutsch.

Mark Fisher im Barcelona Museum of Contemporary Art, 2011.

Fishers Philosophie, »über das Lustprinzip hinauszugehen«, liegt seinen Texten zugrunde. Wie er in Kapitalistischer Realismus argumentierte, sind wir in einem Zustand der »depressiven Hedaimonia« gefangen: diese, so argumentiert er, sei nicht etwa »eine Unfähigkeit, Vergnügen zu bekommen«, sondern »eine Unfähigkeit, etwas anderes zu tun, als Vergnügen anzustreben«. Seine Texte in der Anthologie untersuchen diesen Zustand in einer Fülle von Genres, Kunstformen und Lebensweisen: Hip-Hop, Indie, Neo-Noir. Das alles in einem Stil, der Kulturkritik mit einem eklektischen Aufgebot philosophischer Bezugspunkte vermischt. Fisher bestand darauf, die Theorie für die Analyse des alltäglichen Lebens zu nutzen. Es war die Beherrschung dieser analytischen Methode, die sein Werk mit einem bewegenden Gefühl der Freiheit beseelte. Mit dieser Kultur kam er durch den Musikjournalismus der 1980er Jahre in Berührung: »Keine Schnulzen«, schrieb er, »aber für jemanden mit meinem Hintergrund, ist schwer nachzuvollziehen, woher das Interesse sonst gekommen wäre«. Sein Schreiben lässt ein ganzes System – eine ganze Architektur – entstehen und jeder Beitrag bildet einen weiteren Grundpfeiler.

Fishers Betonung des Alltäglichen verortet ihn in dem Stil der Birmingham School und in der kulturwissenschaftlichen Tradition von Richard Hoggart und Stuart Hall. Diese navigierte in den 1960er, 70er und 80er Jahren Weg zwischen der hohen Theorie und den Gefühlen und Ereignissen, die sie zu beschreiben behauptete. Wie sie verstand auch Fisher, dass nicht nur Protestlieder politische Inhalte haben. Fisher wetterte seinerseits gegen die Wissenschaft, ihre oftmals sture Art der Befragung und brachte immer wieder seine Frustration über die linke akademische Welt und ihr dogmatisches Festhalten an einer quasi-marxistischen »Theologie« zum Ausdruck.

Das Bloggen wurde zu einer Art Atempause von diesem System. 1999 promovierte Fisher an der University of Warwick in Philosophie. Als er fünf Jahre unter dem Namen »K-Punk« seinen eigenen Blog startete, beschrieb er sein Verhältnis zum akademischen Betrieb als »uh, schwierig«. »Die Doktorarbeit tyrannisiert einen mit der Vorstellung, man könne zu keinem Thema etwas sagen, bevor man nicht alle möglichen Experten auf diesem Gebiet rezipiert hat … Das Bloggen war eine Möglichkeit, mich wieder zu ernsthaftem Schreiben zu verleiten«, sagte er 2010 in einem Interview. Erwartungsgemäß bildete sich um »K-Punk« eine eigene Community und Mark Fishers Blog wurde zum Knotenpunkt von Online-Querverbindungen im Geiste eines Techno-Idealismus, der Anfang der 2000er Jahre noch realisierbar erschien.

Der Band enthält auch eine bisher unveröffentlichte Einführung zu Acid Communism, einem Buch an dem Fisher bis zuletzt gearbeitet hatte. Beunruhigt durch die Grausamkeit der sich entfaltenden Zustände – Brexit, Donald Trump, die Verrohung der Online-Interaktionen – suchte Fisher nach neuen Wegen der Vernetzung, und sprach sich unerwartet für ein Revival des abgeschriebenen Utopismus der psychedelischen Gegenkultur der 1960er Jahre aus. Fisher hoffte, darin eine Art des Bewusstseins zu finden, das in der Lage ist, nicht nur die Hinterlassenschaften des Neoliberalismus, sondern auch die einer autoritären Linken zu überwinden, welche die Experimente in den 1970er Jahren sterilisiert hatte.

Schließlich verweist Fisher auf die Pioniersleistung von Stuart Hall und der Neuen Linken: »Der Sozialismus, den Hall wollte – ein Sozialismus, der sich auf die Sehnsüchte und Träume einlassen kann, die er in der Musik von Miles Davis anklingen hörte –, muss noch geschaffen werden, und seine Ankunft wurde durch Figuren von links wie von rechts gleichermaßen verhindert«, schreibt Fisher. Das Ziel war, neue Wege zueinander zu finden. »Wir von der Linken haben uns lange geirrt«, schreibt er – es ist nicht so, dass wir gegen den Kapitalismus sind, sondern dass der Kapitalismus gegen uns ist. Nur, wenn wir uns wieder auf unsere kollektiven Fähigkeiten – zu produzieren, zu sorgen und zu genießen – zurückbesinnen, werden wir ihn überwinden.

Phoebe Braithwaite ist Doktorandin an der Harvard University. Sie forscht zu Stuart Hall und den britischen Kulturwissenschaften.

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