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30. August 2025

Sommer, Sonne, Faschismus

Dass Fans des rechtsextremen kroatischen Popstars Marko Perković alias Thompson faschistische Parolen rufen, ist nichts Neues. Doch bei seinem letzten Konzert – dem größten in der Geschichte der EU – »feierten« Hunderttausende. Mit dabei: Mitglieder der amtierenden Regierung.

Fans von Thompson auf dem Weg zum Konzert in Zagreb, 5. Juli 2025.

Fans von Thompson auf dem Weg zum Konzert in Zagreb, 5. Juli 2025.

IMAGO / Pixsell

In diesem Sommer hat eine Reihe von Ereignissen in Kroatien eine landesweite Debatte über die Geschichte des Landes, seine politische Kultur und vor allem seine Zukunft ausgelöst: Zwei große Konzerte eines rechtsradikalen Interpreten (wobei dem ersten Berichten zufolge rund eine halbe Million Menschen beiwohnten), eine Militärparade und mehrere traditionelle Feierlichkeiten – gespickt mit ungewöhnlich provokativen Äußerungen von Regierungsvertretern – haben bei vielen Beobachtern die Frage aufgeworfen, ob Kroatien quasi über Nacht einen Rechtsruck vollzogen habe.

Das ist keine panische Interpretation aus linker Ecke: Selbst einer der größten kroatischen Fernsehsender strahlte eine Sondersendung aus. Diese begann mit der Ansage: »Die Hälfte Kroatiens betrachtet den 5. Juli als den Beginn von etwas Schönem; die andere Hälfte sieht ihn als den Auftakt zu etwas sehr Beunruhigendem.«

An diesem 5. Juli fand im Hippodrom zu Zagreb ein Konzert des rechtsextremen Folkrockstars Marko Perković alias Thompson (benannt nach der Maschinenpistole) statt. Das ursprünglich für Mai – kurz vor den Kommunalwahlen – geplante Konzert war weithin als Kampfansage der kroatischen Rechten an die Lokalregierung der Hauptstadt angesehen worden. Zagreb wird von den Grünen mit Unterstützung der Sozialdemokraten geführt. Unter Berufung auf »Terminkonflikte« verschoben die Behörden die Veranstaltung auf ein Datum nach den (von ihnen erneut gewonnenen) Wahlen.

Wie kommt es, dass eine Musikveranstaltung die Stadtverwaltung Zagrebs derart nervös macht? Thompsons Konzerte sind niemals nur »Kulturveranstaltungen«: Seit über zwei Jahrzehnten dienen sie auch als politische Großkundgebungen, inklusive provokanten Botschaften, Parolen und Transparenten. In seinen Liedern werden ethnische Kroaten als »blaublütige« und »weißgesichtige« Auserwählte dargestellt. Oft werden romantisierte Bilder mittelalterlicher Kreuzritter heraufbeschworen. Thompson ruft seine Fans sogar auf, Kreuz oder Schwert zu führen (er schwingt auf der Bühne selbst gerne Spielzeugschwerter), um die Nation gegen vom Teufel beseelte Feinde zu verteidigen. Gemeint sind Linke und Serben.

»Viele Thompson-Fans geben sich weit weniger subtil, tragen nicht selten T-Shirts mit Ustascha-Insignien oder singen Lieder aus den 1940er Jahren.«

Neben Verweisen auf die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre gibt es in vielen Thompson-Songs subtile, nostalgische Verweise auf den faschistischen Marionettenstaat im Zweiten Weltkrieg, den sogenannten Unabhängigen Staat Kroatien, und dessen führende Bewegung, die Ustascha. Dass Thompson gewissen Gruppen nahesteht, die die Ustascha regelmäßig verherrlichen, ist gut dokumentiert. So hatte er in der Frühzeit seiner Karriere selbst seine Bewunderung für die Führer der Ustascha bekundet – wobei er gelegentlich versuchte, sich von den offenkundigsten Sympathieaussagen zu distanzieren.

Viele Thompson-Fans geben sich weit weniger subtil, tragen nicht selten T-Shirts mit Ustascha-Insignien oder singen Lieder aus den 1940er Jahren. Die liberale Öffentlichkeit in Zagreb zeigte sich schockiert über Bilder von Thompson-Anhängern, die vor dem Konzert im Stadtzentrum einen Militärmarsch der Ustascha sangen. Dabei sind solche rechtsradikalen Begleiterscheinungen bei Thompson-Konzerten keine Seltenheit. Allerdings finden die Veranstaltungen in der Regel in ländlichen Gebieten statt und werden daher von den Medien oft ignoriert. Dieses Mal war es deutlich anders: In den Wochen vor dem Konzert in Zagreb berichteten die meisten nationalen Medien ausführlich über die Vorbereitungen für das, was sie als »das große Ereignis« bezeichneten, und behaupteten, es sei das größte kostenpflichtige Konzert der Weltgeschichte (obwohl die tatsächlichen Zuschauerzahlen nie verifiziert wurden und viele offenbar nicht für Tickets bezahlt hatten).

Sowohl Fans als auch Kritiker sahen in dem Versuch, das größte Thompson-Konzert aller Zeiten in Zagreb – der als Hochburg der Mitte-Links-Parteien geltenden Hauptstadt – zu organisieren, einen provokativen Versuch der Rechten, die Stadt zu »übernehmen«. Reichlich Unterstützung erhielt die Rechte dabei durch Politiker und der Landesregierung nahestehenden Medien.

Die Regierung macht mit

Dass es sich beim Zagreber Konzert um etwas anderes als nur eine weitere Kundgebung der radikalen Rechten irgendwo in der Pampa handelte, wurde unter anderem dadurch bestätigt, dass Premierminister Andrej Plenković, der Vorsitzende der konservativen Kroatischen Demokratischen Union (HDZ), kurz vor dem Konzert seine Kinder backstage brachte, damit diese den Sänger treffen und Selfies machen konnten.

Die HDZ war in 27 der vergangenen 35 Jahre die dominierende politische Kraft in Kroatien. Selbst während der kurzen Zeiträume, in denen sie nicht an der Regierungsmacht war, behielt sie in der Regel die Kontrolle über wichtige Institutionen wie die Justiz, Staatsunternehmen sowie nationale Sport- und Kulturorganisationen. Obwohl sie stets eine rechtsgerichtete und nationalistische Truppe war, versuchte die HDZ in der Regel, sich möglichst breit aufzustellen und vermeintlich »ideologiefreie« Technokraten für sich zu gewinnen. Plenković ist aktuell in seiner dritten Amtszeit als Ministerpräsident. In den vergangenen neun Jahren galt er meist als erfolgreicher Pragmatiker und mäßigender Faktor. Er scheint den Einfluss des rechten Flügels der HDZ deutlich zurückgestutzt zu haben und berief zeitweise sogar Vertreter der serbischen Minderheit in Kroatien in seine Regierung.

»Sie bevölkerten das Stadtzentrum, wo sie gemeinsam ein Lied sangen, in dem Todeslager der Ustascha verherrlicht werden.«

Zwei weitere Schwergewichte der Partei wohnten ebenfalls dem Konzert in Zagreb bei: Verteidigungsminister Ivan Anušić prahlte offen damit, bei der Veranstaltung den Gruß »Za dom – spremni!« (»Für das Vaterland – bereit!«) verwendet zu haben. Dieser Slogan – ursprünglich in den 1930er Jahren von Ustascha-Führer Ante Pavelić geprägt und später von einer kroatischen paramilitärischen Gruppe während der Jugoslawienkriege verwendet – ist rechtlich nach wie vor zumindest umstritten. Parlamentssprecher Gordan Jandroković, der in der kroatischen Politik oft als Opportunist verspottet (und daher kaum als Rechtsradikaler angesehen) wird, lobte das Konzert wiederholt als »Ausdruck von Patriotismus und Einigkeit«. In den Medien wird spekuliert, dass Anušić und Jandroković möglicherweise um die Nachfolge von Plenković konkurrieren dürften, der Gerüchten zufolge nach seiner dritten Amtszeit eine prominentere Rolle in einer EU- oder NATO-Institution anstreben möchte. Wenn diese beiden Figuren tatsächlich um die HDZ-Führung konkurrieren sollten, wäre dies gleichbedeutend mit einer weiteren Verschiebung der Partei nach rechts.

Bei dem Konzert in Zagreb rief Thompson das kroatische Volk auf, es müsse helfen, »Europa zu seinen traditionellen christlichen Wurzeln zurückzuführen, um es wieder stark zu machen«. Knapp einen Monat später fand ein weiteres Konzert in der kleinen, südlich gelegenen Stadt Sinj statt, wo Thompson seine Rhetorik deutlich verschärfte. Linke bezeichnete er ausdrücklich als »Jugo-Politiker« (wobei faktisch niemand in der kroatischen Politik es wagt, sich positiv über die alte jugoslawische Föderation zu äußern). Thompson forderte außerdem, Personen, die »Veteranen nicht respektieren«, sollten das Land verlassen. Viele Mitglieder der regierenden HDZ sowie der Partei nahestehende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, beispielsweise der Trainer der kroatischen Fußballnationalmannschaft, schlossen sich dieser Meinung an. Ein Priester aus Sinj nutzte die Kanzel während seiner Predigt zum katholischen Feiertag Mariä Himmelfahrt, um Kritikern des Konzerts »Leiden und einen qualvollen Tod« zu wünschen.

Kaum Reaktionen von links

Wie zu erwarten war, gingen die Thompson-Fans in Sinj weiter als in Zagreb. So bevölkerten sie das Stadtzentrum, wo sie gemeinsam ein Lied sangen, in dem Todeslager der Ustascha verherrlicht werden. Der Song mit dem Titel »Jasenovac i Gradiška Stara« (die Standorte der Lager) wurde früher von Thompson bei Konzerten gespielt, gehört heute aber nicht mehr zu seinem Live-Repertoire. Dennoch bleibt er die inoffizielle Hymne seiner glühendsten Anhänger. In ihm werden die »Schlächter« und »Schwarzhemden« der Ustascha gefeiert sowie auf zutiefst entmenschlichende Weise die »Massaker« an serbischen Menschen.

Neben Serbinnen und Serben gilt der Hass der kroatischen Rechten allen Menschen links von ihnen. Doch trotz der zahlreichen Anfeindungen und Angriffe hat sich die gesellschaftliche Linke in ihrer Reaktion auf die jüngsten Konzerte überraschend zurückhaltend gezeigt. Die Grünen, die in Zagreb regieren, hätten das Konzert absagen können, da es an einem städtischen Veranstaltungsort stattfand. Dies wäre übrigens kein Präzedenzfall gewesen – schon zuvor waren einzelne Thompson-Konzerte in Kroatien und anderen Ländern aufgrund seiner rechtsextremen Positionen untersagt worden. In diesem Fall entschieden sich die Grünen jedoch dagegen. Es war ein fruchtloser Versuch, die Rechten nicht zu provozieren. Derweil erhielt die linke Ex-Abgeordnete Katarina Peović, eine der lautstärksten Kritikerinnen Thompsons, hunderte Morddrohungen.

»Linke Politiker sahen tatenlos zu, wie die Polizei mehrere pazifistische Demonstranten brutal abführte, die ihrerseits nur knapp einem Lynchmord durch die Menge entgangen sein dürften.«

Beide Konzerte fanden kurz vor dem wichtigen Nationalfeiertag »Tag des Sieges« statt, an dem der Operation Oluja von 1995 gedacht wird, durch die Kroatien die Kontrolle über den größten Teil seines Territoriums zurückerlangte und die den Exodus von mehreren hunderttausend serbischen Menschen aus Kroatien auslöste. Linke Politiker, die als Ehrengäste zur Militärparade eingeladen waren, sahen tatenlos zu, wie die Polizei mehrere pazifistische Demonstranten brutal abführte, die ihrerseits nur knapp einem Lynchmord durch die Menge entgangen sein dürften. Später nahmen diese Politiker an weiteren Feierlichkeiten zum Tag des Sieges teil, bei denen rechte Politiker hetzerische Reden hielten, während Ex-Paramilitärs und Fußballhooligans mit rechtsextremen Parolen und Transparenten aufmarschierten. Die Grünen und Sozialdemokraten reagierten später lediglich mit laschen Stellungnahmen.

Rechte Militarisierung der Gesellschaft

Dass derartige Parolen bei staatlich geförderten Veranstaltungen toleriert werden, hat zu einer Zunahme rechtsradikaler Symbolik im ganzen Land geführt. In viralen Videos sind Kinder zu sehen, die auf den Straßen »Za dom – spremni« rufen, und ganze Fußballstadien, die während der Spiele »Vorwärts, Ustascha!« skandieren.

Doch warum kommt diese Eskalation gerade jetzt? Die Serben in Kroatien sind heute eine kleine Community, insbesondere im Vergleich zu früheren Zeiten. Zeitgleich scheinen Serbien und Kroatien – obwohl die Beziehungen seit jeher angespannt bleiben - geopolitisch weitgehend auf einer Linie zu liegen: So liefert Serbien große Mengen Munition sowohl an die Ukraine als auch an Israel, und Kroatien versucht, seine EU-Mitgliedschaft zu nutzen, um den beiden Ländern vor allem diplomatische Unterstützung zu bieten.

Es ist nicht auszuschließen, dass der aktuelle Rechtsruck in Kroatien mit geopolitischen Dynamiken zusammenhängt, darunter der zunehmende Drang nach einer Militarisierung der Europäischen Union. Diese Politik könnte, wie in den Mitgliedstaaten bereits zunehmend diskutiert wird, auch eine neue Austeritätswelle einläuten. Kroatien ist ein kleines Land und wird daher wahrscheinlich keine große Rolle in den zukünftigen Militärstrategien des Westens spielen. Dennoch wird von Zagreb – zumindest nach den derzeit öffentlich einsehbaren Plänen – erwartet, dass es einen Beitrag leistet, möglicherweise in Form von Kleinwaffen- und Drohnenproduktion.

Unabhängig davon, was die nationalen oder europäischen Behörden genau planen: Der Weg ist bereitet für regressive Veränderungen und scheint viel leichter gangbar als noch vor wenigen Monaten. Die Bevölkerung ist mobilisiert und auf Linie gebracht, die Opposition effektiv neutralisiert. Ernsthafter, bedeutender Widerstand [gegen die rechte Militarisierung der kroatischen Gesellschaft] erscheint zunehmend unwahrscheinlich.

Nikola Vukobratović ist Journalist und Historiker. Er lebt in Zagreb.