01.07.2021

Milliardäre verwandeln das französische Radio in Fox News

Der traditionsreiche Radiosender Europe 1 soll auf Druck seiner neuen milliardenschweren Eigentümer zu einem Sprachrohr für reaktionäre Propaganda werden. Um das zu verhindern, traten Journalisten in den Streik. Doch der Widerstand könnte zu spät kommen.

Milliardär Vincent Bolloré hat für die Neuausrichtung von Europe 1 ein klares Vorbild: Fox News.

Milliardär Vincent Bolloré hat für die Neuausrichtung von Europe 1 ein klares Vorbild: Fox News.

IMAGO / IP3press.

Am Mittwoch, dem 16. Juni, fanden sich die Mitarbeitenden des französischen Radiosenders Europe 1 in einer Sitzung mit einem Vertreter der Personalabteilung wieder. Die Journalistinnen und Journalisten in der Pariser Zentrale des Privatsenders waren zunehmend unzufrieden mit der neuen redaktionellen Ausrichtung, die von der Führungsebene vorgegeben wird, seitdem der Sender durch den Fox-News-ähnlichen TV-Sender CNEWS übernommen wurde.

Der Journalist Victor Dhollande fand heraus, dass der Personalchef das Meeting im Auftrag der Führungsebene heimlich aufgezeichnet hatte. Dhollande war ein weithin geschätzter aber auch konfrontativer Mitarbeiter, der für seine Berichterstattung über die Corona-Pandemie besondere Beachtung fand. Angesichts dieses Zwischenfalls verlor er die Beherrschung und wurde bis Ende Juni suspendiert und könnte vom Sender gefeuert werden.

Durch die Aufzeichnung der Sitzung wollte das Management den wachsenden Widerstand der Belegschaft unter Kontrolle halten. Am Freitag, den 18. Juni, forderten die Journalistinnen und Journalisten die Aufhebung von Dhollandes Suspendierung und stimmten mit überwältigender Mehrheit für einen Wochenendstreik, da diese Sendezeit mit vorproduziertem Material bespielt wurde oder die Inhalte von Selbstständigen und freie Mitarbeitenden produziert wurden. Die Arbeitenden verlangten von der Unternehmensführung das Recht auf Abfindungen auf Grundlage der »Gewissensklausel«, wenn die redaktionelle Unabhängigkeit nicht wiederhergestellt würde. Diese Klausel erlaubt es Journalistinnen und Journalisten, sich von einem Medienunternehmen zu trennen, wenn sich dessen politische Ausrichtung erheblich verändert. Entsetzt stellten sie jedoch fest, dass sie von dieser gesetzlichen Regelung nicht würden Gebrauch machen können, da der Sender als »Presseagentur« von dieser Bestimmung ausgenommen ist.

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Scharf nach rechts

In den vergangenen Monaten hat sich die Ausrichtung von Europe 1 tatsächlich sehr verändert, nachdem der Radiosender ins Kreuzfeuer einer bedeutenden Machtübergabe in der französischen Medienlandschaft geriet. Jahrzehntelang war Europe 1 eines der Flaggschiffe des Lagardère-Presseimperiums, zu dem auch der bekannte Hachette-Verlag, eine Kette von Flughafen- und Bahnhofsbuchhandlungen und Printmedien wie das populäre Gesellschaftsmagazin Paris Match und die Wochenzeitung Le journal du dimanche gehören. Doch aktuell ist die Unternehmensgruppe in der Krise – und durch den scharfen Rechtskurs machen sich die neuen Aktionäre bemerkbar.

Sinkende Auflagen, niedrige Einschaltquoten und hohe finanzielle Verluste zwangen Arnaud Lagardère – seinerseits Erbe des Industriellen Jean-Luc Lagardère – dazu, finanzielle Unterstützung von Dritten anzunehmen. Der in London ansässige Investmentfonds Amber Capital und die Qatari Investment Authority sind inzwischen mit 20 und 13 Prozent an Lagardère beteiligt. Auch Bernard Arnault, der Chef des Luxusimperiums Louis Vuitton Moët Hennessy, hat sich einen Teil der Lagardère-Gruppe gesichert. Im vergangenen Herbst erhöhte er seinen Anteil auf 7 Prozent.

In Pariser Geschäftskreisen gilt Lagardère als Dilettant. In einem Umfeld, in dem die Konzentration von Massenmedien mit schwindelerregender Geschwindigkeit voranschreitet, ist Lagardère mit einem Vermögen von rund 200 Millionen Euro nur eine schwacher Konkurrent. Nach langen Verhandlungen und einigem Hin und Her willigte er schließlich ein, seine Kontrolle über den Aufsichtsrat zu Gunsten der neuen Shareholder zu lockern.

Vor allem der nun dominierende Unternehmensanteil des Milliardärs Vincent Bolloré löst unter den Journalistinnen und Journalisten von Europe 1 Besorgnis aus. Im Vergleich zu Arnaults Vermögen von 185 Milliarden Euro – laut Forbes das größte der Welt – ist das Vermögen von Bolloré mit 8 Milliarden Euro nur verschwindend gering. Doch Bollorés Portfolio reicht von Infrastruktur und Logistik bis hin zu Telekommunikation und Werbung und beinhaltet große Marken wie das erfolgreiche Fernsehnetzwerk Canal+ und den Werberiesen Havas. Bollorés Einstieg bei Lagardère ist der logische nächste Schritt in seinem jüngsten Vorhaben: Der bretonische Unternehmer will einen unverhohlen rechtsextremen, audiovisuell aufgestellten Medien-Riesen unter der Schirmherrschaft seines Medienkonglomerats Vivendi errichten.

Eine Journalistin von Europe 1 sprach mit JACOBIN über die aktuellen Entwicklungen. Aus Angst vor möglichen Vergeltungsaktionen in den bevorstehenden Verhandlungen zur Vertragsbeendigung möchte sie anonym bleiben. Sie weiß aus erster Hand, was es bedeutet, für Bolloré zu arbeiten. Bevor sie ihre Tätigkeit bei Europe 1 antrat, arbeitete sie in den frühen 2010er Jahren bei einem anderen Bolloré-Verlag. Dort wurde sie Zeugin seines klientelistischen und befehlerischen Vorgehens im Rahmen seiner Medienbeteiligungen.

»Ich habe keine Lust, die gleiche Erfahrung noch einmal zu machen«, erklärte sie gegenüber JACOBIN. Obwohl er darauf bedacht sei, sich aus der direkten redaktionellen Arbeit herauszuhalten, »umgibt sich Bolloré mit Leuten, die, wie wir früher sagten, katholischer als der Papst sind. Die Journalistinnen und Journalisten sind ständig gezwungen, sich selbst zu zensieren.«

Den Berichten der Journalistin zufolge gab es in der Redaktion ein stilles Einvernehmen darüber, welche Geschichten veröffentlicht werden durften und welche nicht. Über den Ebola-Ausbruch in afrikanischen Ländern durfte etwa nicht berichtet werden, da Bolloré dort über umfangreiche Investitionen und politische Beziehungen verfügte. Sie erinnert sich auch daran, dass ihre Kolleginnen und Kollegen die Berichterstattung der Pariser Bürgermeisterwahlen 2014 zugunsten der sozialistischen Kandidatin Anne Hidalgo ausrichten mussten. Denn mit ihrem Einzug ins Rathaus bestand für Bolloré die Aussicht auf einen besseren Vertrag für sein Carsharing-Unternehmen Autolib’.

Lange Zeit war Bolloré ein politisches Chamäleon. Seine Medieninvestitionen waren eher Teil seiner Geschäftstaktik. Eine klare ideologische Ausrichtung ließ sich dabei nicht erkennen. Obwohl er sich seiner engen persönlichen Freundschaft zu dem rechtskonservativen Nicolas Sarkozy rühmte, berichteten Bollorés Medien in den frühen 2010er Jahren auch wohlwollend über Mitte-links-Persönlichkeiten wie Arnaud Montebourg und Anne Hidalgo. Die Europe-1-Journalistin, mit der JACOBIN sprach, erinnert sich sogar daran, dass sie bei ihrer früheren Tätigkeit für Bolloré dazu angehalten war, die Berichterstattung über Marine Le Pen und Frankreichs nationalistische Rechte auf ein absolutes Minimum zu beschränken.

Nachdem 2016 das traditionelle französische Parteiensystem zusammenbrach, veränderte sich auch die politische Ausrichtung von Bollorés Medienportfolios. Sei es aus reinem Opportunismus oder aus echter Überzeugung: Bolloré arbeitet daran, im medialen Ökosystem einen rechtsextremen Flügel zu etablieren. 2016 erwarb Vivendi den privaten Fernsehsender i>Télé, der heute unter dem Namen CNEWS bekannt ist. In Reaktion darauf kam es damals zu ähnlichen Streiks wie aktuell bei Europe 1. Zahlreiche Journalistinnen, die mit den Plänen des Milliardärs nicht einverstanden waren, schieden aus.

Falsches Gleichgewicht

Bollorés Bemühen, die Kontrolle über Europe 1 zu gewinnen, hat auch bei der französischen Regierung für Alarmstimmung gesorgt. Bisher zögert Frankreichs Medienaufsichtsbehörde, bei Konflikten zwischen Eigentümern und Anteilseignern einzugreifen. Es wird allerdings gemunkelt, dass Bernard Arnaults erhöhter Anteil an Lagardére in Verbindung mit Präsident Emmanuel Macrons Gefolgschaft steht. Mit seinem bereits beeindruckenden Medienportfolio, das von der liberalen Wirtschaftszeitung Les Échos bis zur Zeitung Le Parisian reicht, sollte Arnault demzufolge ein Gegengewicht zu Bolloré bilden und den Aufbau eines konservativen Medienriesen im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2022 verhindern.

Die Journalistinnen und Journalisten beim Sender befürchten, dass die Verschmelzung von Europe 1 Radio mit CNEWS in einer Art französischsprachigem Fox News Radio enden wird. Die Tiraden, die bei CNEWS schon jetzt rund um die Uhr auf den TV-Panels losgelassen werden, würden dann auch noch über das Radio verbreitet. CNEWS bietet etwa rechten Polemikern wie Éric Zemmour regelmäßig eine Bühne, die gegenüber gemäßigteren Debattenpartnern den Niedergang Frankreichs beschwören, und die lediglich eingeladen werden, um die Illusion des Pluralismus zu wahren.

»Die Aufgabe von Journalistinnen ist nicht, erst Person A eine Plattform zu geben und dann Person B«, so die JACOBIN-Quelle. »Ihr Ziel im Journalismus ist es, zu entschlüsseln, zu informieren, zu erklären. CNEWS dagegen gibt dem immer gleichen Typus von Leuten aus dem rechten Spektrum eine offene Plattform. ›Aus dem rechten Spektrum‹ ist eigentlich zu harmlos, um diese Leute zu beschreiben. Das sind Menschen, die aus der extremen Rechten kommen.«

Am 21. Juni stimmten die Arbeitenden bei Europe 1 für eine Streikverlängerung. Lagardère äußerte sich zu dem sich zuspitzenden Konflikt in einem Interview mit der konservativen Tageszeitung Le Figaro. Darin verwarf er die Angst seiner Mitarbeitenden vor Bolloré als unbegründet. Die sich vertiefenden Beziehungen zu Vivendi seien lediglich den wirtschaftlichen Notwendigkeiten geschuldet, behauptet er. Europe 1 könne von den »Synergien« als Teil eines aufstrebenden Medienkonzerns profitieren. »Die Behauptung, dass Europe 1 in den Besitz Vivendis übergehen wird«, so Lagardère, »ist eine Fantasievorstellung, die sich am Rande einer Verschwörungserzählung bewegt. Vincent Bolloré ist ein Gewinn, keine Bedrohung.«

Die Arbeitenden haben hingegen allen Grund dazu, diese Darstellung der Entwicklungen zu bezweifeln – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sich an der Überwachung der Sitzung vom 16. Juni ablesen lässt, dass sich die Führungsebene auf einen erbitterten Kampf um Programm- und Redaktionsveränderungen einstellt. Das neue Programm des Senders, das in den kommenden Monaten anlaufen soll, deutet auf eine faktische Übernahme des ehemals zentristischen Senders durch CNEWS hin. Sollte Lagardère in den kommenden Jahren ein gewisses Maß an formaler Kontrolle behalten – und obendrein ein Jahresgehalt von 5 Millionen Euro –, so scheint er sich dafür entschieden zu haben, Bollorés loyaler Handlanger zu werden, um seine eigene Relevanz zu retten.

Louis de Raguenel kam im vergangenen Herbst als stellvertretender Leiter des Politik-Ressorts zu Europe 1, als die Aufregung um die Lagardère-Gruppe an Fahrt aufnahm. Als der ehemalige Redakteur der rechtsextremen Wochenzeitung Valeur Actuelles den Posten übernahm, bedachten ihn die etablierten Journalistinnen und Journalisten mit Ablehnung. In der neuen Redaktionshierarchie des Senders wurde Raguenel jedoch zum Leiter des Politikressorts befördert.

Die Journalistin Laurence Ferrari moderiert CNEWS zwischen 17 und 19 Uhr. Mit dem neuen Programm wird sie bei Europe 1 ihre erste Moderation zwischen 17 und 20 Uhr übernehmen. Im Rahmen dessen wird sie die erste Stunde bei CNEWS moderieren, gefolgt von einer Stunde gemeinsamer Berichterstattung des Radio- und Fernsehsenders. Sonia Mabrouk ist Talkshow-Host von CNEWS und hat außerdem dieses Jahr eine Hetzschrift gegen angebliche subversive Kräfte in Frankreich veröffentlicht – konkret richtet sie sich gegen dekoloniale, feministische oder ökologische Gruppen, die vermeintlich den Untergang der Zivilisation herbeiführen würden. Sie wird die Moderation einer wichtigen Sonntagsrunde übernehmen, die von dem Fernsehsender und der Arnault-eigenen Zeitung Les Échos gesponsert wird.

Neben dieser unbestreitbaren redaktionellen Verbindung ist der Druck von Bollorés Zensur für die Journalistinnen und Journalisten bei Europe 1 schon jetzt spürbar. Vergangenen Freitag kündigte die Kolumnistin Christine Berrou, nachdem sie aufgefordert wurde, einen ihren Beiträge umzuschreiben. In diesem hatte sie auf den rechstextremen CNEWS-Kommentator Éric Zemmour angespielt, der selbst gegen die vermeintlich bestehende »Cancel Culture« wettert und seine gerichtlichen Verurteilungen wegen Volksverhetzung wie ein Ehrenabzeichen trägt. Auf Twitter postete Berrou einen bearbeiteten Screenshot einer Textnachricht, in der ihr einer ihrer Vorgesetzten mitteilte, dass »es nach einer Diskussion mit [X] sinnvoller wäre, diesen Hinweis auf Zemmour herauszunehmen.«

»Bei Europe 1 gibt es keine Kultur des Widerstands«, erklärte die JACOBIN-Quelle. »Wir sind es gewohnt, dass man uns mit Füßen tritt.« Doch das könnte sich jetzt ändern, da sich die breite Masse der Journalistinnen und Journalisten in den Fängen eines expandierenden rechtsextremen Mediengiganten wiederfindet. Vielleicht ist es aber auch schon zu spät. Der Streik endete am 23. Juni, als das Management versicherte, dass die Beschäftigten, die Europe 1 verlassen, Leistungen nach dem Modell der »Gewissensklausel« erhalten würden.

Harrison Stetler ist ein freier Journalist und Lehrer aus Paris.

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