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20. März 2026

Musik ist bei Vergesellschaftung mitgemeint

In einer idealen Gesellschaft wären auch die Produktionsmittel der Musik gerecht verteilt: Umfassende Bildung und Infrastruktur sollten dafür sorgen, dass alle über die nötigen Mittel verfügen, um an unserem kollektiven musikalischen Erbe teilzuhaben.

Der ungarische Komponist, Musikpädagoge und Musikethnologe Zoltán Kodály.

Der ungarische Komponist, Musikpädagoge und Musikethnologe Zoltán Kodály.

IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Das Musizieren ist eine gesellschaftliche Errungenschaft: technische Fähigkeiten werden über Gemeinschaften und Generationen von Musikern weitergegeben und verbreitet; die Instrumente sind Industrieprodukte; die Darbietung von Stücken erfordert in der Regel koordinierte, gemeinschaftliche Anstrengungen.

Während eine Gitarre oder ein Klavier oft Eigentum der einzelnen Musikerin sind, gehen die Mittel der Musikproduktion weit über die Grenzen des persönlichen Eigentums hinaus. Musik hängt von ihren Institutionen ab – von Bibliotheken, Konservatorien, Produktionsfirmen, Labels, Veranstaltungsorten. Und es macht einen großen Unterschied, ob diese Institutionen in privater oder öffentlicher Hand sind. Daher ist die sozialistische Frage in der Musik besonders relevant.

Es ist nicht utopisch, zu fordern, dass eine musisch florierende Gesellschaft ihren Mitgliedern die Möglichkeit bietet, sich an ernster wie unterhaltender Musik zu beteiligen, sei es in Chören, Orchestern, Bands oder Musiktheatergruppen. Jeder Mensch, der Talent und Neigung mitbringt, sollte auf die Ressourcen der Gesellschaft zählen können, um seine Fähigkeiten im Bereich der Darbietung und Komposition von Musik zu verbessern. Unser musikalisches Wissen, sowohl in historischer als auch in theoretischer Hinsicht, sollte durch Forschung kontinuierlich erweitert und durch öffentliche Bildung und Medien einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden.

Sozialistische Planung könnte eine groß angelegte musikalische Infrastruktur in Form von Festivals, Wettbewerben und Konservatorien schaffen. Damit würden unsere kollektiv besessenen musikalischen Mittel ausgebaut und gefördert. Die unverzichtbare Grundlage für ein solches System ist musikalisches Wissen. Sozialistinnen und Sozialisten sollten daher darauf hinarbeiten, dieses Wissen universell zugänglich zu machen.

Sozialistisches Singen

Diese Idee ist nicht neu. In ihrem evangelischen Eifer räumten die protestantischen Bewegungen der frühen Moderne dem Lesen von Musik oft hohe Priorität ein. Beim sogenannten Shape-Note-Singen aus den USA wird dieser Spirit bis heute gepflegt. In den 1840er Jahren – dem Jahrzehnt, in dem Karl Marx seine anthropologischen Manuskripte verfasste und Heinrich Heine seine ersten proletarischen Gedichte schrieb – startete der englische Kongregationalistenprediger John Curwen eine wirkungsvolle Kampagne zur Förderung der Musikkompetenz, die sich an die damals entstehende Klasse der besitzlosen Lohnarbeiter richtete.

Seit (mindestens) dem 18. Jahrhundert begleitet Gesang auch revolutionäre Politik. Wenn diverse und voneinander unabhängige Stimmen durch Zusammenarbeit, Selbstorganisation und Disziplin zu einer harmonischen Einheit verschmelzen, ist dies sowohl von musikalischem Wert als auch ein starkes politisches Zeichen. Die demokratischen Bewegungen, die den Feudalismus in Europa stürzten, sorgten auch für die Gründung von Musikgruppen, insbesondere Chören. Die spätere Arbeiterbewegung führte diese Tradition fort: Bei den Treffen der Ersten Internationale wurden Lieder gesungen; ebenso wirkte der Arbeiterchor als ein Symbol für die partizipative Kultur der Zweiten Internationale.

»So wie das Zeichnen das Auge schult, trainiert Solfège das Gehör: Es macht die Welt buchstäblich besser hörbar.«
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Stephan Hammel ist Professor für historische Musikwissenschaft an der University of California, Irvine sowie Autor von Toward a Materialist Conception of Music History.