ABO
Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

04. Mai 2026

Autoritär ist, wer nicht auf Staatsräson-Linie liegt

Nicholas Potter warnt in seinem Buch »Die neue autoritäre Linke« vor einer radikalen Linken, die angeblich die Demokratie bedroht. Um diese These zu untermauern, bedient er sich selbst autoritärer Methoden – stichhaltige Beweise liefert er aber keine.

Folgt man Potter, dann ist nicht die autoritäre Durchsetzung der Staatsräson das Problem, sondern Linke, die dagegen protestieren.

Folgt man Potter, dann ist nicht die autoritäre Durchsetzung der Staatsräson das Problem, sondern Linke, die dagegen protestieren.

IMAGO / Anadolu Agency

Im März erschien beim Münchner dtv Verlag das Buch Die neue autoritäre Linke des Taz-Redakteurs Nicholas Potter. Im Sommer 2023 hatte Potter bereits zusammen mit Stefan Lauer den Sammelband Judenhass Underground veröffentlicht, eine Sammlung von zumeist antideutschen und pro-israelischen Autoren, die über den vermeintlichen Antisemitismus in deutschen Subkulturen aufklären sollten. Dies ist also der zweite Versuch binnen drei Jahren, die deutsche Öffentlichkeit vor der »gefährlichen Linken« im Land zu warnen, dieses Mal im Alleingang.

Die These im Kern dieses Buches ist, wie auch schon im ersten: Eine zunehmend autoritäre Linke, getrieben von Antisemiten und Terrorverherrlichern, gefährdet die Demokratie in Deutschland. Teile der deutschen Linken würden sich zunehmend »antidemokratisch« radikalisieren. Potter muss sich allerdings selbst nach wenigen Kapiteln eingestehen, dass es sich bei dieser scheinbar radikalen und autoritären Linken lediglich um eine »kleine Minderheit« handelt, die sich »zu einer revolutionären Elite« stilisiert und für deren angebliche Gewaltbereitschaft er keine Beweise vorlegt.

Eine kritische Aufarbeitung linker Gruppen wäre durchaus lesenswert – allein schon, um deren politische Positionen besser zu verstehen und einzuordnen. Wer jedoch eine kritische und analytische Auseinandersetzung mit gerade diesen Gruppen erwartet, wird enttäuscht. Schon in der Überschrift des Intro-Kapitels »Wie ich zum Feind erklärt wurde« wird klar, dass es hier mehr um die persönliche Abrechnung eines ehemaligen verprellten und verstoßenen Linken geht als um seriöse Analyse eines vermeintlich existierenden politischen Phänomens. Und wie oft in persönlichen Abrechnungen stehen Sorgfalt und Genauigkeit nicht an vorderster Stelle.

»Potters Buch liefert das perfekte Narrativ für die Kriminalisierung linker Politik, die wiederum dem Erstarken rechter Politik unter die Arme greift.«

Wenn Begriffe nicht passen, werden sie zurechtgebogen

Die Herangehensweise Abrechnung statt Analyse zeigt sich am deutlichsten in Potters Besprechung des von ihm gewählten Autoritätsbegriffs, den er für sein Kernargument in den Studien Erich Fromms, Theodor W. Adornos und Else Frenkel-Brunswiks »autoritärem Charakter« fundiert. In der bahnbrechenden Studie The Authoritarian Personality von 1950 konzipierte Adorno die Faschismus-Skala, mit deren Hilfe Vorurteile und antidemokratische Tendenzen auf der Persönlichkeitsebene festgestellt werden konnten.

Die bekannteste Persönlichkeitsform, die Adorno identifizierte, war die des autoritären Charakters. Dieser sei am ehesten dem Faschismus zugeneigt, da er starken Autoritätspersonen gegenüber unterwürfig und ehrfürchtig ist. Natürlich ist Potter bewusst, dass der »autoritäre Charakter« nicht auf linke Gruppen angewendet werden kann, die sich qua Definition als antiautoritärer Gegensatz zur Autorität da oben sehen. Die Lösung für dieses Problem ist, so Potter, einfach – denn »der linke Autoritarismus will nicht nach unten treten, sondern nach oben, wo die Mächtigen sitzen«.

Wieso mit einem einzigen Satz der konzeptionelle Unterbau des Buches schon im ersten Kapitel ad absurdum geführt und somit zum Einsturz gebracht wird, ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Es scheint, dass der Titel des Buchs schon feststand, bevor man sich die Mühe gemacht hat, das Subjekt der eigenen Hypothese zu untersuchen. Die Anwendung des »autoritären Charakters«, um die vermeintliche Radikalität der neuen Linken zu beweisen, folgt deshalb entweder aus einer nur oberflächlichen Auseinandersetzung mit Fromm, Adorno und Frenkel-Brunswik, oder einer Selbstpositionierung des Autors als Gegenpol zur vermeintlich autoritären Linken aus dieser Literatur.

Denn der autoritäre Charakter ist nicht die einzige Persönlichkeitsform der Studie, auch der genuin liberale Charakter wurde von Adorno besprochen. Dieser ist eher eine Rarität, er zeichnet sich durch seine Rationalität, Unabhängigkeit und Abwesenheit von Vorurteilen aus, der perfekte bürgerliche Demokrat also. Potter positioniert sich mit seinem Buch als eben dieser und folgt dementsprechend der fragilen Logik, dass eine Linke, die jemanden wie ihn verstoßen hat und für seine Arbeit und scheinbaren Werte angreift, im Gegensatz nur autoritär sein kann.

 »Der Attentäter ist nicht links, aber irgendwie dann doch. Das Attentat geschah in den USA, schließt die deutsche Linke aber scheinbar ein und macht sie so zur Mitverantwortlichen.«

Das Problem dieses pseudointellektuellen Pferd-von-hinten-Aufzäumens ist, dass man ein vermeintliches Phänomen nicht ergebnisoffen untersucht, sondern sich daran macht, das zu finden, was man finden will. Im Konkreten sieht die Suche nach der autoritären Linken in Deutschland zum Beispiel so aus, dass Potter den Mordanschlag auf eine Mitarbeiterin und einen Mitarbeiter der israelischen Botschaft in Washington D.C. im Mai 2025 als Beweis für eine neue autoritäre Linke auf der ganzen Welt sieht, da der Täter »zumindest zeitweise in einer sozialistischen Partei aktiv war und sich allem Anschein nach links verortet«. Potter beruft sich hier auf eine Studie des Thinktanks Centre for Strategic & International Studies, die das Attentat als nicht-linke Gewalt klassifiziert. Dennoch stellt er es im darauffolgenden Satz als Beleg für eine »zunehmende Gewaltbereitschaft in der neuen autoritären Linken weltweit« und »einen breiten Trend von linker Gewalt in den USA« dar. Der Attentäter ist nicht links, aber irgendwie dann doch. Das Attentat geschah in den USA, schließt die deutsche Linke aber scheinbar ein und macht sie so zur Mitverantwortlichen.

Gleichzeitig widerlegt Potter jedoch das eigene Narrativ mit dem Verweis, dass mittlerweile die Opposition zu Israel keinem links-rechts-Schema mehr folge und »Anschläge von Tätern mit unterschiedlichen und teils unbekannten politischen Ideologien gegen Einrichtungen des Staates Israel weltweit verübt« werden. Dass sich antisemitische Gewalt und Gewalt gegen israelische Einrichtungen weltweit in genau den Zeiten verstärken, in denen Israel seine Nachbarn angreift, bestreitet kaum jemand, wieso das jedoch ein Beweis für eine autoritäre Linke in Deutschland sein soll, bleibt unklar.

Links-muslimische Gefahr

Generell spukt durch Potters Zweitwerk der Geist des Islamo-Gauchisme, die unheilige Allianz von Linken und Islamisten, die gute linke Organisationen unterwandert. Der Begriff wurde 2002 vom französischen Philosophen Pierre-André Taguieff eingeführt und behauptet, dass Antirassismus und Antifaschismus Teil eines linken Plots sind, um den Westen mit illegalen Migranten zu fluten. Potter wirft linken Gruppen vor, Organisationen wie »Hamas, Hisbollah, die Huthis und den Palästinensischen Islamischen Dschihad« zu fetischisieren, nur um im nächsten Satz als Beweis die Solidarisierung linker Gruppen »mit dem PFLP-Netzwerk Samidoun« nach deren Verbot anzuführen. Was er Leserinnen und Lesern an dieser Stelle vorenthält, aber schon sechs Seiten davor erwähnte, ist, dass die PFLP »eine säkulare, marxistisch-leninistische Befreiungsorganisation« ist, also weder islamisch noch islamistisch.

Der Begriff »Terror« wird in allen seinen Varianten großzügig an all jene verteilt, die nicht auf Staatsräson-Linie und in absolutistischer Manier jeglichen palästinensischen Widerstand gegen Israel sofort verteufeln. Es gilt: Widerstand gleich Terrorismus. Ironischerweise wirft Potter der »autoritären Linken« genau dieses Schwarz-Weiß-Denken als Makel vor, denn sie habe einen »Absolutheitsanspruch sowie eine Ablehnung von Komplexität zugunsten eines eindeutigen Kampfs von Licht gegen Dunkelheit beziehungsweise Gut gegen Böse«.

»Potters eigene Herangehensweise – mit KI-Gesichtserkennungstools Aktivisten zu identifizieren und namentlich an den Pranger zu stellen – könnte eine Erklärung für das Misstrauen der Palästina-Bewegung gegenüber der Presse bieten.«

Kaum jemand bestreitet, dass es am 7. Oktober zu Kriegsverbrechen gegen Zivilistinnen und Zivilisten in Israel gekommen ist. Zugleich gilt aber auch, dass einer unterdrückten Bevölkerung laut Völkerrechtskonvention ein Recht auf bewaffneten Widerstand gegen die Besatzungsmacht und deren Militär zusteht. Dieses Recht gilt für die islamistische Hamas genauso wie für die säkulare PFLP. Ob diese von westlichen Regierungen als Terrororganisation klassifiziert werden oder nicht, spielt im Internationalen Recht keine Rolle. Dass Organisationen wie zum Beispiel die Linksjugend Potsdam, die im Buch als Befürworter von Gewalt gegen Zivilistinnen und Zivilisten diffamiert werden, genau diesen komplexen Sachverhalt mehrfach öffentlich klar gemacht haben, wird den Leserinnen und Lesern vorenthalten.

Obwohl Nicholas Potter diese wichtigen Nuancen unterschlägt, weiß er sehr wohl darüber Bescheid. Das wird durch das Beispiel einer Berliner Lehrerin deutlich, mit der er das Kapitel »Wie Terror zu Widerstand verklärt wird« einleitet. Die Frau im Fokus hielt im Juni 2025 auf einer Berliner Großdemo ein Schild mit dem Satz »All oppressed people have a right to violence« und wurde damit fotografiert. Hier würde Gewalt gegen Zivilistinnen und Zivilisten legitimiert, so Potter.

Was er an dieser Stelle nicht sagt: Nicholas Potter hat die Person mittels einer Gesichtserkennungssoftware ausfindig gemacht und per E-Mail, die Jacobin vorliegt, gefragt, wie das Plakat zu interpretieren sei, denn es könnte »als Aufruf zur (terroristischen) Gewalt gegen Zivilisten verstanden werden«. Potter weiß also um unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten dieses Plakats, in seinem Buch stellt er jedoch die Frage: »Was radikalisiert eine [Lehrerin] aus Berlin derart, dass sie offenbar islamistischen Terror gegen Zivilisten gutheißt?«. Dies ist nur eines von zahllosen Beispielen, in denen er die skandalöseste Interpretation von Slogans, Statements und Postern als absoluten Fakt präsentiert.

Nichts als Panikmache

Ein wesentlicher Aspekt, an dem Potter die neue autoritäre Linke festmacht, ist ihr Verhältnis zu bürgerlichen Medien. Er beschreibt etwa das angespannte Verhältnis zwischen Journalistinnen und Journalisten und Demonstrierenden auf Kundgebungen und Demos. Potters eigene Herangehensweise – mit »KI-Gesichtserkennungstools« Aktivisten zu identifizieren und namentlich an den Pranger zu stellen, um sie als Strippenzieher darzustellen, die Fridays For Future unterwandern – könnte eine Erklärung für das Misstrauen der Palästina-Bewegung gegenüber der Presse bieten.

Es sollte nicht überraschen, dass besonders jene Journalistinnen und Journalisten nicht beliebt sind, die auf Pro-Palästina-Demos mit der Polizei zusammenarbeiten, oder Demonstranten aus Gründen, die journalistisch nicht ersichtlich sind, aus nächster Nähe filmen, während diese schlicht von ihrem Bürgerrecht Gebrauch machen. Vor allem wenn es sich um Menschen handeln könnte, deren Aufenthaltsstatus prekär ist. Man könnte sich hier zudem fragen, welche Funktion ein Journalismus hat, der die vierte Gewalt auf den Kopf stellt und anstatt Politik und Wirtschaft auf die Finger zu schauen, den kleinen Mann und die kleine Frau auf Anti-Völkermord-Demos verdächtigt. Dass es Menschen gibt, die darauf nicht immer besonnen und kühl reagieren, kann man verstehen, ohne es gut zu heißen. Ein Beweis für eine autoritäre linke Verschwörung oder Unterwanderung ist auch das nicht, wie sogar Jakob Hayner in seiner Rezension für die Springer-Zeitung Die Welt attestieren musste.

Letztendlich wird eine Rezension diesem Buch nicht gerecht, denn es bedürfte mehr als ein paar Seiten, um es zu widerlegen. In dem Sinne ist Die neue autoritäre Linke eine literarische Version des »flooding the zone«, einer politische Kommunikationsstrategie des ehemaligen Trump-Beraters Steve Bannon der erklärte: »Die eigentliche Opposition sind die Medien. Und der beste Weg, mit ihnen umzugehen, besteht darin, sie mit Scheiße zu fluten.« Nach eben diesem Prinzip funktioniert auch Potters Buch: Er schwemmt die Debatte mit so vielen Anekdoten, dass es schwer ist, jede einzelne davon kritisch einzuordnen und wo nötig zu widerlegen.

»Wenn Potter gefragt wird, was ihn zum Linken macht, kann er darauf nur mit ›man geht gerne in Clubs und mag keine Nazis‹ antworten.«

Es wäre deshalb sinnvoller, nicht nur dieses Buch zu besprechen, sondern auch das Phänomen Potter in Augenschein zu nehmen. Wie kommt es, dass sich jemand wie Nicholas Potter zum Kritiker einer imaginären Linken aus einer vermeintlich linken Sprecherposition etablieren konnte? Denn kaum etwas in seiner Karriere deutet auf eine solche Position hin. Wenn Potter gefragt wird, was ihn zum Linken macht, kann er darauf nur mit »man geht gerne in Clubs und mag keine Nazis« antworten. In seinen Artikeln und Büchern hält er nicht nur die Autorität des deutschen, sondern auch des israelischen Staates hoch und wird gerade deswegen von Rechten gefeiert. Er schrieb unter anderem für die rechte israelische Zeitung Jerusalem Post, die nach Potters Rückkehr nach Deutschland den britischen Neo-Nazi Tommy Robinson als Kolumnisten anheuerte. Er wurde zudem von der israelischen Lobbyorganisation ELNET mit einem Preis ausgezeichnet und von der Berliner CDU eingeladen, als Jury-Mitglied fragwürdige Anti-Antisemitismus-Projekte abzusegnen.

Aufgrund dieser Historie könnte man fragen, ob Nicholas Potter und seine Schriften vielleicht ein Symptom einer schleichenden Faschisierung sind, die keine Institution unberührt lässt – nicht einmal die Redaktionsräume der sich selbst als »links« verstehenden Taz. Die bedingungslose Verteidigung Israels, die daraus resultierende Kriminalisierung palästinensischer Existenz, der angebliche Kampf gegen Antisemitismus, der sich seltsamerweise nur auf die Linke zu konzentrieren scheint, können so als Vorwand und Rechtfertigung eines neuen drakonischen Überwachungsstaats gesehen werden. Potters Buch liefert das perfekte Narrativ für die Kriminalisierung linker Politik, die wiederum dem Erstarken rechter Politik unter die Arme greift.

So oder so, Die neue autoritäre Linke argumentiert gegen Strohmänner und Karikaturen. Dabei skandalisiert Potter eine deutsche Linke, die so kaum existiert, und beteiligt sich an reißerischer Panikmache. Wer ohnehin ideologisch auf einer Linie mit Nicholas Potter ist, wird dieses Buch spannend finden, da es jedes eigene Vorurteil gegen Linke und Muslime bestätigt. Alle anderen werden wahrscheinlich nach ein paar Kapiteln schon die Nase voll haben.

Daniel G. B. Weissmann promovierte im Bereich der politischen Kommunikation. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt unter anderem die Nutzung der Antisemitismusforschung als Instrument der Aufstandsbekämpfung gegen Solidaritätsbewegungen mit Palästina.