29. August 2025
In Ocean Vuongs neuem Roman treffen verarmte Migranten auf deklassierte Arbeiter. »Der Kaiser der Freude« beschreibt ungeschönt und doch zärtlich die Verbundenheit, die zwischen Menschen entsteht, die vor allem die Existenznot miteinander verbindet.
Ocean Vuong bei einer Lesung in San Diego, 16. Oktober 2024.
Die Deindustrialisierung im Nordosten der USA hat zur Entstehung eines neuen Dienstleistungssektors geführt. Dieser konnte das Arbeitsplatzangebot der alten, produktionsbasierten Wirtschaft jedoch nicht ersetzen. Die daraus resultierende Arbeitsplatzunsicherheit, niedrigeren Löhne und begrenzten Sozialleistungen haben viele Arbeiterinnen und Arbeiter, ihre Familien und Gemeinden in eine Abwärtsspirale gestürzt.
Zwei große Geschichtenerzähler der Region – Russell Banks und Richard Russo – haben diese Thematik mit viel persönlicher Einsicht bearbeitet. Beide hatten eine schwierige Kindheit, geprägt von abwesenden oder unzuverlässigen Vätern aus der Arbeiterklasse, die alleinerziehende Mütter mit der Verantwortung für die Kinder zurückließen. In ihren Kurzgeschichten und Romanen schildern Banks und Russo die Tragödien und Leiden der weißen Arbeiterklasse in ihren Heimatstädten.
In Werken von Banks wie Hamilton Stark, Affliction und Rule of Bone oder Russos The Risk Pool, Empire Falls und Nobody’s Fool begegnen wir Schlossern und Hilfsarbeitern, Arbeiterinnen in Lederfabriken, Automechanikern und Kleinstadtpolizisten, Diner-Köchen und Kellnerinnen sowie gelegentlich auch gescheiterten Akademikern.
In diesen fiktiven Welten finden sich nur wenige Charaktere und Handlungen, die politisch aufbauend wären, wie es beispielsweise in der proletarischen Literatur der 1930er Jahre noch der Fall war. Das Leben der Arbeiterklasse im Nordosten der USA zum Ende des 20. Jahrhunderts eignet sich schlichtweg nicht für heroische Erzählungen: Es war eine Zeit des sozialen Abstiegs nach verlorenen Streiks, Entlassungen, Fabrikschließungen – und dem Ersatz stabiler Jobs durch weitaus prekärere Beschäftigungsverhältnisse.
In den baufälligen Häusern verschärften sich generationsübergreifend die familiären Probleme. Menschen ließen sich scheiden, gingen bankrott und verließen die Städte. In den Werken von Banks und Russo werden selbst die Geselligkeit und der flüssige Trost, die man in lokalen Bars und Diners findet, zu einem zweischneidigen Segen: Denn in der Darstellung dieser Treffpunkte können jähzornige Stammgäste jederzeit explodieren und ihre Verbitterung oder Enttäuschung über das Leben und die Arbeit an anderen ebenso unglücklichen Menschen auslassen.
»Wo ich herkomme, gilt Lesen als Verrat an der eigenen Klasse. Oh, Du hältst Dich wohl für was Besseres. Der feine Herr versucht zu lesen, um aufs College zu kommen. Du willst wohl hier rauskommen.«
Aufgrund von Einwanderung hat sich die Demografie in der Region erheblich verändert; mehr als die Hälfte des Bevölkerungswachstums in New England in den vergangenen fünfzehn Jahren entfällt auf im Ausland geborene Arbeiterinnen und Arbeiter. Daher ist es nicht überraschend, dass aus den Reihen einer diversen Niedriglohnbelegschaft, die sich derselben Arbeitsplatzunsicherheit gegenübersieht wie alteingesessene Arbeiter, eine neue literarische Stimme hervorgegangen ist.
Wie die Mitglieder dieser »neuen« und »alten« Arbeiterklasse miteinander umgehen – inmitten geteilter ökonomischer Not, bröckelnden Familien- und Gemeinschaftsbanden, aber zumindest mit rettenden Freundschaften am Arbeitsplatz – wird von Ocean Vuong in seinem neuen Roman Der Kaiser der Freude auf wunderschöne Weise dargestellt, mit allen positiven wie negativen Aspekten.
Vuong selbst ist ein 36-jähriger vietnamesischer Einwanderer und aktuell als Professor für kreatives Schreiben an der New York University tätig. Er ist außerdem Dichter und ehemaliger Stipendiat der MacArthur Foundation (auch bekannt als »Genius Grant«). Noch vor anderthalb Jahrzehnten sammelte er keine Auszeichnungen in der exklusiven Welt der Belletristik oder der Philanthropie. Vielmehr hatte er Mühe, sich und seine Familie über Wasser zu halten – als Doppelt-Angestellter im Fast-Food- sowie Pflegebereich.
In diesen beiden systemrelevanten Berufen sind heute US-weit fast 4,5 Millionen Menschen tätig. Vuong ist (bislang) der einzige unter ihnen, der seine Erfahrungen als Koch bei Boston Market und Panera Bread sowie seine mehrjährige Tätigkeit als Altenpfleger für eine litauische Frau in ihren Achtzigern in den großartigen Kern eines 400-Seiten-Romans verwandelt hat.
Welche überragenden Leistungen musste Vuong – wie Banks und Russo vor ihm – erbringen, dass er einen akademischen Weg einschlagen und seine Erfahrungen in eine derart bewegende Fiktion verwandeln konnte? Vuongs Kindheit war sicherlich noch schwieriger als die seiner literarischen Vorgänger viele Jahrzehnte zuvor. Vuong wuchs in einer Sozialwohnung in East Hartford auf, direkt am Connecticut River. Hartford ist die Hauptstadt von Connecticut – eines Bundesstaates, der zu den reichsten der Vereinigten Staaten zählt und gleichzeitig eine der höchsten Einkommensunterschiede aufweist. Voungs verstorbene Mutter arbeitete in einem Maniküre-Salon, ihr eigener Vater war US-Soldat. Nach dem Vietnamkrieg floh sie mit ihrem zweijährigen Sohn nach Amerika.
Bevor Vuong in jungen Jahren in den Dienstleistungssektor eintrat, verbrachte er lange Sommertage damit, auf einer lokalen Tabakfarm schwarz zu arbeiten. Da er sich kein Auto leisten konnte, musste er jeden Tag 16 Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegen. Sein Stiefvater arbeitete für einen Autoteilehersteller, Vuongs Bruder war langjähriger Angestellter bei der Sportartikelkette Dick’s Sporting Goods.
Vuong erinnert sich: »Wo ich herkomme, gilt Lesen als Verrat an der eigenen Klasse. Oh, Du hältst Dich wohl für was Besseres. Der feine Herr versucht zu lesen, um aufs College zu kommen. Du willst wohl hier rauskommen.«
Der Autor schaffte es tatsächlich, »rauszukommen«. Dabei half ihm nicht nur das Lesen, sondern auch das Schreiben – Hobbies, die er wenig überraschend mit seinem fiktiven Alter Ego in Der Kaiser der Freude teilt. Als uns der 19-jährige Hai zum ersten Mal im Buch begegnet, ist er ein depressiver, tablettenabhängiger College-Abbrecher, der sich nicht traut, nach Hause zu gehen und seiner Mutter zu beichten, dass er ihren Traum von einem besseren Leben für die nächste Generation vor die Wand gefahren hat.
Er ist kurz davor, sich von einer Eisenbahnbrücke zu stürzen, als die litauischstämmige Grazina Vitkus, eine alleinlebende 82-jährige Witwe, ihn sieht und davon abbringt. Grazina hat diverse Leiden, darunter beginnende Demenz. Ihr Geist und ihr Körper scheinen ebenso rapide zu verfallen wie ihr hundertjähriges Haus, das so heruntergekommen ist, dass keine Pflegekraft über Nacht bei ihr bleiben möchte. Diese Situation wendet sich zum Besseren, als Hai, der ein Dach über dem Kopf und Arbeit braucht, ihre Haushaltshilfe wird.
Die Zweckgemeinschaft entwickelt sich zu einer tiefen, generationsübergreifenden Freundschaft. Die beiden führen urkomische, oft zusammenhanglose Diskussionen über das Leben, Geschichte, großartige Bücher und ihre gemeinsamen Erfahrungen mit familiären Enttäuschungen und Entfremdungen. Die emotionale Belastung durch die Pflege von Grazina ist beträchtlich; sie leidet unter Albträumen und durch Krieg und Hunger in Osteuropa verursachte Traumata. Außerdem hat Grazina kaum noch Geld. Als das Guthaben auf ihrer EC-Karte fast aufgebraucht ist, macht sich Hai daher auf die Suche nach einem Tagesjob, um den gemeinsamen Haushalt finanziell am Laufen zu halten.
»Der Kaiser der Freude bietet den wohl besten Blick hinter die Kulissen des sogenannten Schnellrestaurantsektors seit Eric Schlossers journalistischer Arbeit in Fast Food Nation vor 25 Jahren.«
Hai nimmt Kontakt zu seinem Cousin Sony auf, der jetzt in einer Wohngemeinschaft für »neuroatypische Teenager« lebt und dessen Mutter im Gefängnis sitzt. Sony wird uns in einer Standarduniform und -Mütze von »HomeMarket« (wie die Restaurantkette Boston Market im Roman heißt) vorgestellt. Als geschätztes Teammitglied in »der Filiale mit dem dritthöchsten Umsatz der Geschichte« verdient er 7,15 Dollar pro Stunde. Sein Job: Brathähnchen und Kartoffelpüree zum Mitnehmen servieren. Sony ist auf der Arbeit bekannt für seine detailreichen, ununterbrochenen Monologe über Generäle des US-Bürgerkriegs und ihre Schlachten, die er so lebhaft vorträgt, als würde der Krieg gerade in diesem Moment im Süden weitertoben.
Sony sei eben besonders, erklärt eine Kollegin den Kunden, die Sonys Verhalten – der sich entweder auf dem Spektrum befindet oder wohl eine geistige Beeinträchtigung durch sein obsessives Vertiefen in die Details der amerikanischen Geschichte davongetragen hat – verwirrt. Grazina zeigt derweil ihre eigene Mischung aus sprachlicher Unsicherheit und persönlicher Toleranz – insbesondere, als sie von Hais sexueller Orientierung erfährt. Sie versichert ihm umgehend, sie habe nichts gegen die »Liggabit Community«. [Mit der Bezeichnung LGBT musste sie sich in ihrem bisherigen Leben offensichtlich nie auseinandersetzen.]
Mit der Unterstützung seines Cousins wird Hai zu einem der Millionen von (aktuellen und ehemaligen) Angestellten von Boston Market, McDonald’s, Wendy’s, Burger King, Subway, Panda Express oder Pizza Hut, die »bedienen und über nichts anderes als das vollgekrümelte Reich einer Edelstahltheke herrschen«. Es ist ihr Los, hinter dieser Theke zu stehen und immer wieder zu fragen: »Wie kann ich Ihnen helfen? «. So bedienen sie einen endlosen Strom ungeduldiger Kunden, die für aufgewärmtes, »chemisch konserviertes Essen« anstehen.
Der Kaiser der Freude bietet den wohl besten Blick hinter die Kulissen des sogenannten Schnellrestaurantsektors seit Eric Schlossers journalistischer Arbeit in Fast Food Nation vor 25 Jahren. Wir erfahren, was »von Hand hergestelltes« Abendessen bei dieser (fiktionalen) Kette bedeutet: Hier wird matschige Fertignahrung erhitzt, »die fast ein Jahr zuvor in einem Labor außerhalb von Des Moines gekocht und in kunstharzbeschichteten Säcken vakuumversiegelt worden war«.
Als Wayne, der afroamerikanische »Hähnchenmann« und »Chef des Grills« in der Filiale, einen Nebenjob auf einem nahegelegenen Hof annimmt, rekrutiert er Sony, Hai und andere Kollegen, um ihm bei der Arbeit zu helfen: Sie sollen einen Bonus von 1.500 Dollar für das Schlachten von Schweinen – rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft – erhalten. Ihre blutigen, erschreckenden Erfahrungen in der Fleischverarbeitung erinnern an eine albtraumhaft-moderne Version von Upton Sinclairs Der Dschungel von vor rund 120 Jahren: »Auf der anderen Seite stand, von der Straße aus nicht zu sehen, ein längliches Planenzelt, etwa so groß wie eine Autowaschanlage, mit rundum bis zum Boden geschlossenen Wänden. Es sah aus wie eines der Feldlazarette des Bürgerkriegs, von denen Sony ständig redete. Während sie sich näherten, erfüllte ein immer lauter werdender Schwall von Death-Metal-Musik die Luft [...] Um das Zelt zog sich ein stark verrosteter Maschendrahtzaun, der die Schweine daran hinderte auszureißen, sobald ihnen aufging, dass sie für die festlichen Tafeln der Millionäre bestimmt waren. Auf dem mit Kabelbindern am Maschendraht befestigten Schild stand: Murphys Fleisch von freilaufenden Schweinen: Familienbetrieb seit 1921.«
Hai hat das Glück, dass sich sein eigentlicher Arbeitsplatz im Restaurant ebenso wie Grazinas baufällige Behausung als wahre Zufluchtsorte in einer kaltherzigen Welt entpuppen. Seine höchst unterschiedlichen Kolleginnen und Kollegen mögen die tiefgefrorenen Fertiggerichte zwar nicht mit dem rasanten Tempo, das der strenge Regionalleiter verlangt, servieren – aber sie unterstützen sich gegenseitig sowohl bei der Arbeit als auch in ihrer Freizeit.
Die hohe Fluktuationsrate bei Angestellten in der Fast-Food-Branche bedeutet, dass die meisten Menschen eher früher als später weiterziehen. Dementsprechend kann auch Der Kaiser der Freude nicht mit einem großen Happy End aufwarten, doch zumindest gibt es Hinweise und ein wenig Hoffnung, dass auf Hai und zumindest einige seiner Ex-Kollegen ein besseres Leben warten könnte.
Seine weibliche Vorgesetzte BJ, die wie ein samoischer Wrestler gebaut ist und »der nächste Rikishi« sein will, erlebt zwar ein desaströses Debüt im Ring, verfolgt aber weiter ihren Traum, »Regionalmeisterin Neuenglands im Frauen-Tag-Team-Wrestling« zu werden (während sie nebenbei eine weitere HomeMarket-Filiale leitet).
»Er und der Leser werden nicht vergessen, was diese Zustände weiterhin bedeuten – für Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürger.«
Wayne ist »nach North Carolina zurückgekehrt und hat eine Räucherkammer unter dem Namen The Knighthood eröffnet«. Mit Hais Unterstützung kann Sony genügend Geld aufbringen, um seine Mutter auf Kaution aus dem Gefängnis zu holen. Die beiden beginnen, gemeinsam in einer Ravioli-Fabrik zu arbeiten. Sony geht darüber hinaus zur Abendschule, um Museumsführer in einem Bürgerkriegsmuseum zu werden.
Russia, ein Kollege aus Tadschikistan, hat ebenfalls etwas Erfolg und kann genug Geld sparen, um seine drogenabhängige Schwester in eine Entzugsklinik zu bringen. Die trinkfreudige Kollegin und Freundin Maureen, eine ehemalige Grundschullehrerin und Mutter von drei Kindern, muss wegen Krebs operiert werden und landet im Rollstuhl bei der Familie ihres Bruders.
Lucas Vitkus, Grazinas egoistischer Sohn, der mit seiner eigenen Familie in einer schicken Eigentumswohnung lebt, will nach wie vor wenig mit seiner Mutter zu tun haben. Lucas beschließt, ihr Haus zu verkaufen und Hai, Grazinas liebe- und hingebungsvollen Pfleger, rauszuschmeißen. Gegen Grazinas Willen wird sie in eine Alzheimer-Einrichtung gebracht, wo sie sechs Monate später während eines Mittagsschlafes stirbt.
Hais eigene Zukunft ist zum Ende des Romans ungewiss. Er telefoniert immer noch mit seiner Mutter in ihrem Nagelstudio und gaukelt ihr weiter vor, am College zu studieren. Doch immerhin steht er nicht mehr auf der Eisenbahnbrücke. Der Leser hat Grund zur Annahme, dass Hai das Beste aus seiner zweiten Chance im Leben machen wird. Wie sein resilienter Schöpfer könnte er einen Weg finden, der Armut und Prekarität zu entkommen. Dabei werden er und der Leser aber nicht vergessen, was diese Zustände weiterhin bedeuten – für Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürger.
Steve Early ist seit 42 Jahren Mitglied der Democratic Socialists of America und noch länger bei den Communications Workers of America aktiv. In seinem Buch »Refinery Town: Big Oil, Big Money, and the Making of an American City« porträtierte er Jovanka Beckles und andere Führungspersönlichkeiten der Richmond Progressive Alliance.