15.09.2020

Die Früchte des Zorns

Umweltschützerinnen protestieren gegen das Artensterben, Bauern kämpfen ums Überleben: In kaum einer Region zeigt sich der verfahrene Konflikt um die Agrarwende so deutlich wie im Nordwesten Deutschlands.

Fotografie: Laura Szafranek.

Stadt der Hühner

Oldenburg, 28. Mai 2020, mitten in der Corona-Krise. Auf Youtube sieht man, wie ein Mann mit einem Mundschutz an der Eingangstür der Oldenburger Filiale des Naturschutzbundes steht und empört ruft: »Sie haben die ganze Landwirtschaft beleidigt!« Der Ton des Landwirts klingt verletzt, später auch wütend, als der einzige NABU-Mitarbeiter, der an diesem Donnerstag in der Geschäftsstelle arbeitet, nicht nach draußen kommen will, um sich der Gruppe von Landwirten zu stellen, die die NABU-Zentrale belagern. Grüne Kreuze werden in den Boden gerammt. Die Bauern sind mit Schleppern gekommen, großen landwirtschaftlichen Fahrzeugen in Waldgrün und Weizengelb. »Der NABU ist einer der Schlimmsten, die uns kritisieren«, ruft der empörte Mann, während ein Kamerateam ihn filmt. »Am liebsten wollen die die Landwirtschaft weghaben in Deutschland.«

Was macht die Landwirte so kämpferisch, so verzweifelt? Und wie kommt es zu dem hitzigen Konflikt zwischen der Naturschutzorganisation und der Bauernbewegung in einem Landstrich, der sonst eher für seine Gemütlichkeit bekannt ist?

Anderthalb Monate später. »Hühner sind Dschungeltiere!«, sagt der Mann aus dem Youtube-Video lachend. Er steht vor einem Metallkäfig und erzählt, dass freilebende Hühner nachts auf Bäumen schlafen. Der Landwirt heißt Rudi. Rudi Schlangen wirkt stolz, amüsiert. »Ich komme von Haselünne, Ortsteil Westerloh. Bin verheiratet, drei Kinder. Ein Mädchen und zwei Jungs.« Hinter ihm raschelt und gackert es und überall riecht es metallisch, tierisch: nach Huhn. Rudi hat 30.000 Hühner, und alle Hühner haben schöne weiße Federn und einen hellroten Kamm. Manche Hühner sind noch im »Wintergarten«, sie können raus auf die Wiese laufen, oder rein in den Stall. Drinnen setzen sie sich in drei Reihen übereinander. Junghühner krakseln auf metallenen Leitern auf die oberen Ränge und suchen einen Schlafplatz mit guter Aussicht. In Bäumen schlafen sie hier nicht, denn sie sind nicht frei, wohl aber in Freilandhaltung.

Jeden Morgen kommt Rudi hier an, zieht sich Schutzbezüge über die Schuhe und geht durch die Desinfektionszone in den Stall, den er vor zehn Jahren für 1,5 Millionen Euro gebaut hat. »Das knabbern wir noch ein paar Jahre ab«, sagt er trocken. Rudi hat Fahrzeugbau gelernt und ist auf dem zweiten Bildungsweg Landwirt geworden, um den Hof seiner Frau zu übernehmen. Aus dem Hühnerstall rollen die Frühstückseier auf ein Fließband, hin zu einer Stempelmaschine und ab in die Eierpappen. »Ich glaube, zur Zeit produzieren wir vor allem für Lidl«. 30.000 Hühner. Wenn es Menschen und nicht Hühner wären, dann könnte der Stall das Prädikat »kleine Mittelstadt« erhalten. Eine Stadt der Hühner, etwa so groß wie Erding, Leer, Hoyerswerda. Doch in dieser Region ist das keine Seltenheit. Denn Rudis Hühnerstall steht ein paar Kilometer außerhalb von Haselünne. Und Haselünne liegt im Emsland.

Epizentrum der deutschen Viehhaltung

Wenn man auf der Landstraße ins Emsland fährt, sieht man scheinbar endlose Felder von Mais, Weizen, Erdbeeren zum Selbstpflücken. In der Ferne sind Höfe in grauen Nebel getaucht. Ein Kinderstrampler hängt im Nieselregen an der Wäscheleine. Das Motto des Emslandes ist: »Wilkommen bei den Machern«. In regelmäßigen Abständen sind Kreuze am Straßenrand aufgebaut, kleine Altare. Es ist eine katholische Region; eine Seltenheit hoch im Norden. Man sieht einige weiß-braun gefleckte Kühe auf der Weide. Die Landstraße befahren auffällig viele Viehtransporter. Hinten drauf steht: »Lebende Tiere«. Die Region südwestlich von Bremen, mit den Landkreisen Vechta, Cloppenburg und dem Emsland ist das Epizentrum der deutschen Viehhaltung. Im Diercke Weltatlas heißt es, hier habe sich »eine Zone intensiver Schweine- und Geflügelhaltung herausgebildet«. Auf Niedersachsen entfielen 2012 ein knappes Drittel des deutschen Schweinebestandes, Tendenz steigend. Ursache für die Zuwächse in der deutschen Schweinefleischproduktion seien die seit Jahren zunehmenden Exporte ins Ausland, Deutschland gelte daher als »Schlachthof Europas«. Im »Fleischatlas« von Le Monde Diplomatique aus dem Jahr 2018 ist der Nordwesten Deutschlands auf fast allen Karten rot markiert. Zentraler Befund: zu viel Vieh auf zu kleinem Raum.

So nah und doch so fern

Rudi Schlangens Hof liegt nur 90 Kilometer südlich der Universitätsstadt Oldenburg, und doch liegen Welten dazwischen. Die Stadt Oldenburg ist protestantisch, ein ehemaliges Großherzogtum, das für seine Pferdezucht bekannt ist. Bei der letzten Europawahl waren die Grünen hier mit 35,7 Prozent stärkste Kraft. Die Union lag mit 19,1 Prozent auf dem zweiten Platz. Fußläufig zum hellgelben Schloss im Renaissancestil, dem Wahrzeichen der Stadt, öffnet eine junge Frau die Filiale des örtlichen NABU-Verbandes. Sie heißt Sonia Gentemann und ist 22 Jahre alt. Sonia studiert Umweltwissenschaften und arbeitet für den NABU in Oldenburg, ein paar Stunden die Woche bezahlt und viele Extrastunden ehrenamtlich. Halb Büroraum, halb Laden, stapeln sich in der Geschäftsstelle des NABU Insektenhotels und Vogelhäuser, kann man Bio-Pastete zum Igelfüttern oder getrocknete Mehlwürmer für insektenfressende Vögel kaufen. »Tatsächlich ist das eine der Haupteinnahmequellen der Geschäftsstelle«, erzählt sie munter. Sonia sucht noch Einweghandschuhe, um alles Corona-sicher zu machen, und setzt sich einen Mundschutz mit einer Biene darauf auf. Sie stapelt Flyer und Unterschriftenlisten in ein Lastenrad, das sie von einer kleinen Tischlerei geliehen hat. Die Listen sind für das Volksbegehren Artenvielfalt. Sonia fährt heute zu einer Fahrraddemo, um dort für das Volksbegehren zu werben.

Das Volksbegehren

Auslöser des vom NABU initiierten und von über 200 Bündnispartnern getragenen Volksbegehrens waren eine Reihe erschreckender Studien zum Thema Artensterben, die ergaben, dass 62 Prozent aller Wildbienenarten im Bestand gefährdet und circa die Hälfte der niedersächsischen Tier- und Pflanzenarten bedroht sind. Um dem entgegenzusteuern, wollen die Initiatorinnen und Initiatoren des Volksbegehren den niedersächsischen Wald naturnäher machen und zum Beispiel Kahlschlagwirtschaft verbieten. Zweitens strebt das Volksbegehren eine Änderung des Niedersächsischen Wassergesetzes an, um zu verhindern, dass Nitrate und Pestizide in den Wasserkreislauf eindringen. Und schließlich wird gefordert, artenreiche Wiesen als Brutgebiete für Vögel zu erhalten. Wenn das Volksbegehren erfolgreich ist, dann wird es bei der landwirtschaftlichen Nutzung verboten, Dauergrünland – also Wiesen oder Weiden – in andere Nutzungsformen umzuwandeln. Oliver Kraatz, der Oldenburger NABU-Mitarbeiter, der sich in dem Youtube-Video den wütenden Bauern ausgesetzt sah, fasst die Forderungen des Volksbegehrens wie folgt zusammen: »Wir würden gerne mehr Biolandbau sehen, Biotopvernetzung, und dass der kleinbäuerliche oder bäuerliche Mittelstand für die Arbeit in der Natur und für die Natur honoriert wird.«

So weit so gut. Doch diese Forderungen haben direkte Folgen für die niedersächsische Landwirtschaft. Konkret wird eine Änderung des Niedersächsischen Ausführungsgesetzes zum Bundesnaturschutzgesetz gefordert, mit dem Ziel, dass in fünf Jahren 10 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen ökologisch bewirtschaftet werden. Bis 2030 soll dieser Anteil auf 20 Prozent anwachsen. Dieses Ziel soll erreicht werden, indem Landesflächen so lange nur an Ökobauern neu verpachtet werden, bis die Quote erfüllt wird – dasselbe gilt für die Verlängerung von bestehenden Verpachtungen. Im selben Zeitraum soll der Einsatz von Pestiziden um mindestens 40 Prozent reduziert werden. Fünf Jahre sind in der Landwirtschaft eine kurze Zeitspanne. Hohe Investitionen, wie bei Rudi Schlangen und seinem Hühnerstall, können meist erst nach Jahrzehnten zurückgezahlt werden. Der geforderte Gewässerrandstreifen, der die Teiche, Bäche und Entwässerungskanäle frei von Pestiziden und Düngemitteln halten soll, wird von den Bauern als Eingriff in ihr Eigentum wahrgenommen und kann in Einzelfällen die an Fläche gebundenen EU-Subventionen gefährden. Oliver Kraatz vom NABU Oldenburg ist sich bewusst, dass die Umstellung nicht einfach sein wird, sieht sie aber trotzdem als alternativlos an: »Es ist eben so, dass die Landwirtschaft von ihren Standesvertretern in eine gewisse Richtung geführt wurde, in Richtung Agrarindustrie, und jetzt zeigt sich, dass dieser Weg mit Problemen behaftet ist. Der Einsatz von Pestiziden, Humusabbau auf landwirtschaftlichen Böden, Artenschwund, Tierfabriken. Und jetzt muss umgesteuert werden.« Es kommt zu einem Interessenkonflikt, bei dem die Utopie der Einen zur Dystopie der Anderen werden könnte, solange sich strukturell nichts ändert.

Land schafft Verbindung

Zurück in Haselünne. Rudi Schlangen sitzt in seinem modernen Wintergarten. Er hat heute zum Kaffee eingeladen, doch die meisten anderen Bauern machen noch Heu und werden erst am Abend dazustoßen. Bei der Heuernte muss man den richtigen Moment abpassen, sonst erleidet man Verluste, weil das Heu strohig geworden ist und seine Nährstoffe verloren hat. Heute soll das erste Organisationstreffen der Landwirte seit der Aktion in Oldenburg stattfinden. Sie organisieren sich in einer Gruppe mit dem Namen »Land schafft Verbindung« und haben nach eigenen Angaben ab Oktober 2019 bis zu 300.000 Landwirte über Whatsapp organisiert. Mit Treckerdemos erzielen sie große Aufmerksamkeit, auch in den Medien. Schlangen sitzt an einem langen Tisch, neben ihm seine Frau mit ihrem kleinen Hund auf dem Schoß und daneben Matthias Everinghoff, ein Milchbauer aus dem südlichen Emsland und Sprecher von »Land Schafft Verbindung. Sie trinken Kaffee aus großen Kannen und essen Biscuitrolle auf blau verziertem Porzellan, wie es auch in Ostfriesland beliebt ist. Herr Everinghoff erzählt von seinem Hof. Wenn er über seine Kühe spricht, dann nennt er sie immer seine »Mitarbeiterinnen«. Das zeigt, wie gern er die Kühe hat, »weil die ruhig sind und ausgeglichen«, aber auch, wie isoliert man als Landwirt sein kann, im Familienbetrieb, allein mit den Tieren, den Problemen und oft mit hohen Schulden.

Wenn sich die Bauern treffen und über die letzte EU-Verordnung schimpfen oder darüber, dass die Grundwassermessstellen die Nitratbelastung nicht akkurat wiedergeben, dann brechen sie aus dieser Isolation aus. Wenn sie gemeinsam auf eine Trecker-Demo fahren, dann können sie ihren Frust über einen Strukturwandel rauslassen, den sie nicht steuern können, der sie aber direkt betrifft. »Wir hatten früher 21 Kühe auf der Anbindung und da war es immer so, mit einer schönen Tafel vor der Tür mit dem Namen drauf.« Heute sind es 150 Kühe. »Noch viel größere Betriebe will niemand!« Auch Rudi Schlangen und seine Frau mussten expandieren. Sie hatten früher 60 Säue. »Heute muss man ja 500 Säue haben. Also haben wir die aussterben lassen und gesagt: Wir bauen ’nen Hühnerstall.« Auf die Frage, ob das damals eine gute Entscheidung war, antwortet nicht Rudi, sondern sein Sitznachbar: »Das ist hochrentabel! Besser als mit Kühen«, und Rudi lacht verlegen. »Ich wollt’s nicht sagen! Aber das ist momentan das einzige auf dem Markt, was lukrativ ist.«

Das faule Schwein

Matthias Everinghoff und Rudi Schlangen sind keine Einzelfälle. Ohne dass die Verbraucherinnen und Verbraucher viel davon mitbekommen, findet ein einschneidender Strukturwandel in der Landwirtschaft statt, der durch eine Veränderung der Betriebsgrößenstruktur gekennzeichnet ist und durch EU-Subventionen angetrieben wird. Im Emsland gibt es derzeit kaum mehr Kleinbauern mit weniger als fünf Hektar Land. Gleichzeitig ist die Zahl der Großbetriebe mit über fünfzig Hektar erheblich gestiegen. Viele Bauern geben ihren Betrieb ganz auf. In den Jahren von 1980 bis 2010 ging im Landkreis Emsland die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe um fast zwei Drittel zurück. Die freigewordenen Flächen werden durch andere Betriebe gepachtet oder gekauft. Everinghoff, dessen Familie schon seit mehr als fünfhundert Jahren auf demselben Land lebt, will sich nicht vorstellen, was einem durch den Kopf geht, wenn man verkaufen muss: »Dann musst du dich vor den Spiegel stellen und denken: Drei Generationen hat es gut geklappt, jeder hat ’n Paar Hektar dazugekauft, aber du hast es nicht geschafft. Und dann kommen noch die Nachbarn dazu und sagen: Hab ja immer gesecht. Dat fule Schwein.« Und die Nachbarn kaufen dann den Hektar. »Oder halt der Industrielle.« Laut Angaben der landwirtschaftlichen Sozialversicherung scheidet jeder fünfte Bauer wegen psychischen Problemen aus dem Berufsleben aus; die Suizidrate unter Landwirten ist hoch. »Das liegt an der enormen Arbeitsbelastung, am Pflichtbewusstsein der eigenen Familie gegenüber. Das Standing vor den Nachbarn auch«, erzählt der Milchbauer. »Das ist ein sehr kleiner Kosmos, in dem man sich bewegt.« Seine Stimme vibriert ein bisschen, als er das sagt.

Wo die Preisspirale beginnt

Nicht nur die Struktur der landwirtschaftlichen Betriebe, sondern die gesamte Produktionskette verändert sich – und nicht zum Vorteil der Mittelständischen und Kleinbauern. Früher gab es im Emsland viele kleine Privatschlachtereien. »Die wurden alle geschluckt von Großunternehmen und durch EU-Verordnungen kaputt gemacht«, erzählt Rudi Schlangen. Seit 2009 gibt es die EU-Verordnung für Transport und Schlachtung, die drei verschiedene Räume für das Schlachten, Zerlegen und Verarbeiten der Tiere vorsieht. Für kleine Betriebe bedeutete dies zu hohe Investitionskosten. Sie gingen Pleite. 2019 gab es noch 376 gewerbliche Schlachtbetriebe mit mehr als 20 Beschäftigten in Deutschland, darunter einige dominante Großschlachter, wie Westfleisch, Danish Crown und Tönnies – der Betrieb, der zuletzt wegen katastrophaler Arbeitsbedingungen in Zeiten der Corona-Pandemie Schlagzeilen machte.

Im Milch-Geschäft sind die Abhängigkeiten vielleicht noch stärker. Circa hundert Molkereien stehen etwa 60.000 Milchbauern gegenüber, die an Ein- oder Zweijahresverträge gebunden sind. Die Preise werden monatlich rückwirkend von den Großmolkereien festgelegt. Schon ein paar Cent pro Liter Differenz machen für die Milchbauern den Unterschied zwischen roten und schwarzen Zahlen. Felix Anderl, Politikwissenschaftler an der Universität Cambridge, erforscht Protestbewegungen im ländlichen Raum. Er beschreibt die Abhängigkeit, in der sich die Landwirte befinden, wie folgt: »Landwirtschaft lohnt sich eigentlich nur noch als Economy of Scale, also über Masse. Und selbst, wenn du einen riesigen Hof hast, bist du noch abhängig von den Supermarktketten, die die Preise niedrig halten.«

Rudi Schlangen produziert momentan für Lidl. Der Supermarkt-Riese gehört, wie Kaufland auch, zur baden-württembergischen Schwarz-Gruppe, dem größten Handelskonzern Europas. Zusammen mit den Konzerngruppen um Edeka, Rewe und Aldi haben sie, je nach Statistik, zwischen 70 und 85 Prozent der Marktanteile im Lebensmittel-Einzelhandel inne. Das Bundeskartellamt zeigte sich schon 2013 besorgt über die »fortschreitende Konzentration im Einzelhandel mit Lebensmitteln«. Die »Großen Vier« haben eine ungeheure Macht über die Preise und Gewinnmargen der Zulieferer, zu denen Rudi Schlangen und seine Legehennen gehören. Hinzu kommt die Subventionspolitik der EU. Mehr als ein Drittel des EU-Haushaltes gehen in den Agrartopf, große Teile davon werden als Subventionen ausgeschüttet. Der zentrale Mechanismus, der die kleinen und mittelständischen Betriebe bedrohe, sind nach Analyse von Anderl die Flächenprämien der EU, die an Quadratmeterfläche gekoppelt sind und größere Betriebe belohnen. Sein Fazit lautet: »In diesem Dreieck: Molkerei/Schlachterei, Höfe und Supermarktketten, im System der subventionierten Agrarwirtschaft, sind die Molkereien und Schlachtereien nicht diejenigen, bei denen die Preisspirale anfängt. Die müsste man einfangen, indem man am Endproduktpreis dreht, oder indem man an der Subventionspraxis etwas verändert.«

Auf der Fahrraddemo

Wir sind wieder in Oldenburg: Sonia Gentemann baut den Informationsstand für das Volksbegehren auf dem Pferdemarkt auf, direkt vor dem Bürgeramt. Dort soll die Fahrraddemo starten, die über die Autobahn verläuft. Im Hintergrund spielt der Lokalsender Oldenburg Eins ein Radioprogramm extra für die Demonstration. Es gibt eine kurze Rückkopplung, dann schallt wieder It’s my life von No Doubt aus den Lautsprechern. Die Sonne scheint durch die dunkelgrauen Wolken. Eine Fridays for Future-Flagge weht leicht im Wind. Jemand befestigt eine Poolnudel an seinem Gepäckträger, um damit den Sicherheitsabstand zu gewährleisten. Manche Radfahrer tragen Refugees-Welcome-T-Shirts, andere Trikots von Werder Bremen. »Wir haben jetzt auch die Biomärkte am Wickel, um bei denen Unterschriften zu sammeln«, erzählt die 22-Jährige. Auch die Grünen sammeln, und eine Bioland-Gärtnerei. Am botanischen Garten gibt es ebenfalls einen Stand.

»Ich hab gehört, hier kriegt man nen Stift, wenn man unterschreibt!«, scherzt ein älterer Mann, der zu Sonia an den Info-Stand kommt. Sie stellt sich ein bisschen auf die Zehenspitzen, um ihm das Volksbegehren zu erklären. Aber lange muss sie ihn nicht überzeugen. Die Leute auf der Fahrraddemo stehen Schlange, um sich auf die Unterschriftenlisten eintragen zu können. Es sind vor allem Studierende und junge Eltern, »aber auch die ältere Generation«, fügt Sonia hinzu. Bis November müssen 25.000 Unterschriften gesammelt werden, damit das Volksbegehren in die zweite Phase gehen kann. Das Ziel der zweiten Phase: 600.000 Unterschriften. Das Volksbegehren Artenvielfalt wurde 2019 vom NABU initiiert. Obwohl Anfang 2020 mit dem sogenannten »Niedersächsischen Weg« ein Kompromiss zum Natur-, Arten- und Gewässerschutz präsentiert wurde, verfolgten sie es weiter, um weitreichende, rechtlich bindende Regulierungen zu schaffen. Zum Frust der Bauern, die sich erhofft hatten, dass mit dem Niedersächsischen Weg auch das Volksbegehren vom Tisch wäre.

Traditionelle Feindbilder

Eins ist klar: Die Landwirte leiden unter heftigstem Preisdruck und werden zusätzlich durch die EU-Verordnungen, die Subventionspraxis und die Konkurrenz auf dem Weltmarkt dazu gedrängt, billig zu produzieren und immer größere Flächen Land zu pachten. Gleichzeitig gibt es ein verheerendes Artensterben, das zumindest zum Teil mit der konventionellen Landwirtschaft in Verbindung steht. Herr Everinghoff beschreibt diese Zwickmühle: »Das heißt, wir müssen jetzt zu Weltmarktbedingungen Tierwohl und Umweltschutz produzieren und sind im Wettbewerb mit US-Farmern, die in der Wüste 3.000 Kühe ohne Dach halten.« Die Regelungen zum Artenschutz sind nun der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Warum aber fahren die Bauern von »Land schafft Verbindung« beim NABU vorbei und nicht bei Tönnies? Warum richtet sich ihre Wut gegen einen kleinen Umweltverband und nicht gegen die Agrarwende im Ganzen? Laut Everinghoff sind das traditionelle Feindbilder. Es gäbe ein großes Problem fehlenden gegenseitigen Vertrauens. »Unser Berufsstand hat natürlich die Grünen in eine Ecke geschoben: Spinner, Bombenleger sonst noch was. Und für die Grünen sind wir natürlich die Agrokapitalisten hoch neun, die das Letzte aus allem rausquetschen.«

Die Bauern sind als politisches Subjekt voller Widersprüche. Wertkonservativ und dem Selbstverständnis nach selbstständige Kleinunternehmer, ähneln sie Lohnabhängigen doch darin, dass sie durchweg von einem Marktgeschehen abhängig sind, das sie selbst nicht beeinflussen können. Letztlich sind sie die kleinen Fische in einem Markt, der in erster Linie zum Vorteil der wenigen großen Einzelhändler eingerichtet ist. Doch besorgt um ihre ohnehin eher geringen Profitmargen reagieren die Bauern nervös auf Eingriffe in diesen Markt – seien es Steuern oder ökologische Auflagen.

Der Zorn der Bauern

Es lohnt sich ein Blick auf die USA. 1939 schrieb der US-Schriftsteller John Steinbeck nach umfangreichen journalistischen Recherchen seinen sozialkritischen Roman Früchte des Zorns, für den er später mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet werden sollte. Er zeichnet das Bild einer Agrarwende, die gewisse Parallelen zu den heutigen Transformationen in Deutschland aufweist. Zuerst gibt es mehrere Jahre der Dürren und Missernten. »Über das rote Land und einen Teil des grauen Landes von Oklahoma fiel sanft der letzte Regen, aber er schnitt nicht in die rissige Erde ein.« Dann werden die Kleinbauern von ihrem Land verdrängt, weil sie Schulden bei der Bank haben und ihre Pacht nicht mehr bezahlen können. Große Agrarunternehmen kaufen die kleinen Bauernhöfe auf und entwickeln sich zu Monopolisten. Bauern werden wie Pflanzen aus ihrem Land entwurzelt. Die Arbeitsbedingungen sind grauenhaft. Hunger grassiert, »und Kinder müssen sterben, weil die Orange ihren Profit nicht verlieren darf«. Die Bauern schweigen und sehen zu, doch »in den Herzen der Menschen wachsendie Früchte des Zorns und werden schwer, schwerund reif zur Ernte.«

Die Frage nach den Erntehelfern

Wer erntet die Früchte des Zorns? Historisch war die Sache ganz klar: »Die CDU war immer unsere Partei«, erzählt Matthias Everinghoff, »gerade hier im Emsland. Als wir klein waren, hat sie hier noch 80 bis 90 Prozent, je nach Gemeinde, bekommen.« Wie es der Landwirt beschreibt, waren Bauern in der bundesrepublikanischen Geschichte eine stabile Stütze des Konservatismus, wenn sie denn überhaupt politisch in Erscheinung traten. Bei der letzten Europawahl erzielte die Union im Emsland 49,3 Prozent. Aber Herr Everinghoff weiß nicht, ob er die Partei noch wählen kann. Auf den Treckerdemonstrationen in Oldenburg flattert von manchem Traktor eine schwarze Fahne, auf der ein weißer Pflug und ein rotes Schwert prangen. Sie ist der Fahne der Landvolkbewegung nachempfunden, die 1929 inmitten der Weltwirtschaftskrise verzweifelte Bauern gegen die hohe Steuerlast und für Schutzzölle auf Agrarprodukte auf die Barrikaden brachte. Diese Bewegung war einerseits antikapitalistisch, andererseits völkisch.

Tatsächlich waren es damals die Bauern, die zu Bombenlegern wurden, wie der Schriftsteller Hans Fallada in seinem Roman Bauern, Bonzen und Bomben nacherzählt. Die Bauernbewegung erpresste Städte durch den Entzug von Nahrungsmitteln und verübte zuletzt Bombenattentate auf Gegner der Bewegung. Heute gibt es die Befürchtung, neue Rechtsradikale könnten versuchen, in den Protesten der Bauern Fuß zu fassen. AfD-Sprecher Tino Chrupalla posierte im Januar demonstrativ am Rande einer Treckerdemo. Für seine Partei sind die enttäuschten Ex-CDUler ein gefundenes Fressen. In der Niedersächsischen Telegramgruppe von »Land schafft Verbindung« postet ein Gruppenmitglied namens Iris Inhalte des Telegramkanals »Die Deutsche Lösung«. Sie bedient sich verschwörungstheoretischer Rhetorik und fordert eine Rückkehr zu den »wahren deutschen Tugenden«. Es folgt zwar keine Zustimmung, sie wird aber auch nicht gerügt oder der Gruppe verwiesen. Auf die Frage hin, wen man wohl wählen könne, wenn nicht die CDU, sagen Schlangen und Everinghoff: »Ausgeschlossen ist radikal. AfD halten wir für unwählbar.«

Ein Blick in die Zukunft

16. Juli 2020. Umweltaktivistinnen und -aktivisten besteigen das Dach von Tönnies, um gegen die Wiedereröffnung des Schlachthofes zu protestieren. In einem Whatsapp-Video ruft Dirk Andresen, der Sprecher von »Land schafft Verbindung Deutschland«, dazu auf, zum Fleischwerk zu fahren, um Tönnies zu verteidigen. »Wir brauchen diesen Schlachthof«, sagt Andresen. Solange diese Abhängigkeit fortbesteht, wird sich der Zorn der Bauern bei den Naturschützerinnen und Naturschützer entladen. Ohne dass dadurch die Spirale des Preisdrucks auf die Bauern gebrochen wird, die Felix Anderl beschreibt.

Wenn Landwirt Everinghoff seine Utopie beschreibt, könnte sich wohl auch Sonia Gentemann anschließen: »Auf keinen Fall größere Betriebe. Dass du genug Zeit hast für Dinge wie Biodiversität. Und trotzdem ausreichend Geld verdienst.« Doch seine Prognose sieht anders aus. »Potenziert durch den Aktienmarkt« monopolisieren die Großfirmen den Markt ganz. Die Abhängigkeit der Bauern nimmt weiter zu. »Und am Ende steigen auch für den Verbraucher wieder die Preise.«

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