15.09.2020

Die Früchte des Zorns

Umweltschützerinnen protestieren gegen das Artensterben, Bauern kämpfen ums Überleben: In kaum einer Region zeigt sich der verfahrene Konflikt um die Agrarwende so deutlich wie im Nordwesten Deutschlands.

Fotografie: Laura Szafranek.

Stadt der Hühner

Oldenburg, 28. Mai 2020, mitten in der Corona-Krise. Auf Youtube sieht man, wie ein Mann mit einem Mundschutz an der Eingangstür der Oldenburger Filiale des Naturschutzbundes steht und empört ruft: »Sie haben die ganze Landwirtschaft beleidigt!« Der Ton des Landwirts klingt verletzt, später auch wütend, als der einzige NABU-Mitarbeiter, der an diesem Donnerstag in der Geschäftsstelle arbeitet, nicht nach draußen kommen will, um sich der Gruppe von Landwirten zu stellen, die die NABU-Zentrale belagern. Grüne Kreuze werden in den Boden gerammt. Die Bauern sind mit Schleppern gekommen, großen landwirtschaftlichen Fahrzeugen in Waldgrün und Weizengelb. »Der NABU ist einer der Schlimmsten, die uns kritisieren«, ruft der empörte Mann, während ein Kamerateam ihn filmt. »Am liebsten wollen die die Landwirtschaft weghaben in Deutschland.«

Was macht die Landwirte so kämpferisch, so verzweifelt? Und wie kommt es zu dem hitzigen Konflikt zwischen der Naturschutzorganisation und der Bauernbewegung in einem Landstrich, der sonst eher für seine Gemütlichkeit bekannt ist?

Anderthalb Monate später. »Hühner sind Dschungeltiere!«, sagt der Mann aus dem Youtube-Video lachend. Er steht vor einem Metallkäfig und erzählt, dass freilebende Hühner nachts auf Bäumen schlafen. Der Landwirt heißt Rudi. Rudi Schlangen wirkt stolz, amüsiert. »Ich komme von Haselünne, Ortsteil Westerloh. Bin verheiratet, drei Kinder. Ein Mädchen und zwei Jungs.« Hinter ihm raschelt und gackert es und überall riecht es metallisch, tierisch: nach Huhn. Rudi hat 30.000 Hühner, und alle Hühner haben schöne weiße Federn und einen hellroten Kamm. Manche Hühner sind noch im »Wintergarten«, sie können raus auf die Wiese laufen, oder rein in den Stall. Drinnen setzen sie sich in drei Reihen übereinander. Junghühner krakseln auf metallenen Leitern auf die oberen Ränge und suchen einen Schlafplatz mit guter Aussicht. In Bäumen schlafen sie hier nicht, denn sie sind nicht frei, wohl aber in Freilandhaltung.

Jeden Morgen kommt Rudi hier an, zieht sich Schutzbezüge über die Schuhe und geht durch die Desinfektionszone in den Stall, den er vor zehn Jahren für 1,5 Millionen Euro gebaut hat. »Das knabbern wir noch ein paar Jahre ab«, sagt er trocken. Rudi hat Fahrzeugbau gelernt und ist auf dem zweiten Bildungsweg Landwirt geworden, um den Hof seiner Frau zu übernehmen. Aus dem Hühnerstall rollen die Frühstückseier auf ein Fließband, hin zu einer Stempelmaschine und ab in die Eierpappen. »Ich glaube, zur Zeit produzieren wir vor allem für Lidl«. 30.000 Hühner. Wenn es Menschen und nicht Hühner wären, dann könnte der Stall das Prädikat »kleine Mittelstadt« erhalten. Eine Stadt der Hühner, etwa so groß wie Erding, Leer, Hoyerswerda. Doch in dieser Region ist das keine Seltenheit. Denn Rudis Hühnerstall steht ein paar Kilometer außerhalb von Haselünne. Und Haselünne liegt im Emsland.

Epizentrum der deutschen Viehhaltung

Wenn man auf der Landstraße ins Emsland fährt, sieht man scheinbar endlose Felder von Mais, Weizen, Erdbeeren zum Selbstpflücken. In der Ferne sind Höfe in grauen Nebel getaucht. Ein Kinderstrampler hängt im Nieselregen an der Wäscheleine. Das Motto des Emslandes ist: »Wilkommen bei den Machern«. In regelmäßigen Abständen sind Kreuze am Straßenrand aufgebaut, kleine Altare. Es ist eine katholische Region; eine Seltenheit hoch im Norden. Man sieht einige weiß-braun gefleckte Kühe auf der Weide. Die Landstraße befahren auffällig viele Viehtransporter. Hinten drauf steht: »Lebende Tiere«. Die Region südwestlich von Bremen, mit den Landkreisen Vechta, Cloppenburg und dem Emsland ist das Epizentrum der deutschen Viehhaltung. Im Diercke Weltatlas heißt es, hier habe sich »eine Zone intensiver Schweine- und Geflügelhaltung herausgebildet«. Auf Niedersachsen entfielen 2012 ein knappes Drittel des deutschen Schweinebestandes, Tendenz steigend. Ursache für die Zuwächse in der deutschen Schweinefleischproduktion seien die seit Jahren zunehmenden Exporte ins Ausland, Deutschland gelte daher als »Schlachthof Europas«. Im »Fleischatlas« von Le Monde Diplomatique aus dem Jahr 2018 ist der Nordwesten Deutschlands auf fast allen Karten rot markiert. Zentraler Befund: zu viel Vieh auf zu kleinem Raum.

So nah und doch so fern

Rudi Schlangens Hof liegt nur 90 Kilometer südlich der Universitätsstadt Oldenburg, und doch liegen Welten dazwischen. Die Stadt Oldenburg ist protestantisch, ein ehemaliges Großherzogtum, das für seine Pferdezucht bekannt ist. Bei der letzten Europawahl waren die Grünen hier mit 35,7 Prozent stärkste Kraft. Die Union lag mit 19,1 Prozent auf dem zweiten Platz. Fußläufig zum hellgelben Schloss im Renaissancestil, dem Wahrzeichen der Stadt, öffnet eine junge Frau die Filiale des örtlichen NABU-Verbandes. Sie heißt Sonia Gentemann und ist 22 Jahre alt. Sonia studiert Umweltwissenschaften und arbeitet für den NABU in Oldenburg, ein paar Stunden die Woche bezahlt und viele Extrastunden ehrenamtlich. Halb Büroraum, halb Laden, stapeln sich in der Geschäftsstelle des NABU Insektenhotels und Vogelhäuser, kann man Bio-Pastete zum Igelfüttern oder getrocknete Mehlwürmer für insektenfressende Vögel kaufen. »Tatsächlich ist das eine der Haupteinnahmequellen der Geschäftsstelle«, erzählt sie munter. Sonia sucht noch Einweghandschuhe, um alles Corona-sicher zu machen, und setzt sich einen Mundschutz mit einer Biene darauf auf. Sie stapelt Flyer und Unterschriftenlisten in ein Lastenrad, das sie von einer kleinen Tischlerei geliehen hat. Die Listen sind für das Volksbegehren Artenvielfalt. Sonia fährt heute zu einer Fahrraddemo, um dort für das Volksbegehren zu werben.

Das Volksbegehren

Auslöser des vom NABU initiierten und von über 200 Bündnispartnern getragenen Volksbegehrens waren eine Reihe erschreckender Studien zum Thema Artensterben, die ergaben, dass 62 Prozent aller Wildbienenarten im Bestand gefährdet und circa die Hälfte der niedersächsischen Tier- und Pflanzenarten bedroht sind. Um dem entgegenzusteuern, wollen die Initiatorinnen und Initiatoren des Volksbegehren den niedersächsischen Wald naturnäher machen und zum Beispiel Kahlschlagwirtschaft verbieten. Zweitens strebt das Volksbegehren eine Änderung des Niedersächsischen Wassergesetzes an, um zu verhindern, dass Nitrate und Pestizide in den Wasserkreislauf eindringen. Und schließlich wird gefordert, artenreiche Wiesen als Brutgebiete für Vögel zu erhalten. Wenn das Volksbegehren erfolgreich ist, dann wird es bei der landwirtschaftlichen Nutzung verboten, Dauergrünland – also Wiesen oder Weiden – in andere Nutzungsformen umzuwandeln. Oliver Kraatz, der Oldenburger NABU-Mitarbeiter, der sich in dem Youtube-Video den wütenden Bauern ausgesetzt sah, fasst die Forderungen des Volksbegehrens wie folgt zusammen: »Wir würden gerne mehr Biolandbau sehen, Biotopvernetzung, und dass der kleinbäuerliche oder bäuerliche Mittelstand für die Arbeit in der Natur und für die Natur honoriert wird.«

So weit so gut. Doch diese Forderungen haben direkte Folgen für die niedersächsische Landwirtschaft. Konkret wird eine Änderung des Niedersächsischen Ausführungsgesetzes zum Bundesnaturschutzgesetz gefordert, mit dem Ziel, dass in fünf Jahren 10 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen ökologisch bewirtschaftet werden. Bis 2030 soll dieser Anteil auf 20 Prozent anwachsen. Dieses Ziel soll erreicht werden, indem Landesflächen so lange nur an Ökobauern neu verpachtet werden, bis die Quote erfüllt wird – dasselbe gilt für die Verlängerung von bestehenden Verpachtungen. Im selben Zeitraum soll der Einsatz von Pestiziden um mindestens 40 Prozent reduziert werden. Fünf Jahre sind in der Landwirtschaft eine kurze Zeitspanne. Hohe Investitionen, wie bei Rudi Schlangen und seinem Hühnerstall, können meist erst nach Jahrzehnten zurückgezahlt werden. Der geforderte Gewässerrandstreifen, der die Teiche, Bäche und Entwässerungskanäle frei von Pestiziden und Düngemitteln halten soll, wird von den Bauern als Eingriff in ihr Eigentum wahrgenommen und kann in Einzelfällen die an Fläche gebundenen EU-Subventionen gefährden. Oliver Kraatz vom NABU Oldenburg ist sich bewusst, dass die Umstellung nicht einfach sein wird, sieht sie aber trotzdem als alternativlos an: »Es ist eben so, dass die Landwirtschaft von ihren Standesvertretern in eine gewisse Richtung geführt wurde, in Richtung Agrarindustrie, und jetzt zeigt sich, dass dieser Weg mit Problemen behaftet ist. Der Einsatz von Pestiziden, Humusabbau auf landwirtschaftlichen Böden, Artenschwund, Tierfabriken. Und jetzt muss umgesteuert werden.« Es kommt zu einem Interessenkonflikt, bei dem die Utopie der Einen zur Dystopie der Anderen werden könnte, solange sich strukturell nichts ändert.

Land schafft Verbindung

Zurück in Haselünne. Rudi Schlangen sitzt in seinem modernen Wintergarten. Er hat heute zum Kaffee eingeladen, doch die meisten anderen Bauern machen noch Heu und werden erst am Abend dazustoßen. Bei der Heuernte muss man den richtigen Moment abpassen, sonst erleidet man Verluste, weil das Heu strohig geworden ist und seine Nährstoffe verloren hat. Heute soll das erste Organisationstreffen der Landwirte seit der Aktion in Oldenburg stattfinden. Sie organisieren sich in einer Gruppe mit dem Namen »Land schafft Verbindung« und haben nach eigenen Angaben ab Oktober 2019 bis zu 300.000 Landwirte über Whatsapp organisiert. Mit Treckerdemos erzielen sie große Aufmerksamkeit, auch in den Medien. Schlangen sitzt an einem langen Tisch, neben ihm seine Frau mit ihrem kleinen Hund auf dem Schoß und daneben Matthias Everinghoff, ein Milchbauer aus dem südlichen Emsland und Sprecher von »Land Schafft Verbindung. Sie trinken Kaffee aus großen Kannen und essen Biscuitrolle auf blau verziertem Porzellan, wie es auch in Ostfriesland beliebt ist. Herr Everinghoff erzählt von seinem Hof. Wenn er über seine Kühe spricht, dann nennt er sie immer seine »Mitarbeiterinnen«. Das zeigt, wie gern er die Kühe hat, »weil die ruhig sind und ausgeglichen«, aber auch, wie isoliert man als Landwirt sein kann, im Familienbetrieb, allein mit den Tieren, den Problemen und oft mit hohen Schulden.

Wenn sich die Bauern treffen und über die letzte EU-Verordnung schimpfen oder darüber, dass die Grundwassermessstellen die Nitratbelastung nicht akkurat wiedergeben, dann brechen sie aus dieser Isolation aus. Wenn sie gemeinsam auf eine Trecker-Demo fahren, dann können sie ihren Frust über einen Strukturwandel rauslassen, den sie nicht steuern können, der sie aber direkt betrifft. »Wir hatten früher 21 Kühe auf der Anbindung und da war es immer so, mit einer schönen Tafel vor der Tür mit dem Namen drauf.« Heute sind es 150 Kühe. »Noch viel größere Betriebe will niemand!« Auch Rudi Schlangen und seine Frau mussten expandieren. Sie hatten früher 60 Säue. »Heute muss man ja 500 Säue haben. Also haben wir die aussterben lassen und gesagt: Wir bauen ’nen Hühnerstall.« Auf die Frage, ob das damals eine gute Entscheidung war, antwortet nicht Rudi, sondern sein Sitznachbar: »Das ist hochrentabel! Besser als mit Kühen«, und Rudi lacht verlegen. »Ich wollt’s nicht sagen! Aber das ist momentan das einzige auf dem Markt, was lukrativ ist.«

Das faule Schwein

Matthias Everinghoff und Rudi Schlangen sind keine Einzelfälle. Ohne dass die Verbraucherinnen und Verbraucher viel davon mitbekommen, findet ein einschneidender Strukturwandel in der Landwirtschaft statt, der durch eine Veränderung der Betriebsgrößenstruktur gekennzeichnet ist und durch EU-Subventionen angetrieben wird. Im Emsland gibt es derzeit kaum mehr Kleinbauern mit weniger als fünf Hektar Land. Gleichzeitig ist die Zahl der Großbetriebe mit über fünfzig Hektar erheblich gestiegen. Viele Bauern geben ihren Betrieb ganz auf. In den Jahren von 1980 bis 2010 ging im Landkreis Emsland die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe um fast zwei Drittel zurück. Die freigewordenen Flächen werden durch andere Betriebe gepachtet oder gekauft. Everinghoff, dessen Familie schon seit mehr als fünfhundert Jahren auf demselben Land lebt, will sich nicht vorstellen, was einem durch den Kopf geht, wenn man verkaufen muss: »Dann musst du dich vor den Spiegel stellen und denken: Drei Generationen hat es gut geklappt, jeder hat ’n Paar Hektar dazugekauft, aber du hast es nicht geschafft. Und dann kommen noch die Nachbarn dazu und sagen: Hab ja immer gesecht. Dat fule Schwein.« Und die Nachbarn kaufen dann den Hektar. »Oder halt der Industrielle.« Laut Angaben der landwirtschaftlichen Sozialversicherung scheidet jeder fünfte Bauer wegen psychischen Problemen aus dem Berufsleben aus; die Suizidrate unter Landwirten ist hoch. »Das liegt an der enormen Arbeitsbelastung, am Pflichtbewusstsein der eigenen Familie gegenüber. Das Standing vor den Nachbarn auch«, erzählt der Milchbauer. »Das ist ein sehr kleiner Kosmos, in dem man sich bewegt.« Seine Stimme vibriert ein bisschen, als er das sagt.

Wo die Preisspirale beginnt

Nicht nur die Struktur der landwirtschaftlichen Betriebe, sondern die gesamte Produktionskette verändert sich – und nicht zum Vorteil der Mittelständischen und Kleinbauern. Früher gab es im Emsland viele kleine Privatschlachtereien. »Die wurden alle geschluckt von Großunternehmen und durch EU-Verordnungen kaputt gemacht«, erzählt Rudi Schlangen. Seit 2009 gibt es die EU-Verordnung für Transport und Schlachtung, die drei verschiedene Räume für das Schlachten, Zerlegen und Verarbeiten der Tiere vorsieht. Für kleine Betriebe bedeutete dies zu hohe Investitionskosten. Sie gingen Pleite. 2019 gab es noch 376 gewerbliche Schlachtbetriebe mit mehr als 20 Beschäftigten in Deutschland, darunter einige dominante Großschlachter, wie Westfleisch, Danish Crown und Tönnies – der Betrieb, der zuletzt wegen katastrophaler Arbeitsbedingungen in Zeiten der Corona-Pandemie Schlagzeilen machte.

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