05.01.2022

Omikron: Panik schieben, trauern oder handeln?

Manche reagieren auf die neue Virus-Variante mit Verzweiflung. Das ist verständlich, denn die Lage ist unübersichtlich. Wie kommt die Linke trotzdem wieder ins Handeln?

Protestzug fordert Freigabe von Impfpatenten, London Oktober 2021.

Protestzug fordert Freigabe von Impfpatenten, London Oktober 2021.

IMAGO / NurPhoto.

In der Corona-Pandemie zeigt sich die Irrationalität und Ineffizienz des kapitalistischen Systems so offensichtlich wie zuletzt nur im grotesken Schauspiel der Finanzkrise von 2008. Einige beharren aber trotz allem darauf, dass es hier nichts zu sehen gäbe. Sie argumentieren, dass Südafrika, das als erstes Land die Omikron-Variante feststellte, ein Problem nicht mit einem Engpass an Impfdosen, sondern vor allem mit mangelnder Impfbereitschaft in seiner Bevölkerung habe. Eine »Impfstoff-Apartheid« könne also nicht der Grund für die gegenwärtige Entwicklung der Pandemie sein. Nicht unzureichende Bereitstellung oder mangelnde lokale Produktion von Impfstoff seien das Problem, sondern übermäßiger Export sowie die Verbreitung von Fehlinformation über den Impfstoff. Schuld sei also nicht der Kapitalismus, sondern die »Covidioten«.

Indessen kam es unter anderem in Brüssel, Amsterdam und Wien zu gewaltsamen Konfrontationen zwischen der Polizei und Tausenden, manchmal Zehntausenden von Demonstrierenden. Sie protestieren gegen Maßnahmen, die die Impfquote erhöhen sollen, wie Impfpässe oder die Einführung sektoraler oder sogar allgemeiner Impfpflichten. Aber auch Menschen, die im Rahmen des Gesundheitsnotstands ein gewisses Maß an Einschränkungen befürworten, um höhere Impfraten zu erzielen, empfinden Unwohlsein angesichts der schwerwiegenden Eingriffe in die bürgerlichen Freiheiten, die radikalere Maßnahmen bedeuten würden. So durften zum Beispiel in Österreich Ungeimpfte wochenlang das Haus nicht mehr verlassen.

Wieder andere feiern vorläufige Daten aus Omikron-Hotspots in Südafrika, die auf einen Rückgang der Zahl an Infektionen und Todesfällen trotz der Ausbreitung der neuen Variante hindeuten. Sie behaupten, dass die Virulenz von Krankheitserregern üblicherweise abnimmt, und schlussfolgern daraus, dass Omikron die Variante sein könnte, auf die wir gewartet haben.

Man kann nur hoffen, dass diese Optimisten Recht behalten. Doch der weit verbreitete Glaube, dass alle Viren mit der Zeit weniger tödlich werden, entspricht nicht dem gegenwärtigen Stand der Virulenztheorie. Zudem stehen die Daten aus Südafrika im Widerspruch zu anderen vorläufigen Zahlen aus Dänemark, Norwegen und Großbritannien. Dort steigen die Fallzahlen weit über die früheren Spitzenwerte hinaus an. Unser nachvollziehbarer Wunsch, die Krankheitsverläufe mögen sich abmildern, darf nicht dazu führen, dass wir ausschließlich nach Beweisen suchen, die unserer Sehnsucht nach einem schnellen Ende der Pandemie entsprechen – ein Effekt, den die Kognitionswissenschaft als Motivated Reasoning bezeichnet.

Nichtsdestotrotz lässt sich feststellen, dass sich die Zahl der Krankenhausaufenthalte und Todesfälle von jener der Infektionen entkoppelt hat. Auch eine neue Studie aus Südafrika, die Mitte Dezember veröffentlicht wurde, deutet auf einen Rückgang schwerer Erkrankungen hin. Sind das nicht die wichtigeren Indikatoren? Gibt es also inmitten all der Wut und Verzweiflung doch einen Funken Hoffnung?

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Wie stellt sich die Lage angesichts solch widersprüchlicher Behauptungen und Schlussfolgerungen wirklich dar? Und vor allem: Welche politischen Schlussfolgerungen sollte die Linke daraus ziehen? Die Situation ist in der Tat kompliziert. Das betrifft auch unser Wissen über die Evolution von Viren und die Frage, inwiefern die Impfstoff-Apartheid zu mangelnder Impfbereitschaft beiträgt. Wenn wir die Pandemie besiegen und weitere schwerwiegende Einschränkungen des täglichen Lebens vermeiden wollen, dürfen wir nicht vor der Komplexität der Situation zurückschrecken, sondern müssen versuchen, sie durchdringen.

Ist Omikron eine Folge der Impfstoff-Apartheid?

Wenige Tage nachdem Südafrika im November vor der sich rasch ausbreitenden neuen Variante gewarnt und die UN ihr den Namen »Omikron« gegeben hatte, äußerte sich der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown in für ihn untypischer Deutlichkeit, indem er den »Neokolonialismus der Europäischen Union« anprangerte.

Brown, der heute Botschafter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für globale Gesundheitsfinanzierung ist, brachte in diesem Statement seine Wut darüber zum Ausdruck, dass die EU im August, als unter anderem Simbabwe angesichts der bisher tödlichsten Krankheitswelle in Afrika mit überfüllten Leichenhallen zu kämpfen hatte, den Impffortschritt auf dem Kontinent behinderte. Und zwar beanspruchte sie damals zehn Millionen Einzeldosen Johnson & Johnson, die in Südafrika hergestellt und abgefüllt worden waren. Zu diesem Zeitpunkt waren 70 Prozent der Europäerinnen und Europäer bereits vollständig geimpft. Es liegt daher nahe, dass die Dosen als Auffrischungsimpfungen dienen sollten – und das, während zum Beispiel in Burundi noch keine einzige Impfung verabreicht worden ist.

Nach seinem Statement schlug Brown sogleich Kritik entgegen, es handle sich dabei um schlecht informierte moralische Selbsterhöhung. In Wirklichkeit sei Südafrika mit Impfstoff überversorgt und habe lediglich mit der Impfskepsis in der eigenen Bevölkerung zu kämpfen. Wenn es doch nur so einfach wäre, dass es mit dem Verzicht auf geistige Eigentumsrechte und die Finanzierung von Technologietransfer und regionalen Produktionskapazitäten im Globalen Süden getan sei! Auch die EU, die sich gegen die Freigabe der Impfstoffpatente ausspricht, bekräftigte im Vorfeld einer Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Genf, dass eine solche Maßnahme nichts zur Verbesserung der Impfstoffverteilung in den betroffenen Ländern beitragen würde.

Brown liegt richtig, wenn er bemerkt, dass uns das nicht überraschen sollte. Auch die Ironie, dass diese WTO-Konferenz zum Thema der Impfstoffpatente aufgrund der Ausbreitung von Omikron verschoben werden musste, ist ihm sicher nicht entgangen.

Zwar hat Südafrika die Welt als erstes Land über die Gefahr der neuen Variante informiert, nachdem es sie bei aus Botswana zurückgekehrten Diplomaten festgestellt hatte. Das bedeutet aber nicht, dass eines dieser beiden Länder der Ursprungsort von Omikron sein muss. Vielmehr spricht dieser Umstand für die hervorragende Infrastruktur zur Überwachung von Infektionskrankheiten und zur Genomsequenzierung in der Region, welche im Zuge des Kampfes gegen HIV, Tuberkulose und Ebola aufgebaut worden ist. Später gewonnene Daten zeigen zudem, dass Omikron schon eine Woche zuvor in den Niederlanden umging. Das deutet darauf hin, dass die Variante bereits weit verbreitet war, bevor sie entdeckt wurde.

Die Verbreitung von Omikron außerhalb des Südens von Afrika bedeutet aber auch nicht, dass die Variante nicht dort entstanden ist. Die Wahrheit ist: Wir wissen es einfach nicht. Sofern wir jedoch annehmen, dass das Virus irgendwo in Südafrika mutiert ist, sollten wir den dortigen Kontext beachten. Es stimmt, dass die Regierung Südafrikas Pfizer und Johnson & Johnson aufgrund geringer Nachfrage nach den Impfstoffen gebeten hat, die Belieferung im November aufzuschieben. Allerdings hatten sich die Impfstofflieferungen in das Land auch erst im August stabilisiert.

Forscherinnen in der Phylogenetik und verwandten Feldern können die Entwicklung von SARS-CoV-2-Stämmen verfolgen, indem sie ihr Wissen über deren Genome über Online-Datendrehscheiben austauschen und vergleichen. Erwähnenswert ist dabei insbesondere Nextstrain – ein Open-Source-Projekt, das von dem Epidemiologen und Computerbiologen Trevor Bedford von der University of Washington und seinem Team ins Leben gerufen wurde. Die Wissenschaftler, die mit Nextstrain arbeiten, verfolgen in Echtzeit kleinste Veränderungen am genetischen Code des Virus und erstellen so einen Stammbaum, der die evolutionäre Beziehung zwischen verschiedenen Varianten abbildet. Bedford weist darauf hin, dass die nächsten Verwandten von Omikron in diesem Stammbaum keine jüngeren Varianten sind, sondern Virusstämme, die bereits Mitte 2020 im Umlauf waren. Allerdings unterscheidet sich Omikron aufgrund inzwischen erfolgter Mutationen erheblich seinen uns bekannten Verwandten.

Phylogenetikerinnen zufolge gibt es drei Szenarien, die diesen Umstand erklären können. Eine Möglichkeit ist, dass das Virus vorübergehend auf Tiere übergegangen ist, bevor es wieder Menschen befiel. Eine andere ist, dass der Stamm in einer wenig kontrollierten Region im Umlauf war und sich erst vor kurzem nach Botswana und Südafrika ausbreitete, wo er schließlich identifiziert wurde. Das wahrscheinlichste Szenario ist jedoch, dass sich Omikron in einem Organismus mit geschwächtem Immunsystem entwickelt hat, beispielsweise einem Menschen mit unbehandeltem HIV. Das Immunsystem einer solchen Person greift das Virus zwar an, ist aber nicht in der Lage, es vollständig zu besiegen. Die verbleibenden Virionen (einzelne Viruspartikel) sind für das Immunsystem am wenigsten angreifbar. Dieser Vorgang kann mehrfach bei ein und derselben Person erfolgen und zu einer Reihe von Mutation führen – und dadurch zu einer Evolution des Virus, die der Nachverfolgung verborgen bleibt.

Das bedeutet erstens, dass eine Förderung der Behandlung von HIV nichts ist, das neben dem Kampf gegen Covid-19 angestrengt werden könnte, sondern ein Teil davon sein muss. Man kann sogar sagen, dass die Prozesse, die den Zugang zu solcher Behandlung in der Vergangenheit einschränkt haben, jenen ähneln, die heute den Zugang zu Impfstoff beschränken. Zweitens umfasst die Zeitspanne der Entwicklung von Omikron (irgendwo zwischen Mitte 2020 und November 2021) – unabhängig von der Annahme eines immungeschwächten Trägers – viele Monate, in denen die Verbreitung der Impfstoffe nicht weiter vorangetrieben wurde, obwohl die Möglichkeit bestand.

Die Impfkampagne in Südafrika konnte erst im Mai anlaufen. Omikron hätte zwar auch bei einer flächendeckenden Impfung in dem Land und in der Region sowie einer größeren Impfbereitschaft in der Bevölkerung auftreten können. Eine bessere Verteilung des Impfstoffs hätte die Wahrscheinlichkeit einer solchen Mutation aber zumindest verringert.

Die Verfügbarkeit von Impfstoff und die Impfbereitschaft sind aber nicht die einzigen Problemquellen für die Impfkampagne in Südafrika und anderswo auf dem Kontinent. Außerdem haben viele Menschen keinen Zugang zur Impfung, weil sie die Kosten für die Anfahrt zu einer Klinik nicht stemmen können. Solche Verteilungsengpässe sind ebenso Teil der Impfstoff-Apartheid wie Fragen des geistigen Eigentums, des Technologietransfers und der Herstellung vor Ort.

Es ist demnach mehr als vernünftig, den Druck auf die Eliten aufrechtzuerhalten, um die Ungleichverteilung von Impfstoff zu überwinden. Mit moralischer Selbsterhöhung hat das nichts zu tun.

Die geringe Impfbereitschaft im Globalen Süden

Dennoch bietet die wachsende Zurückhaltung gegenüber dem Impfen in Südafrika und allgemein im Globalen Süden Anlass zur Sorge. Die Impfquote im Land liegt bei den über Fünfzigjährigen kaum über 55 Prozent, und nur knapp 20 Prozent der Menschen unter fünfzig sind vollständig geimpft.

Die ungerechte Verteilung von Impfstoff und die mangelnde Impfbereitschaft haben letztlich dieselbe Wirkung: Sie sorgen dafür, dass das Virus in einer größeren Zahl von Wirten weiter mutieren kann. Das stellt eine Bedrohung auch für die Geimpften dar und bedeutet auch für die nicht impfstoffbasierte medizinische Behandlung von Covid-19 eine große Herausforderung.

So schwierig es auch ist, die Impfstoff-Apartheid zu überwinden, da die finanziellen Interessen der Pharmaunternehmen der allgemeinen Impfung der Weltbevölkerung diametral entgegenstehen und ihre Vertreter diese Unmenschlichkeit mit vorgeschützten Argumenten verteidigen – im Prinzip könnte sie mit einem Fingerschnipp beendet werden. Für die zögerliche Haltung gegenüber Impfungen gibt es hingegen keine einfache Lösung. Dieses Phänomen war in der Vergangenheit im größten Teil des Globalen Südens ein weitaus geringeres Problem als in den Industrieländern. Es aber Anzeichen dafür, dass es in letzter Zeit auch dort zunimmt.

Studien aus den vergangenen Jahren, in denen Stärke, Verbreitung und Gründe der Impfzurückhaltung und -gegnerschaft überall auf der Welt untersucht wurden, haben gezeigt, dass diese Einstellungen in den Ländern des Globalen Südens mit wenigen Ausnahmen wesentlich schwächer ausgeprägt sind als in den reicheren Ländern. Die Autorinnen und Autoren führen das darauf zurück, dass die meisten Infektionskrankheiten, mit denen wir in der Geschichte konfrontiert waren, in den Industrieländern dank Impfstoffen, Antibiotika, moderner Hygiene und sanitärer Einrichtungen zurückgedrängt werden konnten. Die Erfahrung, in einer bedrückenden, gefährlichen Welt zu leben, in der hinter jeder Ecke die Seuche lauern könnte, war hier vor Covid-19 so gut wie unbekannt. In vielen Ländern des Globalen Südens hingegen gehören endemische Krankheiten nach wie vor zum täglichen Leben. Dort liegt der unmittelbare Nutzen von Impfungen für die Menschen auf der Hand. Impfverweigerung war also bislang vor allem ein Phänomen in der reichen Weltteile, nicht der armen.

Südafrika liegt irgendwo dazwischen. Hier spiegelt die Ablehnung gegenüber Impfungen deutlich die große soziale Ungleichheit im Land wieder. Unter der weißen Bevölkerung mit ihren vergleichsweise hohen Einkommen ist sie am größten. Eine von Forscherinnen und Forschern des Human Sciences Research Council und der Universität Johannesburg durchgeführte Befragung von fast 8.000 Menschen ergab, dass drei Viertel der Schwarzen Erwachsenen in Südafrika bereit waren, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, aber nur 52 Prozent der weißen Erwachsenen. Die letzteren hatten Bedenken, vor allem was mögliche Nebenwirkungen oder mangelnde Wirksamkeit angeht.

Allerdings nimmt die Impfbereitschaft unter Schwarzen Südafrikanerinnen und Südafrikanern zu, während sie in der weißen Bevölkerung zurückgeht. Außerdem ist die letztere in größerem Maße geimpft, obwohl sie mehr Zurückhaltung an den Tag legt, was sich wahrscheinlich auf die bessere Gesundheitsversorgung zurückführen lässt.

Obgleich die Impfverweigerung auf globaler Ebene ein Phänomen der Wohlhabenden ist, stellt sich dieses Problem zunehmend auch in den ärmeren Ländern, auch wenn der Anstieg von einem niedrigen Niveau ausgeht. In den Industrieländern ist die Impfskepsis längst nicht nur unter alternativmedizinisch orientierten Yoga-Müttern mit einem Faible für Kristalle verbreitet, sondern auch in ärmeren und rassizifierten Bevölkerungsgruppen, die aus historischer Erfahrung verständliches Misstrauen gegenüber den Gesundheitsbehörden hegen.

Auch in Südafrika sind die Ursachen für die Angst vor der Impfung sehr unterschiedlich gelagert. Ein Bericht von France 24 aus dem Frühsommer 2021, als die südafrikanische Impfkampagne gerade anlief, ist zwar quantitativ nicht so präzise wie die Umfrage der Universität Johannesburg, die dort wiedergegebenen Zitate von Medizinerinnen und Impfverweigerern geben jedoch einen aufschlussreichen qualitativen Eindruck der Lage. So berichtet ein Arzt, der regelmäßig mit dem Widerstand gegen das Impfen zu tun hat, von den Auswirkungen jüngster Enthüllungen, wonach der Kardiologe Wouter Basson noch immer als Arzt tätig ist. Dieser leitete während der Apartheid das Project Coast – ein Programm zur chemischen und biologischen Kriegsführung, das unter anderem ein »Impfstoff«-Verhütungsmittel erforschte, welches der Schwarzen Bevölkerung heimlich verabreicht werden sollte, um ihre Geburtenrate zu senken.

Auch die extreme globale Ungleichheit bei der Herstellung und Verteilung von Covid-19-Impfstoffen trägt zur Entstehung von Misstrauen bei. Denn westliche Regierungen und Unternehmen müssen gegenwärtig nur Ausschussware an die ärmeren Länder abgeben, erklärt der 35-jährige Mbali Tshabalala dem Reporter: »Was ist, wenn die meisten Menschen hier nur drittklassigen Impfstoff bekommen?«

Ein Ende der Impfstoff-Apartheid würde dazu beitragen, die zögerliche Haltung gegenüber Impfstoffen im Globalen Süden zu überwinden. Wenn wir hingegen den heutigen Zustand aufrechterhalten, schürt das nur weiteres Misstrauen.

Ein Ende der Pandemie?

Aber ist das überhaupt noch von Bedeutung? Vorläufige Daten aus Südafrika scheinen zu zeigen, dass die Sterblichkeitsrate in der Provinz Gauteng – dem Epizentrum von Omikron – auf 1 zu 200 gesunken ist. Das ist der niedrigste Wert seit dem Ausbruch und etwa zehnmal niedriger als im September 2020, als das Land die weltweit zehnthöchste Zahl kumulativer Fälle verzeichnete. Eine erste Studie, die auf einer dreiwöchigen Untersuchung nach Entdeckung von Omikron basiert und deren Peer-Review-Verfahren erst noch bevorsteht, deutet darauf hin, dass die Hospitalisierungsraten stark zurückgegangen sind: von 101 Einweisungen pro 1.000 Infizierten bei Delta auf 38 pro 1.000 bei Omikron. Diejenigen, die ins Krankenhaus eingeliefert wurden, erkrankten zudem weitaus milder und konnten nach wesentlich kürzerem Aufenthalt wieder entlassen werden. Und das, obwohl die Wirksamkeit des Impfstoffs von Pfizer-BioNTech in der Zwischenzeit auf nur 33 Prozent gesunken ist.

Und nicht nur die Impfstoffe mussten einstecken. Der Antikörper-Cocktail Evusheld von AstraZeneca, eine Präexpositionsprophylaxe für schwer immungeschwächte Personen, deren Immunsysteme nicht auf die Impfung reagieren, hält sich gut gegen Omikron, ebenso wie die Antikörpertherapie von GlaxoSmithKline. Die Medikamente von Eli Lilly und Regeneron sind jedoch weniger wirksam. Omikron schränkt also auch die Behandlungsmöglichkeiten für Infizierte ein.

Der offenbar mildere Verlauf und der Rückgang der Wirksamkeit der Impfstoffe gegen die Infektion spricht jedoch nicht dafür, auf die Impfung zu verzichten: Die Wirksamkeit des Pfizer-Impfstoffs gegen schwere Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte bleibt mit 70 Prozent relativ robust. Von denjenigen Erkrankten, die Sauerstoff benötigten, waren die meisten ungeimpft. Dasselbe gilt für jene, die intensivmedizinisch versorgt werden mussten. Andere Forschungsgruppen berichten, dass auch die Moderna-Impfung an Wirksamkeit verloren hat, allerdings stellt eine Auffrischung diese wieder auf das Niveau der Impfung gegen Delta her.

Wenn sich Omikron als besonders übertragbar, aber auch besonders mild erweist und die bisher dominante Delta-Variante verdrängt, könnten wir dann nicht eine globale Herdenimmunität erreichen, ohne die Impfverweigerung und Impfstoff-Apartheid überwinden zu müssen? Ist das unser Best-Case-Szenario – wird sich Omikron, wie ein Reporter fragte, als die »perfekte Variante« erweisen, als das »Licht am Ende des Tunnels«? Steht also das Ende der Pandemie in Aussicht?

Es ist nur zu hoffen, dass Omikron, das sich nach Angaben der WHO viel schneller verbreitet als die hoch ansteckende Delta-Variante oder jede andere frühere Version des Virus, bei den Infizierten zu wesentlich milderen Krankheitsverläufen führt. Wir sollten das jedoch nicht als gesetzt annehmen. Möglicherweise sind die Daten aus Südafrika, die mildere Erkrankungen zeigen, durch die hohe Rate früherer Infektionen in der Region und den niedrigen Altersdurchschnitt beeinflusst. Die Tatsache, dass die neue Variante dort weniger krankheitsverursachend ist, heißt nicht, dass der Verlauf in anderen Regionen derselbe sein muss.

Außerdem kann eine höhere Immunevasionsrate auch ohne bessere Übertragbarkeit zu einer stärkeren Ausbreitung führen. Omikron entkommt dem Immunsystem aufgrund seiner zahlreichen Mutationen. Wie ein Filmcharakter, der auf der Flucht vor der Polizei seine Jacke oder die Haarfarbe wechselt, um nicht erkannt zu werden, bewirken die Mutationen, dass die »Sicherheitskameras« des Immunsystems das Virus zwar immer noch entdecken können, aber mit geringerer Wahrscheinlichkeit.

Seit Beginn der Pandemie ist das öffentliche Interesse an der viralen Evolution explosionsartig gestiegen. Viele Menschen haben sich auf bemerkenswert ernsthafte Weise mit diesem Thema auseinandergesetzt. Wir sollten diese Welle an Autodidaktik in Virologie und Phylodynamik nicht geringschätzen. Zugleich zirkulieren aber auch eine Menge Fehlinformationen und Irrtümer der »Hobby-Epidemiologie«.

Ein typischer Fall solcher Fehlinformation ist die Vorstellung, dass es eine Art Gesetz gäbe, wonach alle Viren dazu neigen, im Laufe der Zeit übertragbarer, aber zugleich milder zu werden, indem Wirt und Erreger eine für beide Seiten vorteilhafte Koexistenz herausbilden. Auf der anderen Seite kursiert eine generelle Angst, bei der schon das Wort »Mutation« Horrorvorstellungen von super-ansteckenden und super-tödlichen Zivilisationsvernichtern hervorruft.

Zwar verfügen wir über einige Kenntnisse darüber, wie sich Viren allgemein entwickeln. Das komplexe Zusammenspiel der Virusentwicklung mit vielen anderen Faktoren macht jedoch genaue Vorhersagen darüber, wie sich ein bestimmtes Virus entwickeln wird, unmöglich. Das betonen auch Expertinnen und Experten immer wieder. Die Frustration über diese Komplexität der pandemischen Situation und die Ungewissheit über ihren weiteren Verlauf kann wiederum die Verbreitung von Fehlinformationen begünstigen.

In einem kürzlich erschienen Paper erörtern die Biologin Elisa Visher und ihre Kolleginnen, welche Aussagen wir bei allen Unklarheiten über die virale Evolution in der Covid-19-Pandemie wirklich tätigen können. Die Autorinnen setzen auseinander, dass die »Avirulenz« genannte Tendenz eines Krankheitserregers, bei fortschreitender Ausbreitung immer mildere Krankheitsverläufe hervorzurufen, lange die vorherrschende wissenschaftliche Annahme war. Der Epidemiologe Theobald Smith, ein Pionier des Feldes im 19. Jahrhundert, entwickelte das sogenannte »Gesetz der abnehmenden Virulenz«. Dieses mag intuitiv einleuchten: Wenn ein Virus viele Wirtszellen besetzt und abtötet, weil es sich ständig vermehrt und dabei viele Toxine produziert oder selbst giftig ist, dann wird es schwere Krankheitsverläufe verursachen. Diese hohe Virulenz führt aber dazu, dass der Wirt bettlägerig wird oder sogar stirbt, was die weitere Ausbreitung des Virus erschwert. Wenn das Virus jedoch »klüger« agiert und sich so entwickelt, dass es weniger virulent ist, wird die Bettlägerigkeit oder der Tod des Wirts unwahrscheinlicher. Dieser kann das Virus somit auf viele weitere Wirte übertragen, die ihrerseits das Virus replizieren.

Seit den 1980er Jahren wird diese Annahme jedoch weitestgehend von der Wissenschaftsgemeinschaft abgelehnt. Sie entspricht weder dem heutigen Stand der Evolutionstheorie, noch deckt sie sich mit den uns zur Verfügung stehenden Daten.

Anstelle einer gesetzmäßigen Entwicklung zur Avirulenz beschreibt das heute vertretene »Trade-Off-Modell« der viralen Evolution eine Tendenz zur »optimalen Virulenz«, also einem ausgewogenen Verhältnis von Virulenz und Übertragungsfähigkeit. Diese ist abhängig von der Beziehung zwischen Wirt und Erreger, und das Optimum kann sich im Laufe der Zeit verändern, wenn sich diese Beziehung wandelt. Eine niedrige Virulenz kann beispielsweise zu einer schnellen Genesung führen. Und diese kann ebenso wie ein schneller Tod die Verbreitung und Replikation des Virus behindern. Auch könnte ein sich schneller replizierendes Virus dem Wirt mehr Schaden zufügen, zugleich aber eine größere Population von Viruspartikeln produzieren, und damit für eine höhere Übertragungsrate sorgen. So könnte es auch bei hoher Virulenz zu einer verstärkten Übertragung kommen.

Eine erhöhte Übertragung kann beispielsweise in Familien oder anderen Kontexten auftreten, in denen sich viele Menschen auf engem Raum aufhalten. Dabei sind auch in dem Fall, dass ein hochansteckender Erreger seinen Wirt umbringt, noch immer weitere potenzielle Wirte für ihn erreichbar. In einem Umfeld mit geringer Personendichte kann ein Virus mit der gleichen Virulenz hingegen keine ähnlich hohe Übertragungsrate erzielen. Die optimale Virulenz eines Erregers variiert also mit den Bedingungen, unter denen seine Verbreitung stattfindet.

Das Dengue-Fieber zum Beispiel ist seit dem 18. Jahrhundert bekannt und hat sich im Laufe der Zeit hin zu einer relativ geringen Ansteckungskraft entwickelt. Dennoch haben Verschiebungen in der Größe und Mobilität der Menschheit in den vergangenen fünf Jahrzehnten möglicherweise zu einem Anstieg der Virulenz des Erregers geführt.

Visher und ihre Kolleginnen weisen auch darauf hin, dass zu Beginn eines zoonotischen Spillovers (wenn sich ein Erreger zum ersten Mal von einem tierischen Wirt auf einen menschlichen überträgt) dieser in der Regel nur sehr wenig Kenntnis vom Organismus des Menschen hat und daher wahrscheinlich nicht gut an die zwischenmenschliche Übertragung angepasst ist. Das könnte bedeuten, dass zu Beginn einer Epidemie oder Pandemie alle Mutationen zugunsten besserer Übertragung von großem Nutzen sind. In diesen frühen Stadien ist diese Erhöhung der Übertragungsrate möglicherweise nicht mit einem Trade-Off in Sachen Virulenz verbunden.

Diese Ausführungen sind sehr allgemein und nicht auf die Feinheiten von SARS-CoV-2 und dessen evolutionärem System zugeschnitten. Wir wissen nicht, wo wir mit Covid-19 stehen, wie weit wir auf dem beschriebenen Weg schon fortgeschritten sind.

Wie Trevor Bedford hervorgehoben hat, bedeutet die erhöhte Übertragbarkeit von Omikron nicht, dass es Delta automatisch verdrängen wird, so wie Delta frühere Varianten verdrängt hat. Wenn Omikron aufgrund seiner beträchtlichen Anzahl von Mutationen für eine etwas andere ökologische Nische (also andere zwischenmenschliche Bedingungen) geeignet ist als Delta, könnten beide Arten koexistieren, anstatt miteinander zu konkurrieren. Bedford führt dazu das Beispiel der Grippe an, bei der eine Verdrängung eher die Regel ist. Er weist darauf hin, dass zwei Influenza-B-Linien (welche nur Menschen und Robben infizieren), die von derselben Quelle abstammen und sich um 1980 voneinander trennten, seither parallel zirkulieren, ohne einander zu verdrängen.

Es ist zwar plausibel, dass sich SARS-CoV-2 hin zu milderen Krankheitsverläufen entwickeln könnten – ähnlich jenen Coronaviren, die (neben den Rhinoviren) Erkältungen verursachen. Dieser Verlauf ist jedoch nicht zwingend. Und selbst wenn sich das Virus derart entwickelt, ist das noch keine Garantie dafür, dass diese Milde von Dauer ist oder dass die mildere Variante die virulentere verdrängen wird.

Es ist kann sein, dass Omikron oder eine andere zukünftige Variante der Pandemie ein Ende bereiten wird. Aber wir können uns nicht darauf verlassen. Der Kampf für die Beendigung der Impfstoff-Apartheid und die Bemühungen zur Erhöhung der Impfbereitschaft müssen fortgesetzt werden. Um Rückschläge in letzterer Hinsicht zu vermeiden, könnte es sein, dass dabei mehr Zuckerbrot und weniger Peitsche zur Anwendung kommen müssen. Wir müssen die Wahrscheinlichkeit verringern, dass sich »Houdini«-Varianten entwickeln, die eine noch größere Immunevasion als Omikron und gleichzeitig eine Virulenz aufweisen, die unsere Gesundheitssysteme zum Einsturz zu bringen vermag.

Wenn wir daran scheitern, wird alles umsonst gewesen sein, was wir in den letzten zwei Jahren ertragen mussten. Unsere Bemühungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit würden fast auf Null zurückgesetzt. In einem solchen Szenario dürften die Akzeptanz von Einschränkungen und die Bereitschaft zu erneuten Schutzimpfungen noch um einiges sinken.


Leigh Phillips ist Wissenschaftsjournalist und der Autor von »Austerity Ecology & the Collapse-Porn Addicts« (Zero Books, 2015).

#8
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