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20. März 2026

Wenn Rheinmetall klopft

Im Osnabrücker VW-Werk könnten bald Panzer vom Band rollen. Oder Elektro-Kleinbusse. Oder gar nichts mehr. Während Friedensaktivisten eine zivile Zukunft für den Betrieb fordern, sorgen sich die Beschäftigten vor allem um ihre Jobs.

Für Aktivistin Lotte ist Osnabrück ein Symbolort: Hier entscheidet sich, ob die Industrie auf zivile Konversion oder Aufrüstung setzt.

Für Aktivistin Lotte ist Osnabrück ein Symbolort: Hier entscheidet sich, ob die Industrie auf zivile Konversion oder Aufrüstung setzt.

Foto: Ludwig Nikulski

Ein paar hundert Meter vom Osnabrücker VW-Werk entfernt haben Lotte und die anderen Aktiven der Kampagne »Zukunftswerk« an diesem Samstag ein paar leere Blechdosen aufeinandergestellt. Auf die oberste Dose ist ein Bild von VW-Chef Oliver Blume geklebt, auf eine weitere das Gesicht von Rheinmetall-Chef Armin Pappenberger. Und auch den ehemaligen Bürgermeister der Friedensstadt Osnabrück, den jetzigen Verteidigungsminister Boris Pistorius, kann man mit einem Tennisball umwerfen.

Ein paar Hundert Meter weiter ist auf dem Werks-Turm der blaue Kreis mit den Lettern V und W gut zu erkennen. Doch wie zuvor der Schriftzug des alten Autobauers Karmann könnte auch das Volkswagen-Emblem bald verschwinden.

Dem Osnabrücker VW-Werk mit seinen 2.300 Beschäftigten droht Ende 2027 die Schließung. Die aktuelle Fahrzeugproduktion läuft aus und Volkswagen hat keinen Folgeauftrag angekündigt. Dafür hat der Rüstungskonzern Rheinmetall Interesse an der Übernahme. Auch Volkswagen-Chef Blume zeigte sich offen für die Zusammenarbeit mit der Rüstungsindustrie. Einen konkreten Plan gibt es nicht. Aber allein die Ankündigung hat etwas in Bewegung gesetzt.

»Wenn die hier zwei Wochen Stuhlkreis machen würden und diskutieren, was sie produzieren wollen, da würden gute Sachen rauskommen.«

Wintermarkt aus Protest

Aus der Belegschaft ist an diesem Samstag niemand gekommen. »Ich finde das nicht verwunderlich an so einem kalten Januartag«, sagt Lotte. »Aber wir kennen das auch aus Wolfsburg. Viele haben auch wirklich Angst, gesehen zu werden, wenn sie zu sowas dazukommen.«

Mit ihrem rosa Käppi und der pinken Hose fällt die 31-Jährige im winterlichen Grau auf. Sie hat gute Laune, obwohl sie heute eine so kleine Runde sind. Die Demo, die sie zum Werkstor veranstaltet haben, war ein Meilenstein für die Kampagne. Knapp fünfzig Menschen sind da, zwischen den vier Pavillons, vor denen eine Handvoll Bierzeltgarnituren stehen. Es gibt warmen Eintopf und aus einem mobilen Verstärker dringen aufdringlich laute Gitarrenakkorde. Hinter dem Sänger mit grauem Vollbart und Pluderhose hängt ein Transparent. »Gemeinsam entscheiden, was hier gebaut wird«, ist darauf zu lesen. Auf der menschenleeren Kreuzung stehen zwei Kastenwagen der Polizei, als müssten sie das Werk vor der kleinen Gruppe auf der anderen Straßenseite schützen.

Eigentlich ist Lotte Architektin und Stadtplanerin, mittlerweile jedoch Vollzeit-Aktivistin und seit fünf Jahren ist ihr Fixpunkt Volkswagen. In Wolfsburg, wo das Herz des Konzerns schlägt, hat sie zwei Jahre lang für eine ökologische Verkehrswende und den Erhalt von Arbeitsplätzen gekämpft – bis die Interessensbekundung von Rheinmetall sie nach Osnabrück zog. Zusammen mit anderen Aktiven ist sie für die Kampagne in die drittgrößte Stadt Niedersachsens gezogen. »Viele Menschen haben ein Unbehagen, wenn sie auf die Militarisierung und Zeitenwende schauen,« sagt sie bestimmt. »Es ist wichtig, Kristallisationspunkte zu schaffen, die diesem diffusen Gefühl eine Form geben.«

Für sie alle auf dem kleinen, sporadischen Wintermarkt im Industrie-Stadtteil Fledder ist das hier der Ort, an dem sich die Zukunft der deutschen Industrie entscheidet. Es geht darum, ob die Konversion in Richtung ökologischer Transformation oder militärischer Aufrüstung steuert. Und um gesellschaftliche Alternativen, um Mitbestimmung in den Betrieben und um gute Arbeit.

»In Görlitz haben die Leute gesagt: ›Wärt ihr mal vor zwei Jahren gekommen.‹ Hier sind wir jetzt genau an diesem Punkt.« Görlitz ist die Blaupause – das Szenario, das sie hier verhindern wollen. Statt Züge rollen dort bald Panzer vom Band. Der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS hat das sächsische Alstom-Werk übernommen.

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Ronja Morgenthaler ist Journalistin und Politikwissenschaftlerin mit dem Fokus auf sozial-ökologische Transformation, Klima und Ostdeutschland.