20. März 2026
Die Strategie des bewaffneten Kampfes hat die Palästinenser in den Abgrund gestürzt. Vielleicht kann eine Rückbesinnung auf die gewaltfreien Methoden der Ersten Intifada einen Weg in die Zukunft weisen.

»Das palästinensische Volk ist heute weiter von der Selbstbestimmung entfernt als jemals zuvor seit dem als Erste Intifada bekannten unbewaffneten Volksaufstand.«
Je weiter wir uns von den Ereignissen entfernen, die dem palästinensischen Volk seit der von der Hamas angeführten Operation vom 7. Oktober widerfahren sind, desto klarer tritt das Ausmaß der Katastrophe hervor – ausgelöst durch das, was ich als »die katastrophalste Fehleinschätzung in der Geschichte des antikolonialen Kampfes« bezeichnet habe.
Die rechtsextreme Regierung Israels nutzte die Gelegenheit, die sich aus dieser schicksalhaften Operation und den offensichtlichen Kriegsverbrechen ergab. Sie sah sich kaum Beschränkungen ausgesetzt und fühlte sich sogar weitgehend unterstützt, als sie den mörderischsten und verheerendsten Krieg zu führen begann, der je gegen das palästinensische Volk geführt wurde – einen Krieg, den zahlreiche Wissenschaftler, Menschenrechtsorganisationen, darunter auch die bekannte israelische NGO B’Tselem, sowie verschiedene internationale Gremien als Völkermord einstufen.
Die enorme Zahl der Todesopfer und die gesamten menschlichen Kosten des israelischen Angriffs werden noch verschärft durch die beispiellose Intensität der Zerstörung sämtlicher Lebensgrundlagen im Gazastreifen – von Wohngebäuden über Infrastruktur bis hin zur Umwelt. Das zentrale Ziel dieser umfassenden Verwüstung ist die Zwangsumsiedlung der Bevölkerung Gazas, also die Fortsetzung der ethnischen Säuberung des historischen Palästina zwischen Jordan und Mittelmeer, die seit der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 ein Kernelement des zionistischen Siedlerkolonialismus darstellt. Parallel dazu haben die schleichende ethnische Säuberung im Westjordanland und dessen faktische Annexion ein bislang ungekanntes Ausmaß erreicht.
Damit ist das palästinensische Volk heute weiter von der Selbstbestimmung entfernt als jemals zuvor seit dem als Erste Intifada bekannten unbewaffneten Volksaufstand. Dieser begann im Dezember 1987 in jenen Gebieten, die Israel im Juni-Krieg 1967 erobert hatte – dem Westjordanland und dem Gazastreifen –, die gemeinhin als besetzte palästinensische Gebiete bezeichnet werden. Der palästinensischen Bewegung steht nun eine lange Phase des Rückzugs unter massivem Druck bevor. In dieser wohl tragischsten Phase ihrer Geschichte muss die vorrangige Frage lauten, wie sie ihr politisches und gesellschaftliches Überleben sichern und den Kampf mit realistischen Erfolgsaussichten fortsetzen kann.
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Gilbert Achcar ist emeritierter Professor an der SOAS, University of London. Sein neues Buch Der lange Weg nach Gaza erscheint demnächst im Brumaire Verlag.