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20. März 2026

Der Krieg gegen Palästina

Die westliche Sicht auf den Nahostkonflikt ist geprägt von Mythen. Der Historiker Rashid Khalidi klärt auf, warum Israel nie ein Underdog und ziviler Widerstand der Palästinenser stets unerwünscht war.

Eine Parade der britischen Armee vor der »Zitadelle« in Jerusalem, 1936.

Eine Parade der britischen Armee vor der »Zitadelle« in Jerusalem, 1936.

© G. Eric and Edith Matson Photograph Collection

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland blickt inzwischen mit Schrecken auf die Ereignisse der letzten Jahre in Israel-Palästina, doch eine Abrechnung mit der historischen Realität des Konflikts bleibt größtenteils aus. Die dominante Erzählung ist weiterhin ein Zerrbild aus israelischer Perspektive, das zentrale Fakten ignoriert und die Kontinuität von palästinensischer Vertreibung ausblendet. Der Krieg war schlimm, so heißt es oft, aber aufgrund der Weigerung der Palästinenser, in Frieden mit ihren jüdischen Nachbarn zu leben, unvermeidlich.

Dabei ist die Realität weit entfernt von dem Bild der von Feinden umzingelten einzigen Demokratie im Nahen Osten, das bis heute den deutschen Diskurs prägt. Laut dem palästinensisch-amerikanischen Historiker Rashid Khalidi handelt es sich vielmehr um einen »hundertjährigen Krieg gegen Palästina«, wie es im Titel seines Meisterwerks von 2020 heißt. 2024 ist es in deutscher Sprache unter dem etwas missverständlichen Titel Der hundertjährige Krieg um Palästina erschienen.

Khalidi zeigt akribisch auf, wie zuerst die Briten und später die Israelis seit über 100 Jahren einen siedlerkolonialen Krieg gegen die einheimische Bevölkerung führten und bis heute führen. Im Gespräch mit Jacobin erklärt er, warum man die Gegenwart der Region nur im Kontext ihrer Geschichte verstehen kann und warum der Ursprung des Konflikts im Hauptziel der zionistischen Bewegung gesehen werden muss: Palästina aus einem Land mit arabischer Mehrheit in einen jüdischen Staat zu verwandeln.

Mittlerweile haben die meisten Menschen in Deutschland eingesehen, dass das, was Israel seit zweieinhalb Jahren in Gaza tut, ein schreckliches Verbrechen ist. Dennoch betrachten viele es als eine Anomalie, die der aktuellen Regierung anzulasten ist. Sie haben sich für den größten Teil Ihres Lebens mit dem beschäftigt, was Sie den »Krieg gegen Palästina« nennen. Welche Bedeutung hat die umfassendere Geschichte des Konflikts für ein Verständnis der aktuellen Geschehnisse?

Zunächst einmal wird das, was die Regierung Netanjahu seit dem 7. Oktober getan hat – die absichtliche Ermordung von Zehntausenden Palästinenserinnen und Palästinensern –, vom gesamten politischen Spektrum Israels weitgehend unterstützt. Netanjahu ist in der israelischen Politik der letzten zweieinhalb Jahre keine Ausnahmeerscheinung.

»Die Menschen erheben sich nicht einfach, weil sie überzeugte Antisemiten oder islamische Fanatiker sind, und greifen Israel an. Sie tun dies, weil sie, ihre Eltern und ihre Großeltern von ihrem Land vertrieben, im Gazastreifen eingesperrt und ihrer Rechte beraubt wurden.« 

Zweitens geschieht all das natürlich nicht in einem Vakuum. Die Menschen erheben sich nicht einfach, weil sie überzeugte Antisemiten oder islamische Fanatiker sind, und greifen Israel an. Sie tun dies, weil sie, ihre Eltern und ihre Großeltern von ihrem Land vertrieben, im Gazastreifen eingesperrt und ihrer Rechte beraubt wurden.

Wenn man nicht zurückblickt und sich das ansieht, sieht man nur, dass am 7. Oktober Zivilisten getötet wurden – was wahr ist. Aber man sieht nicht, wer die Menschen sind, die das tun, und was der Hintergrund ihres Handelns ist, nämlich Generationen von ethnischer Säuberung, Besatzung und Unterdrückung. Wenn man diese Situation ignoriert – was diejenigen tun, die sagen, dass alles am 7. Oktober begonnen hat oder dass alles Netanjahus Schuld sei –, tut man der Geschichte und der Realität enorme Gewalt an.

In Ihrem Buch Der hundertjährige Krieg um Palästina, bezeichnen Sie die britische Balfour-Erklärung von 1917 als die erste von vielen Kriegserklärungen an das palästinensische Volk. Welche Bedeutung hatte dieses Dokument?

Die Balfour-Erklärung signalisierte die Unterstützung des bis dahin größten Imperiums der Geschichte für ein Projekt, Palästina von einem von Arabern bewohnten Land in einen jüdischen Staat zu verwandeln, in dem Araber vermutlich zu einer Minderheit gemacht oder vertrieben werden würden. Deshalb bezeichne ich sie als Kriegserklärung. Es ist ein einziger Absatz, und die Palästinenser werden darin nicht erwähnt. Großbritannien schickte in den 1930er Jahren 100.000 Soldaten, die Royal Air Force und die Royal Navy nach Palästina, um den palästinensischen Aufstand niederzuschlagen. Das ist keine Gründung Israels durch Israel selbst, sondern die Gründung Israels durch Großbritannien.

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Rashid Khalidi ist emeritierter Professor für Modern Arab Studies an der Columbia University. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehört u.a. Der hundertjährige Krieg um Palästina. Eine Geschichte von Siedlerkolonialismus und Widerstand (Unionsverlag, 2024).