20. März 2026
Die kurdische und die palästinensische Befreiungsbewegung verbindet eine Geschichte praktischer Solidarität. Doch heute wird sie nicht nur durch geopolitische Gräben erschwert, auch ihre Vorstellungen von Freiheit haben sich auseinanderentwickelt.

1982 ermordeten christliche Milizen –unterstützt von der israelischen Armee – Hunderte bis Tausende Zivilisten in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila in Beirut, Libanon. Heute erinnern Wandgemälde an das Massaker.
»Der Kurde hat nichts als den Wind –
Er lebt im Wind und der Wind in ihm.
Der Kurde wird süchtig nach dem Wind
Und der Wind wird süchtig nach dem Kurden.
Um gerettet zu werden von den Adjektiven des Landes
Und der Dinge.
Der Wind ist ein Testament
Von einem Kurden zum anderen ins Exil.«
— Mahmoud Darwisch
Als der palästinensische Dichter Mahmoud Darwisch dieses Gedicht vor mehr als zwanzig Jahren den Kurdinnen und Kurden schrieb, sprach er nicht aus einer Perspektive politischer Gleichsetzung, sondern aus einer geteilten Erfahrung von Vertreibung, Exil und jahrzehntelanger Nicht-Anerkennung. Kurdinnen und Kurden erscheinen in diesen Versen nicht als ein anderes Palästina, sondern als ein Volk, dessen Geschichte im selben Wind steht: getragen von Hoffnung, zerrieben von regional-imperialistischen und kolonialen Mächten, immer wieder gezwungen, sich selbst neu zu verorten.
Die Nähe, die Darwisch in diesen Versen ausdrückt, ist keine poetische Fügung, sondern benennt einen realen historischen Zusammenhang: Sowohl die kurdische als auch die palästinensische Nationalbewegung sind aus dem Zerfall des Osmanischen Reiches hervorgegangen – aus jener Neuordnung der Region, in der weder Kurden noch Palästinenser Selbstbestimmung erlangten, sondern unter neue Herrschaft fielen; besetzt, vertraglich einverleibt oder zwischen rivalisierenden Mächten aufgeteilt wurden.
Heute wird Darwischs Gedicht oft als Symbol einer selbstverständlichen Solidarität zwischen Palästina und Kurdistan gelesen. Doch diese Solidarität war nie natürlich oder widerspruchsfrei. Sie entstand aus politischen Begegnungen in intellektuellen Zirkeln im Exil, in militanten Ausbildungslagern und internationalen Netzwerken und wurde zugleich auch von Brüchen, Rivalitäten und geopolitischen Abhängigkeiten geprägt. Sie musste, wie der Historiker Abdel Razzaq Takriti schreibt, hergestellt und vermittelt werden – und ist dabei oft genug enttäuscht worden. Immer wieder wurden beide Bewegungen als Projektionsflächen gegensätzlicher geopolitischer Narrative genutzt: Der kurdischen Seite wurde Nähe zu westlichen Mächten unterstellt, der palästinensischen die Verstrickung in regionale Machtkonstellationen von baathistischer Herrschaft bis zur türkischen Hegemonie.
»Der kurdischen Seite wurde Nähe zu westlichen Mächten unterstellt, der palästinensischen die Verstrickung in regionale Machtkonstellationen von baathistischer Herrschaft bis zur türkischen Hegemonie.«
Die verwandten und doch verschiedenen Bedingungen, unter denen die Bewegungen für Befreiung kämpften und kämpfen, haben zudem zu unterschiedlichen Vorstellungen von Freiheit und Selbstbestimmung geführt – eine Debatte, die weit über Palästina und Kurdistan hinausweist. Während die palästinensische Bewegung bis heute stark auf nationale Souveränität und staatliche Selbstbestimmung fokussiert ist, entwickelte sich in Teilen der kurdischen Bewegung ein Verständnis von Befreiung, das stärker auf gesellschaftliche Autonomie, Dezentralisierung und rätedemokratische Selbstorganisation jenseits des Staates zielt.
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Kerem Schamberger ist internationalistischer Aktivist und Autor. Er arbeitet bei einer Menschenrechtsorganisation.