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17. Januar 2026

Europas neue Kriegsökonomie lechzt nach mehr TNT

Ohne sie wäre der Gaza-Genozid nicht möglich gewesen: Nitro-Chem in Polen ist die einzige Fabrik in der EU, die den Sprengstoff TNT herstellt. Das soll sich nun ändern – quer durch Europa sind neue Standorte für die gefährliche Produktion geplant.

Polnische Aktivisten protestieren gegen den Einsatz von in Polen hergestelltem TNT im Gaza-Krieg, Warschau, 22. November 2025.

Polnische Aktivisten protestieren gegen den Einsatz von in Polen hergestelltem TNT im Gaza-Krieg, Warschau, 22. November 2025.

IMAGO / ZUMA Press Wire

Militärisch ausgetragene Konflikte sind nicht nur zerstörerisch und tödlich. Sie setzen auch einen Selbstverstärkungsprozess in Gang. Aufrüstungs- und Waffenexportoffensiven sind oft die Folge, während die Aktienkurse von Rüstungskonzernen in die Höhe gehen. So haben die Kriege in der Ukraine und in Gaza in Europa eine historische Kriegsertüchtigungssökonomie in Gang gesetzt. In Deutschland wurde ein 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr eingerichtet und die Schuldenbremse für Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben (sprich: das Militär) ausgesetzt. Die EU und die NATO fordern von ihren Mitgliedsstaaten, enorme Summen für Panzer, Kampfjets, Munition und Soldaten auszugeben, während beim Sozialstaat der Gürtel enger geschnallt wird.

Die globale Rüstungsindustrie verzeichnete 2024 ihr bisher profitabelstes Jahr, wobei die hundert größten Waffenhersteller weltweit insgesamt 679 Milliarden US-Dollar aus militärbezogenen Verkäufen erzielten. Das Stockholmer Internationale Friedensforschungsinstitut (SIPRI) verweist in seinem neuen Bericht darauf, dass insbesondere die Konflikte in der Ukraine und im Gazastreifen zu einer beispiellosen Nachfrage nach Munition, Flugzeugen, Drohnen, Raketen, gepanzerten Fahrzeugen und anderen Verteidigungssystemen geführt haben. Auch 2025 gingen die Zahlen der Militärausgaben insbesondere in der EU erneut steil nach oben.

»Die EU-Staaten, Großbritannien und die USA haben nur eine Fabrik innerhalb ihrer Grenzen, die TNT herstellt. Die vom polnischen Staat betriebene Fabrik Nitro-Chem ist die einzige ihrer Art.«

Sicherlich haben US-Firmen immer noch mit großem Abstand die Führungsposition inne. Doch Europa hat 2024 den Rüstungssektor mit 13 Prozent weit stärker ausgebaut. Damit wurde die Produktion in einem Tempo beschleunigt wie noch nie seit dem Ende des Kalten Krieges. In Deutschland war das Wachstum mit am stärksten. Einige der deutschen Waffenhersteller erreichten Sprünge von 36 Prozent, während die Bundeswehr-Offensive der Bundesregierung Firmen wie Rheinmetall, Diehl, Thyssenkrupp und Hensoldt wichtige Verträge einbrachten.

Doch der enorme Umsatzboom, so SIPRI, führte auch zu Produktionsschwierigkeiten. Waffenhersteller haben zunehmend Schwierigkeiten, wichtige Materialien zu besorgen, neue Arbeitskräfte zu rekrutieren und die Produktion hochzufahren, was zu Störungen in den Lieferketten und Verzögerungen bei der Bereitstellung führt. Hersteller in Europa und den USA warnen zugleich vor steigenden Kosten, längeren Lieferzeiten und Engpässen bei Spezialkomponenten – zum Beispiel von Titan, einem Rohstoff, den Rüstungsunternehmen wie Airbus oder der französische Hersteller Safran früher von Russland bezogen. Darüber hinaus haben Chinas Exportkontrollen für Mineralien, die für die Elektronik- und Präzisionsfertigung von entscheidender Bedeutung sind, Unternehmen wie Thales und Rheinmetall unter Druck gesetzt.

Fehlende Zutat TNT

Die Lieferschwierigkeiten sowie die moralischen Untiefen der neuen Kriegsökonomie zeigen sich wie in einem Brennglas bei der TNT-Produktion. TNT (kurz für Trinitrotoluol, das durch das Mischen von Toluol mit konzentrierter Schwefel- und Salpetersäure entsteht) ist ein essenzieller Sprengstoff, ohne den die Wucht der modernen Kriegsführung nicht denkbar wäre. Er ist praktisch in jeder Munition enthalten, die größer als eine Kugel ist. Seit über hundert Jahrenwird TNT in Artillerie-Geschossen verwendet, von Granaten bis zu bunkerbrechenden Bomben, die über 60 Meter tief in den Erdboden eindringen können.

Das Problem: Die EU-Staaten, Großbritannien und die USA haben nur eine Fabrik innerhalb ihrer Grenzen, die TNT herstellt. Die vom polnischen Staat betriebene Fabrik Nitro-Chem ist die einzige ihrer Art. In Großbritannien wurde 2008 die letzte TNT-Produktionsstätte geschlossen, in den Vereinigten Staaten sogar schon in den 1980er Jahren. Eine Fabrik in der östlichen Ukraine wurde von Russland im Zuge der Invasion übernommen.

Dass die Produktion in den westlichen Ländern eingestellt wurde, hat vor allem mit den Gesundheits- und Umweltbelastungen zu tun. Nicht nur werden bei der Herstellung giftige Nebenprodukte erzeugt, auch die Produktion selbst ist hochgefährlich: Es kann zu unbeabsichtigten Explosionen kommen. Deswegen überließen die westlichen NATO-Staaten die Herstellung von TNT lieber China, Russland oder Indien. Unter den gegebenen geopolitischen Umwälzungen ist die Auslagerung der Sprengstoff-Produktion jedoch mehr und mehr zu einem Problem geworden.

Einher mit dem Outsourcing ging eine starke Abhängigkeit, wie eine neue Studie zeigt. So nahm die polnische TNT-Herstellung bei Israels genozidalem Krieg in Gaza eine essenzielle Rolle ein. Die israelische Luftwaffe warf seit Oktober 2023 zehntausende Bomben ab, die nach dem Bericht den Sprengstoff TNT der polnischen Fabrik enthielten, wodurch bis zu 80 Prozent der Gebäude in Gaza zerstört wurden, darunter zivile Infrastruktur wie Krankenhäuser, Schulen und Flüchtlingslager.

»Die Versorgung Israels mit Sprengstoff durch die polnische Fabrik hat in den letzten Jahren einen TNT-Engpass erzeugt, wobei es im Moment kaum alternative Zulieferer gibt.« 

Die Untersuchung »The Missing Ingredient: Polish TNT« – veröffentlicht von den Organisationen People’s Embargo for Palestine, Palestinian Youth Movement, Shadow World Investigations und Movement Research Unit – hat dabei herausgefunden, dass die US-Munition mit polnischem Sprengstoff in großen Mengen an Israel geliefert wurde. Diese wurde bei Angriffen auf dicht besiedelte Gebiete im Gazastreifen verwendet, bei denen es zu zahlreichen Opfern kam. Die polnische Produktionsstätte soll insgesamt rund 90 Prozent des von den USA importierten TNT geliefert haben, so der Bericht.

Polen exportierte auch direkt an das israelische Militär. Bemerkenswert ist dabei: Die Nitro-Chem-Fabrik befindet sich auf dem ehemaligen Gelände einer der größten Waffenfabriken in Polen, die zwischen 1940 und 1944 von den Nazis erbaut wurden. Die Autoren des TNT-Berichts weisen darauf hin, dass während der deutschen Besatzung polnische Widerstandsgruppen wiederholt »das Werk infiltrierten und Sabotageakte verübten«. Solche Blockaden hätten bei dem Genozid in Gaza achtzig Jahre später nicht stattgefunden, sodass die Sprengstofftransporte entlang von Holocaust-Gedenkstätten, Massengräbern im sogenannten Tal des Todes bei Bromberg und der zum Konzentrationslager Stutthof gehörenden Internierungsstätte Potulice ungestört ablaufen konnten.

Die neue Kriegsökonomie ist insgesamt von historischer Amnesie geprägt. Israel zeigt zum Beispiel wenig Bedenken, Waffen von Rüstungskonzernen mit Nazi-Vergangenheit zu beziehen. Die deutsche Wieland Gruppe, die ihren Hauptsitz in Baden-Württemberg hat, lieferte von ihrem Werk in Buffalo im US-Bundesstaat New York im September diesen Jahres noch 162 Tonnen an Messingpatronenhülsen Richtung Israel. Wieland profitierte in der Zeit des Nationalsozialismus »durch die Rüstungsaufträge wirtschaftlich enorm«, wie das Unternehmen selbst schreibt.

Der Wieland-Vorstand Karl Eychmüller trat schon drei Monate nach Machtantritt Hitlers am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein, hatte hohe Ämter in NS-Wirtschaftsverbänden inne und war »Wehrwirtschaftsführer«. 1939 empfing Eychmüller NS-Größen zum Werksbesuch und trug dabei die Uniform eines SA-Reitersturmführers. Hans Wieland, ein Vorstandskollege Eychmüllers, war ebenfalls Mitglied der NSDAP. Auch andere deutsche Unternehmen, die vom Nazi-Regime massiv profitierten, wie die Rüstungskonzerne Rheinmetall und Thyssenkrupp, liefern Waffen und Kriegsmaterial an Israel, das vom israelischen Militär für den Gaza-Krieg eingesetzt wird.

Sprengstoff-Renaissance in Europa

Wie sehr auch Europa – und nicht nur die USA – militärisch in den israelischen Genozid verstrickt ist, macht der Bericht anhand der Nitro-Chem-Fabrik deutlich: »Ohne das in Polen hergestellte TNT wären die beispiellosen Luftangriffe, die Zehntausende Palästinenser getötet und die Lebensbedingungen in Gaza zerstört haben, nicht möglich gewesen«, heißt es dort. Von Oktober 2023 bis Juli 2024 hätten die USA mindestens 14.000 MK-84-Bomben und 8.700 MK-82-Bomben mit einem Gewicht von jeweils 500 Pfund (230 Kilo) mit polnischem TNT geliefert. Diese Art Bomben haben eine hohe Sprengkraft und können bis zu 11 Meter tief in den Erdboden eindringen.

Die Versorgung Israels mit Sprengstoff durch die polnische Fabrik hat in den letzten Jahren einen TNT-Engpass erzeugt, wobei es im Moment kaum alternative Zulieferer gibt. Die Türkei, die ebenfalls noch den Artillerie-Sprengstoff produziert, fällt aufgrund ihrer abweichenden Haltung zu Ukraine- und Gaza-Krieg als verlässlicher Lieferant aus, auch wenn Washington Partnerschaften anstrebt. Die Folge: Im April 2025 zeichnete Nitro-Chem einen großen Vertrag mit dem US-Militär über 18.000 Tonnen TNT für die nächsten Jahre, während gleichzeitig ein weiteres Paket mit tausenden Bomben an Israel geliefert wurde. Das polnische Investigativmagazin Onet zitiert eine anonyme militärische Quelle: »Polnischen Politikern wurde gesagt, dass Polen, wenn es den amerikanischen Sicherheitsschutz wolle, weiterhin TNT an die USA verkaufen müsse. Ein Bruch dieses Vertrags wurde als Akt gegen amerikanische Unternehmen in Polen dargestellt.«

»Mit der Renaissance der TNT-Produktion in Europa wird der kriegsökonomische Druck weiter erhöht, der auf ›militärische Lösungen‹ setzt.«

Während die USA für die Israel-Belieferung große TNT-Mengen von Nitro-Chem abzogen, konnte die EU gleichzeitig ihre Munitionsversprechen an Kiew nicht halten, was zu Rationierungen beim ukrainischen Militär führte. Die Nachfrage überstieg schlicht das Angebot. Das soll sich in Zukunft ändern. Erste Projekte sind bereits in der Pipeline. Schweden zum Beispiel plant, eine eigene TNT-Produktionsstätte nahe der Ortschaft Nora aufzubauen, um Europas Sprengstoff-Kapazität um 75 Prozent zu erweitern. Die finnische Regierung will eine TNT-Fabrik bis 2028 fertigstellen. Auch in der Nähe der griechischen Hauptstadt Athen soll die Sprengstoff-Fertigung wieder aufgenommen werden, in Kooperation mit einen tschechischen Hersteller.

Die TNT-Produktion in Europa ist zwar teurer als anderswo, aber die EU hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2035 rund 60 Prozent ihrer Verteidigungsbeschaffung im Inland zu decken. Zusätzliches Geld aus Brüssel und die Nutzung von bestehenden Produktionsanlagen sollen helfen, die langwierigen Genehmigungsverfahren für TNT-Fabriken zu beschleunigen. In den USA will das türkische Unternehmen Repkon, beauftragt und finanziert von der US-Armee, ebenfalls in drei Jahren mit der TNT-Produktion im Bundesstaat Kentucky starten.

Während die neue Kriegsökonomie in Europa den Sprengstoff-Markt wiederbelebt und der »Readiness 2030 Plan« (vormals »ReArm Europe«) der EU-Kommission über 800 Milliarden Euro für Militärausgaben mobilisieren will, stellen die Verfasser der TNT-Untersuchung die Verantwortungsfrage. Sie erinnern die Staaten und die Waffenhersteller daran, dass sie sich nicht an illegalen, dem humanitären Völkerrecht sowie internationalen und nationalen Verpflichtungen widersprechenden Kriegshandlungen beteiligen dürfen:

»Wir fordern Nitro-Chem und die polnischen Behörden auf, die Lieferung von TNT für die Herstellung von Bomben und Artillerie der Mk-80-Serie, die von Israel eingesetzt werden, sowie die direkte Lieferung von Sprengstoff an Israel unverzüglich einzustellen. Wenn sie dies nicht tun, könnte das die rechtlichen Kriterien für Beihilfe zum Völkermord und andere internationale und nationale Verbrechen erfüllen.«

Mit der Renaissance der TNT-Produktion in Europa wird der kriegsökonomische Druck weiter erhöht, der auf »militärische Lösungen« setzt. Denn Investitionen in Waffen- und Munitionsinfrastrukturen zahlen sich nur bei langfristiger Nachfrage aus, die durch Konflikte und Kriege stimuliert wird. An den Vereinigten Staaten kann man ablesen, wie über Jahrzehnte die politische Eigenlogik des militärisch-industriellen Komplexes eine gigantische Billion-Dollar-Kriegsmaschine entstehen ließ. Europa steht noch am Anfang – die Zeichen stehen jedoch auch hier auf Turbo-Aufrüstung.

David Goeßmann ist Journalist und Buchautor. Er hat für verschiedene Medien gearbeitet, darunter Deutschlandfunk, Spiegel Online, ARD und ZDF. Seine Artikel erscheinen unter anderem bei Truthout, Common Dreams, CounterPunch, The Progressive sowie bei Telepolis und Junge Welt. In seinen Büchern analysiert er Klimapolitik, internationale Beziehungen, globale Gerechtigkeit und die Medienberichterstattung.