02.04.2021

Warum wir mehr politischen Marxismus brauchen

Die Theorie-Strömung des »politischen Marxismus«, die vor allem durch die Politikwissenschaftlerin Ellen Meiksins Wood geprägt wurde, ist im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannt. Höchste Zeit, das zu ändern.

Mit ihren Analysen hat Ellen Meiksins Wood die Aktualisierung des historischen Materialismus bedeutend vorangetrieben.

Mit ihren Analysen hat Ellen Meiksins Wood die Aktualisierung des historischen Materialismus bedeutend vorangetrieben.

Den sozialistischen Bewegungen und Theoriediskussionen ist es offensichtlich auch im Zeitalter der digitalen Kommunikation nicht gelungen, sich ihrer jeweiligen »nationalen Beschränktheit zu entledigen«, die Karl Marx schon 1846 in einem Brief an Pierre-Joseph Proudhon als Hemmnis für den Fortschritt emanzipatorischer Theorie und Praxis ausmachte. Hierfür mag es Gründe geben, selten sind es gute. Sozialistische Theorie und Praxis sind nach wie vor zumeist nur auf programmatischer Ebene internationalistisch. In der Realität herrschen nationalstaatlich beschränkte Diskurse vor, die unnötig borniert sind. Sprachliche Barrieren mögen dazu ihren Beitrag leisten, schlimmstenfalls zeugt die Nichtrezeption von Ignoranz und Faulheit.

Ein Beispiel hierfür ist die relative Unbekanntheit des »Political Marxism« im deutschsprachigen Raum. Bis auf wenige Ausnahmen, für die stellvertretend die Arbeiten der Politikwissenschaftlerin Heide Gerstenberger stehen mögen, kann hierzulande von keiner nennenswerten Rezeption des Politischen Marxismus die Rede sein, obwohl es durchaus auch auf Deutsch publiziertes Material gibt. Befremdlich ist dies nicht nur, weil über den Politischen Marxismus im anglophonen Raum kontrovers debattiert wird. Die Nichtbeachtung des Politischen Marxismus ist auch deswegen irritierend, da er einen der innovativsten Ansätze zur Aktualisierung des historischen Materialismus der letzten Jahrzehnte darstellt.

Was macht Marxismus politisch?

Die Bezeichnung »Political Marxism« geht ursprünglich auf dessen vermeintlich orthodoxe Gegnerinnen und Gegner zurück und beschreibt eine spezifisch anglophone Spielart der Neuen Marx-Lektüre. Wie in deren westdeutschen Varianten ist auch für den Politischen Marxismus die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zentraler theoretischer Bezugspunkt, die gegen ihre ökonomistisch-technizistischen Verengungen in der Tradition sozialdemokratischer und leninistisch-stalinistischer Interpretationen in Stellung gebracht wird.

Gleichzeitig überwindet der Politische Marxismus aber auch gewisse Vereinseitigungen des westlichen Marxismus. Dieser neigt dazu ökonomie- und gesellschaftstheoretische Fragestellungen – die den Kern des historischen Materialismus bilden – zugunsten philosophischer, kultureller oder ästhetischer Aspekte in den Hintergrund zu stellen und erstere somit der marxistisch-leninistischen Orthodoxie überließ. Anders als in der westdeutschen Kapitaldiskussion, wo kategoriale Fragen der Marxschen Ökonomietheorie und der materialistischen Staatstheorie im Zentrum standen, ist für den Politischen Marxismus die Kritik der politischen Ökonomie Ausgangspunkt einer vorrangig historisch ausgerichteten Theorie kapitalistischer Vergesellschaftung. Ihr zentraler Referenzpunkt ist nicht die Marxsche Analyse der Ware und der Wertform, sondern die sogenannte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals.

Während im Politischen Marxismus eine mit der westdeutschen Neuen Marx-Lektüre vergleichbar detaillierte Analyse der zentralen Begriffe der Marxschen Ökonomiekritik weitestgehend fehlt, macht er deren Einsicht in die historisch einzigartige Spezifik kapitalistischer Gesellschaften zum produktiven Gegenstand seiner Arbeiten. Der Begriff »Politischer Marxismus« entstand dementsprechend auch im Streit um die Erklärung der historischen Entstehung des Kapitalismus aus dem Feudalismus, was bis in die Gegenwart einer seiner zentralen Forschungsgegenstände bleibt. Der viel diskutierte Erklärungsansatz der Entstehung des Agrarkapitalismus im frühneuzeitlichen England des Historikers Robert Brenner – den er etwa in seinen Aufsätzen »Agrarian Class Structure and Economic Development in Pre-Industrial Europe« (1976) und »Agrarian Roots of European Capitalism« (1982) entwickelte – wurde von traditionsmarxistischer Seite als politizistisch und nicht geschichtsmaterialistisch kritisiert: eben als »political« im Gegensatz zum »echten«, ökonomisch fundierten Marxismus.

Das Werk von Ellen Meiksins Wood

Ausgehend von der englischen Tradition kritisch-marxistischer Geschichtswissenschaft, wie sie Christopher Hill, Rodney Hilton, Eric Hobsbawm und andere betrieben, und die allen voran an den Arbeiten von Edward P. Thompson orientiert war, ist es insbesondere der 2016 verstorbenen Ellen Meiksins Wood (1942–2016) zu verdanken, den Politischen Marxismus sowohl in Auseinandersetzung mit anderen Marxismen als auch am empirischen Material der Geschichte und Gegenwart theoretisch profiliert zu haben. Die abwertende Fremdbezeichnung »Politischer Marxismus« wurde auf diesem Weg zu einer Selbstbezeichnung, um sich von ökonomistisch-technizistischen Verkürzungen des historischen Materialismus abzugrenzen.

Als Kind jüdischer Eltern, die als sozialistische Bundisten vor den Nationalsozialisten aus Lettland in die USA geflohen waren, studierte Wood in den 1960ern in Los Angeles Politikwissenschaften. Seit den späten 1960ern lehrte Wood dann an der York University in Toronto, Kanada, Politikwissenschaften. Ihr großer Schülerkreis, der ausgehend von ihren theoretischen Arbeiten nahe an Woods Fragestellungen weiterforscht, dürfte mit der beste Beweis ihrer akademischen Produktivität sein, die sich auch in ihrer vielfältigen Veröffentlichungstätigkeit niederschlägt, die in die späten 1970er zurückreicht.

Wood hat in bedeutenden englischsprachigen Zeitschriften der akademischen Linken publiziert, in deren Herausgabe sie etwa bei dem Theorieorgan The New Left Review (1984–1993) und dem marxistischen Magazin Monthly Review (1997–2000) direkt involviert war. Neben tagespolitisch orientierten Essays und Kommentaren hat sie viele ihrer großen Aufsätze zu zentralen theoretischen und geschichtlichen Themen des historischen Materialismus in diversen Journalen veröffentlicht. Besonders im Socialist Register und der Zeitschrift Historical Materalism: Research in Critical Marxist Theory publizierte sie über Jahrzehnte ausführliche Studien, die zumeist die Basis ihrer bedeutenden, in viele Sprachen übersetzten Bücher bildeten.

Ihr erstes Buch ist das mit Neal Wood verfasste Gemeinschaftswerk Class ideology and ancient political theory (1978). Diesem folgte das mit dem Isaac Deutscher Memorial Prize ausgezeichnete The Retreat from Class: A New ›True‹ Socialism (1986), in dem einige Aufsätze, die bis in die späten 1970er zurückreichen, verarbeitet wurden. Der griechischen Antike widmete sie sich mit ihrer Studie Peasant-Citizen and Slave. The Foundations of Athenian Democracy (1988), deren Forschungsansatz nicht nur in der politischen Theorie, sondern auch in den Altertumswissenschaften gewürdigt wurde.

Mit dem Buch The Pristine Culture of Capitalism. A Historical Essay on Old Regimes and Modern States (1991) wandte sich Wood erstmals der zweiten für ihre Forschungen entscheidenden historischen Epoche, der Entstehung des Kapitalismus, zu. Democracy against Capitalism. Renewing Historical Materialism (1995), das 2010 in deutscher Sprache unter dem Titel Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus veröffentlich wurde, versammelt zentrale, seit den frühen 1980ern entstandene Beiträge zur politischen Theorie aus materialistischer Perspektive. Man kann diesen Band durchaus als theoretisches Hauptwerk des Politischen Marxismus bezeichnen. Diesem folgt 1997 ein weiteres Gemeinschaftswerk mit Neal Wood: A Trumpet of Sedition. Political Theory and the Rise of Capitalism 1509–1688. Hiermit knüpft sie an ihr Projekt einer Sozialgeschichte der politischen Ideen an, welches sie am Ende ihres Lebens monographisch vertiefte. Zuvor jedoch hat sie mit The Origin of Capitalism. A Longer View (1999/2002) – das seit 2015 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche vorliegteinen grundlegenden Debattenbeitrag zur Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise geliefert. Mit Empire of Capital (2003) – das in der deutschen Übersetzung den Titel Das Imperium des Kapitals trägt – folgte eine materialistische Analyse der Entwicklung der globalen Herrschaftsverhältnisse im Gegenwartskapitalismus.

Mit ihren Monographien Citizens to Lords. A Social History of Western Political Thought from Antiquity to the Middle Ages (2008) und Liberty & Property: A Social History of Western Political Thought from Renaissance to Enlightenment (2012) kehrte Wood schließlich zu ihren Ursprüngen als materialistische Historikerin des politischen Denkens zurück.

Das Historische im Materialismus 

Die Erneuerung des historischen Materialismus als einer kritischen Theorie der Geschichte ist der zentrale Beitrag von Woods Politischem Marxismus. Diese wird als das nicht-intendierte, dabei weder zufällige noch determinierte Resultat menschlicher Praxis in der Auseinandersetzung mit den materiellen (natürlichen wie gesellschaftlichen) Bedingungen ihrer Existenz verstanden. Ein besonderer Stellenwert wird dabei dem Politischen und seiner Bedeutung für die Geschichte beigemessen.

Geschichte gilt im historischen Materialismus als Resultat und Möglichkeitsraum menschlicher Aktivität. Diese verfolgt ihre rationalen wie irrationalen Zwecke unter Bedingungen, die zum einen naturgesetzlich absolut begrenzt und zum anderen nicht frei gewählt und nicht bewusst gesetzt sind. Vielmehr sind sie das blinde, sich verselbstständigende Resultat der Handlungen aller vorhergehenden Generationen, die ebenfalls unter diesen nicht selbst gewählten und unbeherrschten Bedingungen agierten.

Entscheidend für die materialistische Geschichtstheorie des Politischen Marxismus sind in diesem Kontext drei miteinander zusammenhängenden Momente: Erstens wird die materielle Produktion und Reproduktion nicht zu einer überhistorischen ökonomischen Basis verdinglicht, sondern als eine soziale Form und Sphäre begriffen, die Ausdruck der jeweils historisch spezifischen sozialen Beziehungen und Praktiken ist. Zweitens wird die Dimension des Politischen für die Gesellschaftsstruktur und für den Geschichtsverlauf als besonders gewichtig erachtet. Das gilt sowohl für das Praxismoment des Politischen, welches Wood traditionell-marxistisch vorrangig im Klassenkampf verortet, als auch für das Systemmoment, also dem politischen Apparat, der in der Neuzeit die Gestalt des Staates angenommen hat. Drittens legt Wood größten Wert auf die historische Besonderheit der kapitalistischen Gesellschaft. Diese zeichnet sich durch historisch spezifische soziale und politische Formen mit einer geschichtlich einmaligen Widerspruchsdynamik aus, die sich von allen anderen vorkapitalistischen Gesellschaften qualitativ unterscheidet. Hierzu gehört auch, dass die kapitalistische Gesellschaft die objektiven Möglichkeiten des Sozialismus entwickelt.

Wood hat diese anspruchsvolle Theorie zum einen mittels der Kritik anderer zeitgenössischer marxistischer Theorietraditionen entwickelt, wie sie etwa der analytische oder der strukturalistische Marxismus darstellen. Zum anderen hat sie ihre Theorie in Auseinandersetzung mit der historischen Empirie begründet, was ihr Werk besonders fruchtbar macht.

Neben ihrem Beitrag zur politischen Ideengeschichte hat sie sich vor allem mit einer überaus innovativen Deutung des antiken Athens und einer reflektierten Entstehungsgeschichte des Kapitalismus (in England) hervorgetan. Auch diese Arbeiten dienen nicht nur der historischen Analyse vergangener Zeiten, sondern vor allem auch der Kennzeichnung der historischen Besonderheit des Kapitalismus. Dieser ist eben nicht schon immer Teil der Geschichte gewesen, sondern stellt vielmehr einen echten Bruch mit der vorkapitalistischen Welt dar. Wer das verstanden hat, weiß zugleich auch, dass der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte sein wird. Wohin sich diese bewegt, legen allerdings weder transepochale Geschichtsgesetze noch ökonomistisch verengte Gesetze der Kapitalakkumulation fest. Entscheidend ist vielmehr die menschliche Praxis, was uns zu den politischen Zielen des Politischen Marxismus führt.

Der Weg zum Sozialismus

Wood verbindet mit ihrem Politischen Marxismus ein politisches Ziel: den Sozialismus. Sie versteht ihren historischen Materialismus in doppeltem Sinne als politische Theorie: als materialistische Theorie des Politischen, aber eben auch als eine politische Theorie, die selbst einer emanzipatorischen Praxis dient. Es handelt sich dabei weder um eine technische Anwendung eines theoretischen Programms noch um Wissenschaft, die sich politischen Vorgaben und Interessen unterwirft, sondern um die Aufklärung politischer Praxis über ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen. Wood war zum einen darum bemüht, zentrale politische Fragen eines radikaldemokratischen Sozialismus ins Bewusstsein zu rufen, die schon bei Marx und Engels stiefmütterlich behandelt wurden, obwohl sie überaus zentral für eine sozialistische Vergesellschaftung sind. Das ist an erster Stelle die politische Organisation des Sozialismus, ihre möglichst demokratische, hierarchiefreie Form, die Selbstbestimmung und Partizipation auf allen gesellschaftlichen Ebenen ermöglicht. Dies betrifft gerade auch die materielle Reproduktion. Diese ist, wie wir aus der Geschichte nur zu gut wissen, nicht erst dann schon vernünftig gestaltet, wenn das Privateigentum abgeschafft ist. Da Wood den Marktsozialismus für einen Widerspruch in sich hält, geht es hierbei nicht zuletzt um Probleme ökonomischer Planung sowie ihre nicht-bürokratische und nicht-autoritäre Lösung.

Zum anderen hat Wood eine prägnante Kritik am Irrationalismus und politischen Voluntarismus des »Postmarxismus« vorgelegt. Diese, wie auch die eben skizzierte politische Theorie des Sozialismus, hat sie in ihrem Buch The Retreat from Class: A New ›True‹ Socialism (1986) vorgetragen, welches sehr zeitnah auf den Postmarxismus reagierte, wie ihn etwa Ernesto Laclau und Chantale Mouffe in ihrem Gemeinschaftswerk Hegemony and Socialist Strategy. Towards a Radical Democratic Politics (1985) vertreten. Wood entfaltet eine vernichtende Kritik an dieser akademischen Mode, die bei uns erst seit zwei Jahrzehnten Popularität gewann. Dass der Postmarxismus im übrigen Woods Politischen Marxismus komplett ignoriert, sei nur nebenbei angemerkt, passt aber zur Ersetzung von wissenschaftlicher Erkenntnis durch diskursive Hegemonie.

Lücken und Probleme 

Ein solch imposantes wie gelehrtes Werk, wie es das von Wood zweifelsohne ist, in Kürze zu würdigen, stößt selbstredend an Grenzen. Wenn bisher vor allem einige Highlights des Politischen Marxismus den Artikel durchfluteten, muss am Ende wenigstens noch auf drei neuralgische Punkte hingewiesen werden.

Um mit Woods Kritik des Postmarxismus gleich zu beginnen: Man kommt nicht umhin festzuhalten, dass diese zugleich den Sozialismus sehr traditionalistisch ausschließlich als Werk der Arbeiterklasse begreift. Sicherlich hat Wood Recht, dass der Sozialismus nur dann zur Wirklichkeit werden kann, wenn hinter diesem eine große und mächtige soziale Bewegung steht. Man kommt aber ebenfalls nicht drum herum zu konstatieren, dass die klassische Arbeiterklasse, nicht zuletzt aufgrund des Bedeutungsverlusts lebendiger Arbeit an sozialer Macht verloren hat. Auch wird man kaum davon absehen können, dass Standortnationalismus und Konflikte mit der Ökologiebewegung nicht selten sind und ebenso einen materialistischen Kern haben. Ohne sozialistische Perspektive sind die Arbeiterinnen und Arbeiter tatsächlich auf die Verwertung des Kapitals als ihre Existenzbedingung angewiesen. International Konkurrenz und Naturschutz können daher durchaus auch der kurzfristigen Interessenperspektive der Arbeiterinnen und Arbeiter entgegenstehen.

Eine weitere kritikwürdige Tendenz des Politischen Marxismus ist sein bisweilen apolitisches und ökonomistisch, liberales Verständnis des Kapitalismus. In voll entwickelten kapitalistischen Gesellschaften ist Wood zufolge die ökonomische Sphäre frei von unmittelbarer Gewalt und getrennt von staatlicher Macht, also gleichsam ein reines Marktgeschehen. Sie grenzt hierbei aber nicht nur die tatsächliche Gewaltdimension der kapitalistischen Ökonomie aus, sondern denkt teilweise auch in den Kategorien des Haupt- und Nebenwiderspruchs. Das hierarchische Geschlechterverhältnis und der Rassismus haben für Wood strukturell nichts mit dem Kapitalismus zu tun. Er mache sich diese Ungleichheiten zwar funktionell zu Nutze, an sich sei die Verwertung des Kapitals aber blind für Geschlecht und Hautfarbe.

Einen weiteren blinden Fleck im Politischen Marxismus bildet der Umstand, dass Wood die gesamte europäische Geschichte vom archaischen Griechenland bis zur Französischen Revolution abbildet – und dann abreißt. Geschichte scheint es erst wieder nach 1945 gegeben zu haben. Die für den Sozialismus so entscheidende Zeit zwischen der Französischen Revolution und dem Zweiten Weltkrieg existiert quasi nicht. Diese kritische Auslassung findet sich nicht nur bei Wood, sondern allen Vertreterinnen und Vertretern des Politischen Marxismus, was mehr als irritierend ist. Wer am Sozialismus als dem Ziel politischer Praxis festhält, muss seine geschichtlichen Irr- und Abwege nicht weniger studieren als die moderne Konterrevolution, mit der er besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konfrontiert wurde. Faschismus, Nationalsozialismus, Stalinismus und auch die Zustände im nachstalinistischen Staatssozialismus werden im Politischen Marxismus hingegen mit Ignoranz bedacht. Der Politische Marxismus hätte das analytische Arsenal um auch jene Zeit des Aufstiegs und des Niedergangs der Arbeiterbewegung innovativ zu interpretieren. Es scheint ihm bisher allerdings jedes Interesse hierfür gefehlt zu haben.

Trotz dieser und anderer offener Fragen gibt es viele gute Gründe, die Arbeiten von Ellen M. Wood zu studieren. Neben ihren vielfältigen theoretischen Interventionen sind vor allem ihre historischen Analysen hervorzuheben, zumal die deutschsprachige materialistische Forschung eine Tendenz hat, die Geschichte gegenüber systematischer Theoriebildung zu vernachlässigen. Mit der klassischen Antike wendet sich Wood zudem auch jener Epoche zu, die für Marx noch selbstverständliches Bildungsgut war, heute aber zumeist den Konservativen überlassen wird.

Der theoretische Mehrwert, der vermittelt immer auch einer der Praxis ist, ist ihren Leserinnen und Lesern deshalb gewiss. Woods Politischer Marxismus ist eine beeindruckende Verlebendigung der vermittelten Einheit von Theorie und Empirie, von Begriff und Geschichte. Gleichermaßen brilliert sie in der Erörterung zentraler theoretischer Fragestellungen wie in der Darstellung epochaler geschichtlicher Entwicklungen. Wood war mit den marxistischen Theoriedebatten der Gegenwart genauso vertraut wie mit der realen Geschichte. Dass diese uns zwar keine sozialistische Zukunft versprechen kann, wohl aber die Illusion der Alternativlosigkeit des Kapitalismus zerstört, ist eine der wertvollsten Erkenntnisse, die uns das Werk von Wood zu vermitteln vermag. Der Umstand, dass der historische Materialismus auch im 21. Jahrhundert beachtliche Vertreterinnen und Vertreter hat, ist nicht zuletzt dem Werk Ellen M. Woods zu verdanken. Es bleibt an uns, an diese Vorarbeit produktiv wie kritisch anzuschließen.

Hendrik Wallat ist promovierter Soziologe und Politikwissenschaftler. Im April erscheint seine Studie »Politischer Marxismus. Ellen M. Woods Beitrag zur Aktualisierung des historischen Materialismus« im Verlag Westfälisches Dampfboot.

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