14.12.2020

Rechte Dandys

Wer vom Faschismus spricht, darf vom Bildungsbürgertum nicht schweigen.

Bildungsbürger und Rechtspopulisten 
eng umschlungen im Tanz. Beide 
träumen vom vermeintlichen Glanz vergangener Zeiten.

Bildungsbürger und Rechtspopulisten eng umschlungen im Tanz. Beide träumen vom vermeintlichen Glanz vergangener Zeiten.

Illlustration: Sebastian Voigt.

An einem frühen Nachmittag im April 2018 bricht Unruhe aus in Dresdens Stadtbibliothek. Auf dem Altmarkt vor dem Kulturpalast, in dem sich die Bibliothek befindet, wird das grauschwarz lackierte, hölzerne Modell eines Pferdes aufgestellt. Daneben ein kleiner Pavillon mit der Aufschrift »Kunst ist frei«. Zuerst erregt das Geschehen wenig Aufmerksamkeit. Als ein junger Mann herbeieilt und sagt, dass es sich um eine »rechte Versammlung« handelt, weicht die Starre einem hektischen Treiben. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eilen in das Erdgeschoss und stellen bunte Banner mit den Aufschriften »Augen auf«, »Herzen auf« und »Türen auf« in die Fenster des Kulturpalasts. Es ist offensichtlich nicht das erste Mal, dass sie diese Spruchbänder platzieren. Nach mehr als drei Jahren Pegida haben Dresdens städtische Kulturinstitutionen Routinen entwickelt, um sich von den Aktionen zu distanzieren, denen sie als Kulisse dienen.

Kurz darauf beginnt die Kundgebung. Martialische Musik ertönt und ein professionell eingesprochener Text erzählt – mit Kriegsgeräuschen unterlegt – die Legende vom Trojanischen Pferd. Das Intro endet mit mahnenden Worten: »Mit dem Mythos vom trojanischen Pferd haben wir eine bildhafte Parallele zu unserer besorgniserregenden Gegenwart gefunden.« Denn, so weiter, »nicht infolge eines Sieges der belagernden Invasoren, sondern durch Tücke und ohne die Einwohnerschaft Trojas zu befragen, wurde dem Gegner die schützende Mauer geöffnet.« Dieses »Kunstwerk« sei als ein Mahnmal zu verstehen. Wer die heutigen Invasoren sein sollen, wird nicht gesagt, ist aber allen klar. Die Versammlung ist eine auf den ersten Blick bizarr anmutende Mischung aus ehemals angesehenen Mitgliedern des Dresdner Bildungsbürgertums und Pegida-Anhängern. Eine der Hauptorganisatorinnen ist Susanne Dagen, eine bekannte Dresdner Buchhändlerin und Vertraute Götz Kubitscheks sowie Uwe Tellkamps.

Melange aus Bildungsbürgern und Radikalen

Der Anteil eines lokal verankerten und aktiven Bildungsbürgertums und lokaler bürgerlicher Salons und Kultureinrichtungen wie Dagens Buchhandlung an der Etablierung reaktionärer Netzwerke ist bisher wenig beleuchtet worden. Dabei ist es angesichts der Geschichte des konservativen Bildungsbürgertums in Dresden wenig überraschend, dass sich hier um eine Vielzahl privater und halbprivater Salons eine intellektuelle Gegenkultur von rechts bilden konnte. Denn einer der Gründe für die zentrale Stellung Dresdens innerhalb eines rechten Bildungsbürgertums ist die lange Geschichte konservativer Kreise, die im Dresden der DDR eine tragende Rolle als kulturelle Gegenbewegung zum realsozialistischen Regime spielten.

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