20. März 2026
Versuche, rechte Narrative mit Fakten zu entkräften, laufen oft ins Leere. Der Literaturwissenschaftler Morten Paul erklärt, warum das so ist und was den Reiz dabei ausmacht, Fake News zu verbreiten oder eine Partei wie die AfD zu unterstützen.

Tino Chrupalla und Alice Weidel im Deutschen Bundestag.
Die Taktik, mit Rechten zu reden, um sie »inhaltlich zu stellen«, ist gründlich gescheitert. In Baden-Württemberg konnte die AfD zuletzt ihren Stimmenanteil verdoppeln und ist mit 18,9 Prozent die drittstärkste Partei geworden. Bei den im September anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt sehen Umfragen sie sogar mit rund 40 Prozent als mit Abstand stärkste Kraft. Der logische nächste Schritt wäre – wollte man einigen CDU-Politikern trauen – der Versuch, sie »durch Regierungsbeteiligung zu entzaubern«. Diese Verschiebung macht sich bemerkbar. Begriffe wie »Remigration« als Euphemismus für Massendeportationen von Menschen, die »nicht ins Stadtbild passen«, waren bis vor kurzem nur Neonazis bekannt. Heute begegnen sie uns alltäglich: In politischen Diskussionen bei der Arbeit und in der Kneipe und selbst in vielen Familien hat er längst Einzug gehalten.
Doch worüber sollte man eigentlich mit Rechten reden? Rechte Rede ist weniger ein konkreter Inhalt, als eine Form: Provozieren, Zurückrudern, Dementieren, krassere Provokation obendrauf setzen. Niemand beherrscht dieses Spiel mit der Aufmerksamkeitsökonomie so gut wie der US-amerikanische Präsident Donald Trump. Sein ganzer Regierungsstil scheint aus Ablenkungsmanövern und Eskalationsspiralen zu bestehen – mit fatalen Folgen, nicht nur für die US-Bevölkerung. Doch auch die deutsche Rechte hat schnell gelernt, dieses Spiel zu spielen. Die Trennlinie zwischen wirklicher politischer Rede, medialen Ablenkungsmanövern und Satire verschwimmt zusehends. Davon profitieren vor allem die Rechten.
Der Literaturwissenschaftler Morten Paul befasst sich mit kritischen Theorien des Faschismus und fragt, was sich aus diesen für die Gegenwart lernen lässt. Er ist Herausgeber des Buches Was war Faschismustheorie?, das im Mai im Verbrecher Verlag erscheint, sowie Mitherausgeber von Faschismus. Ein Reader, der im September beim Suhrkamp Verlag veröffentlicht wird. Mit Jacobin sprach er über rechte Kommunikationsstrategien und mögliche linke Antworten auf diese.
In ihrem Umgang mit dem Erstarken rechtsradikaler Stimmen in Deutschland erscheinen die bürgerlichen Medien orientierungslos. Sie fallen immer wieder auf das ragebait der Rechten rein, etwa als sie nach dem Gründungskongress der Generation Deutschland vergangenen November sehr viel mehr über den Hitler-Imitator Alexander Eichwald berichteten als über den neuen Vorsitzenden. Hat sich dann nicht auch das Satiremagazin Titanic, das diesen zeitweilig als eigene Satireaktion reklamierte, zum Erfüllungsgehilfen rechter Medientaktik gemacht, indem sie geholfen hat, von der Wahl des Rechtsradikalen Jean-Pascal Hohm zum Vorsitzenden abzulenken?
Es war einige Zeit nicht klar, ob es sich wirklich um eine Aktion der Titanic handelt, oder ob diese Behauptung selbst ein Gag ist, der sich über die mediale Aufmerksamkeitsökonomie lustig macht, während er an ihr partizipiert. So oder so illustriert die Causa Eichwald gut die Mechanismen der medialen Dauererregung, in der wir uns befinden: Die Krone setzte dem Ganzen auf, das im Nachgang des Gründungskongresses zu lesen war, Eichwald sei zwar zu einem Interview bereit, aber nur gegen entsprechende Bezahlung – was später wiederum dementiert wurde. Das ragebait ist allgemein geworden, dem rechten Original kommt das zugute.
Die Konzentration auf Eichwald war aber auch deshalb ein Problem, weil der neue Verband und die Partei in diesem Fall schnell und einigermaßen überzeugend deutlich machen konnten, mit Eichwald nichts zu tun haben zu wollen. Man muss deshalb aber genau darauf schauen, warum und wovon man eigentlich auf Abstand ging: Das war der Auftritt Eichwalds, der viele zu deutlich an Hitler und Co. erinnerte. Diese Assoziationen wurden als Risiko betrachtet, wo sich die AfD-Jugend doch überhaupt nur neu gründen musste, weil ihr rechtsradikales Image drohte, die Partei zu gefährden.
»Friedrich Merz muss als CDU-Vorsitzender und Bundeskanzler den seriösen Staatsmann mimen. Er kann die schmierige Lust an der billigen Provokation nicht ownen.«
Wovon sich allerdings niemand distanzierte, waren die Inhalte der Rede. Im Gegenteil: Wenn man sich die Kampfkandidaturen, die es bei der Gründung gab, anschaut, sieht man, dass durchweg die radikalere Person das Rennen gemacht hat. Hier zeigt sich der Spagat, den die Generation Deutschland vollziehen muss: Einerseits sich seriös geben, gemäßigte Wähler nicht verschrecken und Verbotsbemühungen unterlaufen, andererseits den rechtsextremen Erlebnisraum offenhalten, der auch die AfD für viele erst attraktiv macht.
Welche Rolle spielt dieser Spagat für den Aufstieg der AfD?
Sie muss »regierungsfähig« auftreten, ohne ihr Erregungspotential einzubüßen. Denn das ist es ja, was den lustvollen Sadismus der AfD von der biederen Menschenfeindlichkeit etwa der CDU/CSU oder auch der SPD unterscheidet. Er ist ihr Kernangebot. Im Spiel mit der Grenzüberschreitung wird ein sehr wirkmächtiges Mittel geschaffen, um die Welt in Freunde und Feinde zu teilen. Es geht also immer darum, den Punkt zu treffen, der maximale Aufregung produziert, aber im Zweifelsfall ein Stück weit zurückgenommen werden kann: Ihr habt das falsch verstanden, das war so nicht gemeint, man darf nichts mehr sagen. Das erklärt die Bedeutung des uneigentlichen Sprechens und des Hörensagens. Bei Eichwalds Rede war offensichtlich der Punkt überschritten, an dem eine halbwegs plausible Relativierung möglich schien. Das kann morgen schon anders sein.
Diese Inkonsistenz scheint ein einender Zug der gegenwärtigen Rechten zu sein: Alice Weidel und Tino Chrupalla sind ja auch erstmal nicht die klassischen charismatischen Führerpersönlichkeiten. Auch Donald Trump scheint in seinen Äußerungen meist eher verwirrt als zielgerichtet.
Das gehört aber zum Erfolgsrezept. Davon lenkt die Spekulation über Trumps psychischen Zustand eher ab. Was die Faszinationskraft dieser politischen Persona ausmacht, für die Ronald Reagan und Silvio Berlusconi Vorbilder darstellen, ist nicht so sehr das Bild eines charismatischen Führers, den man bewundert. Es ist vielmehr, so hat der Philosoph Brian Massumi das beschrieben, die Faszination für einen strauchelnden Körper, der eine Drahtseilakt aufführt, bei dem wir – Fans und Gegner – nicht wegschauen können. Trump hat darin eine große Meisterschaft, neben der Weidel und Chrupalla zum Glück noch sehr blass bleiben. Das ist Politik als Reality-TV.
Man kann auch an Javier Mileis Auftritte mit Kettensäge denken, wie einem B-Movie entsprungen. Dabei geht es hauptsächlich um die Zurschaustellung eigener Macht durch die Demütigung anderer – ob reale oder fantasierte, ist zweitrangig, entscheidend ist der Auftritt: Der sagt das einfach, der macht das einfach, selbst wenn es nachher von Gerichten kassiert wird oder eine Richtigstellung erfolgen muss. Das unterscheidet auch Friedrich Merz noch von diesen Leuten, obwohl er immer wieder versucht, auf der Welle mitzuschwimmen. Wir sehen das besonders, wenn er unter Druck gerät. Aber er muss zugleich als CDU-Vorsitzender und Bundeskanzler den seriösen Staatsmann mimen. Er kann die schmierige Lust an der billigen Provokation nicht ownen.
Das heißt aber, auch bei den Anhängerinnen und Anhängern findet nicht so sehr eine Identifikation statt, sondern eher ein angestoßen und angesteckt werden. Wir haben es mit einer sehr beweglichen und dehnbaren Form der Verbindung zwischen Führerfigur und Followern – im Wortsinne, denn die Sozialen Medien sind die mediale Infrastruktur dieser Verbindung – zu tun, die es erlaubt, ein großes Spektrum an Positionen und Identitäten zu integrieren.
»Im Zuge des Neoliberalismus wurde die Figur des Trickbetrügers und Schwindlers, der sich durchsetzt und um jeden Preis persönlich bereichert, erst attraktiv. Schon vor seinem Einstieg in die Politik war Donald Trump dafür die Referenz.«
Ihnen erteilt Trump durch das Scheißen auf Regeln und Etikette die Lizenz, das ebenso zu tun, oder sich zumindest in dieser Rolle zu imaginieren, ohne, dass sie dafür genauso sein müssten wie er – das können sie in der Regel schon aufgrund des exorbitanten Vermögensunterschieds nicht. Die Flexibilität hat daher auch eine Kehrseite, denn die Grenzen, die dann doch gezogen werden müssen, um die Zugehörigkeiten, Gegnerschaft und Ausschlüsse zu organisieren, ohne die dieses Spiel nicht funktioniert, werden mit umso größerer Härte und Brutalität überwacht und durchgesetzt.
Wieso ist diese Art der Politik gerade heute so erfolgreich?
Es ist kein Zufall, dass es die Krise des Neoliberalismus war, die diesen Politiker-Typus nach oben gespült hat. Der Neoliberalismus verkauft sich selbst als ein politisches Regime, das nur den Gesetzen des Marktes und den auf ihm agierenden Individuen verpflichtet ist. Wir haben es mit der Vorstellung einer unpolitischen Politik zu tun, die nur die Bedingung schafft, unter denen jede dieser Ich-AGen ihres eigenen Glückes Schmiedin ist. Spätestens mit der Krise 2008 wurde aber deutlich, dass das Spiel von vornherein mit gezinkten Karten gespielt worden ist. Was wir erlebt haben, ist Raubbau am Gemeinsamen, die Privatisierung der Gewinne, aber eine Sozialisierung der Verluste und Kosten. Das Zusammenstreichen des Sozialstaats wurde von Anfang an begleitet vom massiven Ausbau der Polizei, von Kriminalisierung, Repression und Überwachung.
Der Neoliberalismus als Klassenkampf von oben hatte immer auch eine autoritäre Dimension. Linke Alternativen blieben dagegen zahnlos oder vom liberalen Establishment bis in die Sozialdemokratie und grüne Parteien hinein, das nicht bereit war, sich vom neoliberalen Paradigma zu lösen, erbittert bekämpft. In diesem Zuge wurde die Figur des Trickbetrügers und Schwindlers, der sich durchsetzt und um jeden Preis persönlich bereichert, erst attraktiv. Diese Figur ist in der Populärkultur der letzten zwanzig Jahre omnipräsent – schon vor seinem Einstieg in die Politik war Donald Trump in Popsongs oder Filmen dafür die Referenz. Als politische Figur drückt er einen Bruch mit den liberalen Versprechen, dem respektablen Selbstbild des Neoliberalismus aus, aber schließt zugleich unmittelbar an das an, was darin am Ende entscheidend geblieben war: Erfolg.
Würdest Du also sagen, dass diese zelebrierte Inkonsistenz, diese offen zur Schau getragene Obszönität ein Charakteristikum ist, das der neue Autoritarismus aus dem Neoliberalismus hat?
Die Individualität der einzelnen Führungspersönlichkeiten scheint mir, ganz der neoliberalen Logik und dem Modell Reality-TV folgend, heute mehr im Vordergrund zu stehen. Sie erheben nicht mehr in gleicher Weise den Anspruch, eine Allgemeinheit zu repräsentieren, höchstens noch ihre Aspirationen zu verkörpern. Die Show-Seite des Ganzen ist dagegen nicht neu: Auch der historische Faschismus hatte in seinem Hang zu grotesken Masseninszenierungen, die sich aller möglichen passenden und unpassenden Versatzstücke aus der Kulturgeschichte bedienten, diesen Zug.
Insofern schließen die heutigen Vertreterinnen und Vertreter an historische Vorbilder an. Und es wäre daher ein fataler Fehler, aus der Lächerlichkeit zu schließen, diese Bewegungen seien harmlos. Im Gegenteil, das Performative entwickelt eine Eigendynamik. Deshalb kippt es auch so zielsicher in Gewalt: Gerade da, wo etwas ins Leere läuft oder droht, von der Realität brüskiert zu werden, muss noch eins draufgesetzt werden, damit die Maschine weiterläuft. So werden Fakten geschaffen. Ich denke, wir sehen das gerade auch auf der weltpolitischen Bühne. Vielleicht verhält es sich damit so ähnlich wie mit Spekulationsblasen. Gerade weil alle wissen, dass hier der Bluff herrscht, darf er nicht auffliegen. Die Folgekosten sind zu hoch.
Dennoch betonst Du immer wieder, dass es zu kurz greift, die Wahlerfolge der AfD als bloßes »Protestwählen« zu verstehen. Gerade Wähler aus Schichten, deren Interessen die AfD gar nicht vertritt, schöpfen einen Lustgewinn daraus, sie zu wählen.
Die Lust kommt meiner Meinung nach gerade aus dem performativen Charakter. Man kann hier mit Augenzwinkern sprechen, man darf Sachen sagen, von denen man weiß, dass sie andere auf die Palme bringen. Der Troll, wie wir ihn aus dem Internet kennen, ist die paradigmatische Figur. Darum macht es auch nur begrenzt Sinn, Rechte der Lüge oder der Verbreitung von Fake News zu überführen. Sobald das geschafft ist, sind die schon wieder ganz wo anders.
»Es macht nur begrenzt Sinn, Rechte der Lüge oder der Verbreitung von Fake News zu überführen. Sobald das geschafft ist, sind die schon wieder ganz wo anders.«
Als »flood the zone with shit« hat der rechtsextreme Publizist und frühere Trump-Berater Steve Bannon die mittlerweile viel diskutierte Medienstrategie beschrieben, Trump setzt sie seit seiner zweiten Amtszeit in Regierungshandeln um. Man kommt nicht mehr mit, und das ist der Sinn der Sache. Zumal es im Privaten bei dieser Art von Rede oft – das hat der Soziologe Nils Kumkar herausgearbeitet – vor allem darum geht, Zugehörigkeit zu politischen Lagern zu bestimmen: Wenn mein Onkel Verschwörungserzählungen verbreitet, die er aus einem Telegram-Chat aufgeschnappt hat, dann ist es zweitrangig, ob er selbst wirklich daran glaubt. Die Weiterverbreitung soll Ablehnung oder Zustimmung erzeugen – wer ist mit mir und wer ist gegen mich?
Wir haben es also hier gar nicht mit einer politischen Debatte im klassischen Sinne des Austausches von rationalen Argumenten zu tun? Demnach wäre es also auch zwecklos, diese immer und immer wieder zu debunken.
Ja, wir haben es hier mit anderen Dynamiken zu tun. Mit Massumi könnten wir sie damit vergleichen, was passiert, wenn ich nachts verschlafen auf dem Weg zur Toilette vor ein Tischbein trete: Im ersten Moment merke ich nur den Schmerz in meinem Fuß, der aus dieser Begegnung mit der Außenwelt herrührt. Vielleicht verfluche ich sogar den Tisch dafür, dass er in meinem Weg rumsteht. Im zweiten Moment, wenn das Pochen abklingt, kann ich auch innerlich einen Schritt zurücktreten, das Licht anmachen und die Situation im Flur betrachten. Stattdessen entscheide ich mich aber dafür, bei der eigenen Kränkung zu verweilen und an meinem Zorn festzuhalten.
Bei einem Tischbein erscheint das absurd, aber Ressentiment funktioniert so: Jeder gefühlte Zusammenstoß wird umstandslos auf eine Gruppe in der Welt projiziert, die an ihm schuld sein soll, ohne die eigene Rolle oder auch nur die konkrete Situation einzubeziehen. Das ist, trotz oder vielleicht gerade wegen des Verweilens bei negativen Gefühlen, auch eine bequeme Position: Ich muss nicht in eine Auseinandersetzung gehen, die möglicherweise auch mich verändern wird. Das Verweilen beim Gefühl, nun immer mehr losgelöst vom auslösenden Anlass, setzt dagegen eine Radikalisierung und Selbstberauschung in Gang.
Rassismus und Antifeminismus eignen sich deshalb besonders gut dafür, weil sie sich vermeintlich auf klare Sinneseindrücke beziehen und zugleich als weit verbreitete kulturelle Erklärungsmuster, zu denen dann zentral auch der Antisemitismus gehört, eine lange Geschichte haben. Diese Muster liegen bereit; etwa dann, wenn Friedrich Merz von »Problemen im Stadtbild« redet.
Was ergibt sich denn daraus konkret für mich, in meinem Umgang zum Beispiel mit diesem rechtsdriftenden Onkel?
Das ist der Härtetest für jede Faschismustheorie. [lacht] Ich denke, es ist gut, nicht über jedes Stöckchen zu springen. Sobald man sich darauf einlässt, ist man schon in einem Rückzugsgefecht gefangen und nur noch am Richtigstellen, Nachrecherchieren – man ermöglicht denen Lustgewinn und versenkt viel Zeit und Energie, die man gut für anderes brauchen kann.
Gleichzeitig kann die Schlussfolgerung nicht sein, man lässt ihn reden. Wenn es keinen Widerspruch gäbe, würde er sich den herbeifantasieren. Gerade im familiären Umfeld und für die anderen, drum herum, ist es auch wichtig klare Kante zu zeigen und zu sagen: Das, was du gerade gesagt hast, geht nicht, ist rassistisch, homophob und so weiter, was willst du damit sagen? Und damit den Redefluss unterbrechen, im Zweifelsfall das Gespräch abbrechen. Leichter gesagt als getan, ich weiß. Deswegen waren aber auf gesellschaftlicher Ebene die massenhaften und entschiedenen Proteste gegen den Gründungskongress der Generation Deutschland so wichtig. Und deswegen ist die massive Kriminalisierung des Antifaschismus, wie wir sie derzeit öffentlich fast unwidersprochen erleben, ein Riesenproblem.
»Wir sollten uns durch unsere Gegnerschaft zur AfD nicht dazu verleiten lassen, die Situation davor oder gar den politischen Status quo zu verklären und sie nun als kleineres Übel zu verteidigen.«
Neben diesen antifaschistischen Interventionen sollten wir uns fragen: Was ist das Angebot, das wir machen? Wir können dafür überlegen, was rechte Politik überhaupt für viele attraktiv macht, von welchen schwierigen gesellschaftlichen Fragen sie ablenkt, welche Wünsche sie adressiert, für welche Sorgen sie eine Scheinlösung anbietet. Was wäre ein Umgang mit diesen Fragen, Sehnsüchten und Sorgen, der nicht Ressentiments bewirtschaftet, ein Umgang, der niemanden vor den Bus wirft, sondern stattdessen vielmehr Leute mitnimmt?
Denn Probleme gibt es genug. Wir sollten uns durch unsere Gegnerschaft zur AfD nicht dazu verleiten lassen, die Situation davor oder gar den politischen Status quo zu verklären und sie nun als kleineres Übel zu verteidigen: Der neoliberale Kapitalismus richtet Verheerungen an, und das Scheitern sowohl der repräsentativen Demokratien als auch linker gesellschaftlicher Kräfte, auf seine Krisendynamik eine überzeugende Antwort zu finden, bilden den Boden, auf dem sich aktuelle Faschisierungsprozesse entfalten, die weiter reichen als die beängstigenden Wahlerfolge extremrechter Parteien.
Was wäre ein alternativer Umgang?
Ich finde, der Linkspartei ist die skizzierte Doppelstrategie im Bundeswahlkampf ziemlich gut gelungen. Sie hat ohne Wenn und Aber der Erzählung, Migration sei das zentrale Problem, das gelöst werden müsste, widersprochen, die ansonsten parteiübergreifend Konsens war. Und sie hat mit der krassen Ungleichheitsentwicklung klug einen eigenen Punkt gesetzt, mit dem sie den Zusammenhang zwischen der Vermögenskonzentration bei einigen wenigen und den stagnierenden Löhnen und explodierenden Lebenshaltungskosten bei den allermeisten aufzeigen konnte. Beides war anschlussfähig.
Eine Freundin hat mich kürzlich außerdem noch einmal an die zahlreichen Christopher-Street-Day-Paraden erinnert, die letztes Jahr in ostdeutschen Städten unterstützt von Antifaschistinnen und Antifaschisten trotz oder gerade wegen der massiven rechten Angriffe auf sie durchgeführt wurden, nach dem Motto: Jetzt erst recht! Denn es geht nicht allein um soziale Sicherheiten, wenn sie auch eine entscheidende Grundlage sind, sondern auch um Vorstellungen davon, wie ein Leben aussehen kann, in dem Selbstbestimmung und Verbundenheit, Solidarität und Eigensinn sich nicht ausschließen, sondern zusammengehören.
Nur dann behält linke Politik die Offenheit, ihre antiautoritäre Stoßrichtung, die sie von rechter Politik grundlegend unterscheidet, und gewinnt zugleich den nötigen Schwung, der es mit der rechten Mobilisierung des Ressentiments aufnehmen kann. Das ist die Herausforderung. Mir jedenfalls hat sehr gefallen, als bei Zohran Mamdanis Amtseinführung Lucy Dacus das alte Arbeiterinnenlied »Bread and Roses« gesungen hat: »Yes, it is bread we fight for, but we fight for roses too.«
Morten Paul ist Literaturwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum.