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12. Juli 2026

Für Roms Arbeiter war das Leben hart, brutal und kurz

Unser Bild des Römischen Reichs ist geprägt von den Monumenten und dem Lebensstil urbaner Eliten. Eine neue Untersuchung lenkt nun den Blick auf die 90 Prozent der Bevölkerung, deren brutal ausgebeutete Arbeitskraft all das erst möglich machte.

Ein Relief aus der Nekropolis von Isola Sacra zeigt Steinmetze bei der Arbeit.

Ein Relief aus der Nekropolis von Isola Sacra zeigt Steinmetze bei der Arbeit.

IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Unser Bild von Rom mit seiner effizienten Infrastruktur und prachtvollen Architektur ist untrennbar mit den Namen der Kaiser, Feldherren und wohlhabenden Senatoren verbunden, die deren Errichtung und Verwaltung in Auftrag gaben (und finanzierten). In dieser Vorstellung scheint die wirtschaftliche Komplexität des Römischen Reiches das Ergebnis des Handelns einiger weniger mächtiger und wohlhabender Männer zu sein, die eine Masse namenloser Arbeiterkräfte befehligte.

Es mag nicht überraschen, dass die wirtschaftliche Dynamik der römischen Wirtschaft am klarsten anhand des zentralisierten Landguts zum Ausdruck kommt. In der römischen Welt bestand der einfachste Weg, Produktion und Austausch zu maximieren, darin, dass diejenigen, die über Arbeit verfügten, die tatsächlich Arbeitenden stärker ausbeuteten – und zwar unabhängig davon, ob es sich um freie oder versklavte Menschen handelte. Aus dieser Perspektive war jede Form von Ungleichheit, die das römische System erzeugte, eine natürliche Folge seiner inhärent vorkapitalistischen Wirtschaft.

Das Buch Surviving Rome der Archäologin Kim Bowes bietet uns eine grundlegend andere Sicht auf Roms Wirtschaftsleben. Es verlagert den Fokus von makroökonomischen Faktoren hin zu sogenannten gewöhnlichen Menschen und zeigt uns, wie diese in den vier Jahrhunderten zwischen der späten Republik (1. Jahrhundert nach Christus) und dem mittleren Kaiserreich (3. Jahrhundert nach Christus) lebten, arbeiteten und starben. Es erzählt nicht die große Geschichte vom wirtschaftlichen Aufstieg und Niedergang des Reiches, sondern präsentiert stattdessen viele Mikrogeschichten von Männern, Frauen und Kindern, die sich als Bauern, Hirten, Spinner, Töpfer, Sklaven oder als Ladenbesitzer – manchmal nur in nebenberuflicher Tätigkeit – ihren Lebensunterhalt abringen mussten.

»Die treibende Kraft der römischen Wirtschaft war weder der römische Staat mit seinen Apparaten, wie dem Militär oder der Finanzverwaltung, noch die superreichen senatorischen Großgrundbesitzer, die ihre Güter verwalteten.«

Das Buch ist keine Geschichte wohlhabender und glücklicher Menschen. Im Gegenteil: Es beschreibt das Leben arbeitender Römerinnen und Römer, die eine enorme Vielfalt an Gütern produzierten und konsumierten und damit zu einem unterdrückerischen Wirtschaftssystem beitrugen, das den Großteil der Bevölkerung zwang, die Produktion stetig zu steigern, um dem Druck zwanghaften Konsums und der daraus resultierenden Verschuldung standzuhalten. Ihre sozialen Verhältnisse weisen vielen Parallelen zur Lage der Arbeiterklasse unter dem gegenwärtigen Kapitalismus auf.

Geschichte von unten

Kim Bowes ist derzeit Professorin für Classical Studies an der University of Pennsylvania. Sie ist eine anerkannte Spezialistin für materielle Kultur und die Wirtschaft der römischen Welt. Sie hat ausführlich über Wohnverhältnisse, die soziale Bedeutung von Geld, Schulden und Sparen sowie über zahlreiche Aspekte des Alltags in der Antike geschrieben. Bowes wissenschaftliches Arbeiten ist geprägt von einem ausgeprägten Interesse für die Armen, insbesondere die ländlichen Armen.

Zwischen 2009 und 2014 leitete sie die erste systematische archäologische Untersuchung römischer Bauern: The Roman Peasant Project, 2009-2014: Excavating the Roman Rural Poor wertet archäologische Daten von nicht-elitären ländlichen Fundstätten in der südlichen Toskana aus, um zu zeigen, wie einheimische Bauern ihre Unterkünfte, Ernährung, Höfe und landwirtschaftliches Vorgehen, inklusive der Mobilität von Arbeitskraft und Markttransaktionen, organisierten.

Die Ergebnisse legen nahe, dass bäuerliche Kleinbesitzer, die in spezialisierten Höfen über das ländliche Gebiet verteilt waren – und nicht etwa Großgrundbesitzer – die Landschaft prägten. Dieses Muster »verteilter Gehöfte« ermöglichte es den Bauern, das Land zu besiedeln und die Nutzung unterschiedlicher Parzellen zu optimieren. Landwirtschaft war nicht einfach auf die Getreideproduktion zur Selbstversorgung ausgerichtet: Tatsächlich intensivierten Bauern ihre Agrarproduktion durch abwechselnde Fruchtfolge von Getreide und Hülsenfrüchten in Verbindung mit Investitionen in Tierhaltung. Tiere dienten dem Pflügen und, wenn sie diese Aufgabe im Alter nicht mehr erfüllen konnten, waren sie ein wichtiger Bestandteil der bäuerlichen Ernährung.

»Die 90 Prozent der Römerinnen und Römer hatten kaum Möglichkeiten, ihre Einkommen zu steigern und etwas zur Seite zu legen, um den Risiken einer Agrarwirtschaft mit schwankenden Erträgen zu begegnen.«

Solch vielschichtiges Konsumverhalten – mit Getreide, Gemüse, Obst und Fleisch als Bestandteile der Ernährung – stützt die These, dass die Landbevölkerung nicht allein für die parasitäre Stadt als Konsument produzierte, in der die Eliten üblicherweise residierten und ihr angehäuftes Vermögen investierten. Vielmehr schafften auch sie selbst eine bedeutende Nachfrage.

Die Ausgrabungsdaten zeigen, dass Stadt und Land nicht in einem starren Abhängigkeitsverhältnis zueinander standen. Vielmehr waren sie in einem komplexen Netzwerk der Herstellung und des Konsums verschiedenster Güter miteinander verbunden, darunter Keramik, Glas, Leder und Textilien. Arbeit bewegte sich recht frei zwischen verschiedenen Orten: Bauern pendelten täglich von ihren Behausungen zu ihren verstreut liegenden Feldern, gelegentlich zogen sie auch zu nahe gelegenen ländlichen und städtischen Märkten, wo sie ihre Ernte gegen Geld eintauschten – das wiederum zum Kauf von Nahrungsmitteln, die sie nicht selbst erzeugen konnten, sowie von Töpferwaren und Handwerksgütern verwendet wurde.

Das von Bowes geleitete Projekt entwirft ein flexibles, ökonomisch geprägtes Bild der einfachen Menschen, die das römische Land besiedelten. Diese Bauern wiesen ein hohes Maß sozialer Differenzierung auf und ernährten sich wahrscheinlich in vielfältiger Weise und auch von Proteinen. Ihre agrarische Organisation stützte sich auf verschiedene Formen der Landpacht und eine Arbeitsteilung, die alle Mitglieder des Haushalts einband. Austausch fand in einer monetarisierten Wirtschaft mit freiem Zugang zu und Eingriff in externe Märkte statt.

Vom Feld zur Wirtschaftstheorie

Im Anschluss an The Roman Peasant Project veröffentlichte Bowes einen wichtigen theoretischen Aufsatz, der kliometrische Ansätze zur Erforschung der römischen Wirtschaft scharf kritisiert. In »When Kuznets Went to Rome« argumentiert sie, dass makroökonomische Studien, die versuchen Gesamtsummen oder pro Kopf BIPs, Ungleichheitsindizes oder Lohnniveaus zu rekonstruieren, nichts über das tatsächliche ökonomische Wohlbefinden der römischen Bevölkerung aussagen (oder der arbeitenden Bevölkerung vor der industriellen Revolution allgemein).

Da solche Studien von unveränderlichen Konsumniveaus für den Lebensunterhalt ausgehen, demonstrieren sie teleologisch den tendenziellen Stillstand aller vormodernen Wirtschaften (einschließlich der römischen) im Vergleich zum industriell angetriebenen Wachstum. Im Kern wiederholen sie ideologisch das dominante historische Paradigma des progressiven Wachstums als wichtigste wirtschaftliche Triebkraft jeder historischen Gesellschaft und übertragen damit retrospektiv eine zeitgenössische politische Dynamik auf die Vergangenheit.

»Die römischen 90 Prozent steckten, ähnlich wie die modernen Amerikaner, dauerhaft in Schulden und Prekarität war allgegenwärtig.«

Wie Bowes betont, verraten aggregierte Wachstumszahlen oder vergleichbare Schätzungen, die als wirtschaftliche Indikatoren herangezogen werden, ebenso wenig über die Bedürfnisse und Chancen der arbeitenden Römerinnen und Römer wie über die tatsächlichen Verhältnisse der zeitgenössischen Arbeiterklasse. Solche Makrodaten wiederholen schlicht die metahistorische Teleologie von »Aufstieg und Niedergang« im scheinbar neutraleren und akzeptableren Idiom der Ökonomie.

Um diese vereinfachende Erzählung zu korrigieren, schlägt Bowes vor, den tatsächlichen Konsum auf Haushaltsebene zu untersuchen. Diese Verlagerung erlaubt es Historikerinnen und Historikern zu zeigen, dass die arbeitende Mehrheit der vormodernen Welt verschiedene potenzielle Einkommensquellen verfügte und bedeutende Überschüsse für den Marktzugang produzierte. Dies enthüllt nicht nur, dass die vermeintlich allgegenwärtige »Subsistenzfalle« in Wirklichkeit eine historiografische Erfindung war, es legt auch ein Bild komplexer Strategien und Lebenserfahrungen offen, die es zu verstehen gilt.

Der Kampf ums Überleben

Surviving Rome geht einen Schritt weiter als Bowes frühere Studien. In diesem neuen Buch verbindet sie den in »When Kuznets Went to Rome« entwickelten theoretischen Ansatz mit der umfangreichen Datenbasis aus dem Peasant Project. Das Ergebnis ist eine bislang ungekannt detailreiche Darstellung des Lebens, Arbeiten und Sterbens von rund 90 Prozent der römischen Bevölkerung in dem von ihr untersuchten Zeitraum – je nach Schätzung zwischen 50 und 60 Millionen Menschen.

Die Botschaft des Buches ist eindeutig: Das Römische Reich verfügte über eine dynamische Marktwirtschaft. Die Römerinnen und Römer produzierten und konsumierten agrarische, handwerkliche und industrielle Güter in großen Mengen. Austausch vollzog sich auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene, ermöglicht durch kaiserliche Infrastruktur und einen hohen Grad an Monetarisierung bis hinein in entlegene ländliche Gebiete.

Laut Bowes war die treibende Kraft der römischen Wirtschaft weder der römische Staat mit seinen Apparaten, wie dem Militär oder der Finanzverwaltung, noch die superreichen senatorischen Großgrundbesitzer, die ihre Güter verwalteten. Es waren die gewöhnlichen, arbeitenden Menschen mit ihren spezialisierten Produktionen, ihrem hohen Nachfrageniveau und ihren vielfältigen Konsummustern. Der soziale Imperativ der 90 Prozent, Waren zur Verbesserung ihres Wohlergehens und Status zu erwerben, was Bowes »Kosten der sozialen Teilhabe« nennt, war der Schlüssel zur Entstehung und Expansion einer Konsumrevolution.

»Das zeitlose Bild des Bauern, der mit Hilfe seiner Familie eine kleine eigene Parzelle bearbeitete, ist ein Mythos, den römische Schriftsteller zur Feier des moralischen Wertes des idealen römischen Bürgers erschufen.«

Der Begriff der Konsumrevolution ist in der Erforschung der römischen Wirtschaft nicht neu. In ihrer herausragenden Publikation Peasant and Empire in Christian North Africa nutzt Lesley Dossey dieses Konzept, um die enorme soziale und wirtschaftliche Entwicklung der afrikanischen Landbevölkerung in der Spätantike zu erklären. In Dosseys Interpretation erlebt das vierte Jahrhundert nach Christus ein enormes Wachstum der bäuerlichen Nachfrage. Afrikanische Bauern produzierten nicht allein für die Stadtbewohner, sie nutzten den Markt auch zur Steigerung ihres eigenen Einkommens und damit ihres Konsumniveaus.

Bowes überträgt diese Idee der Konsumrevolution auf das erste und zweite Jahrhundert nach Christus. Sie dehnt deren transformative Wirkung auf das frühe und mittlere Römische Reich aus, als die Wirtschaft ihren Höhepunkt hinsichtlich Produktion und Austausch von Massengütern erreichte.

Allerdings lehnt Bowes diachronische Vergleiche zwischen den makroökonomischen Indikatoren der römischen und modernen Wirtschaft sowie vereinfachende Analogien zwischen Vergangenheit und Gegenwart ab. Stattdessen untersucht sie eine Reihe von mikrohistorischen Unterschieden und eine entscheidende Gemeinsamkeit in den inhärenten Strukturen der zwei Wirtschaftssysteme.

Haushaltsproduktion

Die römische Wirtschaft unterscheidet sich in zwei wesentlichen Punkten von der modernen kapitalistischen. Zunächst reichten Löhne in der römischen Welt, obwohl sie allgegenwärtig waren, kaum aus, um den grundlegenden Bedarf einer Familie allein zu decken; sie dienten vielmehr als ergänzende, aber gelegentliche Einkommensquelle. Im Gegensatz zur Industriewelt, in der es einen kontinuierlichen Kampf zwischen Kapital und Arbeit gegeben hat, funktionierte die Agrarwirtschaft antiker unterdrückter Gruppen nicht nach dem, was E. P. Thompson den »Cash Nexus« nannte. Thompson beschreibt damit jenen wirtschaftlichen Mechanismus, der eine Beziehung zwischen Lohnhöhe und Lebensstandard herstellt und Konflikte zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer über als gerecht empfundene Löhne beinhaltet.

Da arbeitende Römerinnen und Römer nicht auf Löhne als Rückgrat ihrer Haushaltswirtschaft zählen konnten, blieben sie auf Landwirtschaft sowie selbst gefertigte handwerkliche und textile Produktion angewiesen. Das bedeutet nicht, dass sie nicht in einer Marktwirtschaft operierten, im Gegenteil: Sie waren vollständig in deren Strukturen eingebunden. Doch sie beteiligten sich an den Zyklen von Angebot und Nachfrage eher durch die Ausweitung ihrer Haushaltsproduktion als durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft an andere.

»Arbeitende Familien waren trotz weit verbreiteten Analphabetismus in der Landbevölkerung in der Lage, komplexe Berechnungen anzustellen und detaillierte Aufzeichnungen über Steuern, Mieten, öffentliche und private Verpflichtungen zu führen.«

Der zweite relevante Unterschied besteht darin, dass gewöhnliche Römerinnen und Römer kaum in der Lage waren, Ersparnisse anzuhäufen. Anders als Bauern und Handwerker während der »industriellen Revolution« des 18. Jahrhunderts, die durch späteres Heiraten und wachsenden Fleiß Rücklagen bildeten, hatten die 90 Prozent der Römerinnen und Römer kaum Möglichkeiten, ihre Einkommen zu steigern und etwas zur Seite zu legen, um den Risiken einer Agrarwirtschaft mit schwankenden Erträgen zu begegnen.

Bowes argumentiert, dass sowohl die römische als auch die spätkapitalistische Wirtschaft ein gemeinsames Merkmal teilen: Prekarität. Prekarität bedeutete in beiden Kontexten, dass Menschen leicht vom bloßen Auskommen (oder mitunter sogar vom guten Auskommen) unter die Subsistenzgrenze fallen konnten bzw. können. Die Konsumrevolution zwang der römischen Bevölkerung eine Tendenz zum übermäßigen Konsum auf.

Dies sollte man nicht als Ausdruck einer »Wohlstandsgesellschaft« im Sinne von J. K. Galbraiths gleichnamigen Buch von 1958 verstehen. Es handelte sich vielmehr um eine Gesellschaft, in der das Leben extrem teuer und beschwerlich war und mitunter das Überleben auf dem Spiel stand. Wie Bowes feststellt, steckten die römischen 90 Prozent, ähnlich wie die modernen Amerikaner, dauerhaft in Schulden und Prekarität war allgegenwärtig.

Die Wirtschaft der vielen

Studien zur römischen Wirtschaft haben sich hauptsächlich darauf konzentriert, die Mechanismen aufzudecken, mit denen Ressourcen von der Bevölkerung abgeschöpft wurden, um herauszufinden, wie Institutionen wie der Staat und die Märkte das Geld nutzten und Güter verteilten. Debatten kreisten um verschiedene Formen der Steuererhebung durch Geld oder Naturalien, um die Einziehung und den Transfer von Agrarmieten sowie um die Rolle eines einheitlichen Währungssystems bei der Erleichterung von Transaktionen zwischen institutionellen Partnern und darum, wie diese den Marktzugang ermöglichten.

Das Interesse an der arbeitenden Bevölkerung beschränkte sich weitgehend darauf, festzustellen, welche Form des Landpachtsystems und des damit verbundenen Arbeitsregimes – Pacht, Lohnarbeit oder Sklaverei – die Produktion steigern und die Effizienz der Reichswirtschaft verbessern würde. Im Wesentlichen haben sich Studien stärker damit befasst, wie Grundbesitzer die Produktion organisierten und wie Institutionen ihnen beim Austausch von Gütern halfen, als damit, wie arbeitende Menschen ihr Leben meisterten.

Surviving Rome nimmt einen anderen Blickwinkel ein. Wie in anderen vorindustriellen Gesellschaften lebte und arbeitete in der römischen Welt die große Mehrheit der Menschen, rund neun Zehntel der Bevölkerung, auf dem Land. Will man verstehen, wie diese Gesellschaft funktionierte und ob es ihrer Bevölkerung gut ging, muss man die Bauern in den Blick nehmen, und nicht die weit besser dokumentierten und sichtbaren Eliten.

»Soterichos und seine Familie bewahrten ihre Pachtverträge, Quittungen für Mieten und Kopfsteuern, Schuldentlassungs­dokumente, eine Kaufquittung für einen Esel sowie Entschädigungen für von ihrem Vieh gefressenes Gras auf.«

Die große Mehrheit der Bevölkerung waren Bauern, doch diese waren niemals Vollzeitbauern. Das zeitlose Bild des Bauern, der mit Hilfe seiner Familie eine kleine eigene Parzelle bearbeitete, ist ein Mythos, den römische Schriftsteller zur Feier des moralischen Wertes des idealen römischen Bürgers erschufen.

Über ein weites Territorium von den heutigen Niederlanden bis nach Ägypten hinweg waren römische Bauern alles andere als romantisch oder konservativ, wenn es darum ging, ihre wirtschaftlichen Strategien zu entwickeln. Sie verfügten über multiple potenzielle Einkommensquellen aus einem ländlichen Umland, das vollständig in ein komplexes Austauschsystem eingebunden war.

Bisweilen besaßen Bauern mehrere Landparzellen. Da das Angebot an Land jedoch nie ausreichte, pachteten sie ihre Felder häufiger von großen oder mittleren Grundbesitzern. Der Doppelstatus als Kleineigentümer und Pächter verlangte dem bäuerlichen Haushalt eine komplexe Planung der Arbeitsressourcen ab, die den saisonalen Erfordernissen der Landwirtschaft, wie Fruchtfolge und Ernte, Rechnung tragen musste. Gleichzeitig mussten sie auch die Anforderungen von Handwerksbetrieben oder dem Handel mit Agrar- und Textilwaren auf lokalen Märkten berücksichtigen.

Engpässe und Überschüsse

Diese Kombination mehrerer Tätigkeiten konnte zu Arbeitskräftemangel führen. Das wiederum eröffnete Beschäftigungsmöglichkeiten für externe Lohnarbeiter, die in der Regel unter Hirten in Teilzeit oder landlosen Bauern rekrutiert wurden. Mitunter konnte die variable Zusammensetzung des Haushalts aber auch zu einem Arbeitsüberschuss führen, weshalb dann einige Haushaltsmitglieder auf fremden Gütern gegen Lohn arbeiten mussten.

Diese wirtschaftliche Dynamik veranlasst Bowes, zu argumentieren, dass das Verhältnis zwischen Land, Arbeit und Produktion nicht durch ein übergeordnetes ökonomisches Gesetz vorherbestimmt war, sondern durch bäuerliche Aktivität und Zufälligkeiten der Geschichte beeinflusst wurde. Je nach Situation konnten ein Bauer, seine Frau und seine Kinder als Kleineigentümer, Pächter, Lohnarbeiter, Teilzeithirten, Händler oder Töpfer- und Textilarbeiter auftreten, manchmal sogar in all diesen Rollen gleichzeitig.

Die Fähigkeit der Bauern, all diese Tätigkeiten zu bewältigen, widerlegt zwei weitere irrtümliche Annahmen. Erstens waren arbeitende Familien trotz weit verbreiteten Analphabetismus in der Landbevölkerung in der Lage, komplexe Berechnungen anzustellen und detaillierte Aufzeichnungen über Steuern, Mieten, öffentliche und private Verpflichtungen zu führen. Wie die Armen in der zeitgenössischen Gesellschaft konnten arbeitende Römer im Rechnen hoch kompetent sein, ohne lesen oder schreiben zu müssen.

»Die den Arbeitern aufgebürdete Last schädigte ihre Gesundheit ernsthaft. Ihre Skelette tragen Spuren hoher Stressbelastung und beispiellos vieler Verletzungen.«

Zweitens erledigten sie ihre alltäglichen Transaktionen auf sehr rationale Weise, indem sie in Kategorien des monetären Werts dachten. Zwar litt das Umland strukturell unter Münzmangel, da Bauern ständig auf Bargeld angewiesen waren, doch wie Rory Naismith in seinem faszinierenden Buch Making Money in the Early Middle Ages dargelegt hat, hinderte das Fehlen von Münzen im täglichen Handel die einfachen Menschen nicht daran, den Wert von Land, Vieh und Marktgütern (oder sogar noch abstrakterer Güter wie Ehre und religiöse Frömmigkeit) in Geldeinheiten zu bemessen. Monetäre Buchführung war für die Landbevölkerung ein wichtiges Instrument wirtschaftlichen Denkens.

Als Beispiel für diese wirtschaftliche Rationalität führt Bowes zwei Geschichten von Bauern aus dem Ägypten des ersten Jahrhunderts an. Epimachus besaß mehrere kleine Parzellen in der Nähe von Hermopolis im Niltal und verwaltete seinen Betrieb aktiv mit Hilfe von vier oder fünf Sklaven und Tagesarbeitern. Seine verstreuten Besitztümer und seine Abhängigkeit von Lohnarbeit erforderten eine komplexe Buchführung. Er beschäftigte einen Sklaven namens Didymus, um detailliert Buch zu führen, wobei jeder Monat mit chronologisch geordneten Einnahmenquittungen begann und die täglichen Ausgaben festgehalten wurden. Die Einnahmen und Ausgaben wurden dann abgeglichen, wobei jeder Gewinn oder jedes Defizit auf den nächsten Monat übertragen wurde.

Soterichos, ein Pächter, und seine Familie bewahrten ihre Pachtverträge, Quittungen für Mieten und Kopfsteuern, Schuldentlassungsdokumente, eine Kaufquittung für einen Esel sowie Entschädigungen für von ihrem Vieh gefressenes Gras auf. Obwohl sie nicht Griechisch lesen und schreiben konnten, verwalteten sie Pachtverträge und Darlehen effektiv, bestanden auf Zahlungsquittungen und bewahrten diese Dokumente noch Jahre nach Ablauf auf. Die Geschichten dieser Bauernfamilien spiegeln auf Mikroebene die übergeordnete Wirtschaftsgeschichte des Römischen Reiches wider.

Eine verletzte Arbeiterklasse

Eines der eindrucksvollsten Kapitel des Buches befasst sich mit den zerstörerischen Auswirkungen der Arbeit auf die Gesundheit der Menschen. Die römische Zeit erlebte eine der intensivsten Ausbeutungen in der Landschaft vor der Mechanisierung in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Die zunehmende Produktion massiver Überschüsse und der unerbittliche Antrieb zur Steigerung des Konsums hatten enorme Auswirkungen auf die arbeitende Bevölkerung.

Eine außerordentlich große Menge neuer Daten aus menschlichen Skeletten hat die gefährlichen Folgen einer Welt offenbart, in der der menschliche Körper die wichtigste Produktionsmaschine war. Die den Arbeitern aufgebürdete Last schädigte ihre Gesundheit ernsthaft. Ihre Skelette tragen Spuren hoher Stressbelastung und beispiellos vieler Verletzungen. Den arbeitenden Römern stand zwar möglicherweise besseres Essen, töpferscheibengedrehtes Geschirr und anständige Kleidung zur Verfügung, doch sie zahlten einen hohen Preis für diese minimalen Annehmlichkeiten.

Obwohl alle römischen Arbeitskräfte unter Überlastung litten, bildeten die 90 Prozent keine einheitliche Gruppe. Angehörige der ländlichen Mehrheit waren stärker betroffen als ihre städtischen Zeitgenossen: Menschen, die in Städten wie dem antiken London, Karthago oder Rom selbst lebten und arbeiteten, profitierten von einer abwechslungsreicheren Ernährung, einschließlich Fleisch, Käse, Hülsenfrüchten und Fisch. Diese vielseitigen Proteinquellen halfen den städtischen Arbeitern, die Last vieler Stunden harter Arbeit zu ertragen.

»Hinsichtlich der Auswirkungen auf die Gesundheit war der Unterschied zwischen Stadt und Land bedeutsamer als der rechtliche Unterschied zwischen freien Arbeitern und Sklaven.«

Arbeiter auf dem Land verfügten weder über vergleichbare Abwechslung noch über eine ständig verfügbare Proteinquelle: Sie aßen proteinärmeres Fleisch und hatten selten Zugang zu Fisch. Wer in spezialisierten Industrien, etwa im Bergbau, oder in der Landwirtschaft beschäftigt war, leistete schwere Arbeit, die einen täglichen Bedarf von fast viertausend Kalorien erforderte. Da dieser Bedarf selten gedeckt werden konnte, wurden die Körper dieser Arbeiter schwer geschädigt.

Noch schlimmer war die Lage von Jugendlichen aller Geschlechter, da die Kombination aus schwerer Arbeit und unzureichender Versorgung mit Proteinen und Vitaminen ihr Wachstum erheblich beeinträchtigte. Die meisten arbeitenden Menschen, die diese prekäre Kindheit überlebten, blieben ihr Leben lang davon gezeichnet.

Freie und unfreie Arbeit

Hinsichtlich der Auswirkungen auf die Gesundheit war der Unterschied zwischen Stadt und Land bedeutsamer als der rechtliche Unterschied zwischen freien Arbeitern und Sklaven. Arme freie Arbeiter und Sklaven verrichteten ähnliche Tätigkeiten, besonders in spezialisierten Industrien wie dem trostlosen Bergbau und in der Landwirtschaft. Sie erhielten vergleichbare Löhne und ernährten sich ähnlich. Die Skelette versklavter Menschen unterscheiden sich nicht von denen der armen freien Arbeiter.

Diese Befunde legen nahe, dass die römische Sklaverei der römischen Wirtschaft keine eigene, gesonderte Gruppe von Arbeitskräften lieferte. Obwohl solche Ähnlichkeiten die Brutalität der Sklaverei nicht mindern, zeigen sie, dass die Erfahrung schwerer Arbeit freie und unfreie Arbeiter nicht nur körperlich ununterscheidbar machte, sondern sie auch zu einer einzigen sozialen Gruppe zusammenfasste.

Surviving Rome erzählt uns, wie die Kräfte des Marktes und ein unterdrückerisches imperiales System die arbeitenden Menschen in einen ausbeuterischen Teufelskreis trieben. Bowes betont, dass der Wunsch nach sozialer Zugehörigkeit der Armen diesen Prozess in Gang hielt, obwohl sie auch anerkennt, dass es die Akkumulationsstrategien der Eliten waren, die die arbeitenden Menschen zwangen, mehrere Jobs anzunehmen, um sich irgendwie über Wasser zu halten.

Wenn es um Klassenfragen geht, zieht Bowes die Kategorien Pierre Bourdieus denen von Karl Marx vor. Doch ebenso wie bei Bourdieus empirischer Arbeit über die algerische Bauernschaft stärkt die erneute Verknüpfung von Produktion und Konsum von unten tatsächlich die Botschaft des Buches. In der römischen Vergangenheit wie in der kapitalistischen Gegenwart waren es die arbeitenden Menschen, die den Preis für eine Welt voller Dinge bezahlten.

Paolo Tedesco lehrt Geschichte an der Universität Tübingen. Seine Hauptforschungsinteressen umfassen die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Spätantike und des frühen Mittelalters, das Schicksal der Bauernschaft in verschiedenen Gesellschaftsformen sowie die lange Geschichte des Kapitalismus. Seine aktuellsten Publikationen sind Writings on the Tributary State and Commercial Capitalism (2024) und Living at the Margins: African Peasants in an Age of Extremes, 300-900 CE (2025).