20. Januar 2026
Seit Tagen führt die syrische Übergangsregierung gemeinsam mit islamistischen Söldnern Angriffe auf Rojava durch. In Nordostsyrien droht nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sondern auch das Ende der kurdischen Selbstverwaltung.

In Al-Tabqah wird die Statue einer YPG-Kämpferin niedergerissen.
Emel ist etwa sechzig Jahre alt, trägt dicke Brillengläser und ein weißes, traditionelles kurdisches Kopftuch. In ihrer Wohnung in Qamishlo bietet sie Gästen Obst an. Ihre Angehörigen halten sich derzeit in Aleppo, in den überwiegend kurdischen Stadtteilen Sheikh Maqsoud und Ashrafiyah, auf. Einige von ihnen gelten seit knapp zwei Wochen als vermisst. Ob sie verletzt wurden, geflohen sind oder getötet wurden, ist unklar. Aleppo war vor zwei Wochen der Ausgangspunkt eines Angriffs auf die demokratische Selbstverwaltung Nordostsyriens. In den letzten Tagen hat sich dieser Angriff ausgeweitet: Die syrische Übergangsregierung und weitere, von der Türkei unterstützte jihadistische Gruppen greifen die Selbstverwaltung an drei Fronten an.
Emel wirkt trotz alledem bestimmt. In Erzählungen von früheren Angriffen, gegen die sie sich zusammen mit vielen anderen Frauen verteidigte, wird ihr Selbstbewusstsein als organisierte Frau deutlich. Als Zeichen des Austauschs werden Lieder gesungen. Auf das antifaschistische Partisanenlied »Bella Ciao« antwortet Emel mit dem kurdischen Widerstandslied »Dil Dixwaze Here Cengê« (Das Herz will kämpfen gehen). Es ist weniger Ausdruck von Revolutionsromantik als eine Verdichtung der politischen Realität, in der viele Kurdinnen und Kurden seit Jahrzehnten leben.
»Wir sind mit vielen anderen Familien ins Krankenhaus geflohen. Doch dann fing der türkische Staat an, uns dort zu bombardieren.«
Kurz darauf treffen Emels Sohn Agit und ihr sechsjähriger Enkel Memo aus Aleppo ein. Die Wiedervereinigung der Familie ist von Erleichterung und Trauer geprägt. Agit berichtet von der Vertreibung aus ihrem Haus und von der Flucht in das Krankenhaus von Sheikh Maqsoud, das zeitweise mehr als hundert Verletzte versorgen musste. Bereits am zweiten Tag der Kämpfe wurden dort zwei Ärzte von Soldaten der syrischen Armee getötet. »Wir sind mit vielen anderen Familien ins Krankenhaus geflohen. Doch dann fing der türkische Staat an, uns dort zu bombardieren«, erzählt Agit. Er zeigt ein Video eines dieser Angriffe, in dem der junge Memo beginnt, die Parole »Berxwedan jiyan e« (Widerstand ist Leben) zu rufen.
Agits Frau und seine Töchter befinden sich noch im Stadtzentrum Aleppos. Ob ihnen die Flucht in die selbstverwalteten Gebiete Nord- und Ostsyriens gelingt, ist ungewiss. Noch fraglicher ist jedoch, ob sie dort tatsächlich Sicherheit finden werden. Seit Beginn ihrer Flucht sind bereits zwei weitere Städte der Demokratischen Autonomen Administration Nord- und Ostsyriens (DAANES), auch bekannt als Rojava, von jihadistischen Kräften besetzt worden.
Seit dem 6. Januar ist Aleppo zum Schauplatz eines brutalen Kapitels des Krieges in Syrien geworden, konzentriert auf die überwiegend kurdischen Stadtteile Sheikh Maqsoud und Ashrafiyah. Von der Türkei unterstützte jihadistische Milizen und Truppen der sogenannten Syrischen Übergangsregierung greifen gezielt zivile Infrastruktur an. Entführungen, Folter und Hinrichtungen wurden dokumentiert, insbesondere rund um das Xalid-Fecir-Krankenhaus, dessen Bombardierung eine ohnehin prekäre Versorgungslage in eine akute humanitäre Krise verwandelte. Auch Wohnhäuser, Schulen, Moscheen und öffentliche Einrichtungen wurden beschossen. Tausende Menschen wurden vertrieben, während die geschätzten Todeszahlen täglich um Dutzende steigen.
Die Angriffe trafen jedoch nicht auf Kapitulation. Am 7. Januar erklärte der Volksrat von Sheikh Maqsoud: »Ziel dieser Angriffe ist es, Massaker an unserer Bevölkerung zu verüben. Unser Volk und unsere Kräfte der Inneren Sicherheit leisten diesen Angriffen gegenüber entschlossenen Widerstand.« Es entwickelte sich eine gesellschaftliche Selbstverteidigung: Rund 300 Mitglieder der selbstorganisierten inneren Sicherheitskräfte stellten sich Angriffen durch rund 42.000 Jihadisten entgegen.
»Der Großteil der kurdischen Bevölkerung floh aus Aleppo: mehr als 300.000 Menschen. Viele von ihnen haben Angehörige verloren und suchen in den Gebieten der DAANES Schutz.«
Nach wenigen Tagen begannen auch die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), die Selbstverteidigungseinheiten der DAANES, die Bevölkerung zu unterstützen. Zudem reisten aus der ganzen DAANES Menschen Richtung Aleppo, um mit zivilen Aktionen Unterstützung zu leisten. So versuchten sie etwa, einen humanitären Korridor von den Gebieten der DAANES bis nach Aleppo zu bilden – über nahezu 100 Kilometer durch von Islamisten kontrolliertes Territorium –, um Verletzte evakuieren zu können. Um eine weitere Eskalation zu verhindern und Verletzte zu evakuieren, stimmten die Volksräte der Viertel und die SDF schließlich am 11. Januar einem Waffenstillstand und dem Rückzug ihrer Einheiten zu. Der Großteil der Bevölkerung floh aus der Stadt: mehr als 300.000 Menschen. Viele von ihnen haben Angehörige verloren und suchen in den Gebieten der DAANES Schutz.
Dieser Schutz kann aber nicht in vollem Maße garantiert werden, da sich die Angriffe auf Ost-Rojava ausweiten und mit professioneller, militärischer Ausrüstung Massaker begangen werden. Insbesondere die Kantone Raqqa, Deir-ez-Zor und Hasakah sowie der Tishrin-Damm befinden sich nun im Visier der Jihadisten. Sowohl in Raqqa, Shedade, auf dem Weg Richtung Deir-ez-Zor, als auch in Hasakah befinden sich Gefängnisse mit einer großen Anzahl an jihadistischen Kämpfern.
Diese Gebiete sind zusätzlich mehrheitlich arabisch geprägt, eine vergleichbare Nähe zur Selbstverwaltung wie in den kurdischen Gebieten wurde noch nicht aufgebaut. Einige arabische Dörfer schlugen sich während der Angriffswelle auf die Seite der Jihadisten.
Die Angriffe auf Rojava sind nicht isoliert zu betrachten, sondern als ein Ausdruck der aktuellen Machtverschiebungen in Syrien. Nach dem Sturz des Assad-Regimes übernahm die islamistische Miliz Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) unter Ahmed al-Scharaa die Kontrolle über weite Gebiete. Als Al-Qaida-Ableger verfügt die HTS weder über tragfähige Verwaltungsstrukturen noch über eine gesamtgesellschaftliche Legitimation.
Trotzdem signalisierten westliche Staaten, vor allem die USA, früh ein strategisches Interesse an der politischen Aufwertung der Miliz. Für die USA, Großbritannien und die EU erscheint Al-Sharaa als schwacher Akteur, der große Landesteile nicht kontrolliert und sich daher leicht in langfristige geopolitische Interessen im Mittleren Osten einbinden lässt. Seit ihrer Machtübernahme inszeniert die HTS nach außen Diplomatie, nach innen herrschen jedoch Repression und Massaker. Alawiten in Latakia, Drusen in Suweida und nun Kurden wurden gezielt angegriffen.
»Die Angriffe auf Rojava sind nicht isoliert zu betrachten, sondern als ein Ausdruck der aktuellen Machtverschiebungen in Syrien.«
Dennoch suchte die DAANES, die auf ein demokratisches, dezentralisiertes Syrien setzt, den Weg der Verhandlung. Ein Abkommen vom 10. März 2025 sah einen Waffenstillstand und die Integration der SDF in autonomen Einheiten in die syrische Armee vor. Doch jedes Mal, wenn Fortschritte in den Verhandlungen zur Umsetzung des Abkommens erzielt wurden, intervenierte die Türkei. Vertreter wie Außenminister Hakan Fidan trafen sich mit der HTS-Übergangsregierung, woraufhin diese ihre Zugeständnisse zurückzog. Das führte schließlich dazu, dass die HTS in Kooperation mit anderen von der Türkei unterstützten islamistischen Söldnern ein Massaker gegen die DAANES-Enklave Aleppo außerhalb zusammenhängender Gebiete startete – die am schwersten zu verteidigenden Bereiche der Selbstverwaltung.
Die Angriffe tragen die klare Handschrift des türkischen Staates, der nicht im Hintergrund agiert, sondern die Beziehungen zwischen DAANES und Damaskus maßgeblich steuert. Die politische Ordnung der Türkei ist historisch auf der gewaltsamen Unterdrückung von Minderheiten aufgebaut, insbesondere der kurdischen Bevölkerung, deren Existenz Ankara seit über einem Jahrhundert systematisch verleugnet. Entsprechend zielen die Angriffe nicht nur auf militärische Kontrolle, sondern etwa im Fall von Aleppo auf eine demografische Neuordnung der Stadt zur Auslöschung kurdischer Identität und auf die Schwächung einer dezidiert sozialistischen Freiheitsbewegung.
Gleichzeitig befindet sich die Türkei geopolitisch unter Druck. Angesichts eskalierender Kriege im Mittleren Osten – von Palästina bis Iran – verliert Ankara an strategischem Gewicht. Neue wirtschaftliche Projekte wie der Wirtschaftskorridor Indien-Nahost-Europa umgehen die Türkei bewusst und verlaufen stattdessen über Israel, das aus Sicht der USA zur einzigen hegemonialen Ordnungsmacht der Region aufgebaut werden soll. Diese Verschiebung, die eine politische und ökonomische Krise in der Türkei auslöste, nutzte die kurdische Bewegung als Gelegenheit, um neue Friedensverhandlungen anzustoßen – in der Annahme, dass der türkische Staat an einer weiteren militärischen Front kaum interessiert sein könne.
»Für die USA, Großbritannien und die EU erscheint Al-Sharaa als schwacher Akteur, der große Landesteile nicht kontrolliert und sich daher leicht in langfristige geopolitische Interessen im Mittleren Osten einbinden lässt.«
Das Verhalten der Türkei lässt allerdings bezweifeln, ob sie selbst ein zweckmäßiges Interesse an einem Frieden mit den Kurden hat: So setzt der türkische Staat die PKK weiterhin mit der SDF gleich und erklärt, ohne eine vollständige Entwaffnung der SDF werde es keinen Friedensprozess geben – ein Vorwand zur Legitimation weiterer Angriffe. Dass die SDF angesichts der Bedrohung durch jihadistische Akteure wie den IS oder HTS nicht einseitig abrüsten können, wird ignoriert. Die neuesten Entwicklungen untermauern das: Die HTS führte bereits Aktionen gegen IS-Gefängnisse durch, dabei kamen auch Gefangene frei.
Währenddessen ist die Bevölkerung Nord- und Ostsyriens nach fünfzehn Jahren Krieg kriegsmüde. Lava, eine junge Frau, die 2018 durch die türkische Invasion aus Afrîn vertrieben wurde, fasst die Lage so zusammen: »Wir lieben den Krieg nicht, wir wollen Frieden. Die Türkei sagt, wir seien alle Terroristen. Aber wir verteidigen uns lediglich dagegen, massakriert zu werden.«
Während HTS und die Türkei ihre Angriffe auf zivile Ziele westlich des Euphrats fortsetzen, drängen die USA auf Deeskalation, um ihre Kontrolle in Syrien zu konsolidieren. Laut eines Strategiepapiers setzen die USA auf ein geschwächtes, fragmentiertes Syrien, das kontrollierbar bleibt – nicht auf eine konsolidierte HTS-Diktatur unter türkischer Vormundschaft. Ankara hingegen versucht, seine regionale Hegemonie militärisch abzusichern.
Für die Menschen vor Ort bedeutet das eine weitere Eskalation des Krieges. Es steht die Zukunft der Selbstverwaltung in ihrer jetzigen Gestalt auf dem Spiel. »Wenn die internationale Gemeinschaft nicht handelt, werden sie ganz Rojava massakrieren«, warnt Lava aus Afrîn. Auf die Frage, woher sie ihre Kraft nehme, antwortet sie: »Die Kurdinnen und Kurden haben viele Massaker erlebt. Aber sie sind immer wieder aufgestanden. Wir wollen Frieden und Demokratie. Daher können und werden wir nicht zurückweichen.«
»Wir lieben den Krieg nicht, wir wollen Frieden. Die Türkei sagt, wir seien alle Terroristen. Aber wir verteidigen uns lediglich dagegen, massakriert zu werden.«
Die Worte Lavas verkörpern in diesen Tagen die Haltung der Gesellschaft, in der weiterhin Entschlossenheit zum Widerstand herrscht. Alle Gesellschaftsbereiche bereiten sich auf eine aktive Verteidigung vor, die der Strategie des revolutionären Völkerkampfes folgt. Vereine, Institutionen und Universitäten befinden sich in einer Ausnahmesituation, die gewährleisten soll, dass eine starke, lokale Selbstverteidigung aufgebaut werden kann.
Dabei finden Menschen ihre Plätze in der Unterstützung ärztlicher Versorgung, Essensversorgung, in der Betreuung von Kindern oder militärischen Aufgaben. Die HTS verfolgt den Plan, Kobanê von der DAANES abzutrennen, den Tishrin-Damm einzunehmen und somit Schritt für Schritt die Kontrolle über ganz Syrien zu erlangen. Dagegen gibt es in ganz Rojava, in allen Teilen Kurdistans und in der Diaspora Widerstand.
Wenn der sechsjährige Memo im bombardierten Krankenhaus von Sheikh Maqsoud »Widerstand ist Leben« ruft oder seine sechzigjährige Großmutter Emel »Das Herz will in den Kampf gehen« singt, dann sind das mehr als emotionale Gesten. Sie verweisen auf einen umfassenden politischen Anspruch – auf eine Perspektive von Frieden und Demokratie.
Annette Zellner lebt und arbeitet als freie Journalistin in der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien. Ihre Arbeit konzentriert sich auf geopolitische, gesellschaftliche und frauenrechtliche Themen in der Region.