04.04.2021

Der Weg der Brötchen in den Sozialismus

Ronald M. Schernikau hatte drei Ziele: schwul sein, Schriftsteller sein, Kommunist sein. Erreicht hat er sie alle. Diese Reportage über die ostdeutschen Brötchen von 1986 zeigt so konkret wie humorvoll, mit welchen Problemen die DDR-Wirtschaft zu kämpfen hatte.

 »Das Essen kommt aus der nahegelegenen Stahlgießerei, man bezahlt 85 Pfennig, 
es kostet 3 Mark 16. Auch das be­zahlt der Kultur- und 
Sozialfonds.«

 »Das Essen kommt aus der nahegelegenen Stahlgießerei, man bezahlt 85 Pfennig, es kostet 3 Mark 16. Auch das be­zahlt der Kultur- und Sozialfonds.«

Illustration: Marvin Traber.

Es war einmal ein junger Mann, der fuhr in das schönste Land der Welt. So sehr viel Schönes hatte er aus diesem Land gehört, daß es fast unmöglich schien, noch Neues oder auch nur Erwähnenswertes hinzuzufügen. Aber der junge Mann war sehr entschlossen, es zu tun.

Um nicht mit dem Schwersten anzufangen, um über alles alles sagen zu können, will der junge Mann über Brötchen schreiben: In der DDR ist es nämlich so: Die Hälfte der Brötchen wird in staatlichen und Konsumbäckereien, die andere Hälfte in genossenschaftlichen und privaten Bäckereien gemacht. Die staatlichen schmecken nach Pappe, und die privaten kriegt man nicht. Das Thema also: Der Weg der Brötchen in den Sozialismus.

Als ich ankomme, regnet es. Vom Zug aus der Dom überragt die Stadt. Magdeburg sieht nicht gerade aus wie der aufregendste Ort der Welt: viele Neubauten, ein Meer von Antennen nach Westen hin, die älteren Häuser sehr groß und häuserfarbig.

Das Buch der linken Star-Ökonomin
Grace Blakeley auf Deutsch.

Magdeburg wird im bisher letzten Weltkrieg zu neun Zehnteln zerstört. Das ungeheure Wohnungsbauprogramm löst die Probleme; Schönheit kommt später. Magdeburg hat viel Schwerindustrie und eine technische Hochschule.

Das Zentrum ist groß und hell im Stil der fünfziger und in dem der sechziger Jahre, alles ganz großzügig: Platz hatten sie ja. Ich soll mich bei einem Herrn Meinecke melden. Er geht mit mir zum Gästehaus des Rates des Bezirkes Magdeburg; sehr nobel alles. Hier triff sich auch die deutsch-deutsche Grenzkommission. Ich bade jeden Tag. Mein Zimmer ist ein Appartement, in ihm empfangen wir Jürgen Klinke.

Jürgen Klinke ist beim Rat des Bezirkes zuständig für die Getränke- und Backwarenversorgung der zwei Millionen Einwohner. Er ist Mitte vierzig, dicklich, sehr freundlich und offen. Er hat Konditor gelernt, wurde von seinem Betrieb zum Studium delegiert, ist Ingenieur für Ökonomie, arbeitet schließlich beim Staat. Wie man das wird? Man muß es können, sagt er. Man darf keine Westverwandtschaft haben, und vor allem muß man noch mal zur Schule gehen, zur Parteischule. Jetzt ist er Diplomstaatswissenschaftler. Wenn alles gutgeht, denkt keiner an mich. Wenn irgendwo eine Stunde die Produktion ausfällt, werde ich angerufen.

Ich habe mal im DDR-Kabarett »Die Distel« eine Nummer gesehen, da saßen drei, vier Leute in Muschibububeleuchtung und würfelten und trugen die Zahlen in geheimnisvolle Listen ein; das war die Konsumgüterverteilung der Bezirke. Das war Jürgen Klinke. Herr Meinecke übergibt mich.

Herr Klinke wird mich ab jetzt begleiten. Guten Tag, sagt er, wenn wir wo hinkommen, Klinke vom Rat des Bezirkes. Das öffnet alle Türen. Als erstes besuchen wir das Backwarenkombinat Magdeburg. Kurt Wilke, der Direktor, ist gerade sechzig geworden, alle, die ihn sehen, gratulieren ihm. Kurt Wilke ist klein und hager, und ich glaube ihm, daß er sich durchsetzen kann. Er spricht immer, sachlich und bestimmt; in Magdeburg werden am Tag 2 Mio. Brötchen gemacht, davon macht er 300.000, und das merkt man an seiner Art zu reden.

Sein Zimmer steht voll mit einer Schrankwand, in der eine leere Packung des Weihnachtsstollens kippelt; die wollen sie dieses Jahr neu haben. Auf dem versiegelten Tresor steht ein Wimpel des 1. FC Magdeburg; an den Wänden Auszeichnungen. Wir stoßen auf seinen Geburtstag an; kurz vorher hat er erklärt, daß Alkohol im Betrieb streng verboten ist.

Er erzählt von den Kultur- und Sozialfonds, aus denen Zuschüsse für Kuren, die Arbeiterwohnungsgenossenschaft, Veranstaltungen der Frauenausschüsse, der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, Zuschüsse für Theateranrechte und Sportgeräte im Jugendklub, Präsente bei Eheschließung, silberner und goldener Hochzeit, Jugendweihen und für zeitweilige NVA-Angehörige Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke bezahlt werden.

Alle Betriebe jedes Bezirkes stehen miteinander im Wettbewerb um Qualität, Effektivität, Rentabilität. Jeder Bezirk arbeitet eigenverantwortlich; soll ein Ort des Nachbarbezirkes mitbeliefert werden, wird ein Wirtschaftsvertrag geschlossen.

Mittwochs fährt Jürgen Klinke nach Berlin, um neueste Zahlen zu liefern und zu holen. Als Direktor Wilke auf den Lohnfonds zu sprechen kommt, mit dem er auskommen muß, zeigt er grinsend auf Klinke. Ich begreife, daß der sein Vorgesetzter ist.

Ich gehe mit Klinke durch den Betrieb. Er wird mir später erzählen, daß er weniger Geld verdient als Wilke; der Staat zahlt schlechter als die Wirtschaft. Im Kombinat sind, alle Teilbetriebe eingerechnet, 710 Leute beschäftigt, davon 62 Prozent Frauen.

Um in entlegene Verkaufsstellen Brötchen zu bringen, muß das Kombinat abends um zehn Uhr anfangen, sie zu backen. Wenn sie morgens gegessen werden, sind sie also nicht mehr frisch. Aber dem Kombinat angeschlossen sind auch kleine und mittlere Betriebe, die näher am Verbraucher produzieren. Wir gehen durch Kühlräume, in denen Teig gelagert wird, und durch stickige Hallen, in denen Maschinen rattern. In einer Ecke eine Frau puhlt die Steine aus Pflaumen. Warum sie hier arbeitet? Sie wohnt um die Ecke. Vorher war sie in einem Oberbekleidungsbetrieb. Wo es schwerer war? Arbeiten muß man überall, sagt sie. Jedenfalls bleibt sie hier, ja ja.

Daß das hier ein Frauenbetrieb ist, heißt, daß Wohnungen, Krippen, Schulen und Arbeit besonders günstig liegen müssen (denn natürlich bringt die Frau das Kind weg). Das Kombinat liegt verkehrsgünstig, so gibt es Zulauf.

Am Anfang der großen Taktstraße kommt vorne der Teig rein, und am Ende kommen die gebackenen Brötchen raus. Das ist sehr praktisch. Zwischendurch stehen dreißig Leute und drücken Knöpfe. Das ist sehr langweilig.

Den Brigadier der dreißig Leute frage ich, warum er nicht privat arbeitet, vielleicht eine eigene Bäckerei? Da wird er fast wütend, ich habe einen wunden Punkt getroffen. Erst vorsichtig, dann richtig laut gegen den Lärm der Brötchenfabrik sagt er: Hier ist alles moderner. Da geht die Sache ruck, zuck. Und was hier rausgeht pro Schicht, das ist abgesichert. Ob ich zehn Prozent mehr oder weniger mache, merke ich erst bei der Jahresendprämie. Wer engagiert sich denn noch. Die Leute gehen nach acht Stunden, fertig.

Ich habe das Gefühl, der Mann ärgert sich über den Fortschritt. Bestimmt verludern die Gewohnheiten, einer Bäckerseele muß Unachtsamkeit weh tun; wer weiß, was er mit den vollautomatischen Bäckern auszustehen hat.

Ein Bäckermeister in der DDR lernt Marxismus-Leninismus, Sozialistisches Recht, Wissenschaftliche Arbeitsorganisation, Maschinenkunde, Lebensmittellehre, Physiologie, Preisgestaltung und Materialökonomie.

Stichwort Preisgestaltung: Egal, wo ein Brötchen hergestellt wurde, der Verbraucher zahlt fünf Pfennig pro Schrippe. Natürlich ist dieser Preis ein Kunstwerk. Er ist in keiner Weise natürlich. Der Bereich örtliche Versorgungswirtschaft des jeweiligen Bezirks hat sein Geld für Subventionen, das verteilt er. Mehr als dieses Minus darf der Betrieb nicht machen, er muß also durchaus wirtschaft- lich denken.

Ich sehe Teigmacher, Linienführer, Ofenführer; ich sehe junge und ältere Kollegen. Ich frage eine Frau, ob sie hier gerne arbeitet. Sie lacht. Sie hat den Betrieb nach dem Krieg mit aufgebaut. Sie sagt: Unsere Generation hatte keine sozialpolitischen Maßnahmen. Wir hatten keine Kredite, keine drei bezahlten Jahre fürs Baby, kein Ferienheim und kein Auto. Aber wir haben das alles möglich gemacht, und die Jungen nehmen das hin.

Wir holen den Direktor und gehen in die Kantine. Auf dem Weg kommt uns eine Gruppe Frauen entgegen; als sie Wilke sehen, rufen sie: Wann geben Sie uns denn einen aus, Direktor? Als er sagt, er würde wohl arm, wenn er allen einen ausgebe, lachen sie laut und sagen: Bei dem Geld? Arm? Das Essen kommt aus der nahegelegenen Stahlgießerei, man bezahlt 85 Pfennig, es kostet 3 Mark 16. Auch das bezahlt der Kultur- und Sozialfonds.

Als wir fertig sind, hat der Direktor eine Besprechung mit seinem Produktionsdirektor. Es gibt Sahnetorte. Natürlich werde ich gefragt, wie sie schmeckt. Sie schmeckt wirklich gut.

Der Produktionsdirektor ist zuständig für die Rohstoffannahme, -bestellung, -lagerung, für die Koordinierung innerhalb des Kombinats und für das Sortiment, das nach draußen geht. Wird etwa im Bezirk besonders viel Roggen geerntet – der muß ja verbacken werden –, ist er der Ansprechpartner des Betriebes, der die höheren Zahlen bis zum einzelnen Abnehmer; der Verkaufsstelle, durchsetzen muß.

Ich verstehe von der Besprechung kein Wort. Der Produktionsdirektor ist ein sympathischer, grauhaariger, schusseliger Mann, der immer seine Brille in der Hand hält. Wenn irgendein Problem besprochen wird, lächelt er mich an. Ich tue, als wüßte ich, worum es geht; er weiß, daß es nicht stimmt, ich weiß, daß er es weiß.

Was haben Sie denn nun für einen Eindruck, fragt Wilke, als er die Tür zu seinem Zimmer versiegelt und uns mit seinem Auto zurückfährt. Ich gucke, sage ich, und bin unzufrieden mit mir. Immer fühle ich mich gefordert, etwas zu finden –   gut, schlecht, irgendwas. Einmal sagt ein Bäcker: Bei Ihnen ist das bestimmt alles moderner. Was soll ich darauf sagen? Ich war mein Lebtag in noch keiner Backstube. Darum geht es mir auch gar nicht: modern.

Beeindruckend ist die Schrecksekunde, wenn Klinke mich als Westjournalisten vorstellt; beeindruckend die Sekunde danach, in der innerlich die Schultern gezuckt werden und die Leute loslegen: Freundlich, wissend, offen, kalt, an Dinge gewöhnt, lächelnd, kein bißchen spektakulär. Das Naja der Leute hat ein ungeheures Selbstbewußtsein. Die Kraft des Alltags ist bloß die Kraft des Alltags; sie ist das Wichtigste.

Wir fahren zu einer Kaufhalle, in der die Brötchen des Kombinats verkauft werden. Sie versorgt, in der Mitte des Neubaugebiets Reform gelegen, sechzehntausend Menschen. Hundert Leute arbeiten hier, davon 96 Frauen. Die meisten wohnen selber im Viertel, viele haben deshalb hier­her gewechselt. Krippen, Schulen und Kaufhallen wurden in die hohen Häuser gebaut; der Rest kommt jetzt. Sind denn die Leute mit dieser einen Kaufhalle zufrieden? frage ich die Leiterin der Kaufhalle. Ja, sagt sie, das sind sie.

Ich kann das gar nicht glauben. Die Kaufhalle ist wirklich riesig, aber es gibt keine Alternative! Wer ein privates Bröt­chen essen will, muß in die Stadt fahren. Aber die Backwaren werden dreimal am Tag hierher geliefert.

Ich frage eine Frau, sie verkauft Kuchen, warum sie hier arbeitet. Sie wohnt in der Nähe, war vorher in der Fabrik, es gefällt ihr hier. Ob die Leute unfreundlich sind, wenn es was nicht gibt? Naja, sagt sie, eher merke ich, wenn es was Besonderes gibt, dann freuen sich die Leute. Und das kommt ja immer öfter vor.

Am großen Brötchenkorb stehen zwei Frauen und unterhalten sich. Ob ihnen die Brötchen schmecken, die sie da im Wagen haben? Jaja, sagen beide. Außerdem kommen sie gerade von der Arbeit, die Kaufhalle ist einfach das Bequemste. Ich frage mich, wie man Unzufriedenheit messen kann. Die Leute kommen offenbar zurecht. Da sagt die eine Frau: Manchmal gibt es keine Tüten mehr, und wohin dann mit den Brötchen? Darauf wäre ich nicht gekommen.

Eine Frau sagt, wenn es schnell gehen soll, holt man die Brötchen aus dem Konsum. Man kann sie ja noch mal aufwärmen, das schmeckt auch gut. Wenn ein Bäcker in der Nähe ist, geht man lieber zu dem. Aber soviel sind ja nicht, außerdem das Anstehen vielleicht noch. Aber es gibt dort auch mal Salzbrezeln, mal einen besonderen Kuchen. Die staatlichen fahren da ihre Strecke und fertig.

Wir fahren zu einer PGH, einer Produktionsgenossenschaft Handel; auf der Straße ein Schild der DVZ, der Datenverarbeitungszentrale. In den fünfziger Jahren, als die Strategie der SED in allen Gebieten auf Verstaatlichung zulief, gründeten viele Bäcker Genossenschaften: so konnten sie vom Staat Hilfe bekommen.

Inzwischen werden keine neuen PGHen (dies der hier gebrauchte Plural) mehr gegründet; der Dienstleistungs- und Reparaturbereich wurde ausgebaut, Änderungsschneidereien und Schuhmacher dürfen jetzt kostendeckende Preise verlangen, und die privaten Bäcker bekommen Zuschüsse wie die Backwarenkombinate, zu denen Ende der sieb­ziger Jahre die einzelnen Betriebe zusammengeschlossen wurden.

Die Backstube der PGH ist klein und übersichtlich. Hier schüttet man das angelieferte Mehl noch selber in die Knetmaschine, die körperliche Belastung ist stärker als in der Fabrik. Aber es geht nicht so auf die Nerven, sagt ein junger Bäcker, den ich frage. Hier weiß man, was man macht.

Vorn in der Verkaufsstelle eine Frau fragt: Ist das Brot auch wirklich frisch? Dabei muß es noch warm sein. Hier wird das Brot noch mit dem Schlagschieber in den Ofen gefahren, in den Teig wird die Kerbe mit der Hand geschnitten, ein Kipprahmen nimmt gerade die Arbeit des Wendens ab. Aber wer hier arbeitet, hat alle Vorteile einer staatlich geförderten Arbeitsstelle.

Nicht so beim Bäckermeister Hammer, der 4500 Brötchen am Tag macht, dazu 450 Brote und Konditoreiwaren. Dafür verdient hier ein Bäcker mehr. Interessant ist, daß in der DDR offenbar diese Frage nicht so wichtig ist, daß nun alle ins private Handwerk drängen würden. »Ich möchte keinen mehr vor der Nase haben, der mein richtiger Chef ist«, sagt eine Frau aus der PGH.

Wir sitzen in der Stube von Herrn Hammer, die schweren Möbel zeugen vom Bewußtsein eines Handwerkers; die billig gemachten Schrankwände, die in der DDR so beliebt sind, würde er sich wohl nicht hinstellen.

Meine erste Frage ist, ob er sich hier im Sozialismus, mit Verstaatlichung und so, nicht als Außenseiter fühlt. Außenseiter, ruft der Bäckermeister Hammer, Außenseiter? Er taucht unter den Tisch, daß ich einen Schreck bekomme, und holt aus der Kommode seine Medaillen und Auszeichnungen. Ich drehe mich um, weil er hinter mich weist, und sehe genau vierzehn Urkunden an der Wand. Früher, ja, früher hatte er es nicht immer so leicht; heute gibt es ja diese Kredite und die Hilfen für Private. Frau Hammer sagt: Wir haben eine treue Kundschaft, das ist schön. Wenn jemand wegzieht, kommt er oft noch vorbei und sagt: Bei Ihnen schmeckt es doch besser. Und in der Kaufhalle bleibt man eben nicht so leicht stehen und unterhält sich mal. Übrigens hatte ich genau das gesehen: Leute, die in der Kaufhalle stehenbleiben und sich mit der Verkäuferin unterhalten.

Frau Hammer war Säuglingsschwester, sie hat den Beruf aufgegeben für ihren Mann. Sie steht morgens um eins mit ihm auf. Wenn er fertig ist, verkauft sie noch mit im Laden. Bei der Steuer gilt sie nicht als Arbeitskraft. Das ist doch eine Gemeinheit, sagt sie, ich verdiene gar nichts. Man sollte sich scheiden lassen, sagt sie und lacht, dann hätte ich auch ein Einkommen wie alle.

Der Laden macht ihr offenbar am meisten Spaß. Hier wird man gelobt, man klatscht und hilft einander. Wir haben keine Schwierigkeiten, Handwerker oder Autoreparaturtermine zu kriegen, sagt sie, ist doch auch ein Vorteil, nicht? Herr Hammer kniepert immer durch seine Brille, er guckt mich an und scheint zu fragen: Ob der das versteht? Herr Hammer bestreitet, mehr zu verdienen als ein normaler Bäcker. Natürlich glaube ich das nicht, und das sieht Herr Hammer auch. Listig sagt er: Man hat es nicht leicht.

Auch er bekommt Produktionsvorgaben, und wenn er mehr macht, wird vorausgesetzt, daß er auf diesem Stand bleibt. Es wird mit ihm gerechnet.

Dieses Jahr waren sie im Urlaub. Bulgarien für 5000 Mark; denn natürlich sind sie nicht im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, der Ferienheime hat, sie müssen alles selber bezahlen. Die Leute da reagieren nur auf Westgeld, sagen sie. Man kommt sich blöd vor.

Sie haben fünf Angestellte, einer davon ist ihr jüngster Sohn. Ich frage ihn, warum er bei seinen Eltern lernt. Zufall, sagt er. Er war bei der Reichsbahn und durfte seinen Be-ruf nicht mehr ausüben; das stellt der Arzt fest. So lernt er noch ein­mal.

Die Backstube bietet sich ja an. Mit der Disko, das ist nicht so einfach, er muß ja um eins nachts zu arbeiten anfangen. Aber man kriegt das schon hin, sagt er lächelnd.

Die Backstube ist klein. Wo sich fünf Leute umziehen, wo sie Pause machen, habe ich nicht gesehen. Ein Lehrling wohnt um die Ecke; wenn er schläft, holt ihn Frau Hammer; auch das ein Vorteil privat. Zum Abschluß besuchen wir eine Kaufhallenbäckerei. Sie ist wohl die optimale Lösung: eine Bäckerei von fünfzehn Leuten, Teil des Backwarenkombinats, die die Ware zehn Meter weit transportiert und die den Verbrauchern Frische bringt und den Beschäftigten die Vorteile des staatlichen wie die des kleinen Betriebs.

Eine der Frauen, die hier gerade frühstücken, war vorher Kranführerin. Das ist, sagt sie, körperlich weniger anstrengend, aber man muß mehr aufpassen. Ob es jetzt also besser ist, frage ich. Eine andere Kollegin sagt: Bewe­gung ist immer gut.

Alle haben hierher gewechselt, weil sie in der Nähe wohnen. Ein Bäckermeister bekam einen Auflösungsvertrag, weil der Arbeitsweg nicht zumutbar war vorher. Das hat die Gewerkschaft vermittelt. Der Betrieb wird verpflichtet, drei gleichwertige Arbeitsplätze mit gleicher Bezahlung anzubieten. Hier muß er den Teig wieder selber kneten, das war in der PGH automatisiert. Er ist aber zufrieden.

Alle sind irgendwie zufrieden. Jeden frage ich, ob er tauschen würde. Keiner will.

Wer in der PGH arbeitet, dem ist die große Taktstraße zu langweilig. Wer an der Taktstraße steht und Knöpfchen drückt, der will nicht missen, was der Betrieb ihm bietet. Wer für seinen Meister arbeitet, findet die Atmosphäre angenehm.

Was hatte ich auch erwartet? Die Betriebe haben immer noch zuwenig Arbeitsplätze; wer wechseln will, kriegt immer was. Die große Klage fand nicht statt. Ich stand in den sehr verschiedenen Backstuben, und die Leute waren zufrieden.

Das große Wort der DDR ist: Naja. Das Ferne scheint merkwürdig machbar; was noch nicht ist, wird kommen. Was noch nicht da ist, wird dasein. Eine erstaunliche Haltung.

Alle, mit denen ich gesprochen habe, alle sagen: Fünf Pfennig für eine Schrippe, das ist zuwenig. Wir aasen mit dem Zeug, weil wir es nachgeschmissen kriegen. 73 Pfennig für ein Brot, das ist nicht gut.

Die Leute kaufen sich im Konsum ein Brot und gehen bei Privats vorbei; wenn sie dort noch eins gekriegt haben, schmeißen sie das Konsumbrot weg. Das machen die Preise. Keiner der Bäcker, ob in der Fabrik, ob in der PGH- oder in der Kaufhallenbäckerei oder Herr und Frau Hammer, keiner findet das in Ordnung.

Sie finden die niedrigen Preise nicht in Ordnung. Sie wissen, daß sie diese Preise ihrem Staat verdanken; sie wissen, was gemeint ist, und finden es gut (wie soll man es sonst finden?). Aber sie sehen, was daraus wird, und sagen: Von zehn Pfennig für ein Brötchen verhungert bei uns keiner. Wir müssen aufpassen, daß wir nicht nachlässig mit dem werden, was wir haben.

Am Schluß stelle ich ihnen immer die berühmte Erika-Runge-Frage: Wenn eine Fee käme und Sie hätten drei Wünsche frei, was würden Sie sich für Ihren Betrieb wünschen? Ich frage das viele Leute, ich frage das auch Jürgen Klinke, meinen Begleiter. Sie alle wünschen sich immer mehr Platz, mehr Material, mal Ananas oder einen kürzeren Weg zum Mehlschleppen. Und immer, bei allen, kommt als dritter Wunsch: daß Frieden bleibt. Daß wir weiter machen können, was wir hier tun. Denn sonst, sagen sie, sonst ist ja alles nichts.

Mir fällt Mathias ein. Ich hatte ihm die DVZ/tat geliehen, er gab sie mir zurück und sagte: Die sind aber sehr DDR-freundlich. In der Ausgabe stand überhaupt nichts über die DDR. Was ist die DDR?

Wenn jemand von weitem auf dich zukommt, kann es sein, er sieht klein aus und dick und ein bißchen lächerlich. Wenn er bei dir ist, ist alles wie bei allen: Besonders klein ist er nicht, das Dicke wirkt ganz proportioniert, und irgendwie ist er auch nicht mehr lächerlich.

Diese Reportage von Ronald M. Schernikau wurde 1986 von der »Deutschen Volkszeitung« in Auftrag gegeben. Bemerkenswert ist dabei die stolze Eigensinnigkeit der Arbeitenden, denen man anmerkt, dass sie trotz aller Widrigkeiten in der DDR keine ökonomischen Existenzängste kennen. Schernikaus Erbe wird heute vom Verbrecher Verlag gepflegt. Sowohl sein literarisches Opus Magnum »legende«, die Erzählung »so schön« und die Essaysammlung »königin im dreck«, in der auch dieser Text zu finden ist, sind dort in den letzten Jahren erschienen. Übrigens: Schernikau war der letzte Westbürger, der 1989 die DDR-Staatsbürgerschaft beantragte und sie erhielt.

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