30.07.2020

Rote Innovation

Oft heißt es, der Sozialismus würde Innovationen ersticken. Aber das ist Quatsch: Eine sozialistische Gesellschaft würde die Entwicklung neuer Technologien vorantreiben – und sie dabei in den Dienst aller Menschen stellen.

Nicht nur im Konkurrenzkampf zwischen Kapitalistinnen und Kapitalisten dient die neue Technologie als Waffe, sondern auch im Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital.

Nicht nur im Konkurrenzkampf zwischen Kapitalistinnen und Kapitalisten dient die neue Technologie als Waffe, sondern auch im Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital.

Bild: Flickr/Boegh.

Von Tony Smith

Übersetzung von Martin Pfaffenzeller

Eines der stärksten Argumente für den Kapitalismus war schon immer, dass er wie kein anderes System Innovationen hervorbringt. Doch lässt dieses Argument ein entscheidendes Detail aus: Unternehmer, Investorinnen oder große Konzerne haben am technologischen Fortschritt nur einen geringen Anteil.

Im Kapitalismus ist es riskant, in Forschung zu investieren, da diese nicht zwangsläufig Ergebnisse liefert. Selbst wenn die Forschung zu guten Ergebnissen kommt, ist damit noch nicht gesagt, dass sie zur Entwicklung von rentablen Produkten genutzt werden können. Hinzu kommt, dass es mitunter Jahrzehnte dauern kann bis man mit einem neuen Produkt wirklich Gewinne erzielen kann. Schließlich verdient am Ende nicht unbedingt diejenige am Produkt, die am Anfang das Geld in die Forschung gesteckt hat.

Das private Kapital hat daher die starke Tendenz, wenig in langfristige Forschung zu investieren. Entgegen der Annahme, dass private Unternehmerinnen technologische Innovationen vorantreiben, überlassen die führenden Industrienationen die wichtigsten Forschungszweige nicht den privaten Investoren. Stattdessen werden die Kosten von der Gemeinschaft getragen.

US-amerikanische Firmen hatten von 1945 bis 1970 eine Vormachtstellung auf dem Weltmarkt. Hohe Profite erlaubten es ihnen, Geld in Forschungsabteilungen zu stecken, manchmal sogar in Grundlagenforschung, bei der unklar ist, ob man die Ergebnisse jemals wird nutzen können. Aber selbst damals kamen zwei Drittel aller Forschungsgelder aus öffentlicher Hand. Der US-Staat legte die Grundlagen für den heutigen Hightech-Sektor.

In den 1970er Jahren drängten japanische und europäische Unternehmen vermehrt auf den Weltmarkt und US-Firmen erhöhten ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung. Doch sie verzichteten auf langfristige Grundlagenforschung und setzten stattdessen auf die Entwicklung von solcher Technologie, die auf kurze Sicht kommerzielle Vorteile versprach.

Grundlagenforschung bezahlte weiterhin der Staat. So finanzierte er zum Beispiel Forschung in der Molekularbiologie, die es der Agrarindustrie ermöglichte zur Biotechnologie voranzuschreiten. Das Pentagon trieb zudem Großprojekte voran, von denen es sich militärischen Nutzen versprach und aus denen unsere modernen globalen Navigationssysteme entstanden.

»Die Produktionsmittel einer Gesellschaft sind keine Waren für den privaten Gebrauch, wie etwa eine Zahnbürste.«

Jedoch drohte die angewandte Forschung, der Zwischenschritt zwischen abstrakter Grundlagenforschung und konkreter Produktentwicklung, zu verschwinden – weder Staat noch Privatsektor stellten Geld für sie bereit. In seinen Reden beschwor Präsident Ronald Reagan zwar die »Magie des Marktes«, dennoch erkannte er das offensichtliche Marktversagen. So schuf die Regierung ein System aus Anreizen und Sanktionen, damit öffentlich finanzierte Universitäten und Institute angewandte Forschung für das US-Kapital übernahmen.

Dank staatlicher Förderprogramme konnten Start-Ups an Ideen tüfteln, bevor sie private Wagniskapitalgebende von ihrem Konzept überzeugen mussten. Unter Reagan wurden Bundesbehörden sogar dazu verpflichtet, einen Prozentsatz ihres Forschungsbudgets in Projekte kleiner Firmen zu stecken. Diese und andere Formen öffentlich-privater Partnerschaft verschafften US-Firmen einen enormen Vorteil auf dem Weltmarkt.

Es ist wenig überraschend, dass Apples extrem erfolgreichen Produkte wie das iPad, das iPhone und der iPod sich auf zwölf Schlüsselinnovationen stützen (Prozessoren, DRAM-Speicher, Festplattenlaufwerke, LC-Displays, Batterien, digitale Signalprozessoren, das Internet, HTTP und HTML, Mobilfunknetze, GPS und sprachbasierte KI-Dienste), die alle durch öffentlich geförderte Forschung entwickelt wurden. Nicht die Dynamik des Marktes, sondern staatliche Eingriffe haben den Fortschritt gebracht.

Die Verheißung eines Goldenen Zeitalters

Nicht nur im Konkurrenzkampf zwischen Kapitalistinnen und Kapitalisten dient die neue Technologie als Waffe, sondern auch im Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital. Oft entwerten neue Maschinen die Arbeitskraft. Dank neuer Transport- und Kommunikationsmaschinen erstrecken sich Produktion und Lieferketten über den ganzen Erdball. Wie nie zuvor kann das Kapital die Arbeitenden weltweit gegeneinander ausspielen. Wegen der so verschärften Machtasymmetrien zwischen Kapital und Arbeit geht die höhere Produktivität nicht mit kürzeren Arbeitszeiten einher, sondern mit Kündigungen, Stress und sinkenden Reallöhnen.

Zudem werden Maschinen, die viel Arbeit einsparen können (wie etwa 3D-Drucker oder Roboter), immer billiger. In den USA könnten sie in den kommenden beiden Jahrzehnten 47 Prozent der Arbeitsplätze ersetzen, so das Ergebnis einer Studie. Wenn in dieser Größenordnung Arbeit wegfällt, bedeutet das für die meisten gewöhnlichen Arbeitenden Elend, und keinen Fortschritt.

Die sinkenden Kosten und höheren Kapazitäten der neuen Maschinen haben aber auch Gutes bewirkt. Weil die Preise für Computerhardware, Software und Internetzugang gesunken sind, können viele Menschen neue Produkte schaffen, ohne dabei für große kapitalistische Unternehmen zu arbeiten.

So programmieren Menschen auf der ganzen Welt Open-Source-Software und beteiligen sich dabei an kollektiven Projekten, die für sie von Interesse sind. Die so geschaffenen Produkte sind für alle frei verfügbar – und sie sind denen der kapitalistischen Unternehmen teils weit überlegen.

Open-Source-Projekte müssten dabei nicht auf die Herstellung von Software beschränkt sein. Sie könnten auch kreative Energien für solche Bereiche mobilisieren, die das Kapital systematisch vernachlässigt, da sie keine Profite einfahren: Saatgut für arme Bauern etwa, oder Medikamente für diejenigen, denen es an Geld fehlt, bestehende Produkte zu kaufen. Das Potenzial dieser neuen Form von kollektiver und sozial ausgerichteter Arbeit ist historisch beispiellos.

Damit solche Projekte gelingen können, benötigen Open-Source-Projekte freien Zugang zu bestehendem Wissen. Führende Unternehmen, die möglichst viel privaten Profit aus öffentlich finanzierter Forschung schlagen wollen, haben jedoch ihre politische Macht genutzt, um geistige Eigentumsrechte auszuweiten, die den Zugang zu Wissen für Open-Source-Projekte stark einschränken. Just als Ende der 1990er Jahre mehr Menschen Zugang zum Internet hatten, verlängerte ein US-Gesetz das Copyright für Unternehmen von 75 auf 95 Jahre.

Der Erfolg von Open-Source-Projekten zeigt jedoch, dass geistige Eigentumsrechte keine Bedingung für Innovationen sind.

So nötigen in den USA auch die meisten Institute und Firmen Forschende, ihre Rechte an ihrem geistigen Eigentum abzutreten, wenn sie ihren Arbeitsvertrag unterschreiben. Tatsächlich verhindern diese Rechte Fortschritt, indem sie die Kosten für die Produktion von neuem Wissen erhöhen und Mittel in unproduktive Rechtskosten lenken.

Ist die Erde flach? 

Der Kapitalismus hindert den Großteil der Welt daran, zum technologischen Fortschritt beizutragen. Ganze Regionen der Weltwirtschaft haben nicht die Mittel, um Innovationen voranzutreiben. 2017 steckten nur Israel und Südkorea mehr als vier Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung. Sechs weitere Staaten investierten mehr als drei Prozent, darunter auch Österreich und Deutschland. Von der Forschung profitieren dabei vor allem die privaten Unternehmen mit ihrem privilegierten Zugang zum Wissen.

Die Firmen in ärmeren Regionen befinden sich in einem Teufelskreis. Weil sie keinen Zugriff auf Forschungsergebnisse haben, können sie auf dem Weltmarkt nicht mithalten. Nur Südkorea, Taiwan und wenige andere Länder konnten diesen Startnachteil jemals aufholen – allerdings nur, weil sie sich zeitweise vom Weltmarkt abgeschottet hatten.

Der technologische Wandel ist nicht die einzige Erklärung dafür, dass die 22 reichsten Männer der Welt mehr Vermögen als alle Frauen des afrikanischen Kontinents zusammen besitzen. Aber er trägt zur Ungleichheit bei: Technologie ist eines der Mittel, mit denen die Privilegierten ihren Vorsprung behaupten und ausbauen.

Schöpferische Nicht-Zerstörung

Der Teufelskreis der Ungleichheit ist jedoch keine notwendige Folge des technologischen Wandels; er ist eine notwendige Folge des technologischen Wandels im Kapitalismus. Wer ihn durchbrechen will, muss den Kapitalismus überwinden – auch wenn wir bislang nur wenig Ahnung davon haben, was das konkret bedeuten könnte.

Die schädlichen Entwicklungen, die mit dem technologischen Wandel am kapitalistischen Arbeitsplatz einhergehen, wurzeln in einer Struktur, in der Managerinnen im privaten Interesse der Firmenbesitzer agieren. 

Die Produktionsmittel einer Gesellschaft sind jedoch keine Waren für den privaten Gebrauch, wie etwa eine Zahnbürste. Die materielle Reproduktion einer Gesellschaft ist eine öffentliche Angelegenheit, wie der durch öffentliche Mittel finanzierte technologische Wandel erneut zeigt. Kapitalmärkte, auf denen private Ansprüche an produktive Ressourcen gekauft und verkauft werden, behandeln öffentliche Leistungen als lediglich einen weiteren Artikel für den persönlichen Gebrauch. Sie können und sollten abgeschafft werden.

Die großen, produktiven Unternehmen könnten als öffentliches Gut anerkannt werden, und die Ausübung von Autorität am Arbeitsplatz als Akte öffentlicher Autorität. An dieser Stelle würde das demokratische Prinzip ins Spiel kommen: Jegliche Ausübung von Autorität würde die Zustimmung der Betroffenen benötigen.

Wenn die Arbeitenden ihre Managerinnen und Manager selbst wählen und abrufen könnten, würden Produktivitätssteigerungen typischerweise nicht dazu führen, dass diese Führungskräfte einzelne Arbeitende entlassen, sondern die Arbeitszeit würde sich für alle verringern. So könnte sich der Wunsch vieler Arbeitenden nach mehr Zeit für Familie, Freundschaften und selbst gewählte Projekte erfüllen. Mit mehr demokratischer Kontrolle am Arbeitsplatz, gäbe es auch mehr Bemühungen, die Arbeit selbst spannender und kreativer zu gestalten.

Auch der generelle Umfang von neuen Investitionen könnte Gegenstand öffentlicher Debatten sein und durch demokratische legitimierte Organe entschieden werden. Gäbe es einen dringenden gesellschaftlichen Bedarf an Investitionen, würde man diese steigern. Ansonsten würden man die Investitionsquote stabil halten und die demokratischen Organe könnten die verbleibenden Mittel für die kostenlose Bereitstellung von öffentlichen Gütern nutzen, und so mehr Güter und Dienste dem Markt entziehen.

»Wir brauchen weder Produktionsmittel im Privatbesitz noch Märkte, damit unsere Gesellschaft dynamische technologische Innovationen vorantreibt.«

Auch die Forschung würde der Allgemeinheit statt einzelnen Unternehmen dienen. Dazu müssten geistige Eigentumsrechte abgeschafft werden – Forschungsresultate wären Open-Source. Wenn es zusätzlich ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe, könnten alle Leute mitforschen. Als Anreize für die Lösung von gesellschaftlich besonders relevanten Problemen könnte man Preise ausschreiben.

Verbleibende Mittel könnten an demokratische Organe auf unterschiedlichen geographischen Ebenen verteilt werden. Die Menschen würden vor Ort demokratisch entscheiden, in welches öffentliche Gut der Region sie investieren – etwa in Umweltprojekte oder Spielplätze. Den Rest bekämen lokale Gemeinschaftsbanken, die das Geld an genossenschaftlichen Unternehmen verteilen würden.

Die Genossenschaften müssten anhand quantitativer und qualitativer Parameter nachweisen, wie sehr sie dem Gemeinwohl dienen – so würde sich entscheiden, wie viel die Arbeitenden zusätzlich zum Grundeinkommen erhalten (und die Mitarbeitenden der Gemeinschaftsbank, die die Genossenschaften mit Geld ausgestattet haben).

Ohne Rechte am geistigen Eigentum verlören die reichen Regionen ihren privilegierten Zugang zum technologischen Wissen, durch den sie heute die globale Ungleichheit aufrechterhalten und vergrößern. Den globalen Ungleichheiten könnte man zusätzlich durch ein Recht aller Regionen auf einen Pro-Kopf Anteil an neuen Investmentfonds entgegenwirken.

Eine Gesellschaft, die so wirtschaftet und Produktivitätszuwächse für die Verkürzung der Arbeitszeit statt für einen höheren Output nutzt, würde Ressourcen schonen und weniger Müll produzieren. Sobald die Kapitalmärkte abgeschafft und durch demokratische Kontrollen über Investitionsraten ersetzt sind, wäre die Menschheit vom Imperativ »Wachstum oder Tod« und dessen katastrophalen ökologischen Folgen befreit.

Selbstverständlich sind all diese Vorschläge vage und vorläufig. Trotzdem zeigen sie, dass die Folgen technologischen Wandels fundamental verschieden sein könnten, von dem was sie heute sind. Wir brauchen weder Produktionsmittel im Privatbesitz noch Märkte, die sich finanziellen Vermögenswerten verschrieben haben, damit unsere Gesellschaft dynamische technologische Innovationen vorantreibt. Und mit einem politischen Kurswechsel würde technologischer Wandel nicht mehr mit Überakkumulation, Finanzkrisen, der Unterdrückung von Open-Source-Innovationen, globalen Ungleichheiten und einer zunehmenden Bedrohung durch den Klimawandel einhergehen.

Im Sozialismus können wir das volle Potenzial menschlichen Erfindungsgeistes entfesseln. Der technologische Fortschritt ist schon jetzt öffentlich finanziert. Nun müssen wir die Sache noch zu Ende bringen – sodass die Ergebnisse allen Menschen zugutekommen.

Zwei Zukünfte

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