10.07.2020

Oooh La La, der Kapitalismus ist vorbei

»Das ist die Party, die abgeht, wenn wir uns vom Geldsystem befreit haben«, sagen die Rapper von Run The Jewels zum Video der neuen Single »Ooh La La«. Analyse eines großartigen Videos zur richtigen Zeit.

Killer Mike von Run The Jewels im Video zu Ooh La La. (c) WMG

Killer Mike von Run The Jewels im Video zu Ooh La La. (c) WMG

Von Nina Eichacker

Übersetzung von Martin Neise

Seit die US-amerikanischen Rapper von Run the Jewels, kurz RTJ, neulich ihr jüngstes Album veröffentlichten, habe ich mir das Video zur ersten Single-Auskopplung »Ooh La La« sicher schon dutzende Male angeguckt – die vielen Repeats auf Spotify gar nicht mitgerechnet. Das antikapitalistische Duo – Tom Breihan von Stereogums beschreibt sie treffend als »musikalische Steineschmeißer« – besteht aus dem in Atlanta beheimateten Killer Mike und dem Brooklyner Urgestein El-P. Das neue Album RTJ4 sollte eigentlich im April 2020, kurz vor ihrem Gig beim Coachella Festival rauskommen, wo sie zusammen mit Rage Against the Machine als Headliner angesagt waren. Die Umstände haben das natürlich verhindert und wir mussten bis in den Juni warten.

Aber jetzt dieses Video! Zu Beginn Zwischentitel in Manier eines Stummfilms und in der Schriftart wie in eine U-Bahn-Scheibe geritzt: Zuerst »(wahrscheinlich) ein altes Sprichwort«, das besagt, dass am Ende des Kapitalismus, nach der Abschaffung der Klassengesellschaft, die Leute erstmal eine fette Party schmeißen und nach Moët Chandon verlangen werden. Guter Schampus, Flaschenpreis laut meiner Alkohol-Liefer-App um die 40 Euro. Einige Klavierakkorde später geht ein Dollar-Schein in Flammen auf und Gast-Rapper Greg Nice intoniert die ersten Zeilen: »Oooh la la, ah oui oui!«. Menschen werfen Bargeld durch die Gegend und flippen Kreditkarten in ein Lagerfeuer auf offener Straße.

Drumherum, wie es aussieht, das Zentrum einer europäischen Großstadt am Tag der Befreiung. Um das Feuer tanzen die Leute. Häftlinge, noch immer in ihrer Gefängniskleidung und Slippers, crip-walken im Gleichklang. Frauen, die Stripperinnen sein könnten, schießen mit umgerüsteten, vergoldeten Geldpistolen auf das lodernde Feuer, während ein grimmig dreinblickendes Kind stehen bleibt, um eine Schneewehe von Geldscheinen auf die Flammen zu schleudern. Rage Against The Machine-Sänger Zack de la Rocha marschiert neben RTJ, vielleicht etwas skeptisch mit dem Kopf nickend, als hätten die Leute für seinen Geschmack ein bisschen zu viel Spaß bei dieser Sache (Disclosure: ich fühle mit ihm).

Bei alledem sind Killer Mike und El-P unsere Guides. Es ist das Ende des Kapitalismus, das Ende des Geldsystems und allen anderen Formen sozialen Zwangs. Jede kann mit ihrer eigenen Flasche Moët aus dem Kofferraum mitfeiern. Es ist eine Nach-Weltordnung und sie ist gut. Wie ist das passiert? Ein Kameraflug aus Perspektive von Helikoptern zu Beginn des Videos lassen militärische Gewalt erahnen, aber Flugzeuge, die wiederangeeignete Kampfflieger sein könnten, drehen später im Video Loopings und füllen den Himmel mit magenta, türkisen und violetten Farbstreifen.

Das Timing der Videoveröffentlichung war perfekt, es kam direkt nach dem italienischen Tag der Befreiung raus, dem Jubiläum des Partisanenkampfes gegen die Nazis. Mein Twitter-Feed war voll mit Fotos italienischer Frauen in Brogues, Tweed-Röcken, Trenchcoats und Gewehren in der Hand, die Männer in Tarnkleidung und Straßenanzügen anführten. Oder mit Fotos von Faschisten am Galgen. Mit den elegant gekleideten Genossinnen und Genossen war nicht gut Kirschen essen.

Genauso wenig wie mit der adretten Menschenmenge im Video. El-P und Killer Mike tragen schwarze Twill-Jacken und -Hosen. Sie wechseln ihre elegante Freizeitkleidung: El-Ps dunkelblaue und weinrote Jacquard Smokingjacke und mit hellpinkem Beanie, und Killer Mikes Vintage Polo-Anorak. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen Vintage Hemdkleider und Anzüge, die an die Vierziger erinnern, weiße Schuhe wie zum Sommeranfang und eine Ansammlung von Members Only-Jacken in einem Regenbogen gedeckter Farben. Selbst die Overalls der freigelassenen Gefangenen (im schicken neutralen Crème) sind en vogue, zumindest, wenn man der Unzahl an Werbe-Mails in meiner Inbox trauen kann, die Werbung für den Kauf von Jumpsuits machen. Diese Jumpsuits, geschmückt auf der Rückseite mit einem »Department of Corrections«-Label in Blockschrift, verweisen subtil auf die Gewalt, die vermutlich zu der Situation geführt hat – trotz des Partyvibes.

Diese Geschichte wird in früheren RTJ-Songs und -Videos vorweggenommen. »Call Ticketron« auf dem Album RTJ3 verwebt erfolgreich Umweltzerstörung, Fernsehnachrichten und kommerzialisierte »Behind the Music«-Bandnarrative, Sell-Out Bands (wörtlich und metaphorisch) und den großen bösen Ticketmaster, die monopolistische Ticketbörse in den USA, die für die wegen COVID-19 auf unbestimmte Zeit verlegten Shows kein Geld zurückerstattet. Auch nahmen die apokalyptischen Folgen des Meteoriteneinschlags im Video selbigen Songs die physische und soziale Leere vorweg, die vor wenigen Wochen auf die ersten Lockdowns folgte. Genauso wie das freakige Gefühl, was die meisten von uns hatten, als wir versuchten zu verstehen, wie sehr sich alles verändert und sich auch weiter verändern würde.

Quer durch RTJs Veröffentlichungen finden sich kleinteilige und grundsätzliche Beobachtungen der Brutalität des amerikanischen Justizsystems und der strukturellen Tiefe seines Rassismus und seiner Ungerechtigkeit. Das Video zu »Legend Has It« zeigt Killer Mike und El-P in einer Reihe manipulierter Gegenüberstellungen, führt die Zuschauer durch einen Gefängnistrakt begleitet von Jubel und Statistiken über die tausenden Menschen, die in den USA jährlich eingesperrt sind und die Metastasen des US-Strafvollzugssystems. Am Ende sind wir gezwungen in Killer Mikes Augen zu blicken, als er am Boden liegend brutal in Handschellen gelegt wird, ganz wie Eric Garner. Und dann gibt es da die Liedzeilen von »Close Your Eyes (And Count to Fuck)«, die die physische und psychologische Folter aufzählen, die im carceral state, dem Gefängnisstaat USA angelegt ist. Zack de la Rocha weitet diese Anklage in der letzten Strophe auf den Kapitalismus und das Fabriksystem aus.

Meldungen, dass COVID-19 Massen von Gefängnisinsassen und gefährdete Arbeiterinnen und Arbeiter in systemrelevanten Berufen wie Fleischverarbeitung, Dienstleistungen, im Lebensmittelhandel, im Krankenhauswesen und bei den Lieferdiensten heimsuchte – trotz der lauten Appelle der Arbeiterinnen und Arbeiter – hat Killer Mikes Kassandrarufen in den letzten Zeilen von »Talk to Me« nochmal besondere Dringlichkeit verliehen: »I told y’all sucker, I told y’all sucker. . I told y’all on RTJ1, then I told ya again on RTJ2, and you still ain’t believe me, so here we go…«.

Die Gewalt des kapitalistischen Systems an Arbeiterinnen und ihrer Menschlichkeit sind zahlreich. Das waren sie immer. Karl Marx selbst schrieb im ersten Band des Kapitals: »Das Kapital schert sich nicht um das Leben der Arbeitskraft. Das, was es einzig und allein interessiert, ist das Maximum der Arbeitskraft, das in einem Arbeitstag flüssig gemacht werden kann. Es erreicht dieses Ziel durch die Verkürzung des Lebens des Arbeiters. Wie ein gieriger Bauer, der mehr Ertrag von seinem Boden erheischt, indem er ihn seiner Fruchtbarkeit beraubt.« Man erinnere sich an die Berichte in den ersten Wochen der US-Panik während der Pandemie, als Profitmacher Desinfektionsmittel horteten, dessen Preise in die Höhe schnellten und New Yorks Gouverneur Cuomo verkündete, dass New York beginnen würde, sein eigenes Desinfektionsmittel herzustellen. Ohne zu erwähnen, dass der Hersteller der Flüssigkeit Corcraft war, ein staatliches Unternehmen, das auf der Arbeit von Gefangenen basiert.

Oder die fürchterliche Meldung, dass der Riesen-Schlachthof Smithfield, Epizentrum des Seuchenausbruchs im Mittleren Westen, welcher seinen Arbeiterinnen und Arbeitern nicht ausreichend Platz zur Verfügung stellte, um ihren Mund beim Husten zu bedecken, den Beschäftigten schon lange angemessene Toilettenpausen verweigert hatte. Das führte schon vor Trumps Ankündigung, die Fleischverarbeitung als systemrelevant einzustufen, bei den Beschäftigten zu Harnwegsinfektionen.

Erschreckend, aber nicht überraschend: Die Fleischverarbeitungsindustrie und die industrielle Landwirtschaft haben schon lange vornehme Zuschauer und Zuschauerinnen schockiert, sobald ihre Praktiken ans Tageslicht kamen – Ausbeutung von Tieren, Raub an legalen und illegalisierten Arbeiterinnen und Arbeitern und die Verseuchung der Umwelt. Was dem Ganzen noch die Krone aufsetzt, ist das massenhafte geplante Notschlachten unverkaufter Schweine, das auf ein Gesetz aus Zeiten des New Deals zurückgeht. Inmitten gekürzter Essensmarken, endlosen Autoschlangen an den Ausgabestellten der Tafeln und steigender Hungerraten vernichtet der Markt systematisch Lebensmittel.

Und ebenso wie diese Themen nichts Neues sind, haben Musikerinnen und Musiker diese Ungerechtigkeiten in den vergangenen Jahren ihren ahnenden und nichtsahnenden Zuhörern um die Ohren gehauen. Bevor ich mich in dieses Stück vertieft hatte, hatte ich den Umfang von Zack de la Rochas Zusammenarbeit mit RTJ gar nicht richtig realisiert. Er tritt nicht nur in diesem Video auf, er schrieb und ko-performte auch den Song »Close Your Eyes«, genauso wie »A Report to Your Shareholders / Kill Your Masters« auf RTJ3 und arbeitet seit langem mit den Mitgliedern von RTJ zusammen. El-P war einer von mehreren Produzenten, die an de la Rochas unveröffentlichtem Soloalbum mitgearbeitet hatten, und produzierte außerdem de la Rochas Single »Digging for Windows« im Jahr 2016.

Es macht also Sinn, dass de la Rocha und RTJ an ihrem jetzigen Punkt der kontinuierlichen Zusammenarbeit angekommen sind. Rage Against the Machine (RATM) waren vor RTJ zwar nicht die einzigen einsamen Rufer in der Wüste, aber sie verurteilten schon Jahrzehnte vor de la Rochas erster Kooperation mit dem Duo Immobilienbesitzer und Imperialismus, die Ausbeutung von Immigrantinnen und Immigranten, die Polizei und staatliche Brutalität sowie die vielen Ungerechtigkeiten der Lohnarbeit . RTJs »Lie, Cheat, Steal«, mit seinen Verweisen auf die 1970er-Stadtguerilla der Weathermen, den Einfluss von Unternehmen auf politische Macht und Martin Luther King Jr. Erinnert an »Take the Power Back«, »Wake Up« und »Guerilla Radio«.

RATMs »Down Rodeo« verschmolz Kommerz mit Rassismus: die Sklaverei erzeugt den Kapitalismus, der Kapitalismus versklavt und die meisten historischen Wege, aus diesem Teufelskreis auszubrechen, waren gewaltsam. El-P und Killer Mike sprechen das ebenfalls in »Everybody Keep Calm« und »Thieves! (Screamed the Ghost)« an und stellen den Zusammenhang mit den Polizeimorden an den Schwarzen Trayvor Martin und Michael Brown her. Und da ist wieder de la Rocha auf »A Report to the Shareholders / Kill Your Masters«, wie er mit einem Manifest über den amerikanischen Staat, das Militär, die Polizei, und den Finanzkapitalismus abschließt, das an die schmutzige Geschichte der herrschenden Ordnung erinnert.

Beide Gruppen haben einen machtvollen musikalischen Instinkt. Als Teenager konnte ich wahrscheinlich die Kraft von Brad Wilks Schlagzeug und Tom Morellos virtuosem Gitarrenspiel nicht erklären, aber die einleitenden Gitarrenriffs aus »Sleep Now in the Fire« berühren mich immer noch tief. Aber der Begleittext zu all ihren Alben, der erklärt dass RATM nie Samples oder Synthesizer benutzt haben? Kern der Freude am Hören von RTJ ist der fröhliche Krawall der Drum-Maschinen, Samples von betrunkenen Hörnern, fremde Stimmen, Elefantentrompeten und so vieler andere Schnörkel, die sie zusammenmischen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie de la Rocha und seine Mitbrüder von Rage Against the Machine jemals ein Album zu Katzensounds remixen. El-P schafft selbst das irgendwie gut klingen zu lassen – wahrscheinlich auf Kosten seines Verstandes.

Auch der notorisch wütende de la Rocha wirkt etwas lockerer neben Killer Mike und El-P. Statt den postapokalyptischen Film »Children of Men« zu erwähnen, wie ich tendenziell erwartet hätte, kommt er mit einer Referenz auf Disneys »Frozen« um die Ecke. Eine schöne Überraschung. Es ist schwierig, Ernsthaftigkeit mit Spaß zu verbinden und das auf eine Weise, die nicht peinlich wirkt. El-Ps Zeile »I’m dirt motherfucker, I can’t be crushed« fügt sich gut in sein Image als jemand ein, der »schlau ist und so«. Das sind Wörter der Ermächtigung.

Wir leben in merkwürdigen Zeiten. Francis Fukuyama, bekannt für seine Verkündigung, mit dem liberalen Kapitalismus sei das Ende der Geschichte erreicht, kommentierte während der Pandemie ein Selfie von sich mit Mundschutz auf Instagram: »Ich, wie ich gestern versucht hab den Supermarkt auszurauben.« Trotz dieses versucht ironischen Mic-Drops wird die Geschichte weitergehen. Wir können uns glücklich schätzen Leute wie RTJ und de la Rocha zu haben, die weiter für die gute Sache kämpfen. Sie erkennen an, dass der Widerstand gegen den Kapitalismus harte Arbeit erfordert und uns teuer zu stehen kommt. Ihre Musik ist ein würdiger, aufbauender Soundtrack dazu. Und wenn El-P und Killer Mike selbst de la Rocha daran erinnern können, bei all dem trotzdem Spaß zu haben, sollten auch wir uns ein Beispiel nehmen.

Zur Autorin

Nina Eichacker ist Professorin der Volkswirtschaftslehre an der Universität von Rhode Island, USA. Ihr Beitrag erschien im Original auf dem Progress in Political Economy Blog der Universität Sydney.

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