27.04.2021

Ohne Frauen keine Revolution

Im Zuge der Russischen Revolution erkämpften Feministinnen und Revolutionärinnen radikale neue Freiheiten. Ihre Geschichte zeigt, was erreicht werden kann, wenn sich die Arbeiterinnenschaft auflehnt.

Als Volkskommissarin für Soziale Fürsorge setzte Alexandra Kollontai innerhalb weniger Monate zentrale Forderungen der Frauenbewegung um, wie etwa die Vergesellschaftung der Hausarbeit oder das Recht auf Abtreibung.

Als Volkskommissarin für Soziale Fürsorge setzte Alexandra Kollontai innerhalb weniger Monate zentrale Forderungen der Frauenbewegung um, wie etwa die Vergesellschaftung der Hausarbeit oder das Recht auf Abtreibung.

IMAGO / KHARBINE-TAPABOR.

Im deutschen Kaiserreich spaltete die Klassenfrage die Frauenbewegung, in Großbritannien war es die Militanz. Im zaristischen Russland bewegte sich das Spektrum des Protests zwischen Utopie, Emanzipation und Revolution und gewann Mitte des 19. Jahrhunderts während der Regierungsjahre von Alexander II. an Relevanz. Gesetzgebung und Kirche hielten die Frauen aller Klassen gebieterisch am häuslichen Herd. Patriarchale Ehe- und Familiengesetze, der kirchliche Sittenkodex und die allgemeine Benachteiligung riefen vor allem in der städtischen Intelligenzija erste Widerstände hervor. Hier fanden Frauen zu radikaliberalen oder sozialrevolutionären Ideen.

Die Ökonomin Marija Wernadskaja appellierte an die Frauen, dass vor allem die Lohnarbeit sie befreien und aus der Abhängigkeit von Vätern, Ehemännern und Brüdern erlöse. Ihr Aufruf an die Frauen lautete: »Sehr geehrte Damen! Hören Sie auf Kinder zu sein und stehen Sie auf eigenen Füßen, leben Sie Ihren eigenen Geist, arbeiten Sie mit ihren eigenen Händen, studieren, denken, arbeiten Sie wie die Männer – und Sie werden auch unabhängiger sein oder zumindest weniger abhängig von ihren Tyrannen als jetzt.« Diese Positionen – die denen der gemäßigten und konstitutionellen Frauenbewegungen in Westeuropa nicht unähnlich waren – fanden Anklang. In Wirtschaftsjournalen und Magazinen forderten Autorinnen wie Evgenia Tur und Awdotja Panajewa den zaristischen Feudalismus mit modernen Wirtschaftstheorien heraus.

Der neue Geist und das Erwachen der Frauen spiegelte sich auch in der Welt der Literatur wider: So spielten etwa in den Romanen Vorabend (1860) von Iwan Turgenew und Was tun? (1863) von Nikolai Tschernyschewski starke Frauen, die für den Aufbruch in eine neue Gesellschaftsform standen, die Hauptrolle. Tschernyschewskis utopische Erzählung handelt von Handwerkskommunen, Genossenschaften, der Idee des »neuen Menschen« und eben nicht zuletzt der Emanzipation der Frauen. Der Roman avancierte zu einer Art Kultbuch der jungen Generation und prägte in der Folge ein ganzes Protestmilieu: Feministinnen, Narodniki, Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, Bolschewiki. Wladimir Lenin, Alexandra Kollontai, Rosa Luxemburg und Peter Kropotkin – sie alle hatten den Roman begeistert gelesen. Die Idee des »neuen Menschen«, der von Vernunft und nicht bestehender Herrschaft geleitet wird, schloss die Idee der »neuen Frau« mit ein: ein modernes Bild, das für junge Frauen der Intelligenzija interessant war und ihnen in jedem Fall eine lebenswertere Perspektive bot.

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Insbesondere in Moskau und Sankt Petersburg bildeten sich erste Frauenbewegungen. Ähnlich wie in anderen Ländern engagierten sich Frauen der höheren Schichten in der Sozialfürsorge, forderten den Zugang zu Bildung und Erwerbsarbeit und engagierten sich für Verbesserungen in der Ehe- und Familiengesetzgebung. Feministinnen wie Anna Filosofowna, Nadeschda Stassowa und Marija Trubnikowa gründeten Ende der 1850er und in den 1860ern erste Wohltätigkeitsorganisationen. Filosofowna engagierte sich darüber hinaus dafür für die Gründung eines Dachverbands für alle russischen Frauenorganisationen und vernetzte sich international.

Die Feministinnen der ersten Stunde verfolgten keine revolutionären Ideen. Ihr Ziel war nicht die umfassende Umwälzung des Systems, vielmehr ging es ihnen um eine liberale Reformierung in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen. Insbesondere Bildung und Erziehung galten als wichtiges Betätigungsfeld. Mit der Einrichtung von sogenannten »Höheren Frauenkursen« konnten Frauen punktuell für den Bereich Verwaltung, Landwirtschaft, Kanzlei- und Bankwesen sowie den Schuldienst akademisch ausgebildet werden. Die Höheren Kurse waren jedoch steter Kritik ausgesetzt. In den Augen des Zaren waren sie ein Hort des Anarchismus und der Anhängerinnen der Sozialrevolution. Und die Kurse waren auch nicht flächendeckend angelegt. Ähnlich verhielt es sich mit der Zulassung von Frauen zum allgemeinen Medizinstudium, die nur für das Hebammenwesen gewährt wurde. Trotzdem leisteten hier die Frauen wichtige Pionierinnenarbeit im Bereich medizinischer Frauen- und Kindergesundheit. Feministische Medizinerinnen wie Anna Schabanowa gründeten Wohltätigkeitsgesellschaften für Frauen und engagierten sich im Bereich der sozialen Arbeit.

Über diesen Weg des sozialen Engagements fanden viele Feministinnen auch zu direkteren Forderungen wie dem des Frauenstimmrechts. Die Anliegen und die Erfolge der Frauenbewegung standen jedoch in den unruhigen Jahrzehnten vor der Revolution im Fadenkreuz der zaristischen Ordnungsmacht und unter dem Verdacht sozialrevolutionärer Umtriebe.

»Habt keine Angst vor dem Tod!« 

Junge Frauen der Intelligenzija begannen sich zunehmend auch für sozialrevolutionäre Ideen zu interessieren, um mit dem alten System radikaler zu brechen. Unter den anarchistisch bis sozialistisch geprägten Narodniki waren zahlreiche Frauen, die den »Gang ins Volk« (Narodnichestwo) und die damit verbundene Mobilisierung der Landbevölkerung den engen Weiblichkeitsnormen des Zarenreichs vorzogen. 1874 wanderten viele von ihnen aufs Land, um gegen den Zarismus zu propagieren. So kam es, dass Frauen der oberen Schichten mit den für sie ungewohnt harten Lebensbedingungen der Fabrik- und Feldarbeit konfrontiert wurden und als politische Agitatorinnen in der öffentlichen Sphäre sichtbar wurden. Das bedeutete für die Frauen – genau wie für die männlichen Sozialrevolutionäre – eben auch Bedrohungen durch Verrat, Verhaftung, Verbannung, Misshandlungen oder gar Hinrichtung. In den Verhaftungswellen zwischen 1860 und 1890 waren ein Fünftel aller politischen Gefangenen Frauen.

Die permanenten Schikanen und die Verfolgung radikalisierte und vereinte die sozialrevolutionären Kräfte 1876 in der Organisation »Land und Freiheit« (Semlja i Wolja). Aus diesem politischen Umfeld kamen auch Wera Iwanowna Sassulitsch, die 1878 versuchte den Petersburger Polizeipräsidenten zu erschießen, der Gefangene gefoltert hatte, und Maria Alexandrowna Kolenkina, die mutmaßlich einen Anschlag auf den Chefankläger zahlreicher Prozesse gegen Narodniki und andere Sozialrevolutionäre verübte. Die öffentliche Aufmerksamkeit der Verhaftungen trieb einen noch tieferen Keil zwischen die Intelligenzija und die Machthabenden. Eine Abspaltung der sozialrevolutionären Bewegung versuchte ab 1879 systematisch durch Vergeltungsmaßnahmen und Agitation der Massen eine Revolution herbeizuführen. Auch hier federführend im ausführenden Komitee: zehn Frauen.

Der tödliche Bombenanschlag auf Alexander II. löste aber nicht die erwartete Revolution aus. Trotz internationaler Proteste und prominenter Unterstützung, beispielsweise durch Leo Tolstoi, wurde die Revolutionärin Sophia Perowkaja hingerichtet und die schwangere Gessja Gelfmann lebenslang verbannt. In den Folgejahren begangen sozialrevolutionäre Kampfgruppen zwischen 1901 und 1911 263 Gewaltakte. Die Frauen unter ihnen – wie beispielsweise Marija Spiridonowa – hatten neben sozialrevolutionären Motiven auch feministisch emanzipative, denn nach Jahrzehnten patriarchaler Unterdrückung und der Verfolgung sozialrevolutionärer Bewegungsaktivistinnen gab es keinen Weg mehr zurück ins häusliche Ehefrauenglück. Die Frauen forderten ihre gleichberechtigte Stellung in der Gesellschaft ein.

Neben den sozialrevolutionären Kräften wuchs in den 1890ern auch der Anteil sozialistischer und sozialdemokratischer Frauen, die vor allem im Umfeld der Indstriearbeiterinnenschaft mobilisierten. Im Gegensatz zu den am Liberalismus orientierten Feministinnen, entwickelte sich hier eine proletarische Frauenbewegung, die sich international vernetzte und an Schriften wie »Die Frau und der Sozialismus« (1879) von August Bebel und »Die Arbeiterin« (1899) von Nadeschda Konstantinowna Krupskaja orientierte. Sie verbanden die Frauenfrage mit der allgemein sozialen Problemlage ihrer Zeit.

Eine Aktivistin sei im Besonderen erwähnt: Die Weberin Vera M. Karelina leistete durch ihre unermüdliche Agitation unter Textilarbeiterinnen einen wichtigen Beitrag zu deren umfassenderen Organisation. Bei den zahlreichen Streiks in den Jahren vor 1905 schreckten Frauen nicht vor gewaltsamen Zusammenstößen mit den Ordnungsmächten zurück. So schreibt Karelina später: »Ich erinnere mich an einen Fall, als es während dieses Streiks im Hof der neuen Papierdreherei zu einem großen Aufstand kam. Es waren viele Frauen da, Kosaken mit Peitschen flogen hinein und der Prügel begann.«

Während der Streikwellen und Unruhen unter der Landbevölkerung organisierten die Petersburger Arbeiterinnen eine Deputation zum Zaren. Sozialistinnen mobilisierten für den Demonstrationszug am 9. Januar 1905 und riefen die Arbeiterinnen dazu auf, »das Schicksal ihrer Männer, Söhne und Brüder zu teilen … habt keine Angst vor dem Tod!« Der Petersburger Blutsonntag forderte mehr als hundert Tote und zahllose Verletzte – ein Tag, der auch den endgültigen Zerfall des Zarismus einläutete.

Ruhe vor dem Sturm

Die revolutionäre Situation und aufgeheizte Stimmung führten zu Zugeständnissen von Nikolaus II. Mit der Einrichtung der Duma witterten auch die gemäßigten Feministinnen eine Chance auf politische Teilhabe und gründeten Frauenstimmrechtsvereinigungen: Die Union für die Gleichstellung der Frau, welche sich noch 1905 zusammenschloss, vereinigte liberale, sozialistische, sozialdemokratische und radikale Feministinnen. Bereits ein Jahr später konnte die Union über 10.000 Mitglieder verzeichnen. Die Organisation setzte auf die üblichen Methoden der gemäßigten Stimmrechtsbewegung: Lobbypolitik, Petitionen und Agitation unter den Arbeiterinnen und den Landfrauen. Doch die Frauen blieben weiterhin vom Stimmrecht ausgeschlossen.

Während des Generalstreiks von 1905 setzte die Union auf Solidarität und unterstütze die Streikenden mit Spenden. Doch die Hoffnungen auf eine Verbesserung der sozialen und politischen Lage verpufften und trugen sicherlich auch dazu bei, dass beim ersten Allgemeinen Russischen Frauenkongress 1908 die zunächst eingeebneten Konflikte wieder offen zu Tage traten. Es gelang zwar bei dem Kongress mehrere Resolutionen zu verabschieden, so etwa zum Arbeits- und Mutterschutz, zum Scheidungsrecht, zu Bildungsrechten und dem Wahlrecht, doch die reformorientierten und sozialistischen Forderungen kollidierten offen miteinander. Nur die Klassensolidarität könne zur endgültigen Befreiung der Frau führen, war die Position der Delegierten aus der Gewerkschaftsorganisation.

Die wirtschaftliche Entwicklung Russlands kam den sozialistisch organisierten Frauen entgegen, denn in Folge der Industrialisierung drängten immer mehr Frauen in die Fabriken, die aktiv streikten und sich den sozialistischen Organisationen anschlossen. Erste Feierlichkeiten zum 8. März fanden ab 1912 statt. In Petersburg allein sollen im Jahr 1913 2.000 Menschen feierlich den Frauentag begangen haben. Beide Flügel der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei – Bolschewiki und Menschewiki – räumten der Frauenfrage eine besondere Relevanz ein und unterstützten die Agitation unter den Arbeiterinnen. Mit dem ersten Weltkrieg kam es aber auch in den russischen Frauenbewegungen zu neuen Brüchen.

Krieg und Frieden

Ähnlich wie in anderen Staaten fielen mit Beginn des Ersten Weltkrieges die Frauen mit ihrer Arbeitskraft ins Auge der Regierung. Die Arbeiterinnen wendeten sich dementsprechend sehr früh gegen den Krieg, der für sie ein hohes Maß an Mehrarbeit, Einsätze in der Schwerindustrie und an der Front sowie unmittelbare Lebensmittelknappheiten bedeutete. International orientierte Sozialistinnen wie Esther Roper und Sylvia Pankhurst, Clara Zetkin, Adelheid Popp und Alexandra Kollontai machten auf die Sinnlosigkeit des Krieges und die Auswirkungen auf die Arbeiterinnenschaft aufmerksam, wie etwa in der Schrift »Wer braucht den Krieg?« von Kollontai.

Doch wie auch in sozialistischen Kreisen, so war auch innerhalb der Frauenbewegung der Krieg sehr umstritten und die Positionen dazu keineswegs einhellig. So trat die gemäßigte Frauenorganisation Liga für gleiches Recht für Frauen sehr früh für eine umfängliche Mobilmachung der Frauen ein. Der erste Frauen-Militär-Kongress fand 1917 statt. Die Frauenerwerbsbeteiligung stieg in den Kriegsjahren um etwa 43 Prozent. Neben dem direkten Wehrdienst als Soldatinnen an der Front – wie beispielsweise im Frauentodesbataillon der Generalin Maria Bochkarewa – arbeiteten Frauen im Militärdienst darüber hinaus als Krankenpflegerinnen, Kraftfahrerinnen, Wäscherinnen und in den Militärküchen.

Doch auch die größte Kriegsbegeisterung konnte auf lange Sicht die verheerende soziale Notlage der Arbeitenden und der Landbevölkerung nicht einhegen. Angetrieben durch Inflation und Hungersnöte traten 1916 große Teile der Arbeiterschaft in den Streik. Während der Streiks und Brotunruhen war es keine Seltenheit, dass Frauen Lebensmittelgeschäfte und Bäckereien plünderten, um ihre Familien zu versorgen. Im Februar 1917 führte genau diese explosive Gemengelage in Petrograd zur Februarrevolution und zur endgültigen Abdankung des Zares.

Die Hoffnung auf Gleichberechtigung und Demokratie, die ein breites Spektrum an Aktivistinnen aus der Frauenbewegung hegte, war der Katalysator für eine Massendemonstration zum Frauenstimmrecht mit über 40.000 Teilnehmenden, die im März 1917 am Ort der Revolution abgehalten wurde. Die provisorische Regierung führte im Juli desselben Jahres noch ein allgemeines Stimmrecht für alle über 20-Jährigen ein, ebenso wurde die Entgeltgleichheit gesetzlich festgeschrieben und die Wiederetablierung der Höheren Kurse geplant. Viele Feministinnen sahen einen Teil ihrer Ziele erreicht und weitere Verbesserungen in der Zukunft schienen nah, weshalb revolutionäre Ideen innerhalb der Frauenbewegung auf Ablehnung trafen. Der Konflikt zwischen Reform und Revolution, zwischen Übergangsregierung und den Räten spiegelte sich demnach auch im Feld der Frauenfrage wider.

Nach der Oktoberrevolution 1917 und dem darauffolgenden Bürgerkrieg, den die Bolschewiki für sich entschieden, wurde am Aufbau einer sowjetischen Republik gearbeitet. Das setzte nicht nur die gemäßigten Feministinnen unter Druck, auch die sozialrevolutionären Frauen sahen sich gezwungen, ihre anarchistischen Ideen und Organisationsformen zugunsten der kommunistischen Partei aufzugeben oder zu emigrieren. Liberalismus, sozialrevolutionäre Utopien oder Anarchismus hatten keinen Platz in der Sowjetunion.

Vom Schenotdel zur Gleichberechtigung?

Im Bereich Frauengleichstellung machte sich zwischen 1917 und 1918 Kollontai einen Namen. Als Volkskommissarin für Soziale Fürsorge erreichte sie in ihren ersten sechs Monaten im Amt, die Umsetzung folgender für die sozialistischen Frauenbewegung zentrale Ziele: moderate Scheidungsgesetze, die gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen, die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und die Vergesellschaftung der Hausarbeit.

Nichtsdestoweniger blieb die Frauenorganisation unter den Bolschwiki eine umstrittene Frage, denn diese stand unter dem Verdacht der Klassenspalterei. Bolschewistinnen mussten einiges an Überzeugungsarbeit leisten, um auf die Doppelunterdrückung von Frauen aufmerksam zu machen. Letztendlich gelang es ihnen mit dem Einverständnis Lenins, einen eigenen Frauenkongress zu organisieren. Ab 1919 wurden innerhalb der Kommunistischen Partei dann sogenannte Schenotdel – eigene Frauenabteilungen – eingerichtet, die dazu dienten die Frauenfrage in die Partei einzubringen und unter den Frauen ein sowjetisches Gesellschaftsbild zu verbreiten.

Gerade die Schenotdel waren wichtig für die Frauenemanzipation. Sie ermöglichten es, die Landfrauen und Industriearbeiterinnen über ihre neuen Rechte zu informieren und die Emanzipation in den Alltag der Frauen zu tragen. Vor dem Hintergrund der patriarchalen Tradition des russischen Zarenreiches war das durchaus schwierig, aber das Bild der selbstbewussten arbeitenden Frau war aus der öffentlichen Sphäre der Sowjetunion schon in dieser Zeit kaum mehr wegzudenken.

Die Allmacht der Partei und die damit verbundene Bürokratie stieß unlängst auch bei langjährigen sozialistischen Weggefährtinnen und Kämpferinnen auf Widerstand. Kollontai verlangte nach 1921 mehr demokratische Handlungsspielräume für die Arbeiterinnenklasse und die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter. Die Kommunistische Partei (KPdSU) hatte auf lange Sicht kein Interesse an unabhängigen Frauenabteilungen. Stattdessen setzte sie auf eine Zentralisierung der proletarischen Frauenbewegung, was 1922 mit der Gründung der »kommunistischen Frauenbewegung« gelang. Diese war straff organisiert und folgte der Logik des Parteiapparates. Da die Frauen zu großem Teil nun in die Erwerbsarbeit eingeschlossen waren und Josef Stalin ab 1927 mit den kritikfreudigen und sich selbstorganisierten Frauen keine Wagnisse eingehen wollte, wurden die Schenotdel 1930 aufgelöst – nicht zuletzt auch weil diese offene Kritik am realexistierenden Kommunismus in der Sowjetunion hätten üben können.

Was bleibt für die Frauen?

Die Gleichstellung der Frauen war zumindest in bestimmten Bereichen recht früh erlangt und geht auf die von Feministinnen durchgesetzten Reformen während der Übergangsregierung und vor allem auch auf das Engagement von sozialistischen Aktivistinnen zurück, die im kommunistischen Apparat die Frauenfrage weiterhin selbstbewusst stark machten. Die Gründung der Sowjetunion und der autokratische Führungsanspruch der KPdSU, die auch zur relativ schnellen Abschaffung der Schenotdel führten, zeigen die Verletzbarkeit repräsentativer Vertretungen.

Trotz der Jahrzehnte andauernden Kampfes, sei es bei Streiks, im Untergrund oder später beim Aufbau der Partei, gaben letztendlich die Männer der Partei vor, in welchem Tempo und auf welche Art sich die Emanzipation der Frau weiter vollziehen möge.

Die Erfahrung, die die Revolutionärinnen machten, glich der von gemäßigten, radikalen, militanten oder konstitutionellen Feministinnen in anderen Staaten: Weder die Anerkennung als gleichberechtigte Staatsbürgerin mit gleichen Rechten und Pflichten in einem bestehenden politischen System – wie es auch die russischen gemäßigten Feministinnen forderten –, noch die sozialistische Gleichstellung der Frau in allen Bereichen der Gesellschaft durch einen formalisierten »Staatsfeminismus« in einem neuem politischen System nach einer Revolution führen per se zur Abschaffung patriarchaler Unterdrückung. Umso wichtiger waren und sind feministische Einsprüche und Kämpfe, die die Frage von Gleichberechtigung, Mitbestimmung und Solidarität immer wieder – und auch mit kritischem Blick in die eigenen Reihen – stellen.

Jana Günther ist promovierte Sozialwissenschaftlerin mit den Forschungs- und Lehrschwerpunkten soziale Bewegungen, soziale Ungleichheit und sowie klassische feministische Theorie. Sie ist Mitherausgeberin der wissenschaftlichen Periodika »Femina Politica«. Derzeit forscht sie zur Rolle der Frauenbewegungsorganisationen in der Kriegsindustrie.

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