03.09.2020

Optimismus statt Politik?

Der Historiker Rutger Bregman wurde über Nacht bekannt, als er auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Milliardäre anprangerte. In seinem neuen Buch behauptet er, der Mensch sei »im Grunde gut«. Für eine andere Gesellschaft braucht es aber mehr.

Rutger Bregman bei einem TED Talk, 25. April 2017

Rutger Bregman bei einem TED Talk, 25. April 2017

Flickr/Steve Jurvetson.

Von Anton Jäger

Übersetzung von Frederik Seeler

Der Historiker Rutger Bregman ist einer der bekanntesten niederländischen Intellektuellen. Seine Bücher kann man mittlerweile an Flughäfen von Frankfurt bis Shanghai kaufen. Vor zwei Jahren warf er den Superreichen beim Weltwirtschaftsforum in Davos auf einem Panel vor, nicht genug Steuern zu zahlen. »Wir müssen über Steuern sprechen«, rief er den Zuhörenden zu. Er fühle sich, als wäre er auf einer Fachmesse für Feuerwehrleute, auf der niemand über Wasser sprechen dürfe.

Jemand postete den Satz auf Twitter und schon bald interessierte sich die ganze Welt für Bregman. Die britische Tageszeitung Guardian nannte ihn den »niederländischen Historiker, der die Davoser Elite bloßgestellt hat«. In einem Interview mit dem US-Fernsehsender Fox News warf er dem Moderator Tucker Carlson vor, ein Millionär zu sein, der von Milliardären bezahlt wird, woraufhin Carlson ihn beschimpfte (»Why don’t you go fuck yourself?«), und sich weigerte, das Interview zu veröffentlichen. 

Zugegeben, Bregmann weiß, wie man politische Aufmerksamkeit erzeugt. Sein Buch Utopien für Realisten aus dem Jahr 2017 machte ihn zusammen mit anderen Veröffentlichungen zu einem intellektuellen Superstar. Dabei gelang es ihm, Ideen wie das Grundeinkommen, Fortschrittstheorie oder Ungleichheit wieder in die öffentliche Diskussion zu bringen.

Auch sein neues Buch Im Grunde gut erregt die Gemüter. Wie schon in seiner letzten Veröffentlichung, fordert Bregman dazu auf, den Menschen auf radikale Weise neu zu betrachten und sein Verhalten zu ändern. Bregmans zentrale These ist, dass der Mensch im Grunde gut ist und das Verlangen habe, Gutes zu tun. Das hätten die Menschen allerdings verdrängt, weil die Philosophie der vergangenen Jahrhunderte ihnen das Gegenteil einredet, nämlich dass der Mensch von Natur aus böse sei. Diese Überzeugung habe laut Bregman Menschenleben gekostet.

Der Historiker Bregman legt tonnenweise Beweismaterial vor, um zu zeigen, dass der Mensch ein liebevolles Wesen ist. Der Roman Herr der Fliegen sei zwar ein gutes Buch, aber nicht realistisch: Als tatsächlich mal eine Gruppe Jungen auf einer Insel in Australien strandete, kooperierten sie miteinander, anstatt sich zu töten. Bregman behauptet auch: viele deutsche Wehrmachtssoldaten wären keine überzeugten Nazis gewesen, sondern hätten gekämpft, weil sie sich nach Kameradschaft und einem gemeinsamen Ziel sehnten. Bregman entwickelt bei seinem historischen Rundumschlag eine Art Theodizee, mit der Theologinnen und Theologen rechtfertigen, warum es trotz eines gütigen Gottes Böses in der Welt gibt. Auch Bregman muss beweisen, dass die menschliche Welt von Güte bestimmt ist, auch wenn es oft anders wirkt.

Das Feindbild seiner Theodizee ist die sogenannte »Varnish Theory«, die sich mit menschlicher Entwicklung befasst. Dieser Theorie nach zufolge ist die Zivilisation nichts weiter als »ein dünner Firnis auf dem brodelnden Magma menschlicher Natur«, und dieser Firnis kann jederzeit brechen. Im Grunde gut widerlegt das geschickt: Gerade dann, wenn Bomben vom Himmel fallen oder Deiche brechen, zeige sich das Beste im Menschen. Als Beispiele nennt Bregman die gemeinsame Weihnachtsfeier von deutschen und französischen Soldaten an der Westfront 1914 oder die Solidarität der Amerikaner nach Hurrikan Katrina im Jahr 2005.

Die menschliche Liebenswürdigkeit habe evolutionäre Ursprünge, so Bregman. Der Homo sapiens habe seine Konkurrenten nicht mit Blutdurst besiegt, sondern durch seine Fähigkeit zu kooperieren. Bregmans Theorie sieht den Menschen nicht als Wolf sondern als Welpen. Der Mensch sei netter als alle anderen Primaten. Er sei angetrieben von dem Wunsch, mit Freunden und Familie Zeit zu verbringen.

All das führt zu der Frage, die schon der Philosoph Epikur stellte: Unde malum? – Woher kommt das Böse? Um dem zu begegnen, führt Bergman das Konzept des »Nocebo« ein – eine Art umgedrehtes Placebo. Wir leiden an einer eingebildeten Krankheit, die uns überzeugt, dass wir selbst böse sind. Ein Märchen, das unsere Psyche betäubt und unsere Vorstellungskraft einschränkt.

Schuld daran sind daran laut Bregman vor allem das Fernsehen, die Religionen und der Philosoph Thomas Hobbes. Diese hätten den Menschen solange indoktriniert und manipuliert, bis er tatsächlich zum Wolf wurde, überzeugt davon, dass alle Menschen von Natur aus böse sind, und auch so behandelt gehören.

Dieser anthropologische Pessimismus schade nicht nur der philosophischen Debatte, sondern bringe uns sogar um. Hobbes’ Philosophie vom Menschen als Wolf erzeuge einen kollektiven Wahn, von dem unsere Wahrnehmung, unser Verhalten und unsere politischen Institutionen beeinflusst werden. Staaten, Märkte und Parteien seien so aufgebaut, dass ihre Mitglieder denken müssen, dass andere Menschen ihnen etwas Böses wollen. Unser Überlebensinstinkt zwinge uns dazu, wieder zum Tier zu werden, auch wenn das nicht in unseren Genen steckt. Für Bregman zum Beispiel war der Holocaust »das Ende eines langen, historischen Prozesses, in dem sich das Böse als das Gute getarnt hat«. Schriftstellende, Poeten, Philosophinnen und Politiker hätten die Psyche der Deutschen so lange vergiftet, bis diese zum Massenmord bereit waren.

Bregmans Idee ist so einfach wie gewagt. Sogar im Angesicht des unvorstellbaren Verbrechens klammert er sich an die genuine Liebenswürdigkeit des Menschen und macht stattdessen anthropologische Sabotage für das Böse verantwortlich. Diese These führt natürlich zu Gegenfragen: Tarnten die Nazis ihren Horror wirklich als etwas »Gutes«? Waren die Nazis selbst überzeugt, Gutes zu tun? Himmler, Hitler und Eichmann wussten, dass sie unvorstellbare Verbrechen begehen, und begangen sie trotzdem. Himmler rief 1943 Soldaten zu: »Durchgehalten zu haben, und dabei anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.«

Aber auch im kleineren Maßstab begehen Bregmans »liebenswürdige Menschen« Grausamkeiten ohne Ende. Kindesmissbrauch findet überwiegend innerhalb der Familie statt. Die tödlichsten Konflikte sind oft Bürgerkriege. Als Claude Lanzmann polnische Bauern für seine berühmte Doku fragte, ob ihnen das Schicksal ihrer jüdischen Nachbarn naheginge, antworten sie, dass ja irgendjemand das »Problem mit den Juden« lösen musste.

Im Grunde gut liefert seitenweise Beweise für die soziale Natur des Menschen. Aber all diese Beweise werfen eine Frage auf: Warum existiert dann Politik? Wenn sich alle Fragen der Menschlichkeit auf persönliche Moral zurückführen lassen, warum müssen sich Menschen dann überhaupt noch politisch engagieren, obwohl es angeblich der Welt schadet?

Bregman gibt zu, dass der Mensch ein »konstruktivistisches« Tier ist. Religionen wie »das Judentum, der Islam, Nationalismus und Kapitalismus« seien nur Einbildungen unserer Fantasie. Oder wie die irische Schrifstellerin Iris Murdoch es formulierte: Menschen entwerfen ein Idealbild von sich selbst, dem sie dann entsprechen wollen. Von diesem Standpunkt aus fordert Bregman uns auf, in unserem privaten Leben mehr Großzügigkeit walten zu lassen. Die Liebe, die wir unserer Familie zeigen, sollen wir auch der Welt zeigen, die Weltbevölkerung als eine Art Makro-Familie begreifen.

Hier erleben wir die Geburtsschmerzen von etwas, das einer politischen Philosophie ähnelt. Von Aristoteles wissen wir, dass Polis und Oikos streng getrennt gehören. Für das politische Forum und für unser Zuhause gelten verschiedene Gesetze. Diese Idee impliziert, dass jemand Zuhause ein guter Mensch sein, aber als Politiker brutal agieren kann. Abraham Lincoln war mit vielen Sklavenbesitzern im Kongress befreundet, und führte doch Krieg gegen deren Heimatstaaten. Diese Beispiele könnten Bregmans Theorie in die Quere kommen. Besonders, wenn man bedenkt, dass er Superreiche höher besteuern will. Soziale Gerechtigkeit aber hat nichts mit Persönlichkeit oder Verhalten zu tun. Auch wenn Jeff Bezos netter zu seinen Angestellten wäre, bleibt er der reichste Mensch der Welt. Nur zwei Faktoren begrenzen persönliche Macht: staatlicher Zwang und kollektives Handeln. Im Grunde gut schweigt dazu.

Während das Buch sich auf 300 Seiten bemüht, optimistisch zu sein, vergisst Bregman die politische Perspektive in seinem Manifest. So prägnant das Buch die Lesenden auch auf Amerikas Gefängnis-Archipele, die Gefahr von neoliberalen Wirtschaftsweisheiten und das ungerechte Steuersystem hinweist, so endet Im Grunde gut mit allgemeiner Ratlosigkeit: »Outen Sie sich. Schämen Sie sich nicht für Ihre Großzügigkeit«, »Schauen Sie sich keine Nachrichten an«, »Verbessern Sie die Welt«, »Lieben Sie Ihren Nächsten«.

Mit diesen Ratschlägen enttarnt sich Bregmans Buch als ein Selbsthilfe-Ratgeber für die, die ihren Glauben in die Menschheit erneuern wollen. Ob man dafür einer Partei beitreten oder aus der Kirche austreten sollte, wen man wählen, oder an welche Organisationen man spenden sollte, bleibt den Lesenden überlassen. Politik wird so als eine Disziplin dargestellt, die nur Politikerinnen, Politiker und Fans von Thomas Hobbes praktizieren dürfen, die überall das Böse in der Welt vermuten. Vielleicht scheitert Im Grunde gut gerade deswegen daran, uns zu erklären, warum der Mensch gut ist, wenn die Welt um uns herum doch das Gegenteil zeigt.

Der Artikel erschien ursprünglich in der niederländischen Wochenzeitschrift »Groene Amsterdammer«.

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