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Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

20. März 2026

Scharfschützen haben saubere Hände

Leben und sterben als Palästinenser: Von Siedlern vertrieben, von Soldaten erschossen, von Journalisten entmenschlicht, darf er nur ein Terrorist sein oder ein perfektes Opfer, das keinen Widerstand leistet.

»Korrespondenten töten uns mit passiver Sprache. Wenn wir Glück haben, sagen Diplomaten, dass unser Tod sie betroffen macht, aber sie erwähnen niemals den Schuldigen, ganz zu schweigen davon, ihn zu verurteilen.«

»Korrespondenten töten uns mit passiver Sprache. Wenn wir Glück haben, sagen Diplomaten, dass unser Tod sie betroffen macht, aber sie erwähnen niemals den Schuldigen, ganz zu schweigen davon, ihn zu verurteilen.«

Illustration: Tessa Curran

Und die Männer sind Männer und die Frauen sind Männer
Und die Kinder sind Männer!
– Padraic Fiacc

Wir sterben viele Tode. Wir sterben in flüchtigen Schlagzeilen, zwischen einem Atemzug und dem nächsten. Unser Tod ist so alltäglich, dass Journalisten darüber berichten wie über das Wetter: Bewölkter Himmel, leichte Regenschauer und 3.000 tote Palästinenser in den letzten zehn Tagen. Und genau wie beim Wetter ist nur Gott dafür verantwortlich – nicht bewaffnete Siedler, nicht gezielte Drohnenangriffe.

Wir schenken den Leichen auf unseren Feldern keine Beachtung. Ihre Existenz ist eintönig, vorhersehbar. Das Gemetzel ist so unablässig, dass es von den bald Getöteten fast erwartet – antizipiert – wird. Ihre Handgelenke, groß und klein, sind mit Kabelbindern auf dem Rücksitz von Polizeiautos gefesselt. Der Tod ist überall. Selbst Metaphern sind Opfer des Krieges. Das Bildliche ist erschreckend real geworden: blutige Bärte, in Bäumen hängende Möbel, ein Körperteil, das von einem Deckenventilator baumelt, Frauen, die auf Betonboden gebären. Et cetera. Haben wir uns zu sehr an das Schreckliche gewöhnt? Was einst schrecklich war, was einst ein Vorbote des Untergangs war, verschmilzt nun mit der Umgebung; der Tod ist nun eine langweilige Vogelscheuche. Selbst wenn die Raben lauter werden, stößt ihr Krächzen auf desinteressierte Ohren. Dieser Tod hat nichts Heiliges mehr an sich. Keine Gottheiten kommen zur Rettung. Wir sterben einsam. In der Verlassenheit sterben wir viele Tode.

Unsere Massaker werden nur durch Werbepausen unterbrochen. Richter legalisieren sie. Korrespondenten töten uns mit passiver Sprache. Wenn wir Glück haben, sagen Diplomaten, dass unser Tod sie betroffen macht, aber sie erwähnen niemals den Schuldigen, ganz zu schweigen davon, ihn zu verurteilen. Politiker, träge, unfähig oder mitschuldig, finanzieren unseren Untergang und täuschen dann, wenn überhaupt, Mitgefühl vor. Akademiker stehen untätig daneben. Das heißt, bis sich der Staub gelegt hat, dann werden sie Bücher darüber schreiben, was hätte sein sollen. Begriffe prägen und so weiter. Vorträge in der Vergangenheitsform halten. Und die Aasgeier, selbst diejenigen unter uns, werden Museen besuchen und das verherrlichen und romantisieren, was sie nicht zu verteidigen bereit waren – unseren Widerstand –, sie werden ihn mystifizieren, entpolitisieren, kommerzialisieren. Die Aasgeier werden unsere Leichen in Skulpturen verwandeln.

Und wir sterben. Scharfschützen hier, Kampfflugzeuge dort, Vertreibungen, Exil, Auslöschung, Völkermord, Kindermord, Demütigung, Herzschmerz, Trauer, Inhaftierung, Diebstahl, Durst, Folter, Hungersnot, Armut, Isolation, Resignation, Erpressung, Aufopferung, Heldentum, selbstloser Selbstmord. Was auch immer. Unsere Leute verrotten in den Innenhöfen von Krankenhäusern, wie ihre Großeltern, die am Strand von Tantura verwest sind. Und wir sterben ohne Abschied: Was sagt man den Familien der Märtyrer, die selbst im Tod noch unter Besatzung stehen? Ihre Kinder werden in Friedhöfen der Zahlen als Geiseln gehalten oder in Leichenhallen eingefroren. Ihre Leichen werden zu Faustpfändern. Oder für Organhandel ausgenommen.

Wie vermittelt man Nachrichten, die eigentlich fiktiv sein sollten? Unsere Journalisten sind fast schon Dichter, wenn sie über all dieses Sterben berichten. Und die Dichter schreiben mit Messern. Unsere Schmiede stellen keine Schwerter her, und die Gewehre in unseren Städten dienen nur dazu, die Villa des Präsidenten zu bewachen. Also gehen die Jugendlichen mit Spielzeugwaffen auf die Straße. Sie kämpfen gegen Drachen und Dinosaurier, gegen die Kolonialherren und ihre Subunternehmer. Diejenigen, die in Gewalt geboren und aufgewachsen sind, die ihr Leben lang in die Läufe von amerikanischen M4- und M16-Gewehren starren, wissen, dass sie massakriert werden, egal ob sie die Carlo in die Hand nehmen oder nicht. Wir sterben oft in sturer Verweigerung.

Der Zionismus ist die häufigste Todesursache im besetzten Palästina, sowohl durch direkte, staatlich sanktionierte Gewalt als auch durch indirekte, daraus resultierende Gewalt, die sich in erstickender Bürokratie, unausweichlichen psychologischen Angriffen und heftigen Konflikten zwischen den Gemeinschaften niederschlägt. Dennoch wird dieses menschengemachte Lebensende wie jede andere führende Todesursache behandelt – Herzkrankheiten in den USA, Demenz in England – und gibt kaum Anlass zur Sorge, geschweige denn zur Verurteilung. Im Gegenteil, unser Tod ist Nahrung für die Welt, in der wir leben, notwendig, um das Bestehende aufrechtzuerhalten. Unser Blut ist der Preis für das »Sicherheitsgefühl« der Kolonie. Das Imperium verkürzt das Leben unserer Liebsten, um seine Herrschaft zu verlängern. Und unsere Trauer ist unbedeutend, unsere Wut ungerechtfertigt. Je mehr unserer Lieben durch den zionistischen Kolonialismus getötet werden, desto weniger Raum wird uns gegeben, sie zu betrauern. Dieser kolossale Raub am Leben darf nicht einmal erzählt, geschweige denn gerächt werden.

Damit unsere Märtyrer Bedeutung erlangen, müssen sie entweder ein spektakuläres Leben geführt oder einen spektakulär gewaltsamen Tod erlitten haben. Und wenn ich von einem »spektakulär gewaltsamen Tod« spreche, denke ich an die Ermordung von Mohammed Abu Khdeir, einem sechzehnjährigen Jungen, der von jüdischen Siedlern aus seiner Nachbarschaft im besetzten Jerusalem entführt, brutal zusammengeschlagen, zum Benzintrinken gezwungen, und dann bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. Ich denke dabei an die sechsjährige Hind Rajab, die von israelischen Soldaten ermordet und zusammen mit den Sanitätern aufgefunden wurde, die zwölf Tage zuvor zu ihrer Rettung entsandt worden waren, nachdem sie aus einem von Kugeln durchsiebten Auto, umgeben von den Leichen ihrer Familie, den Notruf gewählt hatte und drei Stunden lang am Telefon gefleht hatte: »Kommt und holt mich. Ihr kommt und holt mich, oder?« Ich denke an das Grausame und Perverse. Andernfalls, wie in den meisten Fällen, schließen sich die Angehörigen unserer Märtyrer, nachdem die Nachricht in Stille verbreitet wurde, einer langen Reihe von Familien an, die fernab von Kameras trauern und nur noch Gott um Gerechtigkeit zu bitten wissen. Andernfalls, wie in den meisten Fällen, sind die Getöteten dazu verdammt, zu einer weiteren vergessenen Statistik zu werden oder sogar den Tod zu verdienen.

»Was als natürliche Reaktion eines Menschen auf Unterwerfung verstanden wird, ist ein ungezügeltes und unverständliches, primitives Verhalten, wenn es von uns kommt.«
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Mohammed El-Kurd ist Dichter, Schriftsteller, Journalist und Organizer aus Jerusalem im besetzten Palästina. Sein preisgekrönter Bestseller Perfekte Opfer erscheint demnächst im Brumaire Verlag.