11.01.2021

Slavoj Žižek: Wir brauchen keinen sanftmütigen Kapitalismus, sondern einen sozialistischen Neustart

Eine Rückkehr zur Normalität nach der Corona-Pandemie wäre fatal. Um die Welt vor weiteren Krisen – allen voran der Klimakatastrophe – zu bewahren, müssen wir das Unmögliche fordern: einen »moderat konservativen Kommunismus«.

Der vermeintlich »gefährlichste Philosoph des Westens« (The New Review): Slavoj Žižek.

Der vermeintlich »gefährlichste Philosoph des Westens« (The New Review): Slavoj Žižek.

imago images / ITAR-TASS.

Von Slavoj Žižek

Übersetzung von Thomas Zimmermann

Im April 2020 betonte Jürgen Habermas in Reaktion auf die Corona-Pandemie, dass »sich jetzt existentielle Unsicherheit global und gleichzeitig, und zwar in den Köpfen der medial vernetzten Individuen selbst« verbreitet: »So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie.«

Habermas bemerkt zu Recht, dass dieses Nichtwissen nicht auf die Pandemie beschränkt ist – was das angeht, haben wir zumindest Leute mit Expertise –, sondern mehr noch ihre ökonomischen, sozialen und psychischen Folgen betrifft. Man beachte seine präzise Formulierung: Es ist nicht einfach so, dass wir nicht wissen, was vor sich geht, sondern wir wissen, dass wir es nicht wissen – und dieses Nichtwissen kommt als eine soziale Tatsache auch im Handeln unserer Institutionen zum Tragen.

Wir wissen heute, dass man zum Beispiel im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit weitaus weniger wusste – aber dass das so war, wusste man damals nicht, denn man verließ sich auf ein stabiles ideologisches Fundament, welches einem zusicherte, dass das Universum ein sinnvolles Ganzes sei. Dasselbe gilt auch für bestimmte Visionen des Kommunismus, und sogar für Francis Fukuyamas Idee vom Ende der Geschichte – sie alle glaubten zu wissen, worauf die Geschichte hinausläuft.

Habermas hat auch darin Recht, dass er die Unsicherheit »in den Köpfen der medial vernetzten Individuen« verortet: Unsere Verbindung zum verdrahteten Universum des World Wide Web erweitert unser Wissen ungemein, aber es stürzt uns zugleich in radikale Unsicherheit: Werden wir gehackt? Wer kontrolliert unseren Zugang? Lesen wir da etwa gerade Fake News? Viren setzen uns zu, biologisch wie digital.

Wenn wir uns vorzustellen versuchen, wie unsere Gesellschaften nach dem Ende der Pandemie aussehen werden, müssen wir uns vor der Falle der Futurologie in Acht nehmen – denn die ignoriert per Definition unser Nichtwissen. Die Zukunftsforschung beschäftigt sich mit der systematischen Vorhersage der Zukunft auf Grundlage der gesellschaftlichen Trends unserer Gegenwart. Und genau darin liegt das Problem: Sie berücksichtigt nur, was in den gegenwärtigen Entwicklungen bereits angelegt ist – nicht aber die Möglichkeit historischer »Wunder«, also radikaler Brüche, die erst rückwirkend erklärt werden können, nachdem sie geschehen sind.

An dieser Stelle sollten wir uns die Unterscheidung vor Augen führen, die im Französischen zwischen den Begriffen futur und avenir besteht: »Futur« ist das, was auf die Gegenwart folgt, »avenir« hingegen weist auf das Eintreten einer radikalen Veränderung. Wenn der Präsident eines Landes seine Wiederwahl gewinnt, ist er »der gegenwärtige und zukünftige« Präsident, aber er ist nicht »der kommende« Präsident – der kommende Präsident ist ein anderer. Wird nun die Zukunft nach Corona einfach eine andere sein – oder wird sie etwas Neues sein, ein »Kommendes«?

Das hängt nicht nur von der Wissenschaft ab, sondern auch von unseren politischen Entscheidungen. Dabei sei erwähnt, dass wir uns keine Illusionen über den »glücklichen« Ausgang der US-Wahlen machen sollten, die für Liberale auf der ganzen Welt eine große Erleichterung war. John Carpenters Film They Live (1988), ein vernachlässigtes Meisterwerk der Hollywood-Linken, erzählt die Geschichte von John Nada – was auf Spanisch »nichts« bedeutet –, einem obdachlosen Arbeiter, der zufällig in einer verlassenen Kirche über einen Haufen Kisten voller Sonnenbrillen stolpert. Als er auf der Straße eine dieser Brillen aufsetzt, fällt ihm auf, dass auf einer Werbetafel, die für den Kauf von Computern wirbt, nun einfach das Wort »OBEY« steht – gehorche! Eine andere Werbetafel, die eine Frau im Bikini zeigt, befiehlt ihm: »MARRY AND REPRODUCE« – heirate und pflanze Dich fort!

Außerdem entdeckt er bald, dass auf Dollarnoten »THIS IS YOUR GOD« geschrieben steht – dies ist Dein Gott – und dass viele Menschen, die ohne die Brille betrachtet einen charmanten Eindruck machen, in Wirklichkeit monströse Aliens sind, mit Totenschädeln aus Metall. Derzeit kursiert im Internet ein Bild, dass diesen Effekt aus They Live auf ein Magazincover anwendet, das Joe Biden und Kamala Harris zeigt. Ohne die Brille zeigt das Bild die beiden mit breitem Lächeln und dem Schriftzug »TIME TO HEAL« – Zeit zur Heilung. Durch die Brille gesehen enttarnen sich die beiden als Alien-Monster und die Botschaft lautet »TIME TO HEEL« – Zeit zur Unterwerfung.

Das ist natürlich Teil der Trump-Propaganda, die Biden und Harris als bloße Masken der anonymen Konzerne diskreditieren will, welche unser Leben kontrollieren. Allerdings steckt darin (mehr als) ein Körnchen Wahrheit. Bidens Sieg bedeutet eine »Zukunft« als Fortsetzung der »Normalität« aus der Zeit vor Trump – daher die Seufzer der Erleichterung. Aber diese »Normalität« bedeutet die Herrschaft des anonymen Kapitals – dem wahren Alien unter uns.

In meiner Jugendzeit wünschte man sich einen»Sozialismus mit menschlichem Antlitz« im Gegensatz zum »bürokratischen« Sozialismus sowjetischer Prägung. Biden verspricht nun einen globalen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, während hinter dem netten Lächeln die gleiche Realität bestehen bleibt. Im Bildungsbetrieb begegnet uns dieses »menschliche Antlitz« in Form der Versessenheit auf allgemeines »Wohbefinden«: Schülerinnen und Studierende sollen in einer Bubble leben, in der sie vor den Schrecken der äußeren Wirklichkeit abgeschirmt sind, beschützt durch die Regeln der Political Correctness.

Bildung soll also nicht mehr ernüchternd wirken, indem sie uns die Konfrontation mit der sozialen Realität ermöglicht, sondern sie soll uns vor dieser Konfrontation bewahren. Man sagt uns, diese Sicherheit brauche es, um Nervenzusammenbrüche zu verhindern – aber darauf sollten wir entgegnen, dass in Wirklichkeit das Gegenteil der Fall ist: Eine solche falsche Sicherheit macht uns umso anfälliger für psychische Krisen, wenn wir doch einmal mit unserer sozialen Realität konfrontiert werden. Diese »Wohlfühl-Praxis« verleiht unserer Wirklichkeit lediglich ein falsches »menschliches Antlitz«, anstatt uns in die Lage zu versetzen, diese Wirklichkeit selbst zu verändern. Und Biden ist der ultimative »Wohlfühl«-Präsident.

Und doch ist Biden besser als Trump. Woran liegt das? Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass auch Biden Lügen erzählt und das Großkapital vertritt, nur in einer höflicheren Form – doch, leider, ist diese Form von Bedeutung. Mit seiner Vulgarisierung der öffentlichen Rede zersetzt Trump die ethische Substanz unseres Lebens – das, was Hegel »Sittlichkeit« nannte, im Unterschied zu unserer individuellen Moral.

Dieser Prozess der Vulgarisierung lässt sich überall auf der Welt beobachten. So schrieb zum Beispiel der ungarische Kulturfunktionär und Leiter des Petőfi-Literaturmuseums in Budapest, Szilárd Demeter, im November 2020: »Europa ist George Soros’ Gaskammer. Aus der Kapsel der multikulturellen offenen Gesellschaft entströmt das Giftgas, das für die europäische Lebensweise tödlich ist.« Er bezeichnete Soros als »den liberalen Führer« und insistierte, dass seine »liber-arische Armee ihn mehr vergöttert, als Hitler seinerzeit von seiner Armee vergöttert wurde.«

Darauf angesprochen würde Demeter diese Aussagen wahrscheinlich als rhetorische Übertreibungen abtun – doch das entkräftet keineswegs ihre fürchterlichen Implikationen. Der Vergleich von Soros mit Hitler ist zutiefst antisemitisch: Er stellt die beiden auf eine Stufe und behauptet, dass die von Soros geförderte multikulturelle offene Gesellschaft nicht nur genauso fürchterlich sei wie der Holocaust und der arische Rassismus, auf den er sich stützte – vielmehr sei er sogar noch schlimmer, eine noch ernstere Bedrohung für die »europäische Lebensweise«.

Gibt es nun eine Alternative zu dieser erschreckenden Verrohung, abgesehen von Bidens »menschlichem Antlitz«? Kürzlich hat Greta Thunberg drei positive Lehren aus der Pandemie gezogen: »Es ist möglich, eine Krise wie eine Krise zu behandeln, es ist möglich, die Gesundheit der Menschen über wirtschaftliche Interessen zu stellen, und es ist möglich, auf die Wissenschaft zu hören.«

Das ist wahr – dennoch sind es nur Möglichkeiten. Eine Krise lässt sich ebenso auch dazu zu nutzen, um eine andere Krise zu verschleiern, sodass wir zum Beispiel aufgrund der Pandemie die globale Erwärmung aus dem Blick verlieren. Auch ist es möglich, eine Krise so zu verwalten, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden, was im Jahr 2020 tatsächlich mit einer noch nie dagewesenen Geschwindigkeit geschehen ist. Und es ist ebenso möglich, sich von der Wissenschaft abzuschotten – man denke hier nur an die Impfgegner, und allgemein an das explosionsartige Umsichgreifen von Verschwörungstheorien. Der Ökonom Scott Galloway charakterisiert den Zustand der USA in Zeiten von Corona mehr oder weniger treffend, wenn er schreibt:

»Wir taumeln auf eine Nation von drei Millionen Herren zu, welche von 350 Millionen Leibeigenen bedient werden. Wir sprechen das ungern laut aus, aber es macht auf mich den Eindruck, als wäre diese Pandemie in erster Linie zu dem Zweck erfunden worden, die oberen 10 Prozent in das oberste 1 Prozent zu befördern und die übrigen 90 Prozent herabzureißen. Wir haben uns entschieden, die Unternehmen zu schützen, und nicht die Menschen. Der Kapitalismus wird buchstäblich in sich zusammenbrechen, wenn er diese Säule der Empathie nicht wieder aufrichtet. Wir haben entschieden, dass Kapitalismus bedeutet, liebevoll und einfühlsam zu Unternehmen zu sein, und darwinistisch und hart gegenüber Individuen.«

Worin sieht Galloway also den Ausweg, wie sollen wir den sozialen Kollaps verhindern? Seine Antwort lautet, dass der Kapitalismus mehr Liebe und Empathie bräuchte, um sich zu retten:

»Wir steuern auf einen großen Neustart zu, und zwar schnell. Viele Unternehmen werden tragischerweise an den ökonomischen Folgen der Pandemie zugrunde gehen – und jene, die überleben, werden eine andere Form angenommen haben. Ihre Organisationen werden viel anpassungsfähiger und widerstandsfähiger sein. Dezentrale Teams, die derzeit unter der eingeschränkten Kontrolle durch ihre Vorgesetzten Erfolg haben, werden sich auch in Zukunft nach dieser Autonomie sehnen. Angestellte werden von Führungskräften erwarten, dass sie weiterhin mit Transparenz, Authentizität und Menschlichkeit vorgehen.«

Aber wie soll das bewerkstelligt werden? Galloway schlägt eine schöpferische Zerstörung vor, die scheiternde Unternehmen scheitern lässt und zugleich die Menschen schützt, die ihre Arbeitsplätze verlieren: »Wir lassen zu, dass Leute gefeuert werden, damit Apple aufsteigen kann, während Sun Microsystems in den Ruin getrieben wird, und dann nehmen wir diesen unglaublichen Wohlstand und gehen empathischer mit den Menschen um.«

Das Problem ist nur: Wer ist dieses mysteriöse »Wir«, wer soll diese Umverteilung vornehmen? Sollen wir die Gewinner (in diesem Fall Apple) einfach stärker besteuern, während wir ihnen zugleich erlauben, ihre Monopolstellungen zu behalten? Galloways Idee hat ein gewisses dialektisches Flair: Die einzige Möglichkeit, Ungleichheit und Armut zu reduzieren, besteht demnach darin, dem Wettbewerb auf dem Markt zu erlauben, seine grausame Arbeit zu tun (wir lassen zu, dass die Leute gefeuert werden) – und was dann? Erwarten wir, dass die Marktmechanismen von selbst neue Arbeitsplätze schaffen? Oder übernimmt das der Staat? Wie sollen »Liebe« und »Empathie« operationalisiert werden? Oder verlassen wir uns auf die Empathie der Gewinner und erwarten, dass sie sich alle wie Bill Gates und Warren Buffett verhalten werden?

Ich halte es für äußerst problematisch, die Mechanismen des Marktes um Moral, Liebe und Empathie zu ergänzen. Anstatt das Beste aus beiden Welten zu vereinen – Marktegoismus und moralische Empathie –, ist es viel wahrscheinlicher, dass wir das Schlechteste aus beiden Welten bekommen werden.

Das menschliche Antlitz dieses »Führungsstils der Transparenz, Authentizität und Menschlichkeit« sind Gates, Bezos, Zuckerberg – die Gesichter des autoritären Unternehmenskapitalismus, die sich allesamt zu humanitären Heldenfiguren aufspielen: unsere neue Aristokratie, die in den Medien gefeiert und für eine Riege weiser Menschenfreunde ausgegeben wird. Gates spendet Milliarden für wohltätige Zwecke – doch wir sollten nicht vergessen, wie er sich sträubte, als die US-Präsidentschaftsanwärterin Elizabeth Warren eine kleine Steuererhöhung vorschlug. Er hat sich anerkennend über Piketty geäußert und hätte sich einmal beinahe selbst als Sozialisten bezeichnet – was er in einem gewissen verdrehten Sinn auch ist: Denn sein Reichtum stammt aus der Privatisierung von dem, was Marx unser »Gemeingut« nannte – unserem gemeinsamen sozialen Raum, in dem wir uns bewegen und miteinander kommunizieren.

Der Reichtum von Bill Gates hat nichts mit den Produktionskosten der Produkte zu tun, die Microsoft verkauft, und es lässt sich sogar argumentieren, dass das Unternehmen zumindest denjenigen, die geistige Arbeit verrichten, verhältnismäßig hohe Löhne zahlt. Bill Gates ist nicht deswegen so reich wie er ist, weil er gute Software zu niedrigeren Preisen als seine Konkurrenten produziert oder seine Angestellten intensiver ausbeutet. Gates wurde zu einem der reichsten Männer der Welt, indem er das Medium privatisiert und damit seiner Kontrolle unterworfen hat, über das Millionen von uns miteinander kommunizieren. Und so wie Microsoft die Software privatisiert hat, die die meisten von uns benutzen, so werden auch unsere persönlichen Kontakte privatisiert, wenn wir uns bei Facebook vernetzen, bei Amazon Bücher kaufen oder Google nutzen.

Trumps »Rebellion« gegen die Macht der Digitalkonzerne ist also keineswegs gegenstandslos. Es ist ausgesprochen interessant, sich den Podcast War Room von Steve Bannon, dem größten Ideologen von Trumps Populismus, anzuhören: Man kann nicht anders, als fasziniert zu sein, wie viele Teilwahrheiten er zu einer Gesamtlüge zusammenfügen kann. Ja, unter Obama wuchs die Kluft zwischen den Armen und den Reichen in Amerika immens, und die Großkonzerne gewannen an Macht – aber unter Trump hat sich dieser Prozess einfach fortgesetzt. Und darüber hinaus hat Trump noch die Steuern für die Reichen gesenkt und jede Menge Geld gedruckt, um vor allem Großkonzerne zu retten. Wir stehen also vor einer schrecklichen, falschen Alternative: Ein moralischer Neustart des Kapitalismus oder ein nationalistischer Populismus – und letztendlich ist beides dasselbe. Der »große Neustart« ist die Formel dafür, wie man einige Dinge (oder sogar viele Dinge) so verändern kann, dass sie im Grunde gleich bleiben.

Gibt es nun einen dritten Weg, der weder eine Rückkehr zur alten Normalität bedeutet, noch einen kapitalistischen »großen Neustart« markiert? Ja, und zwar einen echten großen Neustart. Was getan werden muss, ist kein Geheimnis – Greta Thunberg hat es bereits ausgesprochen: Erstens müssen wir die Corona-Krise endlich als das erkennen, was sie ist – ein Teil einer globalen Krise unserer gesamten Lebensweise, von der Ökologie bis hin zu den neuen sozialen Spannungen. Zweitens müssen wir eine gesellschaftliche Kontrolle und Regulierung der Wirtschaft etablieren. Und drittens müssen wir dabei auf die Wissenschaft hören – was aber nicht damit gleichbedeutend ist, sie auch als die Instanz anzuerkennen, welche die Entscheidungen trifft. Was spräche dagegen?

Kehren wir noch einmal zu Habermas zurück, von dem wir ursprünglich ausgegangen waren. Ihm zufolge sind wir in folgender Zwickmühle gefangen: Wir sind gezwungen zu handeln, aber wir wissen, dass wir nicht alle Koordinaten der Situation kennen, in der wir stecken – und wir wissen obendrein, dass Nichthandeln einer Handlung gleichkommen würde. Aber ist das nicht die Grundsituation jeglichen Handelns? Es ist im Gegenteil unser größter Vorteil, dass wir wissen, wie viel wir nicht wissen – denn dieses Wissen um unser Nichtwissen eröffnet uns einen Raum der Freiheit. Dass wir handeln, ohne die gesamte Situation zu kennen, ist nicht einfach nur unsere Beschränkung: Was uns Freiheit einräumt, ist, dass unsere Situation selbst – zumindest im Bereich des Sozialen – nicht vollständig (vor-)bestimmt, sondern offen ist. Und dass unsere Situation in der Pandemie in diesem Sinne offen ist, daran besteht nicht der geringste Zweifel.

Eine erste Lektion haben wir bereits gelernt: »Shutdown light« ist nicht genug. Man sagt uns, dass sich die »Gesellschaft« (also unsere Wirtschaft) keinen weiteren harten Lockdown wird leisten können – dann lasst uns doch unsere Wirtschaft verändern. Der Lockdown ist die radikalste negative Geste innerhalb der bestehenden Ordnung. Der Weg darüber hinaus, hin zu einer neuen positiven Ordnung, führt über die Politik, nicht über die Wissenschaft. Wir müssen unser Wirtschaftsleben so verändern, dass es in der Lage ist, Lockdowns und andere Notsituationen zu überstehen, die mit Sicherheit auf uns zukommen werden – so wie uns auch ein Krieg dazu zwingt, die Grenzen des Marktes zu ignorieren und einen Weg zu finden, das zu tun, was in einer freien Marktwirtschaft »unmöglich« ist.

Im März 2003 philosophierte der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ein wenig über das Verhältnis zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten: »Es gibt bekannte Bekannte. Das sind Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Es gibt bekannte Unbekannte. Das heißt, es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. Aber es gibt auch unbekannte Unbekannte. Es gibt also Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.« Dabei vergaß er den vierten und entscheidenden Begriff: den des »unbekannten Bekannten« – Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie wissen – was genau dem Freudschen Unbewussten entspricht, dem »Wissen, das sich selbst nicht weiß«, wie Lacan zu sagen pflegte.

Wenn Rumsfeld davon ausging, dass die Hauptgefahren in der Konfrontation mit dem Irak die »unbekannten Unbekannten« seien – die Bedrohung durch Saddam Hussein, von der wir nicht einmal ahnten, worum es sich bei ihnen handeln könnte –, so sollten wir darauf erwidern, dass die größte Gefahr in Wirklichkeit von den»unbekannten Bekannten« ausgeht: den verleugneten Überzeugungen und Annahmen, von denen wir selbst nicht wissen, dass wir ihnen anhängen.

Wir sollten Habermas’ Behauptung, dass wir noch nie so viel über das gewusst haben, was wir nicht wissen, anhand dieser vier Begriffe kategorisieren: Die Pandemie hat erschüttert, was wir wussten (oder zu wissen glaubten), sie hat uns bewusst gemacht, was wir nicht wussten (und dass wir es nicht wussten), und in unserem Umgang mit ihr haben wir uns auf das verlassen, von dem wir nicht wussten, dass wir es wussten (alle unsere Vermutungen und Vorurteile, die unser Handeln anleiten, ohne dass sie uns bewusst sind). Wir haben es hier nicht mit einem einfachen Übergang vom Nichtwissen zum Wissen zu tun, sondern mit dem viel subtileren Übergang vom Nichtwissen zum Wissen darüber, was wir nicht wissen – unser positives Wissen bleibt dasselbe, was wir dabei jedoch gewinnen, ist Freiraum für unser Handeln.

Gerade im Hinblick auf das, von dem wir nicht wissen, dass wir es wissen, hat China (und genauso auch Taiwan und Vietnam) wesentlich besser abgeschnitten als Europa und die USA. Ich bin die ständig wiederholte Beteuerung leid: »Ja, die Chinesen haben das Virus eingedämmt, aber zu welchem Preis ...« Ich bin auch der Meinung, dass wir einen Julian Assange brauchen, der uns wissen lässt, wie das wirklich alles abgelaufen ist, die ganze Geschichte – Tatsache ist aber, dass man in China sofort einen Lockdown verhängte und den Großteil der Produktion im ganzen Land zum Stillstand brachte, als die Epidemie in Wuhan explodierte, wobei eindeutig Menschenleben über die Wirtschaft gestellt wurden. Sie nahmen die Krise ernst – mit einiger Verzögerung, zugegeben; aber dann richtig.

Jetzt ernten sie die Früchte, und zwar auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Und – seien wir ehrlich – das war nur möglich, weil die Kommunistische Partei noch immer in der Lage ist, die Wirtschaft zu kontrollieren und zu regulieren: Es gibt eine gesellschaftliche Kontrolle über die Marktmechanismen, wenn auch eine »totalitäre«. Aber unsere Frage ist nicht, wie sie es in China machen, sondern wie wir es machen sollten. Der chinesische Weg ist nicht der einzig wirksame Weg, er ist nicht »objektiv notwendig« in dem Sinne, dass man es, würde man sämtliche Daten analysieren, auf die chinesische Art machen müsste. Die Pandemie ist nicht einfach ein virales Geschehen, sondern ein Prozess, der sich innerhalb bestimmter wirtschaftlicher, sozialer und ideologischer Koordinaten abspielt, die offen für Veränderungen sind.

Wir leben heute in einer verrückten Zeit. Die Hoffnung auf die Wirksamkeit der Impfstoffe vermischt sich mit einer zunehmenden Depression – ja Verzweiflung – angesichts immer steigender Infektionszahlen und fast täglichen Entdeckungen neuer Unbekannter in Bezug auf das Virus. Im Prinzip ist die Antwort auf die Frage »Was tun?« ganz einfach: Wir haben die Mittel und Ressourcen, um das Gesundheitswesen so umzustrukturieren, dass es den Bedürfnissen der Menschen in Krisenzeiten dient. Aber – um den Schluss vom »Lob des Kommunismus« aus Brechts Stück Die Mutter zu zitieren – es »ist das Einfache, das schwer zu machen ist.«

Dass es so schwer ist, liegt an einer Reihe von Hindernissen – vor allem an der globalen kapitalistischen Ordnung und ihrer ideologischen Hegemonie. Brauchen wir also einen neuen Kommunismus? Ja, aber einen, den ich versucht bin, einen moderat konservativen Kommunismus zu nennen. Dieser umfasst alle absolut notwendigen Maßnahmen von der globalen Mobilisierung gegen virale und anderweitige Bedrohungen bis hin zur Entwicklung von Verfahren, um die Marktmechanismen zu regulieren und die Wirtschaft zu sozialisieren. Dabei ist er konservativ in dem Sinne, dass er die Voraussetzungen des menschlichen Lebens zu bewahren versucht – das Paradoxe ist nämlich, dass wir die Verhältnisse verändern müssen, um diese Voraussetzungen zu erhalten; und moderat insofern, als dass er die unvorhersehbaren Nebenwirkungen unserer Maßnahmen sorgfältig berücksichtigt.

Wie der Philosoph Emmanuel Renault hervorgehoben hat, ist die Schlüsselkategorie der Theorie von Marx, mit der er den Klassenkampf ins Herz der Kritik der politischen Ökonomie einführt, die der sogenannten »tendenziellen Gesetze«, die notwendige Tendenzen der kapitalistischen Entwicklung beschreiben, wie zum Beispiel das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. (Renault hat bemerkt, dass bereits Adorno darauf bestanden hat, dass das Marxsche Konzept von »Tendenz« nicht einfach auf eine Vorstellung von »Trends« reduzierbar ist.) Marx selbst erläutert sein Verständnis von »Tendenz« mithilfe des Begriffs des Antagonismus: Der Fall der Profitrate treibt die Kapitalisten dazu, die Ausbeutung zu intensivieren, und die Arbeiter dazu, sich dagegen zur Wehr zu setzen – das Ergebnis dieser Tendenz ist also nicht vorherbestimmt, sondern abhängig vom Ausgang der sich ergebenden Kämpfe: Im Rahmen von Sozialstaaten kann es zum Beispiel sein, dass organisierte Arbeiter die Kapitalisten zu erheblichen Zugeständnissen zwingen können.

Der Kommunismus, von dem ich spreche, beschreibt genau eine solche Tendenz. Seine Notwendigkeit liegt auf der Hand: Es braucht koordiniertes globales Handeln, um Gesundheits- und Umweltbedrohungen zu bekämpfen, und die Wirtschaft muss irgendwie sozialisiert werden. Außerdem sollten wir die Reaktionen des globalen Kapitalismus auf die Pandemie – nationalistischer Populismus, ein vermeintlicher großer Neustart, eine auf Empathie reduzierte Solidarität – genau als eine Reihe von Reaktionen auf diese kommunistische Tendenz verstehen.

Nur wie wird sich die kommunistische Tendenz – wenn überhaupt – durchsetzen können? Die traurige Antwort lautet: durch weitere, wiederholte Krisen. Um es mit aller Deutlichkeit zu sagen: Das Virus ist im stärksten Sinne des Wortes atheistisch. Ja, es sollte analysiert werden, in welcher Weise die Pandemie gesellschaftlich bedingt ist, aber im Grunde ist sie ein Produkt sinnloser Kontingenz – sie enthält keine »tiefere Botschaft«, so wie man im Mittelalter die Pest für eine Strafe Gottes hielt. Bevor sich Freud für die berühmte Virgil-Stelle des »acheronta movebo« (zu Deutsch etwa: »Wenn ich die himmlischen Götter nicht erweichen kann, so werde ich die Hölle in Bewegung setzen.«) als Motto seiner Traumdeutung entschied, zog er noch einen anderen Kandidaten in Betracht, nämlich die Worte Satans aus John Miltons Paradise Lost: »Wie aus der Hoffnung wir Verstärkung schöpfen / Wo nicht, Entschlossenheit aus der Verzweiflung.« – Wenn wir schon keine Hoffnung haben, aus der wir unsere Stärke ziehen können, wenn wir uns also eingestehen müssen, dass unsere Lage aussichtslos ist, so können wir doch zumindest Entschlossenheit aus der Verzweiflung ziehen.

Dies ist die Haltung, mit der wir zeitgenössischen, unsere eigene Erde zerstörenden Satane auf die virale und ökologische Gefahr reagieren sollten: Anstatt nach irgendeinem Hoffnungsschimmer zu suchen, sollten wir einsehen, dass wir in einer verzweifelten Situation stecken, und mit aller Entschlossenheit danach handeln. Um noch einmal Greta Thunberg zu zitieren: »Unser Bestes zu tun, ist nicht mehr gut genug. Jetzt müssen wir das scheinbar Unmögliche tun.«

Die Futorologie beschäftigt sich mit dem, was möglich ist – wir hingegen müssen das tun, was vom Standpunkt der bestehenden globalen Ordnung unmöglich ist.

Slavoj Žižek, ein Enfant Terrible der Philosophie, ist Autor von mehr als dreißig Büchern und gilt als »der Elvis der Kulturtheorie« und »der gefährlichste Philosoph in der westlichen Welt«.

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