10.09.2021

So kämpften jüdische Sozialisten während der Russischen Revolution gegen Antisemitismus

Mit dem Bürgerkrieg von 1917-21 brach im ehemaligen russischen Zarenreich die dritte Welle an Pogromen aus. Auch Einheiten der Roten Armee waren daran beteiligt – bis unabhängige jüdische Sozialisten den Kampf gegen Antisemitismus im Sowjetstaat auf die Tagesordnung setzten.

Demonstration des Jüdischen Bunds, 1917

Demonstration des Jüdischen Bunds, 1917

Wikipedia / Public Domain.

Interview mit Brendan McGeever geführt von David Broder

Übersetzung von Johannes Liess

Die antijüdische Gewalt, die sich während des russischen Bürgerkriegs ausbreitete, war zu diesem Zeitpunkt der Geschichte in ihrem Ausmaß beispiellos – selbst konservative Schätzungen gehen davon aus, dass über 50.000 Menschen starben. Ein Großteil dieser Gewalt wurde von den nationalistischen Armeen verübt, die mit dem Niedergang des alten zaristischen Regimes entstanden. Sie stellten die nachrevolutionäre Regierung der Bolschewiki zudem als »kosmopolitisch« und fremd dar.

Doch wie der Historiker Brendan McGeever in seinem Buch Antisemitism and the Russian Revolution zeigt, beschränkte sich der Antisemitismus nicht nur auf die monarchistischen oder nationalistischen Kreise. Vielmehr war das antisemitische Gift gegen die »Außenseiter« auch unter den Bäuerinnen und Bauern sowie der arbeitenden Klasse weit verbreitet. Teil dessen war auch ein populistischer Diskurs, der die Grenzen zwischen »den Spekulanten« und »den Juden« verwischte.

Der sowjetische Staat, der die Pogrome stets nur mit dem zaristischen Regime in Verbindung brachte, startete im Sommer 1918 seine eigene, gegen den Antisemitismus gerichtete Kampagne. Doch wie McGeever darlegt, basierte diese Aktion maßgeblich auf der Intervention nicht-bolschewistischer, jüdischer Sozialistinnen und Sozialisten. Diese forderten, dass der Staat auf die Pogrome reagiere, die sogar von einigen Einheiten der Roten Armee verübt worden waren.

Das Buch der linken Star-Ökonomin
Grace Blakeley auf Deutsch.

David Broder sprach mit McGeever über die historische Gegnerschaft der russischen Sozialdemokratie gegenüber dem Antisemitismus, die Rolle der jüdischen Sozialistinnen und Sozialisten beim Kampf gegen die Pogrome des Bürgerkriegs und das Verhältnis zwischen sozialistischer Politik und Antirassismus.

Warum wolltest Du ein Buch über den Antisemitismus der Russischen Revolution schreiben?

Das Projekt entstand ursprünglich aus einer Reihe von Gesprächen über Race und Klasse mit dem historischen Soziologen Satnam Virdee, der damals mein Doktorvater war. Ich wollte eine Dissertation darüber schreiben, wie marxistische politische Formationen mit dem Problem von Race und Rassifizierung umgegangen sind. Satnam schlug mir daraufhin vor, den Antisemitismus während der Russischen Revolution als »Fallstudie« zu untersuchen und aus diesem Projekt ist das Buch hervorgegangen.

Zunächst untersucht es die zeitweise brisante Verbindung zwischen Antisemitismus und dem revolutionären Prozess. Wir wissen, dass die Bolschewiki, als sie 1917 an die Macht kamen, ankündigten, eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung aufbauen zu wollen. Doch mitten in der Revolution wurden diese Vorstellungen auf die Probe gestellt, da sich antisemitische Pogrome im gesamten Ansiedlungsrayon ausbreiteten. Sie zeigten auf, wie verbreitet der Antisemitismus in Teilen der arbeitenden Klasse, der Bauernschaft und der Roten Armee war. Zum Entsetzen von Lenin und der Parteiführung beteiligte sich die Rote Armee an dieser Gewalt in den unterschiedlichen Regionen des westlichen Grenzgebiets. Das Buch untersucht diese Pogrome der Roten Armee und versucht zu analysieren, inwiefern die Kategorie »Klasse« in Momenten der Krise rassifiziert werden kann.

Außerdem werfe ich einen Blick auf die Reaktion der Bolschewiki auf diese Krise. Als die sowjetische Regierung dem Antisemitismus entgegentrat, hatte dieser Antisemitismus innerhalb der revolutionären Bewegung selbst Fuß gefasst. Daher stellt das Buch die Frage: Wie wurde mit Antisemitismus innerhalb der arbeitenden Klasse und der Roten Armee umgegangen, theoretisch wie politisch?

Ich behaupte, im Gegensatz zum bestehenden Verständnis, dass die sowjetische Antwort nicht von der Parteileitung angeführt wurde, wie oftmals angenommen wird, sondern von einer locker miteinander verbundenen Gruppe Radikaler. Diese Gruppe organisierte sich im Rahmen einer jüdischen Subjektivität im sowjetischen Staatsapparat. Das Buch versucht also auch antirassistische Praxis innerhalb der marxistischen Geschichte zu untersuchen.

Bezeichnenderweise nennst du diese Periode den »gewalttätigsten Angriff auf das jüdische Leben in der modernen Geschichte vor dem Holocaust«. Kannst Du das Ausmaß der antisemitischen Gewalt während des Bürgerkriegs beschreiben, insbesondere im Vergleich zu den zwei Pogromwellen im späten Zarenreich? Wurde sie vorrangig von reaktionären Kräften angetrieben?

Zweifellos wurde die Mehrheit der Pogrome des Bürgerkriegs von anti-bolschewistischen, reaktionären Kräften verübt. In seiner vorbildlichen Studie von 1928 berechnete der jiddische Forscher Nahum Gergel, dass ein Großteil der Gräueltaten von Petljuras (anti-bolschewistisch) und Denikins (»Weiße«) Armeen begangen wurden (40 Prozent beziehungsweise 17,2 Prozent). Es hat also seinen Grund, warum die Pogrome mit der »Konterrevolution« gleichgesetzt wurden. Doch das ist nicht die ganze Geschichte. Laut Gergel wurde im Schnitt eins von zehn Pogromen von der Roten Armee begangen. Mein Buch untersucht, warum Antisemitismus in der revolutionären Bewegung verbreitet war.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Pogrome des Bürgerkriegs 1917–1921 nicht die erste, sondern die dritte Welle anti-jüdischer Gewalt der modernen russischen Geschichte waren. Die erste folgte auf das Attentat auf den Zaren Alexander II. und fand über einen zweijährigen Zeitraum zwischen 1881 und 1883 statt. Dies markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der modernen osteuropäischen Geschichte des Judentums. Die Pogromwelle führte zur Bildung von jüdisch-sozialistischen Projekten, von der bundistischen Bewegung bis zum marxistischen Zionismus. Die zweite Pogromwelle hatte ihren Auftakt 1903 in Chișinău und gipfelte in der Revolution von 1905. Jede dieser Wellen war beispiellos, nicht nur in ihrer Größenordnung, sondern auch in ihrem transformativen Einfluss auf das russisch-jüdische Leben.

Doch mit der anti-jüdischen Gewalt des Bürgerkriegs war das kaum zu vergleichen. Sie begann in den ersten Wochen 1918 und während des gesamten Bürgerkriegs fanden Pogrome statt. Sie erreichten 1919 ihren verheerenden Höhepunkt und zogen sich bis in die 1920er. Zentrum der Gewalt war die Ukraine, doch sie erstreckte sich über den gesamten Ansiedlungsrayon. Es war der gewalttätigste Angriff auf das jüdische Leben in der modernen Geschichte vor dem Holocaust. Konservative Schätzungen gehen von 50.000 bis 60.000 Opfern aus, aller Wahrscheinlichkeit nach waren es jedoch mehr als 100.000; einige Bürokratinnen und Bürokraten der Sowjetunion spekulierten sogar, dass bis zu 200.000 Menschen getötet wurden.

Sicher ist, dass während der revolutionären Periode mindestens 2.000 Pogrome stattfanden. Inmitten dieses Blutbads flohen Hunderttausende Jüdinnen und Juden in den Westen, mehr als eine halbe Million wurde heimatlos und viele mehr wurden verletzt und verloren Angehörige. Die Russische Revolution – ein Moment der Befreiung und Emanzipation – war für viele Jüdinnen und Juden eine Zeit, in der ihnen rassifizierte Gewalt von noch nie dagewesenem Ausmaß entgegenschlug.

Welche Rolle spielten die Bolschewiki vor 1917 im Kampf gegen den in der Bevölkerung verbreiteten Antisemitismus, beispielsweise während der Revolution 1905?

Als die Bolschewiki 1917 auf den Antisemitismus reagierten, basierte dies auf drei Jahrzehnten revolutionärer Konfrontation mit der Pogromgewalt. Doch es war ein kompliziertes Erbe. 1881 begrüßten einige russische »Volkstümler« (Narodniki) die Pogrome als ein »Erwachen« des revolutionären Potenzials der Bauernschaft. Die Klassenanalyse der Narodniki – welche die Bauernschaft als Trägerin essenzieller Werte wie moralische Reinheit, Integrität und Wahrheit betrachtete – war angesichts der massenhaften antisemitischen Gewalt von unten verwundert. Auch wenn sie kaum als gewünschtes Endziel verstanden wurden, begrüßten einige Narodniki die Pogrome als notwendiges Mittel zur Formierung einer »entwickelten« Massenbewegung. Sie hofften, dass die Pogrome nicht nur »die Juden«, sondern alle »Ausbeuter« hinwegfegen würden.

Der Jahrhundertwechsel markierte einen entscheidenden Bruch der russischen Sozialdemokratie mit der Duldung der Pogromgewalt. Die sozialdemokratische Wende zum Proletariat bedingte eine teilweise Abwendung von der antisemitischen Verherrlichung des Bauerntums. Insbesondere der berüchtigte Zweite Kongress der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAPR) 1903 machte dies deutlich. Der Parteitag war von Spaltungen gezeichnet, die zum Rückzug des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes sowie zur Bildung der menschewistischen und bolschewistischen Fraktion führte. Auf dem Parteitag kam es auch zur einstimmigen Verabschiedung einer Resolution, welche das Chișinău-Pogrom verurteilte, das erst wenige Wochen zurücklag. Wie ich bereits erwähnte, markierte dies den Beginn der zweiten, explosiven Pogromwelle, die bis 1906 anhielt.

In diesen prägenden Jahren praktizierten die Bolschewiki in ihrem Kampf gegen den Antisemitismus, ebenso wie alle anderen russischen Sozialdemokraten, die »Einheitsfront«-Politik. In den Grenzgebieten des Ansiedlungsrayon und den wichtigsten Städten des russischen »Landesinneren« schmiedeten die Bolschewiki strategische Allianzen mit anderen Revolutionärinnen und Revolutionären – jüdischen und nicht-jüdischen –, um antisemitischer Gewalt zu begegnen.

Doch auch die sozialdemokratische Antwort auf den Antisemitismus von 1905 hatte ihre Probleme. Während die Bolschewiki regelmäßig die Mitschuld des zaristischen Regimes an der Pogromwelle von 1905 betonten, schwiegen sie mitunter über die Teilnahme der Arbeiterinnen und Arbeiter an dieser Gewalt. Zwischen Lenin und der Führung des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes gabe es darüber tiefe Meinungsverschiedenheiten. Der Antisemitismus innerhalb von Sektionen der arbeitenden Klasse warf eine ganze Reihe von schwierigen Fragen bezüglich anti-rassistischer Praxis auf.

Charters Wynn hat herausgearbeitet, dass die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in den Städten des Donbass regelmäßig den Ersten Mai Protest und andere Demonstrationen absagten (trotz wochenlanger Agitation und Vorbereitung), weil sie fürchteten, dass die Politisierung der arbeitenden Klasse in antisemitischer Gewalt münden würde. Dieselben Arbeiterinnen und Arbeiter, die an einem Tag für bessere Arbeitsbedingungen streikten, könnten schon einen Tag später Pogrome verüben. Da sie sich dieser Tatsache vollends bewusst waren, fanden sich die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten regelmäßig in der misslichen Lage wieder, die Bewegung der Arbeitenden im Zaum zu halten, um keine Pogrome zu provozieren.

Wir brauchen also ein differenzierteres Verständnis vom Verhältnis zwischen Antisemitismus und Klassenformation und um diese Herausforderung geht es in meinem Buch. Ich versuche herauszuarbeiten, inwiefern sich Antisemitismus im revolutionären Russland innerhalb gegensätzlicher Formen der politischen Praxis vollziehen konnte, mit zum Teil verheerenden Konsequenzen.

Sowohl während als auch nach der Oktoberrevolution identifizierte die bolschewistische Propaganda die antisemitischen Angriffe schlicht als Formen anti-sowjetischer »Konterrevolution«. Wie Du schon erwähntest, beteiligten sich auch Einheiten der Roten Armee an den Pogromen und setzten finanzielle Kollektivstrafen gegenüber Jüdinnen und Juden durch. Lag das an einem Mangel an zentraler Kontrolle oder war sich die Führung der Bolschewiki der Situation bewusst?

Der Mangel an zentraler Kontrolle war ein entscheidender Faktor sowohl hinsichtlich der antisemitischen Gewalt als auch in Bezug auf die Schwierigkeiten des Staates, darauf zu reagieren. Jene Einheiten der Roten Armee, welche Jüdinnen und Juden angriffen, unterwarfen sich nur selten der zentralen Autorität der Bolschewiki.

Die Pogrome waren das Ergebnis eines tödlichen Zusammenspiels: der Zerfall politischer Macht inmitten des Chaos des Bürgerkriegs sowie der tief verankerte Antisemitismus in der politischen Kultur.

Im Frühling und Sommer 1919 wünschten sich in der Ukraine viele aus der sozialen Basis der Bolschewiki eine linke Volksregierung, welche den »wahren Bolschewismus« oder die »wahre Sowjetmacht« repräsentierte; eine politische Macht des »Volks« (narod), der »arbeitenden Massen« (trudiashchiisia). Das waren übliche Kategorien des revolutionären Bolschewismus. Die Parteiführung glaubte, diese wären am besten dazu geeignet, den antisemitischen Diskurs zu durchkreuzen und den Weg zu einem Klassenbewusstsein zu ebnen.

Doch in der revolutionären Situation in der Ukraine war es nicht so einfach, Klasse und Ethnie voneinander zu trennen. Tatsächlich waren die Begriffe »Ukrainerin« und »Jude« gleichzeitig sowohl als Klassen- als auch als Ethnien-Begriff überdeterminiert. Die »Ukrainerin« war eine »wahre« und »ehrliche« »Arbeiterin«, die einer »produktiven« Arbeit nachging. »Der Jude« war nicht nur »Kommunist«, sondern auch »Nicht-Arbeiter«, ein »Spekulant«. In dem Sinne wurden die Kategorien, die von der bolschewistischen Führung in ihrer Klassenanalyse genutzt wurden – »bourgeois«, »Arbeiterin«, »Volk«, »Ausbeuter« und »Ausgebeutete« –, vor Ort sehr vielschichtig und rassifiziert verstanden. Die revolutionären Vorstellungen, die von den radikalisierten Bäuerinnen und Bauern in der Ukraine beschworen wurden, überlappten und verbanden sich mit dem Antisemitismus.

Mit anderen Worten: Der revolutionäre Klassendiskurs wurde in soziale Kämpfe aufgenommen, die nicht nur von Klassenwidersprüchen geprägt waren, sondern auch durch die Politisierung von ethnischen Kategorien und insbesondere durch den Antisemitismus. Es war dieser Kontext, in dem sich Slogans wie »Zerschlagt die Jidden, lang lebe die Sowjetmacht!« innerhalb der Roten Armee ausbreiten konnten. Auch wenn der Antisemitismus innerhalb der Roten Armee nur zu einem kleinen Teil der Pogrome des Bürgerkriegs führte, stellte er doch die größte Herausforderung für das bolschewistische Versprechen dar, die Welt von Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien.

Du weist auf die Pogrome hin, die von Einheiten der Roten Armee in Hluchiw verübt wurden sowie die darauffolgende Reaktion im Frühling 1918 – und Du stellst fest, dass es nicht-bolschewistische Sozialistinnen und Sozialisten waren, die schlussendlich eine Reaktion der Sowjetregierung und deren Verordnung im Juli 1918 herbeiführten. Kannst Du uns ein bisschen mehr darüber erzählen? Wer waren diese Sozialistinnen und Sozialisten und wie verschafften sie sich Gehör?

In der Literatur über die Russische Revolution wird behauptet, dass die Kampagne gegen Antisemitismus von oben initiiert wurde und von Lenin, Trotzki und der Parteiführung geleitet wurde. Mein Buch kommt zu einer anderen Einschätzung.

Das, was wir heute als die »bolschewistische« Reaktion auf den Antisemitismus kennen, war eigentlich zu großen Teilen die Arbeit von einigen wenigen, nicht-bolschewistischen, jüdischen Revolutionären, die sich nach der Oktoberrevolution für den Sowjetstaat erwärmten. Zwar war der Bolschewismus zweifelsohne seit der spätimperialistischen Zeit durch und durch Gegner des Antisemitismus. Aber eine kleine Gruppen von jüdischen Revolutionären, die im jüdischen Kommissariat und den jüdischen Sektionen der Partei angestellt war, war letztendlich dafür verantwortlich, dass diese Haltung nach dem Oktober 1917 und während des Bürgerkriegs dann auch »verwirklicht« und in die Praxis umgesetzt wurde. Es war eine bemerkenswert kleine Truppe, die zeitweise aus nur einer Handvoll von Personen bestand. Egal ob marxistisch-zionistisch, territorialistisch oder kommunistisch-bundistisch, waren es jene Revolutionäre, welche dazu beitrugen, eine sowjetische Antwort auf den Antisemitismus Wirklichkeit werden zu lassen. Sie forderten 1918 wieder und wieder den Beginn einer staatlichen Kampagne gegen den Antisemitismus durch die Parteileitung, um Pogrome der Roten Armee zu unterbinden.

Angesichts der Passivität der Parteiführung organisierten sie ihre eigenen Kampagnen, schrieben Flugblätter, organisierten ein breites Schulungsprogramm innerhalb der Roten Armee sowie Erwachsenenbildungsvereine. Es gab eine sowjetische Antwort auf den Antisemitismus, doch sie war in ihrem Ursprung nicht bolschewistisch.

Ich denke, dass wir hier einen wichtigen Aspekt für unser Verständnis von anti-rassistischer Praxis ausmachen können. Üblicherweise versteht man die sowjetische Gegnerschaft zu Rassismus und Antisemitismus so, als ob sie aus den internationalistischen und assimilatorischen Strömungen des Bolschewismus entsprungen sei. Doch wenn man es auf die individuelle Handlungsebene runterbricht, entdecken wir, dass der sowjetische Kampf gegen Antisemitismus andere Wurzeln hatte. Ich behaupte in meinem Buch, dass dieser Kampf maßgeblich davon bestimmt war, dass eine lose verbundene Gruppe von jüdischen Revolutionären in den Staatsapparat integriert wurde. Deren Politik war ebenso »partikular« wie universell.

Die entscheidenden Figuren – Moishe Rafes, Abram Kheifets und David Lipets – genossen als Kinder alle eine jüdische Bildung (kheder) und waren seit ihrer Jugend in revolutionäre Organisationen eingebunden. Sie wurden während der Pogromwelle von 1881–82 geboren. Sie waren Teil einer Generation, die im Windschatten eines entscheidenden Wendepunkts der modernen Geschichte des osteuropäischen Judentums erwachsen wurde. Als sie 1905 junge Erwachsene waren, erlebten sie die Schmerzen von Revolution und antisemitischer Gewalt. Ihr Weg zum Bolschewismus wurde vom Anführer der jüdischen Sektion der Russischen Kommunistischen Partei, Avrom Merezhin, 1921 folgendermaßen zusammengefasst: »Die jüdische Frage war die Tür, durch die sie zu uns kamen.«

Dieser Sozialismus war gleichzeitig revolutionär, proletarisch und jiddisch. Und er war grundlegend von der Wirklichkeit des Antisemitismus geprägt. Die sowjetische Antwort auf den Antisemitismus, die im Bürgerkrieg entstand, hatte ihre Verankerung in diesen Biografien und der jüdischen Politik. Marxismus-Zionismus und Bundismus mag für die bolschewistische Macht in Russland und der Ukraine nebensächlich gewesen sein. Doch für die sowjetische Antwort auf den Antisemitismus waren sie zentral.

Die Geschichte, wie die weltweit erste marxistische Revolution mit Antisemitismus umging, ist daher aufs Engste mit der Entwicklung von jüdischen kulturellen und nationalen Projekten verbunden.

Darin waren jüdische Sozialistinnen und Sozialisten der Diaspora eingebunden und sogar marxistische Zionistinnen und Zionisten, welche ihre Ziele eines zionistischen Heimatlandes eine Zeit lang beiseitelegten, um stattdessen für die tiefgreifende kulturelle und politische Revolution des jüdischen Lebens in Sowjet-Russland ihren Beitrag zu leisten. Je näher man im Kontext der Russischen Revolution einem jüdisch-nationalen Projekt stand, umso wahrscheinlicher war es, dass man die Frage des Antisemitismus in der eigenen politischen Praxis hervorhob und ernst nahm. Mit anderen Worten: Die Nähe zu einem jüdisch-sozialistisch-nationalistischen Projekt scheint für eine nachdrückliche anti-rassistische Praxis förderlich gewesen zu sein.

Diese Dynamiken waren nicht nur für jüdische Politik typisch. Die Arbeiten von Eric Blanc zeigen beispielsweise, dass in der prägenden spät-imperialistischen Phase (1897 bis 1914) der anti-koloniale Kampf nicht von der bolschewistischen Führung formuliert wurde, sondern von den, wie sie Blanc nennt, »Grenzgebiet-Marxisten« – also jenen, mit einem ukrainischen, georgischen und finnischen Hintergrund. Ebenso zeigt die Forschung über die Komintern, dass die Entwicklung des anti-rassistischen und anti-kolonialen Kommunismus aus der Peripherie kam, von den Kolonisierten selbst, und nicht aus dem russischen Zentrum. M.N. Roy, Mirsaid Sultan-Galiev und andere drängten die Bolschewiki in eine theoretische und politische Richtung, die gegenüber den Fragen von Race und Kolonialismus aufgeschlossener war. Und wenn wir über den russischen Kontext hinausblicken, hat Satnam Virdee unsere Aufmerksamkeit auf die treibende Rolle der »rassifizierten Außenseiter« gelenkt, die im letzten Jahrhundert den englischen Sozialismus umgestaltet haben. Zusammengenommen verweisen diese Arbeiten darauf, dass wir unsere Annahmen über die Geschichte der marxistischen Bewegung und ihrer anti-rassistischen Politik überdenken müssen.

Du hast beschrieben, dass die soziale Formation des Ansiedlungsrayons besonders empfindlich gegenüber antisemitischen Auslegungen von Kategorien wie »dem Volk« war. Es ist bezeichnend, dass selbst Bolschewiki, die sich dieser Gefahr bewusst waren, etwa Rakowski und Lenin, trotzdem eine Sprache nutzten, die auf eine personifizierte Idee des »Klassenfeindes« anspielte, wie beispielsweise in der Form der »Spekulanten«. Gab es Bolschewiki, die gegenüber so einer Lesart kritisch waren?

Dieses Thema wird in der ausgezeichneten Arbeit von Andrew Sloin beleuchtet. Wenn man bolschewistische Agitation aus der revolutionären Periode liest, dann wird sehr deutlich, wie personifiziert die antikapitalistische Botschaft war. Innerhalb des revolutionären Milieus gab es einige, die davor warnten, dass ein solcher Diskurs eine antisemitische Interpretation ermögliche. Einige Beispiele sind bemerkenswert. Im März 1919 schrieb ein Parteimitglied mit dem Namen »Kagorowskaja« an Nikolai Podwoisky, Kommissar für Militärangelegenheiten, dass der Sowjetstaat den Massen grünes Licht geben würde, Jüdinnen und Juden im Besonderen anzugreifen, sobald er das Kleinbürgertum im Allgemeinen angreife. Das liege daran, dass das Judentum in der Wahrnehmung der Massen so eng mit dem Handel verbunden sei.

Du hast Rakowski erwähnt. Mitte Februar 1919 diskutierte er das antisemitische Potenzial der Kategorie des »Spekulantentums«. Er stellte fest, dass wenn die Sowjetregierung »bei der Eliminierung [des Spekulantentums] eine harte Hand anwende, es dafür keiner Pogrome bedarf«. Damit schien er einzugestehen, dass die bolschewistische Politik gegen Spekulation in Pogromgewalt umschlagen könnte. Innerhalb der Bolschewiki gab es also ein Bewusstsein darüber, dass sich die Mobilisierung des Klassenhasses in antisemitischer Gewalt ausdrücken könnte, und es zum Teil auch tat.

International bezogen sich viele jüdische Kommunistinnen und Kommunisten auf die Idee, dass die Sowjetunion einen Bruch mit den antisemitischen Traditionen darstelle. Wie können wir diesen Widerspruch zwischen der Realität der antisemitischen Gewalt und der internationalen Wahrnehmung erklären?

Das ist eine wichtige Frage und ich glaube, darüber sollte man drei Dinge sagen. Erstens markierte die bolschewistische Revolution in der Tat einen Bruch mit dem staatlich geförderten Antisemitismus der zaristischen Regierung. Die Sowjetregierung verbot Pogromgewalt und die Führerinnen und Führer der Bolschewiki waren für ihre Ablehnung des Antisemitismus bekannt. Mein Buch versucht herauszuarbeiten, wie kompliziert diese Auseinandersetzung war und welche Schwierigkeiten sich für die Führung auftaten, als sie sich eingestehen musste, dass der Antisemitismus in ihrer eigenen sozialen Basis Fuß gefasst hatte. Im Umkehrschluss geht es auch darum, welche Schwierigkeiten dies für jüdische Revolutionärinnen und Revolutionäre mit sich brachte, als sie versuchten, die Frage des Antisemitismus auf die politische Tagesordnung zu setzen.

Als Claude McKay im September 1919 schrieb: »Jeder Schwarze […] sollte den Bolschewismus studieren und dessen Bedeutung den nicht-weißen Massen erklären. Es ist die größte und wissenschaftlichste Idee, die man auf der Welt finden kann […] Der Bolschewismus hat Russland für den Juden sicher gemacht […] er könnte die USA sicher für den Schwarzen machen«, bezog er sich auf das Versprechen des Bolschewismus, eine Welt frei von Rassismus und Klassenunterdrückung zu schaffen. Es war ein Versprechen, das Anklang und ein wirklich multiethnisches globales Publikum fand. Doch in jenem Moment, als McKay diese Worte niederschrieb, breiteten sich im Ansiedlungsrayon Pogrome wie ein Lauffeuer aus. Die Wirklichkeit widersprach also diesem Versprechen.

Zweitens waren diese Dinge bis zu einem gewissen Grad unbekannt. Zwar veröffentlichten die Bolschewiki sehr viele Informationen zu den Pogromen, doch sie unterdrückten jegliche Berichterstattung über die Beteiligung der Roten Armee. Die Presse der Sowjetunion schwieg zu diesem Problem weitgehend. Der staatliche Verlag der Sowjetunion strich jede Erwähnung der Beteiligung der Roten Armee an den Pogromen aus der Studie von Sergei Gussew-Orenburskii aus dem Jahr 1921 heraus. Das Manuskript verlor dadurch gut 100 Seiten.

Doch drittens waren die Pogrome der Roten Armee auch nicht vollkommen unbekannt. Ein paar Jahre später erschienen in der Sowjetunion die bahnbrechenden Kurzgeschichten von Isaac Babel. Sie wurden später gesammelt als Die Reiterarmee veröffentlicht. Das Buch wurde weit über die Grenzen Russlands hinaus gelesen und in viele Sprachen übersetzt. Daraus ergeben sich einige Fragen: Warum wurde der tiefgreifende Antisemitismus innerhalb der Roten Armee und Teilen der arbeitenden Klasse in der marxistischen Forschung nicht genauer untersucht? Diese Achtlosigkeit kann teilweise mit dem Versäumnis erklärt werden, über eine zu eng gefasste Definition des Antisemitismus hinauszukommen. Diese stellt sich Antisemitismus als konterrevolutionär vor, als ob er nur der politischen Rechten gehöre. Doch ich würde sagen, dass sich viele Marxistinnen und Marxisten mit der eigenen Geschichte in Bezug auf Antisemitismus und Rassismus generell auseinandersetzen müssen. Ich hoffe, dass mein Buch als eine Einladung gelesen wird, genau das zu tun.

Heute wird die Revolution richtigerweise als ein Moment radikaler sozialer Transformation verstanden – eine neue Welt schien möglich. Doch die Revolution sollte zugleich in all ihren Schwierigkeiten betrachtet werden. Mein Buch dient hoffentlich als Erinnerung daran, dass Antirassismus kultiviert und erneuert werden muss. Ein Jahrhundert später, während wir uns mit dem Schaden auseinandersetzen, den die Klassenpolitik durch Rassismus erlitten hat, kann uns 1917 sehr viel darüber erzählen, wie sich reaktionäre Ideen ausbreiten können. Aber auch, wie man ihnen begegnen und sie bekämpfen kann.

Brendan McGeever forscht an der Birkbeck University of London über die Soziologie der Rassifizierung und des Antisemitismus. Er ist Autor des Buches »The Bolsheviks and Antisemitism in the Russian Revolution« (Cambridge University Press, 2020).

#6
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