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31. März 2026

An einem Social-Media-Verbot für Kinder führt kein Weg vorbei

Tiktok, Instagram und Co. machen Kinder und Jugendliche krank und abhängig. Das Problem wird sich nicht durch mehr »Medienkompetenz« lösen lassen. Ein Social-Media-Verbot wäre längst überfälliger Jugendschutz.

Wenn Kinder zu jung Social Media konsumieren, verschlechtern sich ihre Lernerfolge und erhöhen sich die Risiken für psychische Probleme.

Wenn Kinder zu jung Social Media konsumieren, verschlechtern sich ihre Lernerfolge und erhöhen sich die Risiken für psychische Probleme.

IMAGO / photothek

Isa* schaut regungslos auf den Kurztest. Ich frage, was los ist, wieso er nichts macht. »Ich habe heute morgen Handy geguckt, Herr Plocher.« Er schaut traurig zu mir auf. »Mein Gehirn geht nicht.« Er habe vergessen, dass heute ein Kurztest anstehe, und deshalb kurz nach dem Aufstehen doch Tiktok geschaut. Nun: »My brain’s not braining.«

Er ist nicht das einzige Handyopfer in der Klasse. Tom* kommt nur sehr gelegentlich zur Schule. Alle wissen, dass er depressiv ist und spielsüchtig. Bloß seine bürgerlichen Eltern wollen nicht wahrhaben, dass das Kind nicht einfach zu wenig »Selbstdisziplin« hat, um das Handy wegzulegen, sondern eigentlich eine Therapie braucht. Davids* Handysucht geht so weit, dass er um drei oder vier Uhr aufsteht, um vor der Schule zu spielen. In der neunten Stunde schläft er viel.

Die Eltern dieser drei Jungen in meiner Klasse wissen sehr wohl, was das Handy – und genauer was Tiktok – mit ihren Kindern macht. Sie haben entweder nicht den Willen oder nicht die Fähigkeit, ihren Söhnen die Geräte wegzunehmen. Nun bekommen sie Unterstützung, zumindest rein mündlich, vom Kanzler persönlich. Auf dem CDU-Bundesparteitag im Februar zeigte sich Friedrich Merz offen für eine ähnliche Regelung wie in Australien. Seit Dezember 2025 gilt dort ein Verbot für einzelne Plattformen, unter anderem Tiktok, Snapchat und Instagram für Kinder unter sechzehn. Die Bundestagsvorsitzende der Linken Heidi Reichinnek und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, beide sehr erfolgreich auf Tiktok, sprechen sich gegen ein Verbot aus. Stattdessen fordern sie mehr »Medienkompetenz«.

»Die deutsche Schule ist nach Jahrzehnten der Sparpolitik so tiefgehend kaputt, dass wir nicht in der Lage sind, angemessene Medienkompetenz für Social Media oder KI zu trainieren.«

Als Lehrer kann ich das Wort »Medienkompetenz« nicht mehr hören. Die deutsche Schule ist nach Jahrzehnten der Sparpolitik so tiefgehend kaputt, dass wir nicht in der Lage sind, angemessene Medienkompetenz für Social Media, digitale Medien im Allgemeinen oder KI zu trainieren. Die Eltern sind nachweislich selber nicht in der Lage, den Konsum ihrer Kinder (oder sich selbst) zu steuern, und die Jugendämter und die freie Jugendarbeit der Kommunen sind ebenfalls zu heruntergewirtschaftet, um sich um digitale Süchte zu kümmern. Wenn man die (heranwachsenden) Bürgerinnen und Bürger nicht zu kompetenten Entscheidungen befähigen kann, dann bleibt eben nur Law and Order.

Social Media macht Jugendliche krank

Dass Soziale Medien ein Problem für Kinder und Jugendliche darstellen, ist inzwischen hinlänglich wissenschaftlich belegt: Wenn Jugendliche zu jung oder unkontrolliert Social Media konsumieren, verschlechtern sich ihre Lernerfolge und ihre Konzentrationsfähigkeit und sie haben ein höheres Risiko für Depressionen, Essstörungen oder Probleme mit ihrem Körperbild.

Werden Messenger-Dienste einbezogen, muss man die Bedrohung durch Cybermobbing hinzuzählen: Endete Mobbing einst an der Haustür, läuft es dank des Handys heute Tag und Nacht weiter. Als neueste Entwicklung wird der Lernerfolg von Jugendlichen durch KI bedroht, da das eigenständige Arbeiten sogar während des Unterrichts mit cleverem Einsatz von KI auf dem Handy vermieden werden kann. Kinder und Jugendliche werden von ihren Eltern also mit Geräten ausgestattet, die sie in der Praxis nicht ausreichend kontrollieren können.

»Den Ruf nach mehr Medienkompetenz nehme ich als Lehrer eben deshalb nicht ernst, weil diese Notwendigkeit schon seit Jahrzehnten besteht. Youtube ist bereits über zwanizig Jahre alt.«

Das Verbot Sozialer Medien müsste darum Teil des Jugendschutzes sein, gut zu vergleichen mit Pornografie oder Gewaltspielen. Die allermeisten Menschen und Eltern halten sich daran und erlauben ihren Kindern keinen Zugang zu diesen Dingen. Es mag zwar – in den Worten Reichinneks – »sehr pfiffige« Jugendliche geben, die sich über ein solches Verbot hinwegsetzen würden. Aber zumindest Erziehungsberechtigte könnten Soziale Medien nach einem gesetzlichen Verbot nicht mehr verharmlosen. Der Staat würde damit notwendige Präventionsarbeit leisten.

Den Ruf nach mehr Medienkompetenz nehme ich als Lehrer eben deshalb nicht ernst, weil diese Notwendigkeit schon seit Jahrzehnten besteht. Youtube ist bereits über zwanizig Jahre alt. Für den verantwortungsvollen Umgang mit Social Media braucht man sehr unterschiedliche Fähigkeiten. Man muss unter anderem tendenziöse oder falsche Berichterstattung erkennen; mit süchtig machenden Medien und Spielen umgehen können oder verstehen, wie man sich und seine Bilder vor Ausbeutung und Missbrauch schützt. Wenn ich nur schulen wollte, wie man mit falscher Berichterstattung umgehen sollte, bräuchte meine Klasse die notwendige technische Infrastruktur dafür. Dazu zählen einheitliche digitale Endgeräte und Kopfhörer, funktionierendes WLAN für die gesamte Klasse in einem Raum gleichzeitig, Personal zur Instandhaltung der Geräte und eventuell sogar Schulkontos, um beispielsweise Tiktok individuell anzuschauen.

Jedes Kind hat ein eigenes Mathe-Buch, für Medienkompetenz bräuchte auch jedes Kind ein schulisches Tiktok-Konto. Sobald vorausgesetzt wird, dass die Kinder diese Ausstattung »sowieso« haben, schließt man Schülerinnen und Schüler aus, die ältere oder keine Geräte, nicht genügend Datenvolumen oder tatsächlich zu Recht kein eigenes Konto haben. Im Unterricht müssen alle die gleichen Voraussetzungen haben. Alle haben das gleiche Englischbuch, also müssen auch alle das gleiche digitale Endgerät besitzen. Nicht nur aus Fairness, sondern um den Unterricht mit dreißig Personen überhaupt zu ermöglichen. Meiner Erfahrung nach können Schülerinnen und Schüler auf den eigenen Geräten nichts außer Scrollen, also brauchen sie Hilfe, um sie überhaupt aktiv zu bedienen. Dafür brauchen Lehrpersonen selbst eine gute Digitalkompetenz, und man kann nicht erwarten, dass jede Lehrperson sich auf jedem Endgerät auskennt.

Bisher sind solche gut ausgestatteten Klassen in Deutschland eher Leuchtturmprojekte. Über den Digitalpakt Schule (ein seit 2018 laufendes Förderprogramm des Bundes) können Schulen zwar Fördermittel beantragen, aber für diese recht komplexen Anträge ist viel Vorwissen notwendig: Das große Gymnasium mit Fach Informatik bekommt Förderung, die kleine Grundschule mit wenig Personal bleibt außen vor. Für die Instandhaltung der neuen Technik bleiben die oft finanziell überforderten Kommunen verantwortlich.

Geld allein ist nicht das Problem

Tun wir für einen Moment so, als gäbe es ein Sondervermögen Schule und es würden Milliarden in Schulinfrastruktur fließen. Auch in dieser Traumwelt wäre die Schulung von Medienkompetenz eine Herausforderung, denn tendenziöse Berichterstattung wurde nicht mit Instagram erfunden. Die Bild wurde 1952 gegründet, seither wird sich über die Medienkompetenz der Masse große Sorgen gemacht, die Ausbildung von Deutsch- und Politiklehrkräften aber nicht angepasst. Das Entlarven und Widerlegen von Falschbehauptungen in der Presse ist eine besondere und nicht leichte Aufgabe und lässt sich nicht problemlos von Lehrkräften übernehmen, die darin ausgebildet wurden, Schülerinnen und Schüler Gedichtsanalysen und abwägende Erörterungen schreiben zu lassen.

Tun wir nun weiter so, als sei die Kultusministerkonferenz über ihren eigenen Schatten gesprungen und hätte die Rahmenlehrpläne und die Lehrerausbildung um Tiktok-Deutung und die Widerlegung von Verschwörungstheorien ergänzt, nachdem revolutionäre Mengen an Geld in die Schulen geflossen seien. Ein Social-Media-Verbot wäre dann immer noch zwingend notwendig.

»Zu einem mündigen Umgang mit digitalen Endgeräten sind massive Investitionen in Bildung und Soziales notwendig. Aber auch wenn eine Zeitenwende für Kinder käme, bleibt ein strengerer Jugendschutz der erste notwendige Schritt.«

Die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die für die Gefahren des Internets besonders anfällig sind, kommen häufig nicht aus gesunden Familien in reichen ländlichen Kommunen und gehen aufs Gymnasium. Es sind nach wie vor sozial benachteiligte Familien, in denen digitale Endgeräte ein Mittel der Kinderbeschäftigung sind. In den Familien und Kommunen, wo es nicht ausreichend Angebote für Kinder und Jugendliche gibt, wo Eltern lange arbeiten müssen, alleinerziehend oder schlicht überfordert und desinteressiert sind, betreut das Handy oder Tablet. In früheren Generationen saßen solche Kinder vor dem Fernseher, aber auch der schlimmste Privatsender der 1990er schadet nicht so sehr wie das unbeaufsichtigte Handy.

Es ist unrealistisch, dass ein Social-Media-Verbot dieses Problem komplett lösen wird, aber ein strengerer Jugendschutz gegenüber den besonders süchtig machenden Aspekten des mobilen Internets böte die Gelegenheit, weitgehend über digitale Süchte und Gefahren aufzuklären, die Jugendämter zu stärken und sowieso in die außerschulischen Angebote für Kinder und Jugendliche zu investieren. Zu einem mündigen Umgang mit digitalen Endgeräten sind massive Investitionen in Bildung und Soziales notwendig. Aber auch wenn eine solche Zeitenwende für Kinder käme, bleibt ein strengerer Jugendschutz der erste notwendige Schritt.

Ryan Plocher ist Lehrer an einer Gemeinschaftsschule in Berlin-Neukölln und aktives Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).