16. März 2026
Trotz massiver staatlicher Förderung schafft die krisengeschüttelte private Stahlindustrie die Umstellung auf grünen Wasserstoff nicht. Doch während sich die Marktorientierung als Sackgasse herausstellt, weist Vergesellschaftung einen Weg in die Zukunft.

Chargieren einer Edelstahlstahlschmelze bei BGH Edelstahl Freital, Freital, Sachsen, 31. Mai 2012.
Ende Januar veröffentlichte die Wirtschaftsvereinigung Stahl die Produktionsdaten für das Jahr 2025: Erneut ist ein Produktionsrückgang von 9 Prozent zu verzeichnen, die Auslastung der deutschen Stahlwerke liegt im Durchschnitt bei unter 70 Prozent. Die Zahlen bestätigen, was die Beschäftigten konkret seit Jahren erleben: Die deutsche (und europäische) Stahlindustrie steckt tief in der Krise – laut dem Lobbyverband bereits im vierten Krisenjahr in Folge.
Die Bundesregierung reagiert auf die sich seit Jahren verschärfende Stahlkrise mit symbolischem Aktionismus, dem eine grundsätzliche strategische Planlosigkeit zugrunde liegt. Im November 2025 veranstaltete Merz mit großem Bohei einen »nationalen Stahlgipfel«. Herausgekommen sind die üblichen Versprechungen zur Verbesserung der Standortbedingungen und zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Die herrschende Politik hat keinen Plan gegen die Krise – weil sie die Gründe der Krise nicht ernst nimmt und sich vor echten, strukturellen Lösungsansätzen scheut.
»Die aktuelle Krise ist nicht nur eine ›normale konjunkturelle Krise‹: Zu den aus der Vergangenheit bekannten ökonomischen Herausforderungen tritt die notwendige Klimatransformation, die die Überproduktionsproblematik verstärkt und überlagert.«
Aber auch in den Gewerkschaften und der Linken sind kohärente, für die Beschäftigten nachvollziehbare und über Standortsicherung hinausgehende industriepolitische Strategien und Konzepte bisher nur in Ansätzen vorhanden. Klar ist, dass die bestehende Stahlpolitik mittelfristig zur weiteren ungeplanten Deindustrialisierung auf dem Rücken der Beschäftigten führt. Führende Stahlkonzerne in Deutschland streichen geplante Investitionen und drohen mit Werksschließungen. Langfristig bedroht sie damit die lokale industrielle Wertschöpfung in einem zentralen Bereich der Wirtschaft; Stahl ist ein elementares Vorprodukt für zahlreiche Produktionsprozesse.
Statt kosmetischer Korrekturen oder planlosem »Weiter so« wird in der Stahlindustrie klar: Es braucht ein grundlegend anderes Transformationsmodell – vorausschauende und ambitionierte Industriepolitik durch öffentliches Eigentum, mit umfassenden öffentlichen Direktinvestitionen und dem Ausbau von Wirtschaftsdemokratie.
Überproduktionskrisen sind in der Stahlindustrie kein Ausnahmefall, sondern ein strukturelles Merkmal kapitalistischer Entwicklung. Insbesondere kapitalintensive Wirtschaftsbereiche mit langfristig ausgerichteten Investitionszyklen geraten immer wieder in die Situation, dass die globale Konkurrenz und die Anarchie der Marktproduktion zu Überproduktion führt und die Preise nicht mehr kostendeckend sind. In der Folge sind einzelne Betriebe in ihrer Existenz bedroht und die privaten Eigentümerinnen und Eigentümer reagieren mit Massenentlassungen oder Werksschließungen, um die Lohnkosten zu senken und ihre Profite zu stützen.
Die aktuelle Krise ähnelt insofern in einigen Aspekten den Krisen der Vergangenheit. In der Strukturkrise in den 1980er Jahren führte der Ölpreisschock zu einer rapide abnehmenden Stahlnachfrage und zu Überkapazitäten im europäischen Wirtschaftsraum, auf den in der EG mit einer Art Preis- und Mengenkontrolle reagiert wurde. Auch heute führen eine schwache nationale Wirtschaftsentwicklung – also eine geringe Binnennachfrage –, hohe Kosten, insbesondere im Bereich der Energie, sowie intensive internationale Konkurrenz zu niedriger Produktionsauslastung und strukturellen Überkapazitäten. Die Rohstahlproduktion in Deutschland ist in den letzten Jahren kontinuierlich von über 40 Millionen Tonnen auf 34 Millionen Tonnen im Jahr 2025 gesunken.
Die privaten Stahlkonzerne reagieren darauf mit massivem Stellenabbau und der Androhung von Werksschließungen. Allein die Thyssenkrupp Steel Europe AG (TKSE), einer der vier dominierenden Stahlkonzerne in Deutschland, plant bis 2030 den Abbau von insgesamt 11.000 Stellen. Bei den Hüttenwerken Krupp Mannesmann (HKM) in Duisburg wurde zwar der Erhalt des Werks durch eine Übernahme der Salzgitter AG gesichert, allerdings werden von 3.000 Arbeitsplätzen nur 1.000 erhalten.
Doch die aktuelle Krise ist nicht nur eine »normale konjunkturelle Krise«: Zu den aus der Vergangenheit bekannten ökonomischen Herausforderungen tritt die notwendige Klimatransformation, die die Überproduktionsproblematik verstärkt und überlagert. Die Industrie muss auf die Produktion von »grünem Stahl« umstellen, die immense Investitionen verlangt, aber noch fast keine Gewinne einbringt. Das belastet die Bilanzen der Unternehmen, während gleichzeitig die Gewinne aus dem Geschäft mit fossilem Stahl nicht mehr so einfach fließen. Die Transformation ist dringend notwendig – die klassische Stahlindustrie gehört zu den größten CO₂-Emittenten – rund 30 Prozent der Industrieemissionen und etwa 7 Prozent der deutschen Gesamtemissionen stammen allein aus der Stahlproduktion in Deutschland.
»Auch wenn andere Stahlkonzerne an ihren Pilotprojekten für grünen Stahl festhalten, macht die Absage von ArcelorMittal deutlich, dass eine Transformationspolitik, die auf privates Kapital, Marktmechanismen und die Subvention privater Investitionen setzt, schon jetzt an den kurzfristigen Profitinteressen der privaten Stahlkonzerne zu scheitern droht.«
Für die Dekarbonisierung der Stahlindustrie sind umfangreiche Investitionen notwendig: Die konventionelle Hochofenproduktion ist aus technischen Gründen auf fossile Energieträger angewiesen und die Produktion kann nicht einfach direkt elektrifiziert werden. Es besteht daher Klarheit, dass der einzig sinnvolle Weg zu einer grünen Stahlproduktion im Ersatz fossiler Brennstoffe durch grünen Wasserstoff besteht. Schon unter der vorherigen Bundesregierung subventionierten Deutschland und die EU Investitionen der Stahlkonzerne in die Dekarbonisierung umfangreich mit Steuermitteln.
Doch selbst diese vorsichtigen, marktorientierten Transformationsansätze stehen aktuell infrage. ArcelorMittal, einer der größten Stahlkonzerne der Welt, stoppte Dekarbonisierungspläne in Eisenhüttenstadt und Bremen – trotz milliardenschwerer Förderbescheide. Das Unternehmen begründet den Kurswechsel mit der aktuellen Nachfrageschwäche sowie der unsicheren Zukunftsaussicht. Dabei drängt die Zeit: Zahlreiche bestehende Hochöfen erreichen bis 2035 das Ende ihrer technischen Lebensdauer, es stehen weitreichende Investitionen an.
Wie groß die Transformationsaufgabe tatsächlich ist, verdeutlicht eine aktuelle Studie der Ökonomen Tom Krebs und Patrick Kaczmarczyk, die die massive Investitionslücke bei der grünen Primärstahlproduktion aufzeigt: Einem künftigen Bedarf von rund 20 Millionen Tonnen grünem Primärstahl pro Jahr steht lediglich eine geplante Produktionskapazität von etwa 8 Millionen Tonnen gegenüber – und selbst diese Zahl gilt nur, wenn die verbliebenen Projekte tatsächlich realisiert werden.
Auch wenn andere Stahlkonzerne – insbesondere jene, an denen aufgrund vergangener Krisen teilweise staatliches Eigentum besteht, wie die Salzgitter AG und Saarstahl AG – an ihren Pilotprojekten für grünen Stahl festhalten, macht die Absage von ArcelorMittal deutlich, dass eine Transformationspolitik, die auf privates Kapital, Marktmechanismen und die Subvention privater Investitionen setzt, schon jetzt an den kurzfristigen Profitinteressen der privaten Stahlkonzerne zu scheitern droht.
Daran wird ein grundlegendes Problem deutlich: Die Entscheidung von ArcelorMittal ist zwar volkswirtschaftlich, klimapolitisch und sozial fatal, aber betriebswirtschaftlich nicht unbedingt irrational. Eine emissionsarme Stahlproduktion setzt erhebliche Mengen grünen Wasserstoffs voraus, die aktuell nicht in ausreichendem Umfang vorhanden sind. Der vorhandene, knappe grüne Wasserstoff ist zu teuer, und die Mehrkosten für die grüne Stahlproduktion lassen sich kurzfristig am Markt derzeit nicht durchsetzen. Es handelt sich um ein klassisches Henne-Ei-Problem: Umfangreiche Investitionen in Elektrolyse-Infrastrukturen für grünen Wasserstoff lohnen sich für private Akteure nicht, da es bislang zu wenig Nachfrage nach grünem Wasserstoff gibt – weil dieser aufgrund fehlender Skaleneffekte und nicht vorhandener Netze zu teuer ist.
Solange grüner Wasserstoff jedoch nicht günstig und in ausreichender Menge zur Verfügung steht, lohnt sich für private Eigentümerinnen und Eigentümer auch die Investition in die Dekarbonisierung der Stahlproduktion nicht. Diese Unsicherheiten und Marktrisiken führen letztlich zu Unterinvestitionen – ein tragisches »Marktergebnis«, wo doch eigentlich jeder verfügbare Cent in die Klimatransformation investiert werden müsste, um die Klimaziele auch nur ansatzweise zu erreichen.
An den miteinander verbundenen Märkten der Wasserstoff- und Stahlindustrie zeigt sich das Versagen marktbasierter Transformationsansätze deutlich. Die langfristigen Planungserfordernisse der Klimatransformation kollidieren mit der für das Kapital notwendigen kurzfristigen Stabilisierung von Renditen. Private Unternehmen sind keine Partner, sondern ein konstantes Risiko für die gelingende Klimatransformation und sorgen für gesellschaftliche Unsicherheit. Eine sozialistische Industriepolitik und Transformationsstrategie muss daher auf öffentliches Eigentum, öffentliche – Direktinvestition und kohärente langfristige Wirtschaftsplanung setzen.
»Massive staatliche Intervention im Stahlsektor ist überhaupt nichts neues und erst Recht nicht auf China begrenzt.«
Die deutsche Industrie- und Stahlpolitik setzt stattdessen weiterhin auf das Prinzip Hoffnung: Man greift zur alten Medizin und erhöht lediglich die Dosis, statt die Ursachen der Krise anzugehen. Arbeitgeberverbände, Bundesregierung, aber auch Teile der IG Metall sowie Teile der Opposition fordern Altbekanntes: ein Bekenntnis zur Dekarbonisierung – jedoch weiterhin auf Basis staatlicher Förderung von privaten Investitionen. Hinzu kommen die Forderungen nach einem Industriestrompreis und weiteren »Verbesserungen der Wettbewerbsfähigkeit«. Das bedeutet nichts anderes als den Einsatz von Steuergeldern zur Senkung von Produktionskosten und zur Absicherung privater Profite – mit der Hoffnung, dass Arbeitsplätze erhalten werden.
Garniert werden diese Forderungen mit der mantraartigen Warnung vor »Dumpingstahl« aus China, das bekannten Mustern kapitalistischer Standortkonkurrenz folgt: Das deutsche Industriekapital fordert weitere Schutzzölle (Stichwort CBAM) gegen angeblich runtersubventionierten chinesischen »Billigstahl« und ruft gleichzeitig nach dem deutschen Staat, um heimischen grünen Stahl und Strompreise noch stärker zu subventionieren. Wenn chinesisches Kapital subventioniert wird, gilt dies als unfair und als Verstoß gegen die WTO-Regeln; wenn deutsches Kapital subventioniert wird, wird das unisono als Schutz des regelbasierten Welthandels abgenickt.
Dabei ist massive staatliche Intervention im Stahlsektor überhaupt nichts neues und erst Recht nicht auf China begrenzt. Die Bedeutung der Stahlindustrie als Input-Faktor industrieller Wertschöpfungsketten hat schon immer ein hohes Maß staatlicher Eingriffe in den vermeintlich »freien« Stahlmarkt hervorgebracht.
Auch im Kontext der aktuellen konjunkturellen Krise sind in Europa und den USA wieder Rettungsverstaatlichungen im Trend. So konnte US-Präsident Donald Trump im Zuge der Übernahmeverhandlungen von US Steel durch den japanischen Konzern Nippon Steel ein ungewöhnlich hohes Maß staatlicher Kontrolle durchsetzen und die britische Labour-Regierung beschloss, weitreichende Eingriffe vorzunehmen, um die letzten beiden noch aktiven Hochöfen im Vereinigten Königreich in Scunthorpe per Notgesetz zu retten. Auch der Einstieg des italienischen Staates beim ArcelorMittal-Stahlwerk in Taranto – zunächst als Minderheitsbeteiligung, später in Form einer faktischen staatlichen Übernahme – zeigen das aktuell gestiegene Interesse nationaler Regierungen, Einfluss auf die ökonomisch zentrale Stahlindustrie zu nehmen.
Doch statt einzelne Werke panikartig zu verstaatlichen und – wie so häufig – in Kauf zu nehmen, dass sie nach einer Phase der kostenintensiven Stabilisierung wieder privatisiert werden, stellt sich die Frage nach einer langfristigen industriepolitischen Strategie, die die Klimatransformation ernst nimmt. Was könnten Eckpunkte einer solchen Strategie sein? Ein konkreter Ansatzpunkt besteht in der Vergesellschaftung nach Artikel 15 des Grundgesetzes – immerhin wurde dieser von der historischen Arbeiterbewegung genau für den Zweck der Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien in das Grundgesetz verhandelt.
Die Vergesellschaftungsforderung ist keineswegs utopisch – sie steht in einer langen Tradition der deutschen Gewerkschaftsbewegung. In der Satzung der IG Metall steht als Forderung seit 1949 die »Überführung von Schlüsselindustrien und anderen markt- und wirtschaftsbeherrschenden Unternehmungen in Gemeineigentum«. Diese Satzungsbestimmung war keineswegs nur Papier: Als die Stahlkrise der 1970er und 80er Jahre Zehntausende Arbeitsplätze bedrohte, formierte sich eine breite Bewegung für die Vergesellschaftung der Stahlindustrie. Das »Stahlmemorandum« der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik buchstabierte 1981 auf über 100 Seiten konkrete Szenarien aus – gestützt auf Artikel 15. Im Oktober 1983 stimmten die Delegierten des 14. Gewerkschaftstages der IG Metall gegen den Willen des Vorstands fast einstimmig für die Vergesellschaftung der Stahlkonzerne.
»Die Doppelkrise der Stahlindustrie lässt sich durch einen Eigentumswechsel plus Demokratisierung nicht vollständig auflösen. Es braucht eine Kombination von Vergesellschaftung der hochkonzentrierten deutschen Stahlindustrie samt flankierender Wirtschaftspolitik zur mittelfristigen Nachfragesteuerung sowie langfristiger Wirtschaftsplanung.«
Mit Artikel 15 des Grundgesetzes können die zentralen deutschen Stahlkonzerne gegen den Willen der aktuellen Eigentümerinnen und Eigentümer in Gemeineigentum überführt werden. Zur kurzfristigen Stabilisierung könnten die kriselnden Stahlkonzerne in einer gemeinsamen Stahlgesellschaft in staatlicher Hand zusammengeführt werden. Ergänzend könnten zeitnah Mittel aus dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) als Direktzuschüsse fließen, um bereits geplante Pilotprojekte zur Dekarbonisierung abzusichern. Darüber hinaus ist weiteres öffentliches Eigenkapital erforderlich, um die beschleunigte Dekarbonisierung der deutschen Stahlindustrie und die dafür notwendigen Investitionen zu ermöglichen.
Mittel- und langfristig kann die Vergesellschaftung abgeschlossen werden, indem das Stahlgeschäft in eine Anstalt öffentlichen Rechts überführt wird. So lässt sich eine dauerhaft gemeinwirtschaftlich organisierte Stahlindustrie sichern und eine umfassende Demokratisierung ermöglichen. Durch Vergesellschaftung lassen sich kurzfristige Nachfragedellen überstehen, um die Industrie langfristig an gesellschaftlichen Bedarfen auszurichten – befreit vom Zwang kurzfristiger Profitmaximierung. Ausführliche Modelle für eine vergesellschaftete Stahlindustrie sowie Analysen der Stahl- und Transformationskrise haben wir beim Thinktank communia aufgestellt.
Doch die Doppelkrise der Stahlindustrie lässt sich durch einen Eigentumswechsel plus Demokratisierung nicht vollständig auflösen. Es braucht eine Kombination von Vergesellschaftung der hochkonzentrierten deutschen Stahlindustrie samt flankierender Wirtschaftspolitik zur mittelfristigen Nachfragesteuerung sowie langfristiger Wirtschaftsplanung. Um das Gelingen einer Vergesellschaftung abzusichern, braucht es eine wirtschaftspolitische Flankierung, insbesondere auf der Verwendungsseite, um die kurzfristigen Mehrkosten von grünem Stahl abzufedern, die lokale Nachfrage zu stabilisieren und die Exportabhängigkeit der deutschen Stahlindustrie zu verringern.
Der Stahlverbrauch kann kurz- und mittelfristig unter anderem durch verbindliche Quoten für grünen Stahl in allen Bau- und Infrastrukturprojekten sowie der Industrie gesteuert werden. Gerade in Sektoren mit hoher öffentlicher Investitionsquote – etwa im Bauhauptgewerbe oder im ÖPNV- und Verkehrssektor – lassen sich so gezielte Nachfrageimpulse setzen, die auf eine langfristige demokratische Planung und Koordination von Produktion und Verwendung orientieren. Durch gezielte und ohnehin notwendige Maßnahmen wie den Ausbau öffentlicher Mobilität können zusätzliche lokale Absatzpotenziale erschlossen und Investitionen in grünen Stahl nachhaltig gestützt werden.
Um den notwendigen Wasserstoffhochlauf sinnvoll zu koordinieren und Investitionen in Wasserstoffproduktion sowie Netzinfrastruktur mit dem realen Bedarf der Industrie zu synchronisieren, bedarf es sektorübergreifender Koordinationsmechanismen – das heißt, den Ausbau wirtschaftlicher Koordination und Planung. Ein Auftakt für eine solche integrierte Wirtschafts- und Transformationsplanung ist ein nationaler Stahlplan, der mit einem übergreifenden Transformationsplan als Rahmeninvestitionsplan verknüpft ist. So ließen sich der Aufbau von Kapazitäten für grünen Stahl mit dem Abbau fossiler Produktionskapazitäten und einem behutsamen Wasserstoffhochlauf synchronisieren. Denn eine zukünftige öffentliche Stahlwirtschaft kann und sollte sich an realen lokalen Bedarfen und einer gesellschaftlich bestimmten Nachfrage nach klimaneutralem Stahl orientieren und ihre Exportorientierung langfristig reduzieren.
Die Probleme der aktuellen Wasserstoffpolitik, die vor allem auf den Import von grünem Wasserstoff aus dem Globalen Süden setzt und dabei unfaire internationale Beziehungen reproduziert, sind durch eine öffentliche Wasserstoffwirtschaft zwar nicht automatisch gelöst, jedoch verbessert eine nicht-profitorientierte Wasserstoffökonomie die Ausgangslage für eine global gerechte Produktions- und Importplanung sowie für eine global gerechte Handelspolitik.
»Ein progressiver Plan für die Stahlindustrie könnte ein Eckpunkt und Labor für sozialistische Transformationsprogrammatik und Industriepolitik sein, die die ökonomischen Veränderungen als öffentliche Aufgabe in öffentlicher Verantwortung gestaltet.«
Statt Planungssicherheit primär für private Investitionen und Profite zu schaffen, gewährleistet eine Stahlindustrie in Gemeinwirtschaft – getragen von öffentlicher Planung, öffentlichen Direktinvestitionen und einem starken gemeinwirtschaftlichen Sektor – jene gesellschaftliche und ökonomische Sicherheit, die für eine beschleunigte Klimatransformation notwendig ist. Die Widersprüche einer marktorientierten Klimapolitik werden in den kommenden Jahren an vielen Stellen offen zutage treten – günstige Gelegenheitsfenster, um sozialistische Alternativen dann zu popularisieren, wenn die herrschenden Akteure keine überzeugenden Antworten mehr haben und entweder ein fossiler Backlash droht oder Transformationskosten auf die Beschäftigten und Verbraucherinnen und Verbraucher abgewälzt werden.
Ein progressiver Plan für die Stahlindustrie könnte ein Eckpunkt und Labor für sozialistische Transformationsprogrammatik und Industriepolitik sein, die die ökonomischen Veränderungen als öffentliche Aufgabe in öffentlicher Verantwortung gestaltet. Angesichts der immensen Krisendimensionen ist das keineswegs Utopismus, sondern ein dem Problem angemessener, realistischer Weg. Unser aller Alltag zeigt, dass ein liberaler Korporatismus an den aktuellen ökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen scheitert. Die Antwort auf die Verschärfung der Krisen unserer Zeit ist jedoch kein Rückzug, sondern ein politisches Programm, das praktische Schritte und Konzepte zur Lösung der gesellschaftlichen Herausforderungen mit der Zukunftsvision eines zeitgenössischen (Öko-)Sozialismus verbindet und ausgestattet mit mutigen Forderungen die Gegenmacht aufbaut, die es braucht, um diese Zukunftsvision Realität werden zu lassen.
Max Wilken ist politischer Ökonom und Referent bei communia. Er arbeitet zu Potenzialen von demokratischem, öffentlichem Eigentum für eine ambitionierte Energiepolitik.
Justus Henze ist politischer Ökonom und arbeitet bei communia zu Vergesellschaftung und der Demokratisierung von Wirtschaft.