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10. April 2026

Stefan Heym schrieb für einen menschen­gerechten Sozialismus

Heute vor 113 Jahren wurde der große DDR-Schriftsteller Stefan Heym geboren. Seine Romane handeln von Widersprüchen innerhalb des »Arbeiterstaats« und artikulieren Ambitionen über den Realsozialismus hinaus.

Stefan Heym bei der Europäischen Schriftstellerkonferenz »Haagse Treffen« im Jahr 1982.

Stefan Heym bei der Europäischen Schriftstellerkonferenz »Haagse Treffen« im Jahr 1982.

Wikimedia Commons

»Verdammter Widerspruch, in dem ich mich finde«, bemerkt Martin Witte, Gewerkschaftsleiter im VEB Merkur und Hauptfigur des Romans 5 Tage im Juni (1974). »Die ich verteidigen soll, bedrohen die Macht, die ich verteidigen muss.« Ein eingefleischter Sozialist, der sich gegen den Arbeiterstaat wehrt; ein politisch Unerwünschter, der darauf beharrt, im Land zu bleiben; ein friedlicher Revolutionär, der im Zusammenbruch des Ostblocks die Möglichkeit erblickt, einen echten Sozialismus zu etablieren: Nicht nur Witte, sondern auch dessen Schöpfer Stefan Heym, sah sich ständig mit Widersprüchen konfrontiert.

Heute gilt letzterer meist als großer »Utopist« der DDR-Literatur. Doch ähnlich seinen Protagonisten zeigte Heym eine Sensibilität für die Gegensätze, die den Lauf der Geschichte vorantreiben, sowie eine Fähigkeit, gegebenenfalls politisch einzugreifen. Zugleich zeugen Werk und Leben von einem kritischen, humanistischen Marxismus, den es in die Gegenwart hinüberzuretten gilt.

Dem Sozialismus auf der Spur

Auf dem Chemnitzer Kaßberg wuchs Heym, als Helmut Flieg geboren, in einer deutsch-jüdischen Familie auf. Schon in den Jugendjahren offenbarte sich die Mischung aus Kreativität, Humor und Zivilcourage, die ihn sein Leben lang begleiten würde. Der Rauswurf aus der Schule im Jahr 1931 war einem Anti-Kriegs-Gedicht, gedruckt in der sozialistischen Tageszeitung Volksstimme, zu verdanken. Auch heute hallen seine jugendlichen Worte nach: »Wir lehren Mord! Wir speien Mord! Wir haben in Mördern großen Export!«

Den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg sowie die Shoah überstand Heym im US-amerikanischen Exil, wo seine ersten Romane auf Englisch veröffentlicht wurden. Im Dienste der US-Armee leistete Heym einen Beitrag zur Zerschlagung der Naziherrschaft, nach 1945 war die Zukunft für den eingefleischten Sozialisten jedoch nicht im McCarthyschen Kontext der Vereinigten Staaten zu finden. Auf der Suche nach einer real existierenden Utopie kam Heym, wie nicht zuletzt Bertolt Brecht und Anna Seghers, zurück in die neu gegründete DDR.

Wie sein Roman Schwarzenberg (1984) später zeigen würde, begriff Heym die Nachkriegszeit als Augenblick historischer Kontingenz. Seine proletarischen Protagonisten gründen auf einem Kleingebiet, das weder von sowjetischen noch amerikanischen Kräften besetzt wird, ihren eigenen Staat. Ein solches Gemeinwesen, das fast vier Monate überlebte, existierte tatsächlich im Erzgebirge; wie so oft erwägt Heym mit literarischen Mitteln also eine greifbare historische Alternative.

»Sind die unbestreitbaren Errungenschaften der Nachkriegsgesellschaft wirklich ›volkseigen‹, oder gehören sie nicht vielmehr einem entfremdeten Apparat?«

Durch ihre alltäglichen Versuche, Post zu liefern, die bedürftige Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen und das neugegründete Staatswesen vor einer Nazi-Truppe zu verteidigen, kämpfen die Mitglieder des »antifaschistischen Ausschusses« um etwas Größeres. Als Mikrokosmos erscheint hier das existentielle Streben danach, »Demokratie und Sozialismus miteinander zu verknüpfen«. Die von Noah Wolfram skizzierte Verfassung weist auf eine Alternative zu Stalin, seinerseits vertreten durch die argwöhnischen Entsandten der UdSSR sowie ihren deutschen Agenten Reinsiepe. »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, doch sie machen sie [...] unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen«, erklärte Marx. Laut Wolfram solle Schwarzenberg folglich als Muster für ein Deutschland dienen, das »noch im Schoß der Zukunft« liege.

Doch die sowjetische Gefangenschaft, die Wolfram gegen Ende des Romans erlebt, wird zum Symbol der auferlegten, staatsmonopolistischen Ordnung, unter der der »zweite deutsche Staat« aus Ruinen aufersteht. »Wieder eine Gefängniszelle«, bemerkt der Erzähler über den schon zu NS-Zeiten verurteilten Mann, »Wie er das kannte!« Die Haftanstalt wurde tatsächlich zum Stützpunkt eines Parteienstaates, der aus Güter gewordenen Menschen Kapital schlug; es würden Zehntausende politische Häftlinge von der Bundesrepublik »freigekauft« werden.

5 Tage im Juni zeigt die Verdrehung auf, die solche Zustände untermauert: Eine vermeintlich vom Proletariat getragene Staatsordnung wehrt sich gegen den politischen Ausdruck derselben Klasse. »Es ist, als wär’s nicht unser Land«, beklagt ein im VEB Merkur beschäftigter Arbeiter. Die Frage nach den Eigentumsverhältnissen ist plötzlich in den Mittelpunkt gerückt. Sind die unbestreitbaren Errungenschaften der Nachkriegsgesellschaft wirklich »volkseigen«, oder gehören sie nicht vielmehr einem entfremdeten Apparat? Doch der Ausgang bleibt ambivalent: Auch den sich einmischenden westlichen Akteuren wird mit tiefer Argwohn begegnet.

Die verratene Revolution

Heym gehörte nicht zu denen, die ihrer kritischen Äußerungen wegen inhaftiert wurden, wohl aber zu den vielen Überwachten und Zensierten. Ein weiterer Widerspruch: Obwohl er zu den ruhmreichsten »DDR-Autoren« gehörte, erschienen Heyms Bücher oft erst im Westen. 5 Tage im Juni bekam man offiziell erst 1989 in der DDR zu lesen.

Auf alle Fälle schreckte er nicht davor zurück, mit den Herrschenden der SED in Konflikt zu geraten. Nachdem er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert und der Münchner Bertelsmann-Verlag Collin (1980) in der BRD veröffentlicht hatte, wurde Heym aus dem ostdeutschen Schriftstellerverband ausgeschlossen. Doch sein Schaffen beschäftigte sich trotz der tristen Realität immer wieder mit dem Streben nach einem menschengerechten, entbürokratisierten Sozialismus. Im Zuge dessen wird auch die eigene Schicht »kritischer Intellektueller« unter das Mikroskop gelegt.

Collin, der die Erholung eines gleichnamigen, von einer Herzstörung gelähmten Dichters behandelt, ist einer von Heyms glänzendsten Romanen und zugleich sein düsterstes Porträt des »Arbeiter-und-Bauern-Staates«. Aus heldischen, im spanischen Bürgerkrieg engagierten Partisanen ist eine Führungsclique geworden – ein »Klub der Stellvertreter der unmündigen Massen« – die die Idee einer sozialistischen Moderne vor jedes unabhängige Mitwirken der breiteren Massen stellt. »Wir sind im Recht, historisch«, behauptet der Stasi-Mann Urack, »Wir handeln für die Klasse, selbst wenn sie uns nicht immer versteht.«

Hans Collin erkrankt an seiner Unfähigkeit, sich in den Dienst der Wahrheit zu stellen. Und das, obwohl seine Flucht aus einem Marseiller Gefangenenlager zu genau diesem Zweck gewährleistet worden war. Er sollte, so ein idealistischer Genosse, als Zeuge der Verbrechen und Ungerechtigkeiten dienen, die sie während des spanischen Bürgerkriegs gemeinsam erlitten hatten. Die Überwindung solch »geistiger Selbst-Kastration« soll durch die Veröffentlichung seiner Memoiren erfolgen, die von Denunziationen und Entmündigung zeugen. Mitarbeiter des Krankenhauses, das klinische Gesicht des Realsozialismus, versuchen jedoch auf Wunsch von Urack, das Wiederkehrende zu unterdrücken.

»Am 4. November 1989 hielt Heym vor Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz eine Rede. Dabei plädierte er für ›Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist‹.«

1989 zeigte sich eine ebenso kranke DDR-Gesellschaft jedoch bereit zur Heilung. Für Heym stand nach vierzig Jahren Diktatur die Möglichkeit an, den wahren Kern des marxistischen Erbes zu retten. Die demokratische Revolution, die sich auf ostdeutschen Straßen abspielte, begriff er nicht als Vorspiel zur Übernahme durch den von ihm als ungerecht, konsumbesessen und umweltverachtend eingestuften Westen. Aus dem Zerfall des Parteienstaates entstand für Heym vielmehr die historische Chance, eine neue Gesellschaftsordnung zu erschaffen, und er setzte sich unermüdlich dafür ein.

Manche Worte, von Wolfram in Schwarzenberg gesprochen, hätten ebenso gut aus Heyms eigenem Munde kommen können – nicht zuletzt, als er am 4. November vor Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz eine Rede hielt. Dort plädierte er für »Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist«. Dass man dafür eine unabhängige DDR noch bräuchte, behauptete Heym zusammen mit anderen Künstlern und Bürgerrechtlern im offenen Brief »Für unser Land«, den er im ostdeutschen Fernsehen vorlas.

Doch zu genau demselben Zeitpunkt, in dem man die Idee eines »anderen Deutschlands« neu beleben wollte, blutete die DDR aus. Vor allem junge Ostdeutsche fuhren in Scharen in die BRD: Ein Umstand, der den Anlass für Heyms kontroversesten Aufsatz gab. »Aschermittwoch in der DDR« wurde im November 1989 veröffentlicht und beschrieb »eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef«. Für viele DDR-Bürger ein Held des freien Denkens gewesen, wurde Heym plötzlich zum Symbol der alten Garde. Er reagierte mit Frust auf die rasche Änderung des Tatbestands, als die Revolution sich von den Manövern Helmut Kohls überholt fand, und schreckte angesichts der einzigartigen historischen Lage nicht davor zurück, sich unbeliebt zu machen.

Der Kampf hält an

Vier Jahre später sorgte Heym wieder für Furore, als er auf der Liste der SED-Nachfolgepartei PDS für den Bundestag kandidierte. Schließlich als Parteiloser für den Wahlkreis gewählt, nutzte er die ihm als Alterspräsidenten zugeschriebene Rede dafür, ein Fazit der Wende zu geben. In die Zukunft schauend, sprach er von einer Krise »der gesamten Industriegesellschaft«, die weitere Ungleichheiten sowie »Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus« hervorzubringen drohte. Eine schnelle Wiedervereinigung, die einer »Übernahme« des Ostens durch den Westen gleiche, hätte längst nicht alles gelöst. »Gibt es nicht auch Erfahrungen aus dem Leben der früheren DDR«, fragte sich Heym, »die für die gemeinsame Zukunft Deutschlands zu übernehmen sich ebenfalls lohnte?«

Das Ende der DDR hielt Heym nicht davon ab, sich weiterhin zu engagieren. Im Jahr 2001 demonstrierte er gegen den Krieg in Afghanistan, der die Unterstützung der rot-grünen Bundesregierung genoss. Kurz darauf starb Heym in Israel, wo er bei einer Tagung zu Heinrich Heine mitgewirkt hatte. Auch im Verhältnis zu diesem Land offenbarte sich die kritische Grundeinstellung eines Dichters, dessen Judentum das künstlerische Schaffen sowie die eigene Identität durchaus prägten; sowohl Der König David Bericht (1972) als auch Ahasver (1981) sind Beispiele eines äußerst produktiven Dialogs mit dieser schatzbeladenen Tradition.

Der autobiografische Nachruf (1988) beschreibt die Fahrt eines jungen »S.H.« in den neu gegründeten Staat, erzählt von seinen ambivalenten Eindrücken und beschwört die »Gegensätze« dieser Gesellschaft herauf. Es »kommt S.H. vor«, so der Erzähler, dass es hier ums Wiederholen einer »alte[n] Geschichte« handele: »Siedler, die Indianer vertreiben, nur daß diese Siedler hier, die jüdischen, selber Vertriebene sind, die glauben, zurückgekehrt zu sein ins Land ihrer Väter.« Die Hauptfigur blickt mit Interesse auf die dem Sozialismus irgendwie ähnelnden Bestrebungen der Kibbutz-Inhaber, doch unter der Oberfläche sitzt Unbehagen: »Ist es nicht auch der Araber Land?« Hier wie anderswo dringt eine Stimme durch, die unbequeme Fragen stellt.

In Heyms Heimatstadt Chemnitz kochte 2018 genau das hässliche Gebräu aus »Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus« über, vor dem ihr Ehrenbürger Heym einst warnte. Die Gegenwart verlangt nicht zuletzt deshalb von uns, dass wir nach Heym zurückkehren. Von ihm zu lernen heißt, Ungerechtigkeiten ins Auge zu schauen und mutig gegen sie einzutreten. Doch es geht um noch mehr: Romane wie Schwarzenberg ermöglichen uns einen seltenen Blick in eine bessere Zukunft sowie ein Verständnis für die geschichtlichen Bedingungen, aus denen eine solche entstehen kann.

Alexander Jude Beard ist Doktorand an der University of Oxford.