14.12.2020

Land der kleinen Leute

Interview mit Steffen Mau, Autor von »Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft«.

»Ich kenne Ostdeutsche, die nach Schweden ausgewandert sind und sagen, da wäre es so, wie man sich die DDR vorgestellt hatte.«

»Ich kenne Ostdeutsche, die nach Schweden ausgewandert sind und sagen, da wäre es so, wie man sich die DDR vorgestellt hatte.«

Foto: Marten Körner.

Interview mit Steffen Mau geführt von Loren Balhorn

Sei es die Stimmung in den neuen Bundesländern oder Klassenverhältnisse in der ehemaligen DDR – Steffen Mau weiß, wovon er spricht. Der geborene Rostocker, inzwischen Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Autor zahlreicher Bücher und Artikel, veröffentlichte im Herbst 2019 das Buch Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Seine These: Durch die sozialpolitische Enge des Staatssozialismus und das Schleudertrauma der Wende entstand in Ostdeutschland eine Gesellschaft voller »Frakturen«, die das Leben in der Region entscheidend prägen und nicht von selbst verschwinden werden. Er sprach mit Jacobin über deutsch-deutsche Verhaltenstherapien, was er mit seiner Forschung erreichen wollte, und was aus dem Osten noch werden könnte.

Lütten Klein hat in dem Jahr seit seinem Erscheinen viel Lob bekommen. Wie kamst Du darauf dieses Buch zu schreiben?

Ich kam darauf, weil ich da ein Defizit sah. Zwei gegensätzliche, womöglich sogar verfeindete Gesellschaften vereinigen sich – das ist doch eigentlich das spannendste soziologische Experiment, das man sich vorstellen kann. Da würde man annehmen, dass es etliche soziologische Bücher auf dem Markt gibt, die das von allen Seiten beleuchten – aber mir ist keines eingefallen, das ich vorbehaltlos weiterempfehlen würde.

Das Thema der Vereinigung wurde von vielen für eine nahezu abgeschlossene Sache gehalten, obwohl man doch noch immer so viele Unterschiede und erkennbare Unwuchten antrifft. Das wollte ich auf eine Art und Weise beschreiben, die sich abhebt von den Büchern, die aufs politische System fokussieren, sich mit der Partei und Staatsführung, mit der ideologischen Doktrin, mit Staatssicherheit und solchen Dingen beschäftigen. Als Soziologe wollte ich die Gesellschaft als solche ernst nehmen und von innen heraus erzählen, möglichst ohne Scheuklappen und unvoreingenommen.

Und auch aus Deinen eigenen Erfahrungen heraus.

Ja, das war sozusagen ein »Herkunfts-Bonus«, den ich aktiv genutzt habe. Es stand die Frage im Raum, ob ich ein Buch schreiben möchte, in dem ich selber in meiner eigenen Verwicklung unsichtbar werde, oder eines, in dem ich explizit mache, aus welcher biografischen Perspektive heraus ich schreibe und analysiere.

Ich fand das letztere ehrlicher, obwohl es als der unwissenschaftliche Zugang gilt. Aber man könnte auch sagen, es ist viel wissenschaftlicher, wenn man die Prämissen der eigenen Analyse offenlegt. Zugleich darf man sich dadurch nicht kompromittieren und in seinen Analysemöglichkeiten beschränken.

Glaubst Du, dass das Buch einen Beitrag leistet, die DDR-Gesellschaft für Menschen nachvollziehbar zu machen, die sie selber nicht erlebt haben?

Ich habe unglaublich viele Reaktionen auf das Buch bekommen. Selbst neoliberale und konservative Star-Publizisten haben mir Mails geschrieben und gesagt: »So haben wir die DDR noch nie kennengelernt.« Die DDR ist ja fast immer aus ihrem Scheitern heraus beschrieben worden, und das habe ich zu vermeiden versucht, auch wenn ihre Defekte eine zentrale Rolle spielen. Ich habe mich erst einmal gefragt: Wie haben die Leute gelebt? Warum haben sie sich an dieses System gebunden? Wie sah die Organisation des Alltags aus? Welche Wohnformen spielten eine Rolle? Das hat das Buch vielleicht gerade für Westdeutsche interessant gemacht.

Vor allem aber glaube ich, dass durch die dreißig Jahre seit der Wiedervereinigung eine Art Karenzzeit vergangen ist, sodass man nun anders darüber sprechen kann und sich nicht mehr in die ideologischen Gräben hinein begeben muss. Ich denke, das wechselseitige Interesse hat sich nochmal verstärkt und das Verhältnis etwas aufgelockert.

Natürlich gibt es nach wie vor diesen Blick auf die jammernden Ostdeutschen, die jetzt schon wieder ankommen. Das wird man auch nicht ganz wegbekommen. Aber wenn man sich jetzt die Rede des Bundespräsidenten zum 3. Oktober ansieht, dann stehen da zum Teil Sätze drin, die die Ostdeutschen mit großer Ernsthaftigkeit in den Diskurs einbeziehen. Sachen, die die Medien im Nachhinein nicht so intensiv aufgegriffen haben, wie es notwendig gewesen wäre, etwa ein Bekenntnis dazu, dass es auch Fehler der Wiedervereinigung gab, dass man Kritik an der Treuhand, der Privatisierungspolitik und vielem anderen zulassen sollte, und dass es eine einseitige Veränderungszumutung für den Osten gab.

Ist dieses neue Verständnis für die Ostdeutschen nicht bloß eine Reaktion auf den Aufstieg der AfD?

Sicher ist diese Entwicklung im Osten sowas wie eine Alarmglocke gewesen. Pegida und die AfD-Wahlerfolge haben das unterschwellige Grollen der Ostdeutschen sichtbarer gemacht als zuvor, wobei man das keinesfalls in eins setzen sollte.

Das Problem besteht darin, dass auch diese Akteure politisieren, was hier im Osten nicht gut gelaufen ist, und man ihnen nicht in die Hände spielen möchte. Der Diskurs darf nicht unter den Tisch fallen, man darf ihn aber auch nicht so führen, dass er bei der AfD oder anderen rechtspopulistischen Gruppen einzahlt. Man muss beim Öffnen der Diskursräume darauf achten, dass man die Balance findet und nicht in so eine Jammer-Kultur verfällt, in der sich die Anhängerschaften der AfD bestätigt fühlen können.

Du nennst die DDR-Gesellschaft eine »proletarische Kleinbürgergesellschaft«, manchmal auch »Normierungsgesellschaft«. Ein echter Arbeiter- und Bauernstaat war die DDR für Dich offensichtlich nicht. Was für eine Gesellschaft war sie dann also?

Ich verstehe sie als eine stark nivellierte Gesellschaft mit Klassen auf dem Papier, aber relativ geringen sozialen Unterschiede in der Lebensweise oder in Form ausdifferenzierter Klasseninteressen. Natürlich gab es da die Arbeiter und Bauern und die Klasse der Intelligenz, aber was die DDR und die anderen sozialistischen Staaten vor allem gemacht haben, ist die Entbürgerlichung der Gesellschaft voranzutreiben, indem sie die Besitzklassen abschafften und Eigentum zu etwas Lästigem machten – selbst der Besitz eines Mehrfamilienhauses hat mehr Kosten verursacht als Einkommen gebracht. Viele bürgerliche Gruppen verließen die DDR gen Westen. Alle anderen wurden in eine arbeitnehmerische Kultur und Position gebracht, sodass die Klassen nicht mehr in Konflikt zueinander standen und nur noch wenig Reibereien miteinander hatten, sondern wie Tortenschichten übereinander lagen. Dann gab es die Tendenz zur Herausbildung einer neuen Klasse der Intelligenz, also einer Expertenklasse mit akademischer Ausbildung, die die höheren Positionen besetzte. Diese Klasse hat man wieder herabzudrücken versucht, sowohl in ihren Bestrebungen der Differenzierung nach oben als auch in ihren Möglichkeiten der Reproduktion dieser Klassenstruktur, indem man den Zugang ihrer Kinder zu höherer Bildung stark beschränkte, und das Leistungsprinzip durch das Kaderprinzip überlagerte. Loyalitätsbindung war wichtiger als eine starke Qualifikationsorientierung. Die DDR ist in Folge dessen eine kleinbürgerliche Gesellschaft oder eine Gesellschaft der kleinen Leute geworden, die Ostdeutschland in gewisser Weise bis heute geblieben ist.

Wie kann man die Rolle der SED in dieser Gesellschaft verstehen? Als eine Art »herrschende Klasse«?

Zu Anfang haben viele Parteifunktionäre noch davon gezehrt, dass sie selber Widerstandskämpfer waren oder Verfolgte des Nazi-Regimes. Der vollständige Elitenwechsel in der Gründungs-DDR hat erstmal einen sozialen Aufwärtssog erzeugt. Unglaublich viele Leute aus einfachen und einfachsten Schichten sind in Spitzenpositionen gelangt. Im Westen sah die Elitenrekrutierung natürlich anders aus, da gab es mehr Kontinuität. Dass die Erfahrung dieser ersten DDR-Generation eine des Zugewinns an Sozialstatus war, hat politische Bindungen und eine Zustimmung zum System erzeugt.

Ab den 1970er Jahren galt in der DDR eine andere Art von Sozialvertrag, der nicht mehr über Aufstieg funktionierte, sondern über Versorgung mit Dingen des täglichen Bedarfs, mit Wohnraum, mit sozialer Sicherheit. Das hat die Leute an die DDR gebunden. Und als in den 1980er Jahren klar wurde, dass dieser Vertrag ökonomisch nicht nachhaltig war, löste sich diese Bindung auf. Zugleich wurden die Forderungen nach Demokratie und Freiheit lauter.

Aber die Angst vor Repression war sicherlich auch ein wesentlicher Grund, sich einzureihen.

Ich beschreibe die DDR in meinem Buch ausführlich als repressive Gesellschaft, auch die Zudringlichkeiten der Stasi, und dass die DDR letzten Endes die eigenen Menschen einschließen musste. Das spielt eine große Rolle. Trotzdem ist es so, dass die Leute in den 1970er und 1980er Jahren eine DDR-Identität aufgebaut hatten und sich keine kleine Gruppe mit dem Sozialismus arrangierte.

Es war nicht so, dass die Leute jeden Tag aus ihrer Wohnung gingen und das Gefühl hatten, sie würden von der Stasi verfolgt. Das hat für die meisten Leute im Alltag keine herausragende Rolle gespielt. Das galt für die, die mit dem System in Konflikt gerieten. Aber das war eine gesellschaftliche Minderheit. Viele andere haben sich in dieser Art »kommoder Diktatur« eingerichtet. Das mag erschreckend sein, aber soziologisch ist das die korrekte Beschreibung.

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